Ausgabe 
14.9.1907
 
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Sonnenuntergangs versunken. Sie flüsterte vor sich hin mit rührender Innigkeit den Namen ihres Bräutigams und hob sehnsuchtsvoll die Arme nach dem scheidenden Himmelslicht.

Eines Morgens arbeitete ich auf der Weinterrasse, wäh­rend Sophia am Fuße des Felsens saß, starr und teil- nahmlos. Ta sah ich, wie sie sich plötzlich erhob und begann, die Stufen hinan zu steigen. Ich eilte ihr nach, rief sie cn; mit Schrecken bemerkte ich, daß sie sich rasch bewegte, wie früher. Ich konnte sie nicht erreichen, leicht und gewandt wie einst erklomm sie den steilen Pfad. Ver­zweifelt, flehend rief ich ihren Namen, dort oben durfte sie nicht allein sein! Da wandte sie sich und winkte mir mit der Hand einen Gruß dann war sie meinem Blick entschwunden. Atemlos erreichte ich gleich nach ihr den Gipfel Sophia war nicht da! O, Gott! ich wußte, wo ich mein unglückliches Kind suchen mußte. In Ver­zweiflung lief ich zurück urt£> durch den Garten, um nach der nahen Mündung des Flusses zu fahren. Da sah ich von dort ein Boot daherkommen. Es trieb mit der Strö­mung am User entlang. Paolo saß darin, tief h-erabgebeugt über die weiße Gestalt, die auf seinen Knien ruhte. Er schien zu ihr zu sprechen war es möglich, daß Sophia noch lebte nach diesem Sturz? Abwechselnd küßte er innig ihre beiden Hände, die er in den seinen hielt. Als sie näher kamen, sah ich, daß sein Gesicht von Tränen überströmt war und daß Paolo nichts versuchte, um das Blut zu stillen, das an der Stirn meines Kindes herab­rieselte. Da wußte ich, sie war tot. Er bemerkte mich und legte an; die Verräter seines tiefen Schmerzes hatte er von den Wangen gewischt. Er nahm die geliebte Ge­spielin sanft auf die Arme und bettete sie ins Grab zu meinen Füßen. Ich konnte das Furchtbare nicht fassen, in Verzweiflung sank ich über die Leiche nieder.

Später erzählte mir Paolo, er sei mit dem Ausstellen seiner Netze beschäftigt gewesen. Da habe er Sophia herab- stürzen sehen, sei rasch entgegengefahren und habe die treibende Leiche ausgenommen. Zu jeder Hilfeleistung war es zu spät.

Mit schwerem Herzen ritt nun Pietro Ubaldo in die Berge, um meinem Mann die schmerzlichste Nachricht zu bringen. Wie sollte der unglückliche Vater den Verlust seines Sonnenkindes ertragen?! Ich wartete auf ihn in banger Furcht vor der nächsten Zukunft. An der Seite des Geliebten, ohne den sie nicht leben konnte, hatten Karl und Paolo die Kindheitsgenossin zur Ruhe gebracht, und nun saßen sie stundenlang auf einer Bank bei den Gräbern. Karl hatte den Kops an die Schulter des Freundes ge­lehnt, der ihn innig und tröstend umschlang, und den er nun auch verlieren sollte. Wir alle verbrachten die Tage in Schmerz und bangem Warten.

Mich überrieselt noch jetzt ein Grauen, wenn ich daran denke, 'in welchem Zustande mein Mann heimkehrte. Er mußte überlang geritten sein, denn sein zum äußersten angetriebenes Pferd zitterte am ganzen Leibe, und kaum war der Reiter herabgeglitten, so legte es sich hin, wo es stand, und der Knecht, der sich um seine Pflege bemühte, nötigte das erschöpfte Tier erst am nächsten Tage aus sein Lager.

Mein Mann war ohne Hut, das Haar stand wirr um seinen Kopf, die Augen brannten in einem Blick des Ent­setzens, und sein Gesicht war eingefallen und fahl. Er sah nichts von seiner 'Umgebung, mit vorgestreckten Armen wie in wildem Schmerz eilte er an mir vorüber, und ich sand ihn auf Sophias Grab liegend. Der starke Körper bebte in furchtbarster Erregung. Ich konnte nichts tun als bei ihm bleiben, manchmal die Hand beruhigend auf sein Haar legen und flüsternd ein Wort zu dem Unglücklichen sprechen. Auch als es Nacht wurde, hörte er mein Zureden nicht. Ich deckte eine Decke über ihn und verbrachte die Nacht an seiner Seite. Erst bei Sonnenaufgang erwachte er halb aus seiner schmerzvollen Betäubung und ließ sich willig zu Kette bringen. Nun folgte eine traurige Zeit, die der

Kranke in unruhigem Halbschlaf oder in schmerzlicher Er­regung zubrachte. Er fieberte, doch erst nach Tagen erwies sich die Krankheit als Nervenfieber, das rasch heftiger wurde.

