Ausgabe 
14.8.1907
 
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KU schaffen, man wollte mehr durch Form und Gruppierung als durch reiches Aeußere wirken. Die Häuser sind ein­stöckig mit ausgebautem, geradem Mansardenstock und wer­den hell getüncht. Der Erbauer der Anstalt ist der Staat, der es durch das Hochbauamt Gießen, sp^iell durch das Baubureau der Irrenanstalt ausführen läßt. Die Baukosten der Anstalt belaufen sich ausschließlich der inneren Aus­stattung, Maschinen, Beleuchtung re. auf 1.8 Millionen Mark. Hierin sind noch die im nächsten Frühjahr zu be­ginnenden Gebäude einbegriffen. Die Heizung sämtlicher Krankenhäuser geschieht von dem Kesselhaus aus mittelst begehbarer Kanäle. Die Wasserleitung ist scharr ins Ge­lände eingesührt, zwei elektrische Kabel hat die Stadt schon gelegt, die Kanalisation wird der städtischen angeschlossen.

Alles in allem kann man von der neuen Irrenanstalt schon jetzt sagen, daß sie sowohl nach Lage und Umgebung, als auch nach Anordnung und Einrichtung der Gebäude ein Ort friedlichen Stillebens zu werden verspricht, der den Kranken Erholung und Genesung zu geben im vollsten Maße geeignet ist.

Ein russischer General über Homburg.

Der russ. General E. Bogdanowitsch veröffentlichte kürzlich in derNowoje Wremja" einige Eindrücke über Deutschland und kam dabei auch auf die Badestädte Homburg und Wiesbaden zu sprechen. Er läßt sich über Homburg folgendermaßen vernehmen:

Nirgends können Seele und Leib so ausruhen, wie in den kleinen, sonnigen Städtchen Zentraldeutschlands mit seiner liebkosenden Natur und seiner fleißigen Bevölkerung, die die Arbeit wie die Ruhe nach derselben zu schätzen weiß, die das Recht des Eigentums, der Person und der Ordnung streng respektiert und Frieden und Ruhe, die dem Kranken und Müden nötig find, wie ein Heiligtum behandelt. Diesen Frieden und diese Ruhe hat natürlich nicht die Natur ge­schaffen, sondern die Menschen und deren Erziehung haben dieses Leben so gestaltet, in dem auch ich mich erholen und aus­ruhen konnte, wenn nicht die unruhigen Nachrichten aus der Heimat gewesen wären, die eine Dissonanz in die ganze Umgebung brachten . . . Wie ein gesunder und stärkender Schlaf konnten die 4 Wochen vergehen, die ich in Homburg und Wiesbaden zugebracht habe. Unsere. Villa in Homburg, deren Tür an der Lindenallee liegt, ließen wir ruhig offen stehen, ohne einen Diebstahl zu befürchten, während wir in die Parkanlagen, die Umgebung und die FeAer spazierten, .wo die Arbeit der Bauern flott vor sich ging. Ich liebte es, stehen zu bleiben und mit diesen ruhigen, klugen Ar­beitern zu plaudern. Besonders habe ich einen Alten lieb­gewonnen, das Haupt einer großen Familie und Vater eines braven Jünglings, mit dem ich ihn stets Bei der Arbeit traf. Liegt Ihr Land weit von hier?" fragte ich einmal den Alten. Mit Stolz zeigte er um sich.Mein Land, hier ist es, ich habe volle vier Morgen."Vier Morgen . . . aber das ist doch kaum eine Dessjatina", dachte ich.Sie haben also irgend welche Nebeneinnahmen?" fragte ich, indem ich! die Miniaturwirtschaft betrachtete, eine viertel Dessjatina Ge­müsegarten, ein Stückchen Land für den Obstgarten und Hof und eine halbe Dessjatina mit dem schon goldglänzenden Weizen.Nebeneinnahmen kenne ich nicht, mein Land gibt mir alles. Leider verstehe ich zu wenig. Ta hat mein Nachbar auf einer ebenso großen Parzelle auch Weinberge anzulegen verstanden. Aber meine Familie ist stets satt, gut gekleidet, und auf die hohe Kante bringe ich auch etwas . . . Es ist ja nötig, Hans wird nächsten Herbst seiner Militär­pflicht genügen." Der Alte lächelte stolz.Sehen Sie, wie groß er ist, wahrscheinlich kommt er nach Potsdam in die Kaiserliche Garde." Bei diesen Worten nahm der Alte ehrfurchtsvoll den Hut ab und zeigte nach dem Haufe. ^,Dort hängt im Rahmen mein Eisernes Kreuz, das ich mir bei Gravelotte verdient habe. Hans wird ein ebensolches bringen, so Gott will . . ." Auch ich habe den Hut ab­genommen, aber nicht vor dem Kaiser, sondern vor seinem Volke..., '

Vermischtss.

