Ausgabe 
14.8.1907
 
Einzelbild herunterladen

=* 475

jteB;eri der alten Aula (jetzt botanisches und geographisches In­stitut) noch die alte 1822 gebaute Entbindungsanstalt mit dem vbpsiologischen und landwirtschaftlichen Institut gehört. Bei der Anlage einer elektrischen Bahn in Gießen ist auf die Verbindung dieser drei Gruppen Rücksicht zu nehmen.

Zerstreut liegt die 1846 gebaute Anatomie an der Bahn­hofstraße, deren Entfernung von dieser Stelle auf die Dauer unvermeidlich ist, ferner das pharmakologische Institut rechts der Wieseck nahe der Bürgermeisterei.

Betrachtet man die Komplexe auf der Stadtkarte von Gießen, so zeigt sich, daß die ganze bauliche Entwickelung im Osten und Süden der Stadt von den Universitäts-Instituten wesentlich bedingt ist, während sich die Institute am Botanischen Garten in das Meriansche Bild einpassen.

Es ist eine sehr ioesentliche Aufgabe, rechtzeitig vorzusehen, daß die in den nächsten Jahren noch zu errichtenden Institute, nämlich Ohrenklinik und dermatologische Klinik, sowie die unvermeidlichen Neubauten der Anatomie und Physiologie Fühlung mit den bestehenden Gruppen gewinnen, wobei die letzt­genannten niöglichst nahe den anderen medizinischen Instituten in der Richtung der Aula als des Zentrums der naturwrssen- schaftlicheii Gebäude gehören. Leider sind diese beiden Komplexe immer noch "durch die obcrhessische Eisenbahnlinie getrennt, deren Entfernung sich auch jetzt noch als dringende Notwendigkeit erweist.

Außer den Bauten der Universität als solcher ist zu be­achten, daß sich in Gießen eine verhältnismäßig große Anzahl von akademischen Korporationshäusern befinden, der Hessen, Teutonen, Starkenburger, Allemannen, Germanen, des Wingolf, sowie das letzterbaute der Darmstädter, die etwas charakteristisches im Gie­ßener Stadtbild bieten. Es fehlt dabei entschieden ein allgemeines Studentenheim mit Lesezimmern usw., Ivie es vermutlich im Laufe der nächsten Jahrzehnte aus der im Gange befindlichen Bewegiing der nicht inkorporierteil Studenten hervorgehen wird.

Jedoch ist auch über diese mit der Universität zusammen­hängenden Gebäuden hinaus der Einfluß der Dozenten bei einer ganzeii Reihe von Bauten in Gießen deutlich zu erkennen. An der Volkslesehalle, dem Volksbad, dem Museum, ja sogar an der Siechenanstalt und der neuen Irrenanstalt, schließlich bei dem Theater haben Professoren einen fördernden Anteil gehabt, wenn auch die Einrichtungen im Grunde aus allgemeinen sozialen Notwendigkeiten entsprungen sind.

Interessant ist, daß wir auch in der Umgebung von Gießen eine Reihe von Stätten finden, :it denen der Name von Gießener Professoren eng verknüpft ist, ich meine den Gleiberg und Stau­fenberg als Erinnerung an den berühmten Architekten von Rit­gen/ den Wiederherstcller der Wartburg, ferner die Liebigs- höhe als den Schauplatz der agrikultur-chemischen Versuche Lie­bigs, ferner den Forstgarten, als Folge der in Gießen seit Generationen an der Universität getriebenen Forstwissenschast.

Es ist jedoch trotz Anerkennung der wesentlichen Bedeutung, welche die Universität direkt und indirekt an der baulichen Entwickeluiig von Gießen gehabt hat, zu betonen, daß die Stadt durch ihre. Lage von Natur sehr begünstigt ist und auch ohne die Universität auf die Dauer wohl ihre früheren Rivalen aus dem 17. Jahrhundert Alsfeld und Grünberg überflügelt haben würde. Am Abhange des Vogelsberges an der Lahn gelegen, hat es von Natur eine größere Zahl von wichtigen Verkehrs­wegen zentralisiert, die in den zahlreichen Eisenbahnverbindungen nur ihre moderne Verbesserung erfahren haben. Sicher kann man die Blüte der Universität besonders die große klinische Ent­wickelung in Gießen neben anderen Faktoren mit auf diese be­günstigenden Umstände zurückführen.

