Ireitag deu 14, Iu«t
1907
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Lieöestod.
Eine Erinnerung aus Japan.
Bon Franz Woas.
Während des letzten Krieges im fernen Osten saß ich eine Zeit lang untätig in Shimonoseki, dem großen japanischen Hafcn- orte. Ich wäre gern nach Korea hinübergesetzt, das nur hundert Seemeilen davon entfernt liegt; aber die Japaner hatten ein mißtrauisches Auge für alle Fremden, die sich damals in der Nähe der Kriegsereignisse aushielten; sie ließen es nicht zu, daß ein Fremder eines der vielen großen Schisse benutzte, die fort» während zwischen Japan und Kvrea hin- und hergingen, um Proviant und Kriegsmaterial hinüber und dafür Verwundete und Kranke herüber zu bringen. So wartete ich auf die Gelegenheit, um auf einem der kleinen Küstcndampfer unbemerkt wegzukommen — was mir schließlich auch wirklich gelingen sollte.
Inzwischen sah ich mir Shimonoseki mit Muße an. Es war freilich nicht viel daran zu sehen; es ist ein ganz gewöhnlicher japanischer Hafenort, nur bis ins Ungeheure ausgedehnt. Tie unzähligen, niedrigen, recht unansehnlichen hölzernen Häuser stehen dicht gedrängt in schmalen Gassen unmittelbar am Meeresstrande; dicht dahinter schon erhebt sich das Land zu leichten Bergrücken, die mit Tempeln, Kirchhöfen und Teebuden, aber auch mit starken militärischen Befestigungen besetzt sind.
Am Hasen fiel mir bald ein etwas ansehnlicheres Gebäude auf; es war mit einigen grell gemalten Plakaten bedeckt und erwies sich als ein Thmter. Mein Führer hatte nicht eher Ruhe, als bis wir eines Abends' richtig zusammen darin saßen. Es wurde ein modernes Stück gegeben, in dem eine Geisha und ein junger Lebemann, der übrigens nach der allerneuesten Pariser Mode gekleidet war, die Hauptrollen spielten. Wohl an 2000, Zuhörer waren in dem Theater, und ergötzten sich an dem Spiele. Ich saß mit meinem Führer in einer erhöhten Abteilung, die wir 1. Rang-Balstm bezeichnen würden; unmittelbar unter uns war das Parterre, wo in hunderten von besonderen Abteilungen die Zuhörer familienweise nebeneinander aus dem Boden hockten. In der vordersten Reihe fiel mir bald ein junger Mann von vollendeter Schönheit aus, der mit besonderer Aufmerksamkeit nach der Bühne schaute und allein in feiner Abteilung saß; ich merkte aber auch bald, daß seine Aufmerksamkeit weniger dem Stücke, als einer der Schauspielerinnen galt. Es war Vies ein Mädchen von etwa 17 bis 18 Jahren, vielleicht keine Schönheit nach unserem Geschmack, aber jedenfalls eine überaus liebliche Erscheinung, von einer Anmut in Haltung und Bewegung, wie man sie selbst in Japan in solchem Grade nur selten findet, die verkörperte Liebenswürdigkeit und Hingebung. Sie wirkte als Statistin mit, zog aber trotzdem die Aufmerksamkeit gar vieler Zuschauer auf sich, da die Japaner für anmutvolle Erscheinung ein ganz besonders gutes und liebevolles Auge haben.
Wenige Schritte von mir entfernt saß ein anderer Fremder, ein vierschrötiger Mann, anscheinend ein Amerikaner, der an der schönen Statistin ebenfalls großes Gefallen zu finden schien. Er mußte bemerkt haben, daß der Japaner, der im Parterre dicht an der Buhne saß, dem schönen Wesen gelegentlich eine Aufmerksamkeit erwies, indem er ihr — und zwar ohne jede Rücksicht auf die augenblickliche Bühnenhandlmig — eine schöne Blume oder einen süßen Kuchen hinaufreichte, worauf sie dann immer unsagbar lieblich dreinfchaute und mit den langsam sich senkenden Wimpern dem Geber dankte.
