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Sohn hatte bei der Marine eintreten sollen; da hierzu aber zwei sehr schwierige Prüfungen abzulegen sind, war ihm dies bis dahin nicht gelungen; er war zweimal durchgefallen, und es war gar keine Aussicht, daß er jemals das Ziel erreichen würde. Anstatt Astronomie rind Mathematik zu studieren, strich er am Tage draußen herum und den Abend verbrachte er im Theater. Das Einzige, was er gut fertig brachte, wird leider auch in Japan bei der Fähnrichsprüfung nicht verlangt, nämlich Verse, Liebesgedichte in der Art des berühmten Dichters Mahito, jedoch mit einem Schuß ganz moderner Lebensanschauung verseht, denn der junge Herr Takamuro war zudem noch ein wenig Sozialist, was den Vater ganz besonders verstimmt hatte. Der stolze Mann hatte ihn deshalb eines Tages förmlich enterbt, ihn aller Sohnesrechte entkleidet, und dafür einen Neffen an Sohnes Statt angenommen; es Ivar dem Verstoßenen von nun an nur noch erlaubt, im Hause der Eltern zu nächtigen; vor deren Augen durfte er sich nicht mehr zeigen. Niemand kümmerte sich sonst um ihn und keiner srug, wie er sich seinen Unterhalt verschaffte. —
Gerade damals hatte er im Theater Kiki kennen gelernt, und beide hatten sich sterblich ineinander verliebt. Zunächst schien dies freilich eher zum Glück für den jungen, bisher so leichtsinnigen Menschen auszuschlagen; denn um regelmäßig ins Theater gehen und seine vielgeliebte Kiki bewundern zu tonnen, bedurfte er Geld, und so bemühte er sich um Arbeit und brachte es wirklich dazu, durch Abschreiben von Briefen und Rechnungen in den Kaufhäusern tont Hafen ab und zu einige Ben zu verdienen. Ja, es gelang ihm außerdem sogar, bei der japanischen Zeitung, die in Shimvnoseki erscheint und start fortschrittlich, fast ein wenig sozialistisch angehaucht ist, anzukommen, und gelegentlich als Berichterstatter aufzutreten; schon träumten die beiden Verliebten von einer rosigen Zukunft, bis plötzlich um so schaurigere Nacht Üitt sie wurde.
Eines Tages war ein Fremder — eben jener Amerikaner, den ich selbst im Theater beobachtet hatte —• bei dem TlMterdirektor erschienen und hatte kurzer Hand gefragt:
„Was ist der Preis für Fräulein Kiki?"
Nun ist der Kauf und Verkauf von Frauen im gesitteten Japan selbstverständlich läng'st durch Gesetze verboten; aber in -Wirklichkeit besteht beides nach wie vor. Der Direktor hatte doch auch seine Ausgaben mit dem Mädchen gehabt, er hatte sie lehren und anleiten müssen, er hatte sie solange genährt, auch ihre Mutter uild Schwester erhalten, ihr dann all die schönen Kleider und zierlichen Ausstattungsstücke gekauft, die sie brauchte, um würdig vor die Zuschauer zu treten; er hatte soinit Kapital in sie hineingesteckt, das gerade erst begann, sich einigermaßen zu verzinsen — kürz, der Direktor konnte sie beim besten Willen un- tnöglich so ohne weiteres frei geben. Alles in allem handelte es sich so um runde 250 Ben oder 500 Mark.
Takamuro griff sich verzweiflungsvoll in die lürzgeschorenen Haare und wollte sie durchaus einzeln ausraufen, als er von dem Handel erfuhr, wie er im Gange war. Woher das viele Geld Nehmet!, um den Amerikaner zu überbieten? Hatte er doch keine 5 Den im Vermögen! Der Direktor zögerte noch eine kleine Weile; der fremde Mann, der Amerikaner, war ihm selbst nicht angenehm, die verzweifelte Miene der liebenswürdigen Kiki ging ihm nahe, aber schließlich . . . bar Geld — 250 Yen in lauter blanken goldenen Zehn-Den-Stücken.. auf den Tisch gezählt — das hat eine wunderbare Krtoft: Kiki-san wurde dem Amerikaner zugeschlagen : Nur noch eine Nacht sollte sie für sich behalten; am nächsten Morgen sollte sie in den Besitz — oder zarter ausgedrückt ■— in den Dienst des Amerikaners übergehen.
