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Durch tiefen Schnee wateten wir weiter nach Breungeshain. Vor diesem Ort begegnete uns ein Bauer, der sorgsam sein Pferd trotz der Schneeverwehungen spazieren führte, weil es das winterliche Stillstehen im Stall nicht vertragen könne. Recht so! Laß deinen Braunen keinen Stubenhocker werden, das ist auch unser Leitmotiv, deshalb hinaus ii» die klare, reine Muterluft! Nun sollte der Kreis doch wenigstens auf die erholungsbedürftigen treuen Haustiere Rücksicht nehmen und die Hauptverkehrsstraßen, so gut es geht, vom Schnee befreien lassen. Warum dies aber hier geschieht und dort wieder nicht, das kann der beschrankte Untcrtanenverstand nicht fassen. Wie dann die Besitzer oder Nichtbesitzer eines solchen Verstandes selbst sich von einem Orte zum anderen, zum Arzt usw. durchkämpfen, das bleibt jedem einzelnen überlassen; suum cuique!
In Breungeshain sah man die Strenge des Winters an den oft mehrere Meter lang, wie Orgelpfeifen, von den Dächern herabhängenden Eiszapfen; die Bauern kommen „zwischen den Jahren" kaum an die Luft, da Werden auch sie, die sonst tvcttergebräunt und stahlsest, bleich, welk und stnbensicch. Weil es so schwer im Schnee Vorau ging und der Hauptanstieg noch vor uns. lag, genehmigten wir noch einmal eine Einkehr. Eine große Kanne Kaffee rnußtc bezwungen werden. Für Kurzweil sorgte hier der 10 Wochen alte Sohn des Wirtes. Nach 11 jähriger, kinderloser Ehe seiner Eltern glaubte er nun das besondere Recht zu lnngcngyninastischen Hebungen zu haben, womit er nach Kleinkinderart sich und die Mitwelt unterhielt und was tvir ihm als gesundheitsfördernde Bewegung von Herzen gönnten.
Hinter Breungeshain nahm ich die Schneeschuhe von der Schulter und staub nun, endlich zürn erstenmal auf jenen Brettern, die die Welt winterlichen Sports bedeuten. Es ging aber gleich ganz gut vorwärts, es ist ja keine Hexerei, und bald holte ich meinen Gefährten, der schneeschuhlos vorausgegangen war und sich, oft übers Knie einsinkend im Schnee, sehr hart tat, ein und kam ohne besondere Schwierigkeiten, aber nach zwei Kniefällen, auf den Hoherodskopf. Ich merkte: das Hinfallen will gelernt fern, nnd fand, man läßt sich am bester» mit größter Unbefangen- heit fallen, etwa !vie ein Kind, oder ein Betrunkener. Dani» kommt die schwierigere Kunst des Aufstehens. Ich dachte dabei der berühmten Tiere, von denen der selige Cäsar erzählte, — ich meine diesmal Cäsar, den zweibeinigen, der irr» grauen Alter- turn in Ermangelung einer Perücke immer mit einem Lorbeer- kranz spazieren ging. Man hatte ihn» wieder einmal eine Portion Jägerlatein aufgebunden, nnd er hat cs allen Ernstes als Kuriosum der Nachwelt überliefert. In germanischen Wäldern gab es nämlich kuielose Tiere, die nach dem Umfallen nicht mehr aufstehen konnten, die sich anch zum Schlaf nicht nicderlegten, sondern sich, im Stehen schlafend, an Baumstämine anlehnten. Die Waldbewohncr, unsere sehr geehrten Ahnen, sägten eine Anzahl Bäume nn; das schläfrige Tier drückte sein Schlafkissen nm, siel Mit ihn» zu Boden, konnte nicht mehr aufstehen, und schon winkte ihm Kunzes Sparkochtopf. Das Bild eines gefallenen Skiläufers, der sich wieder ans seine eigene»» Untertanc»» und dazu noch ans die lange»» Bretter stelle,» ivill, hätte bei Cäsar den letzten Zweifel — wenn er solchen gehabt — an der Richtigkeit des ihm Erzählten sicher beseitigt.
