IrerLag den 15. Wä-z
1907 — Ur 40
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Hfl
Jer Kall KarneLL.
Novelle von Reinhold Drtmann.
Nachdruck verboten.
(Schluß.)
Fünftes Kapitel.
Dr. Laurence Chillons Sprechstunde hatte am nächsten Morgen wie immer um neun Uhr begonnen. Und so groß auch immer die Zahl der Hülfe suchenden Patienten gewesen war, hatte er es doch mit einer schnell erworbenen Virtuosität verstanden, sie alle innerhalb kürzester Zeit abzufertigen. Als die Uhr auf dem Kamiu zum Schlage der zehnten Stunde anfetzte, war nur noch ein einziger Besucher im Vorgemach — ein langer, hagerer Herr mit glattrasiertem klugen Gesicht. Er hatte gegen alle amerikanische Sitte auch den später gekommenen den Vortritt gelassen, und erst als er sah, daß niemand außer ihm mehr da war, legte er die illustrierte Zeitschrift aus der Hand, in der er so lange gelesen.
Aber epc er sich in das Ordinationszimmer begab, trat er noch auf einige Sekunden an das Fenster und machte mit dem Taschentuch in seiner Rechten allerlei sonderbare Bewegungen, die man fast für verabredete Signale nach der Straße hinab hätte halten können.
Da unten auf der gegenüberliegenden Seite promenierten zwei ebenfalls sehr hagere und glatt rasierte Herren in anscheinend sehr interessierter Unterhaltung auf und nieder. Es konnte Absicht, aber es konnte auch bloßer Zufall sein, daß einer von ihnen des öfteren zu den oberen Fenstern auf der anderen Seite der Straße emporsah. Und sicherlich fiel es keinem Vorübergehenden auf, daß auch er eben jetzt sein Taschentuch zog, um damit ein paarmal nachlässig durch die Luft zu fahren.
Eine Minute später trat Mr. Carter, der Mann am Fenster, in den Rahmen der in Dr. Chiltons Ordinationszimmer führenden Tür.
„Darf ich, Ihre kostbare Zeit noch! auf ein paar Minuten in Anspruch nehmen, lieber Doktor?" fragte er jovial, „diesmal leider nuyt in meiner Eigenschaft als Berichterstatter des „Morning Telegraph", sondern als Patient."
Dr. Chilton war während der ganzen Dauer seiner heutigen Sprechstunde nicht in hier rosigsten Laune gewesen, jetzt aber zwang er sich, eine freundlich heitere Miene aufzusetzen. Denn mit, einem Journalisten durfte er's natürlich nicht verderben, am wenigsten mit einem, der ssch so bereitwillig zum Herold seiner außergewöhnlichen ärztlichen Geschicklichkeit gemacht hatte.
„Als Patient? — Sie, Mr. Carter!" fragte er lachend. „Davon sieht man Ihnen erfreulicherweise nichts an."
„Es steckt in den Nerven, Doktor! — Eine ganz verteufelte Geschichte. — Aber ich halte Sie doch nicht auf? — Habe schon gewartet, bis die anderen alle abgetan waren. Es ist keine Seele mehr nebenan int Wartezimmer."
„Um so besser. — Dann können wir ja in aller Gemächlichkeit miteinander plaudern. — Also in den Nerven, sagen Sie? — Wäre bei Ihrem aufregenden Beruf ja nicht gerade ein Wunder. — Aber wie äußert sich denn Ihr Leiden?"
„In den wunderlichsten Träumen, Doktor, — in Träumen, die mich nicht nur im Schlaf, sondern zuweilen auch in ivnchem Zustande heimsuchen. — Ist das nicht eine sehr merkwürdige Sache?"
„Hum — in der Tat — aber Sie werden mir das etwas deutlicher erklären müssen. — Träume im wachen Zustande? — Ich kann mir keine rechte Vorstellung machen, was Sie damit meinen. Und außerdem — ich bin eigentlich kein Spezialist für Nervenleiden, lieber 'Mr. Carter."
„Das meinige aber kann meiner festen Ueberzeugung nach von keinem andern kuriert werden, als von Ihnen. — Vielleicht stimmen Sie mir darin zu, wenn Sie meine Krankengeschichte gehört haben."
„Also bitte — was ich tun kann, wird natürlich von Herzen gern geschehen?"
„Wie meinten Sie? — Ich solle beginnen? — Ich bin nämlich leider seit zwei Tagen entsetzlich schwerhörig geworden. — Wahrscheinlich hängt das auch mit meinem Leiden zusammen. — Sie müssen darum schon die Freundlichkeit haben, recht laut zu sprechen, lieber Herr Doktor!"
Die beiden hageren Herren von der Straße, die seit nngefähr einer Minute lauschend hinter der Tür des Ordinationszimmers standen, lächelten sich bedeutsam an. Es ioar ganz überflüssig, daß Mr. Carter ihnen ihre Aufgabe auf solche Art zu erleichtern suchte, denn sie hätten auch jedes halblaut gesprochene Wort deutlich verstanden.
„Ich darf Ihnen also einen von meinen wunderlichen Trän- men erzählen — nicht wahr? — Denken Sie nur, mir träumte, ich wäre ein Arzt, ein blutjunger Arzt ohne Vermögen und ohne Praxis — eurer von den vielen Hunderten hier in New- 8vrk, die am Abend niemals wißen, wovon sie am nächsten Tage ihr Mittagessen bestreiten sollen. Sie haben das an sich selber ja wohl nie erfahren, aber Sie werden sich vielleicht trotzdem vorstellen können, daß es ein sehr beängstigender Traum gewesen ist."
„Ja, ich kann mir's vorstellen, Mr. Carter, denn auch ich bin vor noch nicht allzu langer Zeit einer von diesen Hunderten gewesen."
„Wirklich? — Nun also — ich muß nämlich etwas ausführlich fein, damit Sie möglichst schnell über die richtige Be- handlungsweise meines Leidens ins Klare kommen •— plötzlich war mir s, als ob meine Nacht klingel ertönte und als ob ich zu einer schwer reichen Patientin gerufen würde, die nach dem Bericht des Voten beinahe schon im Sterben liegen sollte. Das konnte ein Glücksfall sein, der sich bei einiger Geschicklichkeit weidlich ausnutzen ließ, denn bis dahin hatten meine Kranken — die Kranken meines Traumes — nur aus Lastträgern und Negern bestanden. Ich beeilte mich also, um der Erste an dein Krankenbette der Millionärin zu sein und ich fand, daß die Sache nicht gar so schlimm sei — eine leichte Vergiftung, hervorgerufen durch den Genuß irgend eines verdorbenen Nahrungsmittels. Aber ich hütete mich wohl, ihr ober ihrer Umgebung das zu er» zählen, denn die Wunderkur, die ich an ihr zu vollbringen gedachte, hätte dadurch ja leicht erheblich an Wert verlieren können.