In dieser selben Nacht aber schlich sie sich mit ihrem Geliebten in dessen väterliches Haus .und am nächsten Morgen fand man sie beide, Kiki und den jungen Takamuro, im Staatszimmer des Hauses, unweit der Ehren-Nische, tot zu Füßen des Hausaltars liegend. Sie hatten Gift genommen. Vollständig bekleidet, eng und doch züchtig aneinander geschmiegt, lagen sie Nebeneinander aus, den Matten. Einen Zettel fand man mit einer Nadel jan einem Pfosten der Wand befestigt, worin sie baten, man möge sie in einem und demselben Grabe, in einem Sarge beiseßen.
Ter Vater wollte den letzten Wunsch des Sohnes zuerst! durchaus nicht erfüllen, aber die Mutter bat ihn auf den Knieen daruni, und so gab er zuletzt seine Einwilligung dazu; es beruhigte ihn dabei der Gedanke, daß der Tote auf diese Weise nicht in der stolzen Familiengruft beigesetzt zu werden brauchte, was sonst« ttwhl die Verwandten verlangt hätten.
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Ich wohnte dem Begräbnis bei. Ter Kirchhof, in dem die beiden ihre letzte Ruhestätte finden sollten, liegt unweit des Hafens an einen jener sanft ansteigenden Bergkehnen, und es war sonderbar genug, daß man von ihm aus deutlich den hohen hölzernen Theaterbau sehen konnte, der ihnen beiden so verhängnisvoll geworden war.
Etwas nach Sonnenuntergang bewegte sich hier herauf ein seltsamer Zug. pausende von Frauen und Mädchen in blütenwei^n Gewändern, den Kbps herhüllt mit weißen Kapuzen, geleiteten die beiden 'Sarge. Sein Gesang ertönte, kein Wort wurde gei- sprocyeri; geräuschlos wie Schatten der Unterwelt stieg langsam das Heer der Frauen den beiden Särgen nach und den Berg
hinauf; dfazu liehen der Mond, die Gestirne und schwankende! Papierltoternen ein unbestimmtes, geheimnisvolles Kalblicht.
Tie beiden Särge wurden in die Grube gelöffelt und in der feierlichen, beinahe lautlosen Stille hörte man deutlich, wie die Bastseile des Totengräbers dabei knirrschten. Tann aber hörte man noch einen Ton seltsamer Art: von einem Beile ging er aus, das der Totengräber nunmehr handhabte, um die beiden Seitenwände der Särge, die unten in der Gruft einander dicht berührten, zu entfernen. Bis dahin voneinander getrennt, waren nun die beiden Unglücklichen miteinander vereint; sie ruhten nebeneinander, in einem Grabe, einem Sarge, so wie sie es gewünscht hatten ... Ta endlich kam Gefühl und Bewegung in die bis dahin schtottenhaste Trauerversammlung; ein tiefes Auf- seufzeu, ein allgemeines, leises, zitterndes Schluchzen ging durch die Tausenden, die gekommen waren, dem unglücklichen Liebespaare das letzte Geleit zu geben.
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Tie japanische Zeitung, bei der vorübergehend der Verstorbene Dienste getan, hatte auf einmal entdeckt, daß er eine hervorragende Kraft gewesen; sie brachte ausführlich den Fall und beklagte aufs Schmerzlichste den frühen Tod ihres geschätzten Mitarbeiters. Was sie noch außerdem und mit besonderem Genuß veröffentlichte, das war das Abschiedsschreiben, welches Kiki an die Iran ihres Direktors gerichtet hatte. Es war sehr zierlich in der eigenartigen Redeweise der japanischen Frauen abgefaßt, und es ist beinahe unmöglich, all die Zartheit und Anmut; wiederzugeben, die aus diesem letzten Schreiben der Unglücklichen spricht.