Hierin bedeutet also umgekehrt die Stadt vermöge ihrer Lage außerordentlich viel für die Universität. Das Gleiche gilt für die herrliche Umgebung der Stadt, die für das Leben wissen­schaftlich tätiger Menschen sehr geeignet ist. Die geistige Konzen­trierung, die zur Forschung gehört, kann man auch nach der Not manches Tages, in den herrlichen Wäldern und aus den aussichtreichen Bergen und Burgen bei Gießen wiederfinden. Dies wird noch mehr der Fall sein, wenn noch mehr wie seither schattige Wege die Stadt mit ihrer Umgebung verbinden werden. Die Anlage von Baumpflanzungen im Zusammenhang mit der im Gang befindlichen Feldbereinigung erscheint mir in dieser Beziehung als dringendes Bedürfnis.

Aehnlich liegt es mit der Stadt selbst. Je mehr Gießen sich verschönert, wozu es im Laufe der letzten Jahrzehnte einen kräftigen Ansatz gemacht hat, und je mehr es sich mit zweckmäßigen Verkehrseinr Achtungen versieht, worin es noch zurücksteht, desto mehr wird es dazu beitragen, im ent­scheidenden Augenblick solche Professoren für die Universität und für Hessen zu erhalten, welche die Möglichkeit wissenschaftlicher Arbeit in einer behaglichen Mittelstadt der Unruhe eines groß^- städtischen Massenbetriebes' vorziehen.

Aus der Geschichte der vergangenen 3 Jahrhunderte geht hervor, daß Gießen und seine Bürgerschaft stets für die Uni­versität «ingetreten sind.

Schon die Aufnahme des Gymnasium illustre in das Rat­haus beweist das und bildet den Anfang einer langen Kette von Leistungen der Stadt für die Universität. 160:01 wurde ein jährlichen "Zuschuß von 150 Gulden zu der Univerfitätskasie be­

willigt; 1608 verehrte die Stadt dem Fürsten' freiwillig 2000 Gulden wegen einer Tätigkeit für die Universität. Bei der Rück­verlegung der Universität 1650 wurde der jährliche Zuschuß auf 200 Gulden erhöht, nachdem der heftige Kampf um den Sitz der Universität gegen die Rivalen Alsfeld, Grünberg und Darmstadt glücklich zu Gunsten Gießens entschieden war. 1821 stellte sich die Stadt und Bürgerschaft in einer Immediateingabe durchaus auf die Seite der Studenten. 1838 gab die Stadt 10 000 Gulden zu dem Bau des neuen Kollegienhauses.

Ferner ist die Hergabe von Gelände sowie des Zuschuß für die Kliniken zu erwähnen. Auch hat sich bei besonderen Gelegenheiten die Stadt den Gästen der Universität z. B. bei zwei großen Versammlungen im laufenden Jahre außerordentlich entgegenkommend erwiesen, was lebhafte Anerkennung der zahl­reichen Teilnehmer auch aus dem Auslande gefunden hat.

So sehen wir bei der 300jährigen Feier rückblickend bte Stadt stets bemüht, das Interesse der Universität zu wahren und zu ihrem Gedeihen beizutragen. Dabei zeigt sich IM Laufe der Zeit eine allmähliche Durchdringung des akademischen und bürgerlichen Geistes, wie wir dies in hervorragendem Maße bei unserem früheren Kollegen Gaffky, dem Ehrenbürger der Stadt, erkennen können.

