Der große, gebückt gehende Mann begleitete seinen jungen Herrn bis zur Stalltür und sah ihm nach, wie er über den rnondbeglänzten Hof schritt.

Eine Seele von einem Menschen ist er!" murmelte er vor sich hin,kann's nur nicht zeigen. Ich weiß ganz gut, daß es um Leben und Tod ging damals, aber damit darf inan ihm ja nicht kommen. Gott, und wenn's die Gnädige wüßte! Schimpf und Schande würd' er ernten, die hat nichts über für unsereinen und für den Sohn ja auch nichts. Weiß der Teufel, warum? Mir ist er doch der liebste von denen da drüben."

Und so vor sich hinsprechend, ging er wieder zu seinen Pferden zurück. Bei derLenka" blieb er stehen, schüttelte abermals sehr energisch mißbilligend den grauen Kops und klopfte ihr mitleidig den glatten Schenkel.

So'n Reiter wirst du nicht mehr finden, Lenka, der dich so lieb haben wird."

Dann nahm er seine nächtliche Stallwachs wieder auf, indem er sich auf sein Strohlager warf, um das unterbrochene Schläfchen fortzusetzen.

VI.

Es war ein Jahr darauf. In Sst. stand die Gesellschafts­saison auf ihrer vollen Höhe. Man sah sich eigentlich nur noch auf dem blanken Boden des Parketts, bei Gaslicht oder dem modernen Dämmer rot verschleierter Lampen, das seiner vorteilhaften Wirkung, wegen bei den Damen ganz besonders beliebt war.

Unter dem reichen Damenflor war auch dieses Jahr Isa Bauer, wenn auch nicht die schönste, so doch die begehrteste Tänzerin.

Sehr zum Verdruß der Herrenwelt begünstigte sie zum ersten Male einen ihrer Verehrer auffallend und das war vnbegreiflicherweise der Freiherr von Tressenberg. Als er im vorigen Jahre aus seiner Verbannung, die damals durch ein Kommando bei der Infanterie verlängert worden, zurückgekehrt war, hatte die Saison sich bereits ausgelebt, das neutrale Gebiet, die Eisbahn, wurde von einem zeitigen Frühjahr aus der Liste der willkommenen Rendezvousplätze gestrichen und so hatten Isa und Tressenberg sich nur flüchtig getroffen. Das Band zwischen ihnen schien völlig zerrissen.

Aber was Winter und Frühling nicht vermocht hatten, das gelang dem Soinnier, an dessen langen Abenden sich die Jugend beider Regimenter auf den beiden großen Spiel­plätzen, die dicht neben einander lagen, zum Lawn-Tennis zusannuen fand.

Im Eifer des Spiels hatte die impulsive Natur Isas schnell die alte Vertraulichkeit wieder gefunden, um die der Freiherr von Tressenberg so eifrig warb. Und ganz allmäh­lich verstrickte sie sich unlösbar in die Fesseln, welche der junge Offizier um sie schlang. Sie fand es später im Ballsaal ganz selbstverständlich, daß er seine Huldigungen fortsetzte und lebte fürs erste der sonnigen Gegenwart, ohne vorläufig an die Zukunft zu denken.

Für die Gesellschaft hatte das Paar an Interesse verloren, seitdem die Wahrscheinlichkeit einer alltäglichen Lösung vor­auszusehen war. Die jeweilige Hausfrau war froh, die beiden nebeneinander setzen zu können, ohne einen Mißgriff be­fürchten zu müssen und das Bauersche Ehepaar hatte in bezug auf die Pflegetochter Hochmutsanwandlungen und fand nichts befremdliches darin, daß ein Freiherr von Tressenberg sich um sie bewarb, lind von jedem Tag erhofften sie die Ent­scheidung.

So standen die Dinge an dem Abend, als der Präsident von Rössel in den Räumen der Eisenbahndirektion einen Ball gab. Es war der erste Privatball in diesem Winter.