Endlich auf dem Hoherodskopf! Außei» an der Halle grüßte unsdas Schild „Willkommen". Gerade wollte ich unter ihm durch über die. Schneeverwehimg heruntergkeiten, da lag ich auch schon den» herbeieilenden Klubwirt, der mich ans der Schneeschuh- beriemnng befreite, zu Füßen, lind dieses war der dritte Fall. W»r trafen eine Anzahl anderer Skifahrer, die schon ein paar Tage oben waren. Nun wurde anch mit dem Abwärtslaufen begonnen. Auf der „schiefe»» Ebene" gings immer rascher, die Schneeschuhe gingen ordentlich mit dem Anfänger durch. Welche Lust, dein Waldsaum entlang, der wie ein in Eis und Schnee erstarrter Wasserfall ansfnh, so lautlos durch den. weichen Schnee zi» gleiten! Die ersten Kurven wurden probiert nnd der Anstieg wieder in Serpentinen zurückgelegt. DaS Debüt meines Gefährten endete mit einem zerbrochenen Ski. Schadet nichts! Besser das Holz zerbrochen, als die Knochen; erstens ists billiger nnd dann soll es auch weniger schmerzhaft sein.
Mittlerweile war cs Nacht geworden und »vir eilten nach dem endlich verdienten Abendessen. Dann wurden die Lichter des Christbaums angezündet, , auf dem Pianino ertönten Weihnachtslieder, Skiläufer und die Familie des Klubwirts fange»» mit. Hier oben gehörten alle, die sich einsam, von Schnee und lSi§ cingeschlossen, zusammcngesnndcn Hatten, zu einander. In dicfen, Momenten war das Sälchen des Klubhauses eine Kirche und eine einfache Andacht zog uns durchs Gemüt.
Gegen 9 Uhr abends brach der Mond aus dem Gewölk hervor und schien mit so klarem, gesättigten» Licht hernieder, daß cs einige von uns mit unwiderstehlicher Gewalt hinanszvg, noch einmal in abendlicher Stille durch die tiefe Ruhe und Erhabenheit einer großartigen Winterlandschaft auf Schneeschuhen über die mondschein- geblendete Fläche dahinzuglcitcn. Das Mondlicht glitzerte auf den Eiskristallen. Man sah cs hie und dort aufblitzen, »vie tausend Leuchtwürinchen, an den Tannenbäumche»» der Hecke, im Gärtchen vor den» Klubhaus und auf der weiten Schneefläche draußen. In eisiger Pracht stand der Wald.
Nach gemütlichem Zusammenseil» suchte man sein Lager auf. Um 11 Uhr schlug djür Hund an; cs waren noch auf Schnee
schuhen zwei Spätlinge gekommen, die ebenfalls Nachtguarticr heischten. —
Am anderen Morgen lachte die Sonntags-Frühsonne mit blendendweißem Schein über den Schnee, in der Tiefe wallte»» die Rebel und über in»8 blaute der Himmel. Wir machten eine .Schneeschuhexkursion in die Waldschneise nach dem Taufstein zu. In ben schneeüberzogeucn Buchengipfeln hob sich das Gezweig, vo»r Somienglanz übergossen, silberweiß vom tiefblauen Himmel ab. Hinter dem Hochwald sähe», »vir die jungen Fichte»» über »mb über mit Schnee behangen, als wollte»» sie unter der Last ihrer »veißei» Mäntel brechen, ftunnn »mb trotzig, schöner wie eine SiegeSallee, siegreich gegen den Feind des Lebens, die eisige Kälte.
