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habe ich zu meinem Leidwesen Meyn', daß du dich diesen Sommer wieder nicht wohl befindest; ich hoffe jedoch daß Allwinas Besuch, und deine Reise nach Altenkirchen mit ihr dich zerstreuen, und darnach die kühlere Jahreszeit dich gänzlich wieder heilen werde. Hier ist es, fast die ganz« Zeit die ich hier zugebracht, ziemlich heiß gewesen, das heißt, so lange die Sonne scheint; morgens und Abends dagegen ist es empfindlich kalt; wegen der Berge, die die Stadt umgeben, sehen wir die Sonne hier aber beträchtlich kürzere Zeit als andere Leute. Du bekamst nun ja auch wohl bdld viel zu sthun mit dem Umzüge, denn nun naLgrade müßt ihr doch wohl ein.rücken ins Winterquartier. Wie werden aber die Bucher alle hinkommen? Doch ihr wolltet ja Lotte Beugen zur Umzugsgehülfin annehmen, die wird schon was wirthschaften. !
Ich wohne hier an der Nordseite des Marktes bey der Mamsel Krause, zwey Treppen hoch nach dem Markte hin, in demselben Hause, wo Baier so krank gewesen ist, als er hier stu- dierte. Die Aufwärterin im Hause, die auch meine Angelegenheiten besorgt, heißt Stinchen, und ist, wie meine Hausgenossinn die Frau Hosräthin Fries sich ausdrückt „a gutes Thierche". Sie hat ein andres, dem Namen nach mir unbekantes, junges Thierche zur Gehülfinn; ferner erscheint alle Morgen ein Rock-stiefek- putzer, genannt Rodeck; dann und wann suchet sich auch der Famulus, genannt Güße, ein, und fragt ob was zu befehlen seh. Mein Mittag kocht die Frau Nitschke, und das Sfinchen Holts her, und ich esse es für mich allein auf, welches allemal sehr schnell geschieht. Ich äße weit lieber in Gesellschaft, in einem Wrrthshause; allein das ist hier gar nicht Gebrauch, so sehr auch die in meiner Lage sich befindenden darüber klagen. Tas Essen ist leidlich, aber fröhlich auf andre Art gekocht als bey uns; die Suppen schwimmen immer ganz voll geriebenen Pepper. Des Morgens kocht Stinchen mir ein Töpfchen Milch, und Abends esse ich etwas Butterbrodt, oder nichts. Das Bier ist auch nur mittelmäßig.
Tie Frau Geheime Kirchenräthin hat mir allerhand Sachen gekauft, von ^men sie meinte, ich müsse sie haben, als Messer und Gabel, ent paar Löffel, ein paar Teller, Gläser, und eine blecherne Kaffekanne; das habe ich alles in eine Schieblade gestellt, wo es gaitz ruhig steht. Meine Bucher habe ich vor einigen Wochen bekommen, und in zweh 'Bücherbrettern ausgestellt; auch habe ich mir beym Tischler einen großen Schreibtisch bestellt, nach dem' Muster dessen den mein Kollege Fries hat. Das Mehl Hut 7 Sgr. Porto gekostet, und die Griesbach war von dem Handel nicht sonderlich erbaut; indeß es war nicht zu ändern. Bon dem Buchhändler Weigel in Leipzig habe ich nur das eine Buch zu 20 Thaler gekauft. Uebrigens kann ich nicht sagen, daß er ein Schinder seh; er hatte die Bücher nur ein geringes theurer angesetzt, als sie meinem gedruckten Cataloge zufolge in England selbst kosten, und nichts theurer als Perthes in Hamburg.
Mein Kollegium über den Hosea habe ich gelesen, und eine ganze Menge Zuhörer gehabt, im Griesbachschen Auditorio, wo auch Luden liefet. Ten Tag wie ich anfing, Nachmittags von 1—2 nämlich, waren wohl über 200 Mann eingerückt, und obgleich alle Fenster und Thüven offen standen, eine stickende Hitze. Mir kam es vor, als hätte ich die Kinder Israel, von bettelt ich redete, vor mir. Der gröste Theil waren natürlich nur Neugierige, die den neuen Professor wollten keniten lernen, daher ich in den folgenden Tagen doch Luft schöpfen konnte.
