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W trällerte leicht vor sich hin, als er nun sein Arbeits- riminer verließ, uni stark verspätet den Nachhauseweg anzn- tvetetk.
- 9. K a p i t e l.
Die Hansemannsche Wohnung befand sich in einem der modernen Mietshäuser arnj.Friedrichshain. Er hatte die erste Stockwerkhälfte inne, eine Flucht geräumiger, praktisch angelegter Simmet, mit vertiefter Loggia und Balkon nach der Straßenfront, deren gegenüberliegende Seite von den zu breiten Alleen geformten Schattenbäumen des Border'parks beständen wurde.
Bereits ging der Laternenmann mit hurtigen Schritten seiner lichtfveundlichen Verrichtung nach, als der Rat sein gemütliches, mit einem gewissen Luxus ausgestattetcs Heim betrat.
Kaum hatte er die Außentnr aufgeschlossen und war in den inneren Wohüungskorridor getreten, als auch schon wie ein Wirbelwind, lachend und scheltend zugleich, eine allerliebste Blondine im schmucken Hauskleide mit vorgesteckter weißer Schürze auf ihn zugeeilt kam und ihn mit herzlichem Kusse begrüßte.
„Endlich, Papa, heute Hast Du mich wieder eine Ewigkeit tvarten lassen!" empfing ihn das hübsche, schlanke Mädchen, ein Schelmenlächeln um die vollerblühten Lippen, in den Ber- gißmeinnichtaugen den Widerglanz eines allzeit frohen, sinnigen Gemüts. „Eigentlich sollte ich nun schelten, denn ich hatte prachtvolle Kalbskoteletts gerichtet, dazu Deinen vielgeliebten Blumenkohl —"
„— schön bekrustet mit brauner Butter darüber und dazu jedenfalls Deine köstlichen Petcrsilienkartofseln," ergänzte ihr Vater mit einem genußvollen Mundspitzen, während er sie an der Hand faßte und neben ihr in die als Eßzimmer dienende Berliner Stube trat.
Dort brannte schm: die Gashängelampe über dem appetitlich gedeckten Tisch und neben der gewöhnlich von dein Heimgekehrten eingenominenen Sofaecke strebten vom Bodenteppich die gedungenen Hälse einiger Flaschen Petzenhvfer. Auch ein stickereiverbrämtes Nauchtischchen, sorglich Zigarrenkistchen, Tabaksbeutel und kurze Meerschaumpfeise darauf geordnet, stand gerichtet und harrte der Benutzung.
Schmunzelnd kniff der Rat seiner Tochter in die blühende Wange. „Herminchen, hier ist's wieder mal riesig gemütlich. Du verwöhnst mich in unverantwortlicher Weise. Was soll da mal aus mir Mümmelgreis werden, bist du erst glücklich unter der Haube . . . und wer weiß, wie bald die Glock' erschallt!" scherzte er.
Sie hielt ihm bittend den Mund zu, während der frohe Sonnenschein aus ihren Zügen vorübergehend schwand. „Nun bist Du nicht nur unpünktlich, sondern auch unartig, Papachen!" schmälte sie. „Ich heirate überhaupt uiemals . . . und am wenigsten schon bald."
„Das nenne ich eine strategische Einschränkung!" meinte Hansemann lachend, indem er sich in der Sofaecke znrecht rückte. „Nun gib mir mal eine nicht zu knapp bemessene Probe deiner Kochkunst. Ich habe tüchtigen Hunger mitgebracht. Eigentlich hätte Walden mitkommen sollen, doch Kollege Kneift hielt ihn zurück. Na, er kommt wohl noch aus'n Sprung,"
Das hübsche Mädchenantlitz Ivar von neuem ernst geworden. „Was kümmert mich das!" entfuhr es ihr schnippisch. „Deinen Walden salze Dir nur ein . . . aus dem mache ich mir nicht viel!" sagte sie und mit den Fingern schnippend eilte sie hurtig in die Küche hinaus, um bald darauf mit den zierlich ange- gerichteten Speisen zurückzukehren.
„Ach, wie trügerisch sind Mädchenherzen!" empfing sie der Vater mit neckischem Geträllcr, was an sich kein besonderer Genuß war, zumal sein Organ schon beim Sprechen stark verfettet klang. Er verstummte auch gleich wieder und ließ sich von seiner Tochter vorlegen. „Sage 'mal Minchen, was hast Du in letzter Seit eigentlich mit Walden vor? Da stimmt etwas nicht," fragte er kauend. „Ihr wäret doch früher ein Herz und eine Seele. Das hat sichtbar abgeflaut." Er goß Bier ein und nahm einen tüchtigen Schluck. „Veränderlich, dein Name ist Weib!" zitierte er dann wieder.
Seine Tochter ließ sich beim Essen nicht stören; erst nach einer Weile meinte sie: „Ich mitt Dir was sagen, Papa, Walden mag eht ganz vorzüglicher Kriminalbeamter sein, doch gerade die zu diesem Amt notwendigen Eigenschaften stoßen mich menschlich ab."
„Oho!" Erstaunt legte Hansemann Messer und Gabel nieder. „Nun sieh mir 'mal einer so'n Kücken! Du vergissest wohl ganz, daß ich auch zum Bau gehöre?"