* Vorräte in Düten auszubewahren ist durch- 6uS nicht empfehlenswert. Glas- und Porzellanbüchsen eignen sich am besten dazu, doch können auch die hübschen Blechbüchsen

! mit Vorteil in der Küche verwandt werden, die jetzt so vielen Nahrungsmitteln als Verpackung dienen. Auch Liebig- und andere Fleischextrakttöpfe sind für Pfeffer, Zimmt und andere Gewürze zu gebrauchen, ja es gibt sogar Hausfrauen, die die Glasbüchsen, in denen man Schuhkreme kaust, natürlich nach sehr sorgfältiger Reinigung für Gewürze verwenden. Diese Büchsen haben den Vorteil eines zuschraubbaren Deckels, und man kann außerdem von außen sehen, was in ihnen enthalten ist.

* 31 Jahre altes Bier! DemStraub. Tagebl." wird aus Landshut geschrieben: Der Anwesensbesitzer Söllner in Rottenburg a. L. beauftragte im Jahre 1876 den Brunncn- techniker Hackermeier aus Türkenfeld mit der Reparatur des Brunnens im vorgenannten Hofe. Herr Söllner erinnert sich noch lebhaft heute, daß er vor 31 Jahren aus der Holzapfel­brauerei mehrere Flaschen Bier seinem Brunnentechniker holen ließ. Der letztere ließ daher diese Bierflaschen an einer langen Schnur im klaren Brunnenwaffer kühlen. Durch irgend welche Urfache blieb nun eine dieser Bierflaschen vergessen im Brunnenwasser hängen. Kürzlich, also nach Umlauf von 31 Jahren, wurde der gleiche Brunnen wieder repariert und die Flasche Bier noch intakt vorgefunden. Beim Entkorken der Flasche schäumte das Bier, es war hell und klar und mundete vorzüglich.

* EinStudentenstreich". In der Radolfzeller Freien Stimme" erzählt deren früherer langjähriger Schrift­leiter, Geistlicher Rat Werber, folgende liebenswürdige Er­innerung:In Waldshut haust jetzt ein Jugendfreund von mir, der Landgerichtsdirektor, Land- und Reichstagsabg. Birkenmayer. Wir saßen zusammen auf den Lyzcumsbünken in Freiburg; er war immer lustig, heiter und gutmütig wie selten einer. Während der Meßwoche standen wir zwei ein­mal auf dem Karlsplatz herum bei den Kasperletheatern, Waflelständen, Glückshäfen und Moritaten, wo das Lied mit der Beschreibung einen Groschen oder Batzen kostete. Die moderne Zeit hat auch das weggeschwemmt und damit manches Heitere und Originelle. So ein Lied, das Steine erweichen, Menschen rasend machen kann, sang ein armes Weib, krank und abgehärmt und mit einer heiseren, abge- sungcnen Stimme ohne Zuhörer. Wer horcht auch einer alten Frau ab, wenn sie singt ums Geld?Du", sagte Freund Birkenmayer,do könnte mer jetzt emol a gutes Werk tun", und rasch entschloffen, ehe ich noch vom Staunen mich er­holt, ging er auf die Frau zu, nahm das Lied samt der Be­schreibung in zwei Exemplaren, gab mir eines in die Hand und sagte zur Frau:Sie orgle jetzt und wir singe". Singen konnten wir beide und als die erste Strophe noch nicht ge­sungen war, strömte der ganze Karlsplatz uns zu.Do singe zwe Studente", hieß es. Wir aber schlugen uns feit- wärts in die Büsche, während die arme Frau sammelte. Auf den Dank der Frau verzichteten wir. Ist das nicht ein guter Studentenstreich gewesen?"

* Der Münchener Dienstmann. Eine Geschichte ans dem Hofbräuhans. Ein Engländer kam in Begleitung seiner vier Töchter in das Hofbränhans. Der nach seinen Wünschen sich erknndigenden Kellnerin streckte er wortlos die fünf Finger seiner Hand entgegen nnd diese brachte ebenfo wortlos fünf Maß Bier. Darob gewaltiges Ent­setzen der englischen Familie, namentlich der Damen. Trotz der vereinten Kräfte gelang es Vater nnd Töchter nicht, mehr, denn ungefähr ein Maß von den fünfen zn vertilgen. Ta kam dem alten Herrn eine Idee. Er holte sich einen der vor dem Hofbränhans stehenden Tienstmänner und schenkte diesem die überflüssigen vier Maß unter der Be­dingung, daß er sie sofort nnd allein vertilge. Tas war nun für einen Münchener Packträger nichts weniger als ein Kunststück, nnd ehe sich die Familie von ihrem Er­staunen recht erholt hatte, war das Bier auch schon ver- schwundeni. Aber noch größer war das Erstaunen, als der Dienstmann mit Seelenruhe für seineArbeit" fünfzig Pfennige verlangte. Auf eine Bemerkung des Engländers meinte der Rotbemützie ganz ruhig:Sie hab'n mi amal von mein Standplatz wegg'holt, was i nach« z' tnan hab', is ganz gleich ; Tarif ist Tarif!" worauf er dann auch richtig seinFünfzigerl" erhielt.

Redaktion: P. Wittsto. Rotationsdruck und Berlaa der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und ©teitibrucferei, R. Lange, Gießen..