Tas Stück geht inzwischen seinen Gang; Held und Heldin
stehen einander gegenüber, es handelt sich um Sein unb Nicht; em. Ta bricht sich durch alle Zuschauer des Parterres hindurch ein Kuli 'Bahn, ein zierliches Körbchen tragend, das mit bunten Bändern und Blumen reich geschmückt ist und eine ganze Last süßer Fruchte enthält. Dieses Körbchen reicht er, ohne sich durch die Püffe, die ihm rechts und links zuteil werden, stören zu lassen, dem schönen Mädchen auf die Bühne hinauf, und zugleich flüstert er ihr zu, was es damit für eine Bewandtnis hat; er weist auch zu uns hiupnf, um ihr den Geber zu zeigen, der niemand anders war, als mein Nachbar, der Amerikaner, der sich weidlich über all das amüsierte und vor Vergnügen eine tadellose Doppelreihe falscher Zähne zeigte. Die Schöne dankt, indem sie kaum merkbar ihr zartes Köpfchen senkt und dazu einen halben Blick unter den laugen Wimpern hinauf zu dem Ameri- faner sendet. Der Japaner aber im Parterre erhebt sich halb aus seiner hockenden Lage, greift aufgeregt in die ^Falten seines Kimono, als suchte er da die beiden Schwerter der Samurai, und wirft wütende Blicke zu uns hinauf. Ich beitfe so bei mir: Nun, nun, da könnte sich ja am Ende eine fürchterliche Geschichte entwickeln. Ta aber nichts weiter erfolgt und auch das weitere Spiel auf der Bühne mich zu fesseln beginnt, wende ich mich von dem Zwischenspiel ab, um es schließlich ganz zu vergessen.
Zwei oder drei Tage darauf aber sollte mir all dies wieder sehr deutlich ins Gedächtnis gerufen werden.
Mein Führer, obwohl ich ihn längst entlaßen hatte, lungerte immer noch um das Gasthaus herum, und wo er meiner nur habhaft werden konnte, drängte er mir immer wieder seine Dienste aus. Eines Morgens redete er mich beim AuSgange an; ich solle nur sofort mit ihm kommen, er könne mir etwas ganz besonderes zeigen. Ich ließ mich bewegen; wir nahmen zwei Rickschahs und fuhren los; er vornweg, ich hinter ihm her. Zunächst ging es den Hafen entlang, dann weiter durch die Stadt hindurch und schließlich in eine Vorstadt, offenbar die Gegend, wo die reichen und vornehmen Leute wohnten, denn die Hauser standen hier weniger gedräiigt und waren von Gärten umgeben. Vor einem stattlichen Hanse, das ein wenig erhöht und mitten im Grünen lag, sahen wir eine Menschenansammlung, und gerade, als wir aukamen, trug man auf einer Bahre aus dem Hanse etwas hepans, waA offenbar das größte Interesse der versammelten Volksmenge erregte: Es war eine Leiche, die in weiße Tücher gehüllte Leiche eines jnngen Mädchens. Hunderte von Frauen, aber auch viele Männer nahmen sie in Empfang und begleiteten sie auf dem Wege nach der Stadt; aber nirgends wurde ein Ton der Klage laut, nicht ein einziges Schluchzen war zu vernehmen; ja, auf den Gesichtern vieler junger Mädchen, die mit in dem traurigen Zuge gingen, lag es eher wie eine innere Befriedigung, wie ein Abglanz eines glücklichen Ereignisses.
Tie liebreizende Kiki war es, die man da trug. Da sie zueinander nicht kommen konnten, hatten sie den ,,^,iebestvd gewählt, waren gemeinfam in das Meido *) eingegangen, Sm und ihr vielgeliebter Takamuro. Tieier war nun leider bei ^eb zeit en ein etwas leichtsinniger Herr gewesen, bei all seinen ivnstigen äußeren Vorzügen. Sein Vater, der dies stattliche Haus bett bewohnte, war ein Samurai, und wenn er auch nicht mehr gleich fernen berühmten Vorfahren zwei scharf geschliffene Schwerter im Gürtel trug, so trug er doch bei feierlichen Gelegenheiten eine glanzende Uniform, denn er war ein angesehener Regierungsbeamter. Ter
*) Soviel wie Unterwelt.


