Ausgabe 
14.9.1907
 
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Sümskag den 14. Sepkember

1907 Yr. 136

W

Sonncngkut.

Bon S. Hoffman n. (Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Sophia kam zu sich, da eilte Paolo, eine Tragbahre zu richte», und seinen Vater und die Knechte zum Beistand zu rufen. Als die trostlose Sophia die Leute den Berg hinansteigen sah, lief sie ihnen nach, ich mit ihr, um mein unglückliches Kind zu stützen. Rasch eilten wir den weiten, mühsamen Gebirgspfad entlang. Paolo trug säst Sophia, um ihr die surchtbaren Stunden zu erleichtern. Doch als wir die Stelle erreichten, als wir Assim fanden, schön wie im Leben, doch bleich und kalt, da warf sich das arme Mädchen fassungslos über den gemordeten Bräutigam und war nicht niehr fähig, sich zu erheben. Die Männer legten die beiden auf die Bahre, und behutsam ging der ernste, traurige Zug heimwärts.

Nach mehreren Tagen traf mein Mann ein, durch einen Boten benachrichtigt; da ruhte Assiin unter den mächtigen Zypressen, die an einem stillen Plätzchen unseres Gartens standen, und Sophia kniete am Grabhügel und hatte das Gesicht in die frischen Zweige gebeugt, die Karl und Paolo täglich auf das Grab streuten. Sie konnte nicht weinen, doch war ihr ganzes Wesen von Schmerz durch­drungen. Wie eine Träumende bewegte sie sich und schien kaum zu verstehen, wenn man zu ihr sprach. Mein armer Mann nahm den trostlose Enindruck mit, daß mein Einfluß auf unser unglückliches Kind vollständig versagte.

In den Bergen streifte noch ein großes Aufgebot von Militär, doch auch mir war es nun klar, daß man den Mörder nicht finden würde, der sich auf dem nahen türkischen Gebiet sehr wohl verborgen halten konnte, solange er sich verfolgt wußte. Und wenn die Soldaten äbzogen das stand nun fest dann würde Paolo zum Mörder werden, oder selbst fallen. Aller Einfluß unserer Familie, in der er ausgewachsen war, die ganze Erziehung wogen nichts gegen seinen Wunsch, die unglückliche Sophia zu rächen. Mir blieb zuletzt nur übrig, mich anscheinend auf den Standpunkt dieser Südländer zu stellen, die noch jetzt schwer daran zu hindern sind, sich selbst Genugtuung zu verschaffen. Ich sagte:Nein, Paolo, ich verbiete dir, einen Schritt der Rache zu tun. Sie ist nicht dein Recht, sie ist nur Carlos Recht und muß für ihn anfbewahrt werden, bis er er­wachsen ist, das weißt du." Er durchschaute mich, es war mir schmerzlich, wie er mich ansah, ich hatte durch diese Unaufrichtigkeit in seinen Augen viel verloren. Aber er antwortete:So werde ich warten." Ich betrieb nun seine Entfernung. Sein Vater hatte ohnedies den Wunsch,

Paolo solle längere Zeit in Rom leben, um seine dortigen Verwandten rennen zu lernen und ein Mädchen aus deren Kreise zur Frau zu nehmen. Ich gab ihm Empfehlungsbriefe an deutsche Maler in Rom, ohne von ihnen einen zu kennen. Sicher würden sie den stattlichen Jüngling, der sich zu echt dalmatinischer Schönheit entwickelte, in ihrer Nähe halten, umsomehr, da er gut deutsch sprach.

Ich hatte mich auch in dieser Annahme nicht getäuscht, er wurde Hausverwalter in einem Atelierhaus, und später kam die Nachricht, daß er eine Cousine, Marietta, geheiratet habe.

Aber vorerst war Paolo noch bei uns, und erklärte zu bleiben, bis es Sophia besser gehe. Diesem tiefempfinden­den Jüngling war es bald schmerzlich klar, daß wir Sophia nicht mehr allein lassen dürften. Trotz ihrer anscheinenden Ruhe lebte sie nur dein einen Wunsche zu sterben. Als ich sie ermahnte, etwas von ihren früheren Arbeiten wieder aufzunehmen, allmählich wieder Anteil an uns zu finden, antwortete sie:Ich kann nicht. Ich will bald bei Assim sein." Wir ermüdeten nicht in Versuchen, ihre Aufmerksam­keit zu erwecken, doch war alles vergeblich. Sophia folgte zwar gehorsam mit todmüden Schritten, wohin wir sie Mitnahmen, doch wo wir weilten oder arbeiteten, saß sie still und teilnahmlos in unserer Nähe und sah mit starrem Blick vor sich hin, ohne Fühlung mit ihrer Umgebung.

Der einzige Ort, an den sie gern zu gehen schien, und den wir lieber Vermieden hätten, war ein Aussichts­punkt aus dem hohen Felsen über unserer Höhle früher unser aller Lieblingsplatz. Die Kinder hatten vor Jahren den Zugang dahin möglich gemacht durch Aushauen von Stufen und Pfaden, auch hatten sie oben aus einem Vor­sprung, der die kleine Fläche überragte, einen Ruheplatz hergestellt, wir nannten ihn Sophias Bank. Wie oft hatten wir dort gesessen, in die Großartigkeit der Umgebung versunken. Sah man, sich vorsichtig beugend, an der un­serem Hause abgewandten steilen Seite des Felsens hinab, so blickte man in die wilde Brandung des Flusses, der da unten im engen Felsenbette vorüber brauste. Biszu uns war sein Tosen hörbar von der Stelle, wo er als mäch­tiger Quell aus einer Höhle herab in. die Tiefe stürzte. Noch unter unserem Felsen spritzte das rasch dahineilende Wasser, ausschäumend, hoch empor, an scharfen Klippen sich brechend. Wandte man das Auge von diesem düsteren Höllenstrudel, so übersah man die ganze Bucht von Cattaro, ein wunder­bar friedliches Bild. Dahinter im offenen Meere versank die untergehende Sonne und tauchte das Firmament, die weite Wasserfläche und das schöne Land in Farbenglut. Dort weilte Sophia auch jetzt gern, in den Anblick des

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