Vorigen Sonnabend machte ich mich auf nach Weimar, da der Geheimerath Voigt daselbst wieder eingetroffen. Unterwegs passirte ich denn zum ersten male die Schnecke, aus der man sich hier zwar wegen der täglichen Gewohnheit nichts macht, die aber doch beym ersten Anblick ziemlich schreckhaft ist. Der Weg geht, um aus dem Jenaischen Thal« herauszusühren, die steile Felsenwand in ganz kurzen Schneckeitwindungen hinaus. Sottn- abend .abend ging ich zu Weimar ins Schauspiel und sah die Zaiiberflöte. Sonntag Morgen ließ ich mich beym Geheimenrath melden, und ward zu elf Uhr bestellt. Er war sehr freundlich und gesprächig, ist 'aber nahe an achtzig. Dann ging ich zu noch zwey Exeellenzen, dem Geheimerath Gersdorf, einem jungen lebhaften Manne, und dem Geheimenrath Fritzsche, die alle sehr artig und ungezwungen waren. Nachmittags besah ich das Schloß und den Park, welcher letzterer sehr groß und schön ist. Montag Bormittag ging ich zu Sr. Excelleuz Geheimenrath Göthe, welcher in einem! sehr excellenten Hause wohnt, voll lauter GiPsKpfe, und Bronzekerls und Bilder und Kupferstiche. Er selbst ist sehr groß und grade, und ansehnlich; es fand sich nach einiger Zeit auch 'ein reisender Engländer ein, und wir schwazten denn eine geraume Zeit miteinander. Göthe sagte mir, was ich von seltenen Büchern notwendig brauche, solle ich ihm nur sagen, so wolle ers für die Großherzogliche Bibliothek zu Weimar stimmen lassen. Darauf ging ich auf die Bibliothek, welche unsre Jdnaische weit übertrifft, von der wir hier jedoch alles was wir verlangen postfrey geschickt bekommen. Bey derselben ist Bibliothekar der Rinaldo Rinaldini- dichter Bulpius, der alle Tage besoffen ist. Nachmittags ging ich zum Legationsrath Eonta, akademischen Kommifsarius, welcher sich nach Vater sehr angelegentlich erkundigte, und darauf zunt Legationsräth Bertuch. Der hat ein erschrecklich großes Haus voll Bnchdruckereyen und Kupferstechereyen. Abends fuhr
ich nach Jena zurück, nun ging es die Schnecke hinunter, und ich wollte aussteigen, wie es wsging; mein .Kutscher aber be- theuerte, das seh seiner Ehre zuwider, upt> ich blieb also sitzen, da es dann auch ganz zierlich hinunter rollte. An dich aber dachte ich ost dabeh, was du wohl zu so einem Wege sagest würdest.
Ter Grvßherzog ist iwch in Italien, daher ich ihm die Auf-, Wartung noch nicht machen können.
Bei mir im Hause wohnt der Hostath Fries, berühmter Philosoph, der auch vielen Beyfall hier hat. Er ist ein kleines schmächtiges Männchen, mit sehr ernstem, trocknen Wesen und Augenniederschlag, wie sie es hier nennen, weil er unter den Herrenhuthern erzogen worden, und geht stets in einem deutschen Rock. Seine Frau, aus Eisleben, ist gewaltig munter, und scherzt und lacht immer fort. Sonst sind behde, nach dem Zeugniß aller, sehr brave Leute. Hinten im Hause wohnt noch ein Philosoph Bachnfann, detr ist noch jung, niuficirt viel, und scheint mir etwas phlegmatisch. Luden, ein Niedersachse aus Bremen, hat in Sprache und Wefen viel Aehnlichkeit mit Moritz Arndt, ist sehr lebendig und voll Witz; er hat '»'kleine Kinder, immer eins ein paar Zoll länger als das andre. Unser jetziger Prorector Stack hat sogar 7 Töchter nach der Reihe, außer einigen Söhnen. Otten ist ein kleiner kecker Kerl, der keineswegs zänkisch ist, aber sehr bestimmt und freymüthig redet, dabey erstaunlich studiert, und alles was er hat auf sein Stttdiunt verwendet. Eichstädt hat sich, wie ich ihn besuchte, natürlich nichts gegen inich von den früheren Geschichten merken lassen; übrigens ttuag ihn hier kein einziger leiden, er geht mit niemand um, tnjag auch nicht arbeiten, sondern sucht blos Dukaten aufzuhäufen, denn er ist em filziger Geizhals.