Der vereinsamte Karl hatte anfangs viel im Kranken­zimmer zugcbracht, das ich nicht verließ. Dann nötigte ich den Knaben, im Freien zu bleiben, damit er sich besser erholte. Doch eines Tages traf der Arzt ihn im Hofe und trat dann mit besorgtem Ausdruck zu mir:Ihr Sohn hat Ihre Pflege jetzt nötiger als Ihr Mann. Setzen Sie zu diesem den Knecht, und weichen Sie nicht von Karls Bette. Ich habe ihn geheißen, sich zu legen, er wird heftiges Fieber bekommen." Er gab mir genaue Verhal- tnngsmaßregeln und ich bemühte mich während banger Tage und Nächte unr mein geliebtes Kind. Das Fieber tobte, als «volle dem Armen der Kopf zerspringen. Auch der Arzt blieb nach Verlaus weniger Tage ganz bei uns, aber alles war vergebens. Zum Unglück hatte hestiger Scirocco ein­gesetzt, dessen heißes Wehen ja auch Gesunde krank machen kann. Als der Wind sich wieder änderte, war mein Karl durch das brennende Fieber erschöpft, und zwei Tage später lag er tot in meinen Armen.

Ich betrat zum erstenmal wieder meines Mannes Krankenzimmer. Der Knecht erschrak, mich zu sehen7 mein Haar war schneeweiß geworden.

Mein Mann war außer Bette, aber nicht sähig, den Tod seines Sohnes, der sein Stolz gewesen, ganz zu fühlen. Er konnte stundenlang schmerzlich weinen und klagen, doch all sein Empfinden. war wie mit einem Schleier bedeckt, der mit der Zeit immer dichter wurde. So verbrachte er noch fast drei Jahre, körperlich und geistig langsam ab­nehmend. Durch die furchtbaren Erlebnisse war der in seinem Berus während langer Jahre übermäßig angestrengte Mann einer srühen Gehirnerweichung verfallen. Einst statt­lich und schön, mußte er ein so jammervolles Ende nehmen!

So hatte alle meine Lieben Sandros wilde Tat dahin­gerafft. Ich durste nicht an den Mörder denken, um nicht ihn zu hassen, wie Paolo es tat. Und nun lebe ich in der Sorge, ob nicht auch dieser durch Sandros Hand scheiden mußte. Ich hatte nach Karls Tode Pietro Ubaldo, der ohnedies das Briesschreiben nicht liebte, gebeten, seinem Sohne das Hinscheiden des Freundes zu verschweigen, doch bch meiner Heimreise über Rom mußte ich Paolo über alles Erlebte berichten. Er ries schmerzlich und vorwurfsvoll: Carlo ist tot und Sandro lebt?"

Leider hatte ich zugleich von seinem Vater den Auftrag auszurichten, er solle nun mit seiner Familie heimkvmmen, und Pero könne in seine Stelle eintreten. Paolo zeigte mir seine Kinder, da traten mir die Tränen in die Augen: in treuer Anhänglichkeit hatte er ihnen die Namen der Meinen gegeben, sie hießen Carlo, Sophia und Assim. Indem ich sie an mich zog, bat ich, er solle nicht sein Leben wagen. Er antwortete:Sandro hat schon zu lange gelebt."

Ich habe, um nicht Verdacht aus Paolo zu lenken, bis jetzt unterlassen, Erkundigungen einzuziehen. Doch bald werde ich in Cattaro ansragen, wer von der Familie Ubaldo noch lebt. Lebt Paolo noch, dann weiß ich, daß Sandro tot ist, und fast ist mir, als sei auch in mich etwas von dem südländischen Rachedurst übergegangen, denn ich fühle: erst dann werde ich ganz zufrieden sein in meiner alten Heimat.

«Literarische A.stgaöen zur 300Mrigerr Jubel­feier der Laudesuniverfität.

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Auch der Historische Verein sür das Großherzogtunt Hessen beschenkte die Lndoviciana an ihrem 300 jährigen Jubeltage in einem Festbande desArchivs für Hess. Geschichte und Altertumskunde" mit wertvollen wissenschaftlichen Beitrügen aus der Geschichte der Universi­täten Mainz und Gießen. Wir können an dieser Stelle die Aufmerksamkeit nur auf einige Arbeiten lenken, soweit sie allgemein Gießener Kreise interessieren, und müssen uns