Morttag den 14. Oktober
1907
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Auf her Ligeneu Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Den können Sie in Ihren: Bureau vornehmen. Er ist auf morgen früh neun Uhr bestellt."
„Sehr wohl, Herr Nat." Er erhob sich und blieb nach einein Schritte gegen die Tür wieder stehen. „Schade, daß Walden die Bildkarten wieder hiuaufgeschafst hat, ich werde sic wohl brauchen — na, ich kann sie mir ja wieder holen."
„Nicht nötig, lassen Sie die Signalements nur an Ort und Stelle. Unser Kreisphysikus hat heute Aufnahmen von dem Toten gemacht, die vorzüglich ausgefallen sein sollen; sie zeigen ihn mit und ohne falschen Schnurrbart. Ich denke, nach diesen Photographien werden Sie am leichtesten operieren können."
„Sehr wohl, Herr Rat." Wieder marschierte der Kvmmissar einige Schritte nach der Tür, um sich dann abermals umzudrehcn. >,Ein Ersuchen noch, Herr Rat," meinte er räuspernd.
Hansemann, der sich bereits seiner Unterschriftsmappe wieder zugewendet, blickte auf. „Nun, was wäre sonst noch, mein lieber Thommen?"
„Ließe es sich nicht einrichten, daß Walden von meiner Tätigkeit in dieser Sache nicht unterrichtet würde?" fragte der KvmMissar gedämpft.
Hansemann warf ihm einen befremdeten Blick zu. „Aber warum das? Ihr Ersuchen verstößt gegen das Prinzip des Handinhandarbeitens ebensowohl, als gegen die einfachste Kollegialität."
„Herr Rat, ich habe meine guten Gründe," bemerkte Thommen, ohne sich beirren zu lassen. „Ich kenne den Ehrgeiz dieses jungen Mannes, er will sich auszeichnen und darum alles allein machen; erwürbe es nicht lassen können, sich in meinen Auftrag einzumischen, erführe er von diesem . . . und ich habe meine eigenen Methoden, die keine fremde Einmischung vertragen."
„Ach so," versetzte der Rat, „das ist was anderes. Ich dachte schon, die Ihnen von mir mitgeteilten albernen Bemerkungen Rvkohls hätten Sie beeinflußt."
„Ich kann mich nicht entsinnen," meinte der Kommissar mit einem solch erstaunten Gesicht, daß sein Vorgesetzter laut auflachen mußte.
„Na, Rokohl will doch wahrgenommen haben, daß der Begleiter von heute nacht in Erscheinung und Stimme unserm Walden auffällig geähnelt haben soll," bemerkte der Rat dann.
Thommen prustete heraus. „Nichts für ungut, Herr Rat, aber ich sagte es ja schon vorhin, in allem, was Beobachtungsgabe verlangt, ist unser braver Rokohl ein gediegener Schafs- kopf . . na, das Gesicht möchte ich gesehen haben, das unser tugendhafter Walden schnitt . . . so'n Pech, sür'n verkappten Gurgelabschneider gehalten zu werden . . . nein, der Rokohl ist wirklich 'n Esel . . . Walden hat eben/ne elegante Dutzend- gestalt und 'auch 'n Organ wie 'n Offizier . . . im Ueberrock und obendrein bei Nacht sieht jeder Leutnant in Zivil ähnlich ans . . . Bleibts also bei der Versicherung? Hab ich keinen Erfolg,
möchte ich mich von Walden nicht gern auslachen lassen, int andern Fall wird ihn:- nichts von seinem Verdienst abgeknappst, vermag ich auch mein Scherflein zur Entdeckung des Schuldigen beizutragen."
„In Eottesnarnen, ja!" sicherte der Rat in komischer Verzweiflung zu. „Sie sind 'n schrecklich hartnäckiger Mensch, Thomi- men . . . doch fischsten Sie im Dunklen, Walden soll davon nichts zu erfahren bekommen . . . und nun Gott befohlen. Ich habe noch zu unterschreiben und dabei wartet meine Tochter zu Hause längst mit dem Nachtessen auf den Papa!"
Doch er hatte kaum einige Unterschriften geleistet, als es' schon wieder an der Tür pochte.
Diesmal war es eine Ordonnanz aus Berlin N., welchü dem Rat eine von der Witwe Hildenbrand empfangene Photographie ihres Sohnes Friedrich Wilhelm überbrachte. „Der Herr Leutnant läßt dem Herrn Rat sagen, die Witwe Hildenbrand hätte zu dem Herrn Leutnant gesagt, sie hätte es schon im' März dem Fuhrmann Eilenburg gesagt, daß sie es ihrem Sohne immer gesagt habe, er brauche sich nicht mehr auf Nachhause zu besinnen, machte er noch einmal böse Streiche ;. .und der Herr Leutnant läßt dem Herrn Rat sagen, die Witwe Hildenbrand hätte noch gesagt, sie würde es gleich auf dem Revier sagen, wenn ihr Sohn sich unterstände, nochmals nach Hause zu komme::. Sie wollte keine Gemeinschaft mehr mit ihm haben."
Der Nat atmete auf, als der Schutzmann seine unterwegs sicherlich wiederholt repetierte Ansprache beendet hatte. Er nahm das Bild in Empfang und meinte jovial: „Sagen Sie Ihrem Leutnant, ich hätte gesagt, was die Witwe Hildenbrand gesagt hätte, das sei recht vernünftig. Verstanden? Na, dann kehrte marsch!" . •
Der Schutzmann zog mit nicht recht geistreichem Gesicht ab; er wußte nicht recht, ob er sich ärgern oder freuen sollte. Schließlich entschied er sich für das erstere und schnauzte den ersten Eckensteher unterivegs ganz fürchterlich an.
Der Rat aber betrachtete flüchtig die Photographie; sie stellte einen jungen fadblonden Menschen- mit nichtssagenden Zügen und frechen Spatzenaugen dar. „’ne richtige Berliner Range!" brummte der Rat vor sich hin, als er das Bild in seinem Schreibtisch verschloß. Dann entsann er sich, daß die Chloroformflasche nebst Rezept, sowie das in der Droschke aufgefundene Taschentuch noch der Wegschließung harrten. Er hatte beide zwischen die Doppelfenster gelegt, um sie auszulüften; nun er sie zur Hand nahm, schien Dm das Tuch immer noch unerträglich nach Chloroform zu riechen. „Ber .... Wirtschaft.• knurrte er, „den Gestank wird man zeitlebens nicht mehr los. . Aergerlich warf er sie in ein selten benutztes Schubfach; dabei klemmte sich das Tuch und gerade der Zipfel nut dem Namenszug kam nach außen zu liegen. „A. W." las Hansemann unwillkürlich laut, während er auch den Zipfel des Tuches m das Schubfach stopfte und dann dieses abschloß. „Na, wenn sich's nicht gerade um Taschentücher dieses John Baker — ober wir der Kdrl bei Lebzeiten geheißen haben mag, handelt, so dürften wir gut tun. Leuten einiges Interesse entgegenzubringen!, deren Namen die Anfangsbuchschben „A: W." ausweisen."