„Das ist doch wohl ganz was anderes, Papa, du weißt Beruf und Privatleben zu trennen."
„Sieh mal an . . . und das versteht Walden nicht?" Er
faltete die Hände Wer dem wvhlgerundeten Bäuchlein und zwinkerte seiner Tochter schelmisch zu. „Da hast du ja eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Seit wann erscheint dir denn Walden in weniger rosigem Lichte?"
Sie hielt ihm bittend Wer den Tisch die Hand hin. „Laß uns darüber doch das schöne Essen nicht kalt werden. Was soll ich gegen Walden haben? Wir sind uns ja ganz fremd . . . völlig fremd!" wiederholte sie mit großer Betonung und einem mißglückenden Versuch, gleichgültig zu erscheinen. „Ich . . . ich mag ihn nur nicht mehr leiden, das ist alles!" betonte sie, dabei sichtlich schon mit Tränen kämpfend.
Der Rat hatte seine Mahlzeit beendet, faltete das Mundtuch zusammen und lehnte sich nun tiefer in die Sofaecke, dabei liebevoll besorgt den Blick auf seine Tochter gerichtet. „Ich will dir was sagen, Minchen, mir machst du nichts weis" brummte er dann. „Wetten wir, du bist ihm gram, weil er sich in der letzten Zeit gar so selten macht."
Hermine lachte nervös auf und mißhandelte dabei ihr schön gesticktes Serviettenband. „Bilde dir blos keine Schwachheiten ein, Papa!" stieß sie hervor. „Ob Herr Walden kommt oder nicht, das läßt mich völlig kalt. Ich vermisse ihn jedenfalls nicht!"
Ihr Vater lachte. „Warte nur. . . du. . . du kleine Komödiantin!" drohte er. „Wetten wir, daß die Gnadensonne wieder heller scheint, wenn ein gewisser Herr Kommissar sich in Bälde vorstellt und den Grund seines Ausbleibens höchst stichhaltig zu erklären weiß? Na, na, schüttle nur nicht so energisch mit dem Kopse. Mußte er uns die letzten Wochen über vernachlässigen, so konnte er wirklich nicht anders, er hatte bombenmäßig zu tun."
Doch seine Tochter schien keiner Ueberzeugung zugänglich; man sah es ihr an, wie sie tapfer gegen die aufguellendcn Tränen kämpfte. „Du irrst dich, Papa," sagte sie im Gegensatz dazu in kühlem Ton. „Ich habe es dir immer schon sagen wollen, daß deine Anspielungen inhaltlos sind. Ich sang und musizierte mit Herrn Walden, ich lies; mir seine Aufmerksamkeit gefallen, weil du ihn auszeichnetest und große Stücke auf ihn hältst. . . nun er sich zurückzuziehen wünscht, berührt mich das nicht weiter." Dabei lachte sie wieder auf, konnte aber nicht verhindern, daß es unnatürlich genug klang.
Der Rat war. gerade dabei, sich die geliebte Meerschaumpfeife micht echtem Latakin zu stopfen. Nun er- sie glücklich entzündet hatte, paffte er würzige Rauchwölkchen vor sich hin und sah durch den rasch sich bildenden Tabaksgualm auf seine einen Apfel schälende Tochter. „Sei mal aufrichtig, Minchen," meinte er stutzig. „Trägt an deiner Gefühlsänderung das Anf- tauchen dieses interessanten Deutschrussen mit seinem jungen Allerweltsruhm nicht auch etwas Schuld?"
(Fortsetzung folgt.!
Aie Siifisinrche zu Wimpfen.
Die Stiftskirche St. Peter zu Wimpfen hat vom 13. bis zum 15. Jahrhundert eine tiefgreifende Erneuerung durchzumachen gehabt. Die ehemalige frühromanische Kirche war ein Zentralbau gewesen in der Art des noch heute so erhaltenen Aachener Münsters. Sechs durch Bogen miteinander verbundene Pfeiler trugen die Obermauer des Mittelraums, um den sich ein Umgang mit Empore herum-, legte. Tie äußere Umfassungsmauer erschien zwölfeckig. De'-- Umgang erweiterte sich nach Osten zu einer größeren' und zwei kleineren seitlichen Apsiden als Choranlage, nach Westen zu einer Vorhalle mit zwei Seitentürmen und einer riesigen Mittelnische. Diese Vorhalle ist erhaltest bezw. von 1901 bis 1903 wiederhergestellt worden. Vor der Kirche lag ein Paradies mit einem kleinen Torhaus, dessen Reste wenigstens freigelegt worden sind. Die an die Vorhalle sich schließende gotische Kirche ist eine dreischiffige Basilika mit zwei Türmen in den Ecken zwischen Chor und Querhaus, sowie mit zwei Nebenapsiden an den Ostseiten der Querhausflügel. Die Nordseite zeigt außen Bruchsteine und schlichte Formen, die Südseite geglättete Quadern und reichere Ausstattung, vermutlich französischer Einfluß. Dieser Unterschied ist entweder in einem Wechsel in der Bauleitung begründet oder darin, daß die Südseitö bewußt zur prächtigen Schauseite bestimmt worden wär. Die Fialen und die Nischen der Chorstrebepfeiler habest nur zum Teil ihren einst geplanten Bildschmuck erhalten.


