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hinter ihm zusammen.
VI.
Mit einem ächzenden Laut ist sie neben dem Lager in die Knie gesunken, der weißseidene Schlafrock, den mit einem Straßen- kleide zu vertauschen sie sich nicht Zeit genommen, stießt in schimmernden, knisternden Falten weit über den braunen Fußboden, und durch ihr krauses, rotes Haar flirren die letzten Sonnenstrahlen in metallischen Lichtern und umgeben chr blasses, verstörtes Gesicht mit einer wahren Goldglorie.
(Fortsetzung folgt.)
Voseck hatte unwillkürlich eine Bewegung nach links gemacht, dem mutmaßlichen Störenfried entgegen, selben Moment krachte der Schuß. Wieder gefehlt! sagten die Blecke der Herren, da Walter aufrecht stehen blieb. z
Er ruckte ein wenig mit der Hand, als wolle er nun seinerseits den letzten Schuß abgeben — dann entfiel die Pistole seiner schlaff niederfinkendcn Rechten. Er stürzte lautlos vornüber. AuS dem Walde drüben jagte in kopflosem Schreck über den unerwarteten Schuß ein Rehbock und flüchtete über die Lichtung ms Gebüsch der anderen Seite. Knackend schlugen die dürren Zweige
Mly-km Jensen.
Zum 70. Geburtstag (15. Februar 1907).
Als vor wenigen Jahren Wilhelm Raabe seinen 70. Geburtstag feiern konnte, sah das deutsche Bolk mit unverhohlenem Erstaunen, daß es bisher fast achtlos an einem unserer größten lebenden Dichter vorübergegangen war; mit immer wachsender Verwunderung las man seine Werke und bald schon erschien es durchaus unbegreiflich, wie diese bisherige Unachtsamkeit, diese Unkenntnis möglich gewesen. Man schüttelte nun den Kopf darüber, und doch begeht dieses selbe deutsche Volk auch heute noch ganz den gleichen Fehler: der Hervorragendsten einer, ein Raabe kongenialer und ihm in herzlicher Freundschrift zugetaner Geist, Wilhelm Jensen, ist nur beschämend wenigen bekannt.
Freilich, ein Günstling des lauten und larrncuden Gliickes ist dieser stille Holste schon von der Wiege an nicht gewesen, das erzählt in klaren Worten G. A. Erdmann in seiner aus Llnlaß von Jensens 70. Geburtstage besorgten Biographie des Dick»- ters *) Es ist eben zu schwer für den Glücklichen, sich in die Seele eines armen glücklosen Knaben zu versenken, wo nicht unmöglich. Nur ganz wenigen eignet das Feingefühl der Seece, den Heimatlosen die Sehnsucht nach Vater und Mutter vergessen zu lassen, und ost scheitert jeder dahin abzielende Versuch an der Gemütstiefe des Kindes. Weder Pauline Moldenhawer, die den Knaben Wilhelm Jensen an Kindesstatt annahm, noch der Senator Lorenzen oder die Familie des Elatsrats Boie (Sohn des „Ham - -Bote) konnte sein ganzes Herz gewinnen; immer lebte darin das Schmerzgefühl, die Eltern nicht zu kennen. Dieses größte Leid der Jugend legte sich schwer lastend auf seme Seele; Lebensumstände machten Wilhelm Jensen zum nachdenklichen und träumerischen Menschen. Sie ivurbcit der erste Anlaß seiner späteren Mannesüberzeugung vom Nirwana. „ , .
Am 15. Februar 1837 zu Heiligenhafen m OstholsteiU geooren, mußten sich schon frühzeitig Fremde des Knaben annehmen. Die tvarme und ehrliche Anteilnahme, die dem Kinde erst und dann dem Jüngling „Tante Pauline" und zahlreiche Freunde entgegenbrachten, fand in der frostigen Herzcnsdürre zopsig-pedantischer Schulmeister ihr Gegenspiel und machte den Erwachenden irre an sich selbst. Das Studium der Medizin ward Nicht 5«, Ende geführt aus immer steigender Abneigung gegen bett Beruf emes praktischen Arztes; Jensen sattelte um und promovierte in Breslau mit einer Abhandlung über „Die Nibelungen". Aber was nun ? Erschreckend stand das Wort des Lübecker Gymnasialdirektors vor ihm- ,Du vermagst keinen herkömmlichen Beruf auszufmlen. In 'seiner Rat- und Hilflosigkeit wandte sich Jensen erst an Hebbel, von dem keine Antwort einging, dann an Geibel, der ihn zu persönlichem Besuche einlud. So ward die zweite einschneidende Aenderung seines Lebensganges, herbeigesuhrt: durch Geibels Freundschaft entwickelte sich der Dichte r Pensen mehr und mehr; aus der „noch nicht recht erkennbaren literarischen Puppe" ward „ein vollwertiger Falter".