A n S a t o - s a n von Kiki.
Ich schreibe diesen Brief.
Zweimal haben die Kirschen geblüht, seit ich in dem glänzenden Hause weile, das nicht mehr war als ein Vaterhaus. Hier war meine eigentliche Heimtot. Welcher Ueberftuß von Liebe ist hier verschwendet worden an meine unwürdige Person! Ihr gabt mir seidene Kleider in allen Farben des Regenbogeus; Ihr gabt mir zwei Paar kunstvoll geflochtene Sandalen; Ihr gabt mir reichlich Nadeln und Ptopierblnmen, auch einen Kamm aus dem Horue der Schildkröte, damit ich mein weniges Haar auf-! stecken tonnte, wie sichs gehört. Blumen auch gabt Ihr mir in Fülle je nach der Jahreszeit, und wenn das Fest 'der Jugend kauft da habt Ihr mich zweimal in den Tempel geführt; Ihr habt Tee, Gebäck und Früchte herbeibringen lassen und alles bezahlt/ ungerechnet die süßen Töne der Musik, die Ihr dazu stelltet.
Um aber des Maß voll zu machen, habt Ihr auch meine arme Mutter unterstützt und meine liebe Schwester die Kunst des Nähens erlernen lassen — alles nur wegen meiner unwürdigen Person.
So lebte ich sorglos dahin. — Dia sah ich Takamuro-san; es war in der Zeit der letzten Kirschenblüte, und seitdem liebe ich ihn, und er liebt mich. Es hat mir d.iiancher Schlechtes über ihn gesagt; ich aber finde, er ist der beste und wohlerzogenste Mensch der Welt. Er hat nur liebreiche Worte für mich gehabt; er hat mir niemials ein Wort gesagt, das nicht wahr war wie das Gestirn des Tages und mild wie das Gestirn der, Nacht. Sein ehrwürdiger Vater war steilich zornig auf ihn; es ist aber hier zu Lande noch bange nicht jedermanns 'Sache, das nachzulernHn ■ was die roten Fremden sich in 'ihrem Lande ausgedacht und in die Bücher hineingeschrieben haben.
Er wußte sonst die Worte gar schön zu setzen und in keinem Buche habe ich schönere gelesen. Roch "gestern hat er mir ein Gedicht gebracht, djas so süß ist wie das Gezwitscher der Nachtigall.
Ach, ich werde sie nicht wieder hören, die Nachtigall, ich gehe zum! Meido und Takamuro geht mit mir. Es ist uns bestimmt, wir sollen diesmal nicht glücklich sein. Warum wohl? 11 ei>et dieses Eine habe ich mir in der letzten Zeit meinen schwachen Köpf zerbrochen; jetzt weiß ich "es: Wir haben in einer früheren! Zeit der Lebeusverwandlungen einander schon einmal angehört; wir waren Mtonn und Frau, aber wir waren Toren und wußten dies nicht zu schätzen; wir wurden einander, untreu. Jetzt, in der neuen Gestalt Unseres Lebens, wo wir einander von Herzen treu sein wollten, werden wir dafür bestraft und können zusammen nicht kommen.
Darum gehe ich zum Meido und Takamuw mit mir.
Ich schließe unbeholfen, wie ich "begonnen.
Verzeiht mir, daß ich so schlecht Euer Wohlwollen lohne.
Mein Wunsch ist, in ein ganz neues Leben einzugehen; es mag sein, daß ich bald einmal einer der Singvögel sein werde, die verstohlen im Gebüsche der Grautoten sitzen. Und wenn wieder Frühling wird, dann lauscht auf die Nachftgall. . .
Jetzt ist "mir das Herz so schwer . . .
Ten Kamm von Schildkrothorn —: könnte ihn meine Schwester haben?
Ich lege meinen Pinsel hin. . . Von Kiku
Imaer Zustands vor 90 Jahren-
ii.
Jena den 12 ten September 1817. Liebe Mutter!
AM denk vdd einigen Tagen von Vettern empfangenen Briefs
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