Ausgabe 
14.1.1907
 
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Heften Kräfte einemsystematischen Training" zu, das sie uit- bekümmert um Jahres- und Tageszeit ausübt. Taucht eine Gewitterwolke über dem Horizont empor, so alarmiert sie ihre Palastdamen, Eunuchen und Sesselträger und läßt sich in den strömenden Regen hinaustragen, bis sie völlig durchnäßt ist. Dafür aber ist sie eine ausgesprochene Feindin jeglichen Bades. Mit Oelen und allerlei kosmetrschen Fetten läßt sie sich einreiben. Ebenso ist sie den abendländischen Reinigungsmitteln völlig ab­geneigt. Eine Zahnbürste hat es noch nie in ihrem mit ver­schwenderischer Pracht eingerichteten Ankleideraum gegeben. Trotz­dem hat sie wundervolle Zähne, die Kaiserin-Witwe behauptet allerdings, daß sie sich diese vor allem durch ihre vegetarische Ernährungsweise erhalten habe. Ihre sonstige Lebensweise ist die unregelmäßigste, die mau sich denken kann. Sie nimmt ihre Mahlzeiten zu sich, wenn sie Lust dazu spürt. Da sie gewöhnlich um 6 Uhr morgens sich erhebt, hat der Küchenchef iHv erstes Frühstück von da ab bereit zu halten. Zwischen 10y2 und 12 Uhr nimmt sie das zweite Frühstück ein. Unmittelbar darauf beginnt in den weitläufigen Küchenhallen ein Braten, Sieden und Kochen, um die Hauptmahlzeit herzustellen, die zwischen 2 und 6 Uhr eingenommen wird. Das Auftreten der Kaiserin- Witwe ist majestätisch und ehrfurchtgebietend. Langes, weiches, schwarzes Haar umgibt ihr energisches, scharfgeschnittenes Gesicht, weite, bauschige Gewänder umhüllen ihren Körper, der straff und fest geformt ist. Ihre Füße, die nie die einschnürenden, ge­bräuchlichen Schuhe getragen haben, sind aristokratisch schmal und sein, ein Erbstück ihrer Vorfahren. Ihre Schuhe sind aus weißem Leder, tragen aber sechs Zoll dicke Sohlen. Ebenso schön wie ihre Füße sind ihre Hände, die jeden Künstler ent­zücken müssen. Ihre Fingernägel sind 10 Zentimeter lang. Damit sie nicht abbrechen können, stecken sie in Futteralen, die an der rechten Hand ans poliertem Bimsstein und aufgemalten chine­sischen Zeichen, an der linkere Hand ans Gold mit ausgehesteten Perlen und. Rubinen bestehen. Ihre Ober- und Unterkleider sind aus weicher lveißer Seide gefertigt, die wie Säcke aussehen und mit duftenden Blumenblättern gefüllt sind. Sie ist fest überzeugt, daß der Blumeugeruch jede Krankheit fernhält. Bis jetzt ist ihr Glaube auch gerechtfertigt. Eine gesündere Frau als die alte Kaiserin-Witwe von. China kamt man schwerlich finden.

* Das höchste Geschäftshaus der Welt. Die Pläne für die Errichtung deshöchsten Geschäftshauses der Welt" sind soeben in Newyork genehmigt worden. Es handelt sich dabei darum, den bereits vorhandenen Wolkenkratzer der Metropolitan- Life-Jnsurauce-Compauy in Newyork zu einer gigantischen Höhe hinaufzuführcn. Das Banwerk soll einen gewaltigen Turm er- Wlten, in dem weitere Geschäftsräume der Gesellschaft errichtet werde«. Nach der Vollendung wird das Gebäude eine Höhe von 658 Fuß haben, also 130 Fuß mehr als der Kölner Dom, der nur 528 Fuß mißt. Die Höhe wird nur vom Eiffelturm übertroffen. Der neue Turm wird zu den architektonisch«« Mcrk- würdigkeitL«. der Welt zählen. Er wird 48 Stockwerke besitze«, außer den 11 des Hauptgebäudes. Der Durchmesser soll 74 Fuß betragen; an jeder Seite werden neun große Fenster jeder Etage das nötige Licht zuführen. Die Konstruktion wird natürlich in Eisen ausgeführt und Marmor und Backstein dienen nur zur ornamentalen Verbindung der Strukturteile. Sechs Lifte werden eingerichtet; einer bon ihnen soll die ganze Reise von der Erde bis zur Spitze des Turmes ohne Unterbrechung machen. Die Kosten dieses neuen Bauwerkes sind auf 12 Millionen Mark veranschlagt. Diese himmelragenden Stahlbauten, deren Anblick alle Vorübergehenden schwindeln macht sind so konstruiert, daß kein Sturm sie erschüttert. Uebrigens ist bei stürmischem Wetter, bei erhöhter Windgeschwindigkeit die Brechung der Lustwellen an diesen Riesengebäuden außerordentlich' stark und der Wind wirbelt so heftig aufwärts, daß erfahrene Fußgänger es daun tunlichst vermeiden, in die Nähe solcher Wolkenkratzer zu kommen.

LiLeL'crrisehes.

