Ausgabe 
15.2.1907
 
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er 1888 nach München über, wo er noch heute die Winter zubringt. Im Sommer flüchtet er alljährlich in sein eigenes Besitztum am Chiemsee. t

Was das Leben dem Knaben versagt gehabt, das erfüllte es in vollem Umfange dem Manne: ein beispiellos glückliches Fa­milienleben. Das hat Jensen wie ein wahrer Jungbrunnen er­quickt und noch im Alter frisch erhalten; diese innige Liebe, welche die einzelnen Familienglieder zusammenschloß und -schließt, ward die ihn beseligende Muse. Nirgends tritt dieses Glücksgefühl schöner heraus als in seiner Lyrik:Kein deutscher Dichter ver­mag mit ihm in die Schranken zu treten, wenn es gilt, das Glück des Vollbesitzes von Weib und Kind, das Glück eines den Himmel auf Erden bietenden Familienlebens zu besingen", sagt sein Biograph mit vollstem Rechte. Mit wahrhaftem Jubel be­grüßten Karl Emil Franzos, Ernst Ziel u. v. a. das erste Er­scheinen der GedichtsammlungVo>n Morgen zum Abend"; zum 15. Februar 1907 wird sie zum zweiten Male, vermehrt durch die Gedichte der letzten 10 Jahre, ausgegeben ein Geschenk des Dichters an das deutsche Volk. Jensen hat stets mehr gegeben als empfangen: trotz seines unerhört reichen Schaffens hat er keine Reichtümer gesammelt und ist der heutigen Generation zu deren Nachteil und Schaden fast fremd geworden.

Es gibt keine Gattung dichterischen Schaffens, die er unver­sucht gelassen hätte; sein Hauptgebiet, das wichtigste Feld seiner beispiellos emsigen Tätigkeit ist der Roman geblieben. Hier hat er dauernd-wertvolles geschaffen und sich selber ein Denkmal für kommende Zeiten gesetzt. Die anfangs vorherrschende schwere Erdenmüdigkeit, die des Dichters Seele als Nachklang ans den Kindertagen gefesselt hielt, schwand mehr und mehr: der Dichter desMagister Timotheus", derKarin von Schweden", des Nirwana" hat den Weltschmerz mit jedem folgenden Werke mehr und mehr überwunden, hat sich mit den WerkenDie Pfeifer vom Dusenbach",Aus den Tagen der Hansa",Am Ausgang des Reiches",Runensteine",Aus schwerer Vergangenheit",Chiem- gaunovellen" vorwärts und hoher gearbeitet und schuf dann sein reifstes, in jeder Beziehung und in jeglicher Hinsicht vollendetstes Werk,Luv und lee". Die damit gewonnene Weltsicherheit, die in dem BekenntnisZur Lebensruhe rang ich mich hindurch" Ausdruck findet, vergoldet mit frohem Lichtschimmer alle seine späteren SchöpfungenDie Rosen von Hildesheim",Vor drei Menschenaltern",Unter der Tarnkappe".

Drei Werke vor allem von den Gedichten abgesehen sind es, die Jensen als großen Dichter ansprechen heißen:Nir­wana", jene gewaltige Schilderung des Zusammenbruchs einer ganzen Welt durch die französische Revolution, worin er mit sicherer Hand die Eitelkeit alles menschlichen Tuns zur Dar­stellung bringt;

Runensteine", in welchem Romane er, nachdem erin der klassisch großen Einleitung die drei Weltanschauungen, die sich nicht vereinbaren lassen, zu überirdischen Frauengestaltcn ver­körpert, die auf geheimnisvollen Steinen der Vorzeit am einsamen Strande des ewig gleichen Meeres bei einander ruhen", die Flüch­tigkeit des Lebens betrauert;

Luv und lee", die modernste und schönste Bearbeitung der Fabel vorn verlorenen Sohne, das Hohelied der verzeihenden Menschenliebe. Nirgends und nie ist dieses uralte Thema schöner und menschlich-ergreifender behandelt als durch Wilhelm Jensen. Es ist ein Buch für Gesunde, denn es wird sie nachdenklich stimmen und den Uebermut, zu dem die Gesundheit so leicht ver­führt, stürzen; es ist ein Buch für Kranke, denn es wird ihnen Genesung und Frieden bringen.

Wieviel des Persönlichen und Eigenerlebten in den einzelnen Schöpfungen dieser vielseitigen Dichternatur enthalten ist, sucht Erdmann in seiner Biographie Jensens aufzudecken; was er lite­rarisch bedeutet, sucht er zu würdigen und zu werten, ohne dabei den Dichter in eine bestimmte Schublade des literarischen Zettel­kastens einordnen zu wollen. Für Freunde des Dichters wird seine Arbeit eine willkommene Gabe sein; mit ihm unbekannte Leser wird sie für ihn gewinnen.

Die Biographie Jensens bedeutet einen Mahnruf an das deutsche Volk: es gilt, eine große Schuld nicht abzutragen, denn dies wäre unmöglich, aber offen anzuerkennen und durch Liebe nach Kräften zu vergelten!

Emerson üöer Landwirtschaft-

Der amerikanische Philosoph Emerson, der auf den besseren Friedrich Nietzsche nicht ohne Einfluß gewesen ist finden sich doch auffallende Parallelen von charakteristischen Sätzen dieser moderne Erzieher der Dankees hat auch der Landwirtschaft einen besonderen Essay oder besser gesagt einen Hymnus in Prosa ge­

widmet, aus welchem wir einige Stellen hier heranshebett wollen.