Erich Schwgrz hat mir diese Tage geschrieben um mir eine Reise nach Wurzburg und Bamberg vorzuschlageu; ich weiß aber nicht ob ich Zeit dazu haben werde. Unser Leetionskatalog ist schon gedruckt, und ich habe dem Buchhändler einen für Vatern gegeben.
Tie Frauensleute putzen sich, wie mich dünkt, hier nicht so viel wie bey uns. In Weimar aber ist alles stattlicher als hier, und man erkennt die Jenenser in Weitstar bald, an ihrem unq genterterem Wesen.
Grüße alle Geschwister und Verwandte und Freunde vielmals, und bessere dich nur bald. Ich bin dein treuer Sohu
H. G. L. Kosegsarten.
Elektrischs Störmrgerr der Straßenbahnen,
Wer die Straßen Potsdams entlang wandert, wird durch die dortige Straßenbahn, die noch immer mit Pferden betrieben wird, an fast vorsintflutliche Zustande erinnert werden. Ms Fremder wird er sicherlich den Eindruck davontragen, daß die Potsdamer Stadtväter zu den Menschen gehören, die nie etwas von dem Fortschreitett der Zeit lernen wollen. Doch das märe eine ganz unrichtige Beleidigung der ehrsamen Potsdamer Stadthäupter. Denn von neuen Errungenschaften nichts lernest wollen, ist doch ein Fehler, nicht wahr?
Der Eingeweihte weiß, daß diese heute lächerlich berührende Erscheinung nicht ein Fehler des dortigen Magistrats samt Stadtverordnetenversammlung ist, sondern durch die berühmten wissenschaftlichen Institute des Potsdam nahen Telegraphenberges bedingt wird.
Tiefe in Deutschland einzig in ihrer Art dastehenden Institute können dermaßen große Störungen, wie sie von den fahrenden Wagen einer elektrischen Straßenbahn erzeugt werden würden, nicht Vertragen, wenn sie nicht in ihrer Haupttätigkeit, dem Arbeiten mit den empfindlichsten Meßinstrmnenten, die es gibt, — brach gelegt werden sollen.
Bekanntlich wird durch den elektrischen Strom int Straßenbahnwagen selbst ein Elektromagnet so stark erregt, daß sein Einfluß 'sich mit den heutigen Meßapparaten und Meßmethoden noch in einer Entfernung von vielen Kilometern nachweisen läßt. Da die Bahn sich nun bewegt und also beständig Schwankungen des von dem Wagen erzeugten magnetischen Feldes bewirkt werden, ist es unmöglich, Messungen des magnetischen Erdfeldes anzustellen. ,
Man muß also alle ntagnetischen Apparate ans' dem Bereich dieser Störungen herausschaffen. — Das Potsdamer inagnetische Observatorium hat schon jetzt automatische registrierende Kvn- trollapparate bei BeesGw aufgestellt. Jedoch auch die elertrt- schen Apparate — wenigstens alle . feineren — beruhen auf magnetischen Wirkungen, und da sie in jedem Laboratortunr unentbehrlich sind, so muß man — und hat dies auch nicht vhnä Erfolg getan — nach Möglichkeit suchen, die magnetischen Störungen ganz auszuschalten, ohne daß einerseits die Bedürfnisse einer Großstadt dadurch beschränkt werden und anderseits, ohne daß die Institute in die Einöde verlegt werden müssen. Mit anderen Worten, die Slipparate müssen verbessert werden. L>o ist fast jeder Fortschritt durch eine vorherige Zwangslage bedingt.
Derartige Instrumente sind für seiner« Messlingen zuerst vvn Deprez-d'Arfoiival konstruiert worden und werden zu den gewöhnlichen Messungen fast ausschließlich verwandt. Für ganz feilte Messungen hat neuerdings Professor Rubens ein derartig! störungsfreies Instrument, das sogenannte Panzergalvanoineter,