Die Uebersiedelung nach München hatte aber noch weitere Folgen. Bei Gelegenheit eines längeren Aufenthaltes tm bayrischen Gebirge lernte der junge Poet Marie Brühl, die Tochter des Wiener Literarhistorikers Brühl, kennen und lieben und bereits im nächsten Jahre, am 13. Mai 1865, fand die Hochzeit
Stuttgart gründeten die Neuvermählten den ersten eigenen Hausstand; enge Freundschaft verband sie dort mit Wilhelm Raabe und Heinrich Leuthold. Nach dem 66er Kriege übernehm Pensen die Redaktion der „Schwäbischen Volkszeitung"; 1869 kehrte er ms holsteinische Land zurück und redigierte dort die „Flensburger Norddeutsche Zeitung"; 1872—76 finden wir ihn m Kiel, wo sich vorzüglich mit Klaus Groth ein reger Verkehr anbahnte. Dann aber ioandte sich der Dichter mit seiner inzwischen durch Kinder zuwachs gesegneten Familie wieder nach Süddeutschland. Freiburg i. B. erblühte ihm ein Paradies; zwölf Jahre lebte er m reinstem Glücke und nur auf Wunsch ferner Angehörigen siedelte
*) Im Verlage von B. Elifcher Nachfolger in Leipzig. Preis, ! 2.50 Mk.
Sie hatten ihn in seine Wohnung geschafft unst dort lag er nun beivußtlos, mit einem Schuß in der Lunge. Die beiden Aerzte harten ihm den ersten Verband angelegt und dann war der Oberstabsarzt gekommerr und hatte die Wunde genau unter- ^"^Walter hatte nur manchmal gezrrckt und leise aufgestöhnt, doch seine Augen blieben geschlossen.
Schweigend hatte der Arzt seines schweren Amtes gewaltet. Erst als der Verband angelegt war und der Lazarettgehilse das Zimmer verlassen hatte, teilte er den beiden jüngeren Kollegen das Ergebnis seiner Untersuchung mit.
Schuß in die Lunge, nicht unbedingt tödlich, aber sehr gefährlich wegen der Wahrscheinlichkeit eines inneren Blutergusses. Einer von den Herren ist wohl so gut, hierzubleiben und mich unverzüglich zu benachrichtigen, sobald eine Wendung zum Schlimmeren eintritt."
Er ging. Der Uttterarzt von den Husaren begleitete ihn. Draußen trafen sie auf Schmieder, dessen Egoismus doch von dem unerwartet tragischen Ausgang des Duells in den Hintergrund gedrängt worden war.
Ernst trat er an das Bett des Verwundeten und, iah dann zu dem jungen Arzte hinüber. Er kannte ihn noch nicht lange, denn Doktor Werner diente nur sein zweites valchahr beim Regiment ab und war im gewöhnlichen Leben Asnstent emes berühmten Berliner Chirurgen, aber er las m feinem klugen ruhigen Gesicht doch die Hoffnungslosigkeit.
Der Verwundete hatte eine Bewegung gemacht. Er blinzelte zuerst unsicher, dann öffnete er groß die Augen. Der innge Arzt beugte sich über ihn. n _,p0„ , .
„Nun, mein werter Herr Hauptmann, wie, steht s? fragt er, in der gleichmütigen Liebenswürdigkeit, die ihn selbst im Angesicht des Todes nicht verläßt. „Fühlen Sie schmerzen?
Der Offizier bewegte müde verneinend das Haupt.
, Doktor!" Nur mühsam formen seine Lippen die Worte.
„Ich sterbe, nicht wahr? Machen Sic mir nichts vor. ^ch will nicht unvorbereitet scheiden. Wie lange habe ich noch
®er Arzt sieht ihn durchdringend an. Einen Moment zögert er, dann sagt er fest: t
„Oberstabsarzt Foerster hofft, daß die Wunde nicht tödlich Ist, ich aber glaube nicht, daß Sie die Nacht überleben werden.
Es ist ja ein Mann, dem er es sagt.
Ein schmerzliches Zucken geht blitzartig über das blasse, jugendliche Gesicht des Liegenden. Ein sehnender Blick ruft den Freund vom Fußende des Bettes an seine Seite.
Doktor Werner tritt ans Fenster, durch das in purpurnem Schein die frühe Abendsonne des Wintertages glänzt. Auf der Straße spielen ein paar Kinder mit Schneeballen. Ihr helles Jauchzen, klingt deutlich bis in das stille Zimmer.
Wa.ter sieht einen Moment starr auf die goldenen Sonnenflecken an der Tapete. Dann faßt er, wie in jäher Angst, nach Schmieders Hand. „,, ~ ... , ,.
' „Schnell, ehe es zu spät ist — ich mochte nrau Gerhardt noch einmal sprechen, ich habe ihr soviel zu sagen für, meine arme, ahnungslose Mutter, für — Geh', Schmieder, sie soll kommen, bald, es wird schon wieder so dunkel um mich.
Mit einer kraftlosen Bewegung weist er nach der -tur. Seine Stirn ist schweißbedeckt, ein unruhiger Glanz flackert in seinen Augen. , . „ ...
Leutnant Schmieder greift nach seiner Mutze. Er kämpft mit einem wilden Schmerz, der ihm die Fastung rauben will. Wortlos schiebt er sich durch die Tür.
Immer tiefer sinkt die Sonne, immer schräger falleri xrire Lichtstreifen durch das Fenster und gleiten langsam an der Wand empor. Immer keuchender wird der Atem des Verwundeten. In qualvoller Erwartung sieht er nach der Tür. Ob )te noch nicht kommt? Da endlich öffnet sich geräuschlos die Tur, vor seinen Augen erscheint etwas Lichtes, Helles, Blendendes, ein wohlbekannter Duft hüllt seine Sinne ein — sie ist da.