Ein Teil der Emersonfchen Ausführungen liest sich wie eine Ausspinnung des Grundgedankens, den Chamisso in dem Gedicht vom Riesenfpielzeug so gestaltenkrästig veranschaulicht hat.

Der Landmann ist derSchaffende", der wirkliche Werte, mcht nur Worte, in die Welt setzt, derVerteiler von Brot und Fleisch", von dem esabhängt, ob die Heiraten zu- oder ab- nehmen".

Sein Beruf steht am nächsten bei Gott, dem Urgrund, und durch die Schönheit der Natur, die Ruhe und Unschuld seines Daseins, durch seine freudebringenden Künste, nämlich die Auf­zucht von Bienen, von Geflügel, von Schafen, von Kühen, die Milchwirtschaft, den Gras- und Kornbau, die Baumzucht und den Forstbetrieb wirkt dieser Beruf auf den Landmann derart zurück, daß er ihmStärke und einfache Würde gibt gleich dem Antlitz und Gehaben der Natur".

Alle Menschen, sagt Emerson, halten sich das Land in Re­serve als eine Zufluchtsstätte, wo sie im Falle des Mißlingens ihre Armut verbergen können, oder als eine Einsamkeit, wenn sie in der Gesellschaft keinen Erfolg haben. Und wer weiß, wie viele reuevolle Blicke sich aufs Land richten von bankbrüchiigen Kaufleuten, von gescheiterten Strebern der Gerichtshöfe und Se­nate oder von Opfern des Müßigganges und des Vergnügens?

Der Laudmann istdie Quarantänebehörde".

Er ist ein aiufgespartes Kapital von Gesundheit, wie das Landgut das Kapital des Wohlstandes ist; und von ihm kommen sittliche und geistige Gesundheit und Kraft der Städte. Die Stadt erhält fortwährend neue Ersatzmannschaft vom Lande.Die Männer der Städte, die die Mittelpunkte der Lebenskraft, die Triebräder des Handels, der Politik und der praktischen fünfte sind, und die schönen, klugen Frauen: sie sind die Kinder oder Enkel von Landleuten und verausgaben die Kräfte, die ihrer Väter hartes stilles Leben in kalter Ackerfurche, in Artnut, Kärglichkeit und Dunkelheit angehäuft hat."

Diese vor sechsunddreißig Jahren veröffentlichten Gedanken haben seitdem durch die Rassen- und Gesellschaftsforschung, zumal in jüngster Zeit, einen starken statistischen Untergrund erhalten. Röse in seinen Beiträgen zur europäischen Rassenforschung kommt auf Grund eines umfänglichen Materiales von Schädelmessungen ebenfalls zu dem Ergebnis, daß in dem Rassengemisch der Groß­städte die Entartung beginnt und die großen, für geistige Fähig­keiten bürgenden Schädelmaße, die die Landbewohner mit nach der Stadt bringen, sich nicht auf die Nachkommen vererben.

Die Natur, heißt es weiter, erzieht den Landmann zur Ge­duld, zum Ausharren. Bei harter Arbeit erübrigt er nur kleine Gewinne. Er istein Langsamer, nach der Naturzeit eingestellt, und nicht nach Stadtuhren". Die Natur aber hat es nie eilig; einenlangsamen, nackKenklichen Menschen" macht sie deshalb aus dem Landmann.

Wenn wir das lesen und uns erinnern, daß auch die Wissen­schaft und Technik wenigstens der letzten hundert Jahre meist von Männern bäurischer oder kleingewerblicher Abstammung geschaffen wurden, dann möchte es uns wohl bedünken, daß die Landwirt­schaft eine vorzügliche Erzieherin zur Wissenschaft und Technik ist.

Die harte Arbeit der Landwirtschaft wird stets von einer bestiminten Menschengattung vollbracht werden: nicht von pläne- schmicdenden Spekulanten, nicht von Soldaten, nicht von Pro- fessoren, nicht von Romanlescrn sondern von Männern der Ausdauer: brettbrüstig, zähe, langsam und sicher, pünktlich." Der Laudmann hat eine große Gesundheit, den Appetit der Gesundheit und die Mittel, die dazu gehören. Als solche Männer werden uns aber auch von Leuten, die viele Jahre lang in der Technik drin standen, von Max Maria von Weber und von Max Eyth, be­rühmte Ingenieure Englands und Deutschlands geschildert, ein Trevethik, Stephenson, Borsig. Die vielen Siemens, diese Dy­nastenfamilie von Technikern, waren eines Landwirtes Söhne, und Reis, der Bäckersohn, List, der Gerbersohn, Stephan, der Schueider- sohn, Faraday, der Hufschmiedsprosse, Ohm, der Schlosserjunge, Gauß, der Maurersbub, und noch viele andere Männer der letzten hundert Jahre deutscher Kultur sind aus Famttien hervorgegangen, die sich eben gerade von der Landwirtschaft nach den Gesetzen der Arbeitsteilung abgezweigt hatten.

Für die früheren Jahrhunderte fteilich tritt mehr die geistige Bedeutung des Adels in den Vordergrund, denn Galilei, Lionardo, Dcseartes, Bayle, Bruno, Guericke und andere Geistesbesreier und Bahnbrecher oder Pfadfinder erweisen sich als Soldatenblut mit Denkerhirnen, als Adelsnachfahren, was sich freilich auch wiederum mit der Landbewirtschaftung in einen mittelbaren Zu­sammenhang bringen ließe.

Der Landman», so belehrt uns Emerson, ist der beständige