Firuenrausch, Roman von Paul Grabei»t (Leip­zig, Grethleiu u. Co.). Der Verfasser des Romans gehört zur Klasse derAlpinisten", die ans beit wunderbaren Einflüssen der Berglandsch-aft mit ihren Gletschern und ragenden Gipfeln, mit ihren stillen Matten und gefährlichenKaminen", mit ihrer stummen Sprache und ihrem lauten Lawinendonner etwas an­deres zu schöpfen wissen als Sport und Begeisterung. Was Grafem uns da bietet au feinsinnigen, tiefpoetischen und dabei doch an der ehrlichen Realistik des Kenners belebte« Schilde­rungen der zarten Seelenbeziehungen zwischen Mensch und Alpen- uatur, das ist wahrhaft entzückend. Es überragt auch die Kom­position der eigentlichen Romanhandlung. Damit soll nicht etwa gesagt sein, daß diese minderwertig ist. Im Gegenteil. .Die feine, liebevolle Charakteristik, die er den Hauptpersonen: der tapferen Gottliebe Rhyngaert, dem armen, an der rasch ent­flammten Liebe zugrunde gehenden FührerToni" und der in etwas Marlittschem Kolorit gehaltenen Einsiedler auf dem Kastell Malmort zuteil werden läßt, erweckt unser lebhaftes Interesse. So lebhaft, daß man die düstere Tragik des Ausgangs bedauert, wen« man auch die darin liegende poetische Gerechtigkeit versteht.

Es ist der Roma« eine# zum Liebe« und Geliebtwerden prüde- steuierte« Weibes, dessen ernste Keuschheit mit dem Tode einen Fehl­tritt sühnt, der es doch von seiner sittlichen Höhe nicht heruntev- riß. Das Ganze ist ein Seetengemälde mit ernste« schöne« Linien, erfüllt von eigenartiger, herber Firnenluft.

Schloß Fechenbach. Eine wahre Geschichte aus denk Bauernkrieg erzählt Karl Blümlein in diesem schön ausgestatteten und mit acht hübschen Bildern von H. Grobet geschmückten Bande, der im Verlage der Union (Stuttgart) erschienen ist und bereits in zweiter Auflage vorliegt. Die wirkungsvolle Darstellung be­ruht auf Tatsachen, es liegt iHv die Miltenberger Chronik zu Grunde. Der Schauplatz ist die Maingegend um Miltenberg/ die Handlung spielt sich vor und ivährend des großen Bauern­krieges von 1525 ab. Zu der Schilderung des geschichtliche« und kulturhistorischen Hintergrundes sind die besten und neuesten Arbeite« benutzt tvorden. Ei« Jugend- und Volksbuch vorzüg­licher Art.

Der Sozialdemokrat.

Melodie:Ich bi« der Doktor Eisenbart.*

Ich bi« der Sozialdemokrat Willewillewit bumbum l

Kurier' die Welt, es ist ein Staat Willewillewit bumbum l

Ich mach' die Erd' zum Himmelreich Willewillewit joheiraffa l

Mach' alles irei unb alles gleich, Willewillewit bumbum l

Auch Brüderlichkeit ist mein Fall, Ich führ' herbei sie überall;

Dennwer nicht will mein Bruder sei«. Dem schlag' ich gleich den Schädel ein l"

Den Eh'stand reformiere ich:

Nach Wunsch freit man und scheidet sich, Geht morgens eine Eh' entzwei, Schließt man schon mittags Numro zwei»

Die Kinder spielen keine Roll',

Es kreischt euch nie den Kopf eins voll;

Wie viel es sind, das macht nichts aus: Sie kommen all ins Findelhaus.

Den ew'gen Frieden bring' ich auch, Die Welt vergißt der Waffen Brauch;

Dann herrscht nur Eintracht, Lieb und Ruh -« Wie's beim Parteitag schon geht zu.

Und dann die neue Produktion,

Die Arbeit gleich und gleich der Lohn Tas ist so groß und ivunderbar, Daß es mir selbst noch nicht ganz klar.

Allein sie kommt, die Zukunstswelt,

Gebt nur einstweilen euer Geld, Das ist fürwahr gut angelegt, Weil's bei mir geist'ge Früchte trägt.

Die Welt beglücken und befret'n, Soll ich's bei Käs' und Branntewein? Nein, nein, ich pflege meinen Bauch Im Zukunstsstaat könnt ihrs dann auch.

Ich bin der Sozialdemokrat, Kurier' die Welt, es ist ein Staat. Ich mach' die Erd' zuil> Himmelreich, Mach' alles frei und alles gleich, Willewillewit bumbum 1

Diamanträtsel.

In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a, b, c, e e e e, hh, ii, 11, m, nnn, e o, p, r, so», t derart einzntraaen, daß die wagerechten Reihen Fol­gendes bedeuten:

1, Einen Buchstaben.

2. Griechische Göttin.

3. Eineit Bamn.

4, Namen zweier Maler.

5. Einen Weltkörper.

6. Musikalische Bezeichnung«

7. Einen Buchstaben.

Die senkrechte und wagrechte Mittelreihe ergeben das Gleiche Auflösung in «ächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer r Reichstagswahlrecht.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- unb Stelnbruckerel, R, Lange. Gieß«,