Möge auch im kommenden Jahrhundert Stadt und Bürger­schaft mit der Universität wie bisher zusammenhalten und dem­entsprechend die Universität mit Stadt und Bürgerschaft in immer engere Verbindung kommen."

LKNdes-Trrsnailstalt für Dberhefie«.

(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.) ,

In dem anmutigen stillen Waldwinkel befindet sich zwischen den beiden oberhessischen Bahnstrecken östlich von Gießen in der Straße nach Lich das Gelände für die Landes- Irrenanstalt für Oberhessen. Nach Osten sanft ansteigend, lehnt es sich an den bewaldeten Höhenzug zwischen Gießen und Steinbach. Auch ein schönes Waldtal fehlt nicht, fließt doch ein Arm des Klingelbaches durch das Gelände Es umfaßt 23 Hektar und wurde von der Stadt zwecks Errichtung der Anstalt zur Verfügung gestellt. Tie kleinere Hälfte ist Hochwald, die größere liegt vor dem Wald, zwischen beiden tmrd noch ein Streifen mit Anlagen versehen werden Es sind bis jetzt 10 Krankenhäuser im Rohbau vollendet, ebenso das Verwaltungsgebäude an der Sicher Straße, ^n diesen Tagen wird auch mit der Erbauung der Wirtfthafts- qebäude begonnen; sie umfassen ein Kesselhaus mit Wasch­küche und die Kochküche. Diese Gebäude bilden mit dein Verwaltungsgebäude und dem Pförtnerhans eine besondere Gruppe an der Licher Straße. Das Verwaltungsgebäude enthält im Hauptbau Dienstzimmer für Direktor und Aerzte, Apotbeke, Bibliothek, im kleineren Seitenflügel sind die Kanzlei, Registratur und Verwaltung untergebracht, wah­rend der Mansardenstock als Wohnungen für den Verwalter und zwei unverheiratete Assistenzärzte dient. Die zehn Krankenhäuser sind für Männer und Frauen getrennt und umfassen je ein Gebäude für Wachbedürftige es dient zugleich als Aufnahmestation, je ein Gebäude für Pflege­bedürftige, für Unruhige, und je zwei Landhäuser dritter Klasse für Leichtkranke. Die Anlage der Gebäude ist so, daß die Geschlechter auch bei ihrer täglichen Beschäftigung möglichst getrennt sind. An die Seite , sür die Männer grenzt das Gelände, das für Ackerbau dient, an die Seite für die Frauen schließen sich die Wirtschaftsgebäude, Wasch­küche, Gemüsegarten und Bleiche. Im nächsten Frühjahr werden noch folgende Gebäude begonnen: zwei Aerztewoh- nungen an der Licher Straße, eine Kapelle mitten vor dem Walde und eine Leichenhalle hinter dem Walde. Damit wird der erste Ausbau der Anstalt, der für 400 Wanke be­rechnet ist, vollendet fein. Für später sind daun noch als Vergrößerung der Anstalt vorgesehen: eine Oberarztwoy- nung, zwei Landhäuser 1. und 2. Klasse und noch einige andere Gebäude im Wald, so daß dann 500 Kranke auf ge­nommen werden können. Eine geschlossene Abteilung für kriminelle Irre, die auf ihren Geisteszustand geprüft wer­den sollen, ist im Walde zurückliegend vorgesehen. Levi Wunsch der Stadt entsprechend werden an der Licher Straße nur Beamtenwohnungen gebaut, wahrend die Krankenhäuser in den Wald zu stehen kommen und nach, der Straße durch Walddickicht abgeschlossen werden. Gebäude und Straßen find so angelegt, daß die Laubbaume möglichst erhalten blieben. Auf der Südseite der Gebäude wird der Wald gelichtet, zum Teil abgeholzt und durch Gartenanlagen ersetzt. Die Bauleitung ließ sich bei Herstellung der Ge­bäude von dem Grundgedanken leiten, mit möglichst ge­ringen Mitteln behagliche Räume mit gefälligem Aeußern