Am Mittag fuhr ich allein auf Schneeschuhen talwärts, legte mich beim Versuch, einen Graben zu nehmen, um, maß anch noch einmal auf der Ortsstraße in Breungeshain zum Gaudium der zuschauenden .Dorfjugend meine Länge auf der glattgewordenen Fahrbahn aus n.nd langte in l»/z Stunde;» am Bahnhof in Schotten an. —
Gleich nach Neujahr gings iuicber über Schotten auf beit Hoherodskopf, allein, aber diesmal schon die ganze Strecke über den Gackerstein auf Schneeschuhen, äeitte vom Schlag des ungläubige»» Thomas meinten, weil in Gießen und in der Wetteran wegen des Tauwctters kaum noch Schnee zu sehe»» war, sei im Vogelsberg auch schon wieder alles heruntergesiossen. Lernt erst ben Vogelsberg rmstig kennen und dann urteilt! Die gewaltigen Schnecmassen hatten dort das Tauwetter fast gär nicht gespürt, höchstens hatte es an der Oberfläche Glatteis gegeben. Deshalb arbeitete man fich auch mühsam vorwärts. Ais cs gegen Abend ging, wurde es mit einem Schlag, fast ohne Dänrine- rung wie in ben Tropen, neblig und ganz düster. Von Breunges- hain und Busenborn dränge»» die Kircheriglocken, die den Abend vor Sonntag einläuteten, so deutlich herauf, als fei man nahe dabei. Kein gutes Wetterzeichen! Auch Hangen die Stimmen der in Breungeshain mit. ihren Schlitten fahrenden Kinder wie ans nächster Entfernung ans Ohr. Ich war am Gackersteiir schon vorbei, nahm die Richtung auf die Anhöhe, d. h. ich verfolgte eine Schueeschuhspur, die ich gerade noch immer kurz vor mir erkennen konnte. Da sah ich plötzlich — nur Nebel und Woltcn- fchleier konnte;» int Zwielicht zwischen düsterer Nacht und dem unbestimmten Schein ocr Schncesläche das Bild so gigantisch vergrößert haben — dicht vor mir irr dunklen Umrissen einen Waldrand, auf den tzn meinex Verwunderung die SchneefchuhsMr meines Vorgängers zulief; ich mußte mit jedem Schritt vorwärts gegen einen Baum rennen und kam doch nicht wesentlich näher. Auf einmal waren die Wolkennebel, so schnell wie sich ein Theatervorhang teilt, wie von Zauberhand verweht nnd in die Höhe gehoben, und der Träger meines Waldrandes und dieser, selbst lag, nur noch schwach sichtbar, durch eine Mulde von mir getrennt, mindestens noch »4 Stunde weit vor mir. Das erste Gefühl »vor eine gewisse Beklemmung und Beschämung über dieses Gaukelspiel der Natur. Dann mischte sich aber in ben Unwillen über das Geüfft- fein durch unsere Allmeisterin, doch die Befriedigung, eine in unserer Gegend sicher feltcne Naturerscheinung, eine richtige Luftspiegelung, die Fata »norgana der Wüste, gesehen zu haben.
Nun ging ich doch rascher vorwärts, dem» wieder versperrten die Nebct den Ausblick.
Die Schueeschühe wollten durch den knirschenden, gefrierenden Schnee nur widerwillig weiter. Nun mußte rnich der wachsame Hund des Klnbhauses durch die stille Nacht gehört haben, er schlug an und sein Bellen war mein Kvinpaß, bis mir endlich das woR- tuend durch die Fenster hinausstrahlende Licht verkündete, daß ich mein Ziel erreicht. Hier traf ich meinen Spurenmacher, der sich gerade zum Abfahreu rüstete. Ich übernachtete im „Fürstenzimmer". In der Nacht setzte ein strammer Wind ein, dessen Brausen und Dröhnen manchmal »vie Stromesraufchen, bann wieder wie das Rollen eines näher kommende»» Eifenbahnzuges klang, oder wie ein fortwährendes, geheimnisvolles Raunen, erzählend, klagend, vielstimmig, wie Orgelton, eine ganze Symphonie!
Am «»»deren Tag hatte sich erneut Glatteis gebildet. Die Talfahrt war schlecht; ein fremder Skifahrer fuhr mit mit über ben Gacker stein, bort verirrten wir »ms, käme»» im Nebel auseinander ; plötzlich stand ich am Breungcshamer Pfarrhof, hatte nun fchlcchtcn, aber bckauiiten Schnecdoden unter mir, verpaßte bei» Zug in Schotten, fiel mir die Hände auf nnd war herzlich froh, als ich unter mir »nieder einen Stuhl und vor mir ein Glas Bier hatte nnd in Gemütsruhe auf dm letzten Zug »uarten konnte, wo ich meinen Ski-Kvllegcn, der nach Rudbingshain ab- gekomnie»» war, wieder traf. — Ski-Heil!
Vermachtes.
* „Die merkwürdigste Frau der SSelt" nennt die amerikanische Schauspielerin Katherine Carl die Kaiserin-Witwe von China, in deren Nähe sie lange genug gelebt hat, nm sich ein Urteil über sie bilde»» z»» können. Das erste, was ihr an der „alten Urahne", »vie sie von ihren vierhundert Millionen Untertanen genannt »virb, aitffief, war die außerordentliche körperliche und geistige Frische, die der 72 jährigen Fra»» ein Aussehen verleiht, das aus eine kaum Vierzigjährige schließen lasse»» könnte. Die Kaiserin-Witwe selbst schreibt die .Erhaltung ihrer körper-