In dem schönen, mit Wandmalereien geschmückten Tanz­saal gab es ein buntes Gewoge lichter Toiletten, gold­strotzender Uniformen und rot leuchtender Jnfanterickragen, neben denen der schlichte schwarze Samtkragen der Artilleristen zu seiner vollen vornehmen Wirkung kam, während die Herren in Zivil den Vorteil hatten, nur durch ihre persönliche Er­scheinung sich das Feld zu erobern. Die Tanzkarten der Damen wanderten von Hand zu Hand und manch schüchterne

Ballnovize begann erleichtert aufzuatmen angesichts der auf ihrem Kärtchen hingekritzelten Namen.

Isa Bauers Tanzkarte war längst voll besetzt. Soeben hatte sie denschönen Schmieder" auf eine Extratour ver­trösten müssen. Er verneigte sich und sah sie unter halb ge­senkten Lidern kritisch bewundernd an, wie man ein Bild an- sicht, ohne seinen Besitz deshalb zu wünschen. Isa schien größer geworden und schöner. Ihre dunklen Augen hatten etwas von ihrem Feuer verloren, aber einen feuchten, sehn­süchtigen Glanz angenommen und die vollen, roten Lippen umspielte ein geheimnisvoll glückliches Lächeln, als hätten sie unnennbar süßes zu verschweigen. In ihre Bewegungen war etwas lässig träumerisches gekommen.

An diesem Abend trug sie ein weißes Kleid aus leichter, plissierter Seide, am spitzen Ausschnitt ein paar herrlicher La France-Rosen, sonst keinen Schmuck kein Kettchen um den etwas mageren Hals, keine Nadel, kein Armband nichts.

Sie plauderte heiter und unbefangen mit dem blonden Artilleristen, ohne daß sich in ihrem Benehmen die leiseste Unruhe verriet. Und doch fehlte der Freiherr von Tressen­berg noch in dem Schwarm der Gälte, da er erst mit dem um acht Uhr fälligen Zuge von einem zweitägigen Jagd- ausfluge zurückkehrte,

(Fortsetzung folgt.)

Mm die Jahreswende im Wogeksöerg.

Ski-Skizze von I. K. S.

De'r letzte Sonntag des alten Jahres sollte dem fclmeereichen Vogelsberg gewidmet werden. Wir fuhren deshalb am Samstag morgen Nach Schotten, wo als dritter im Bunde ein ganz brauner Geselle hinzukam, dem wir den edlen Namen Cäsar gaben. Er war dafür sehr dankbar, machte allerdings keine vielen Worte, denn das war nicht seine Art, ging aber mit, wohin wir wollten, und hatte uns offenbar gleich in sein vierbeiniges Herz geschlossen.

Bon der Hauptstraße abbiegend, zeigte ich meinem dort noch fremden Begleiter die Sehenswürdigkeiten der Stadt, das Schloß ljetzt Amtsgericht), die Kirche mit dem alten Brunnen und das stilvoll wiederhergestellte, ehrwürdige Rathaus. Hinter Schotten führte unser zugelaufene Freund eine kleine Jagdszene auf. Er hatte einen Meister Lampe aufgespürt rmd jagte ihn über die Schneefelder. Das tzüsleiu sank aber nicht so tief im Schnee ein wie der Jagdhund und war flinker. Beinahe hätte es aber doch mit Huudezähnen unliebsame Bekanntschaft gemacht, denn Cäsar lies; rafsinierterweise kurz hintereinander ein tiefes Bellen und ein hohes Gekläff hören ; Lampe stutzte und war unschlüssig, wohin er sein Fell in Sicherheit bringen sollte. Waren nun auf einmal mehrere Hunde auf seiner Fährte? Er rannte,eine zeitlang kopflos kreuz und quer. Daran, hatte es Casar abgesehen und dachte ihm den Weg abzuschneiden. Bald gewann aber auch bei dem Hasenherz die ruhige Ueberlegung die Oberhand, denn Mut zeigt auch der Mameluk. Der Zickzackkurs hörte auf, die Richtung wurde wieder zielbewußt. Dann machte er ein Männchen/ nm Umschau zu halten, lief aber, als er merkte, daß der böse Feind noch hinter ihm her. >var, eilig weiter, und in großen Sprüngen, so groß, als sie dfe Hasenkonstitutlon nur gestattet, nach einer nahen Mühle, hoffentlich nicht aus dem Regen erst recht in die Traufe, in Gestalt eines bissigen Hofhundes.

Vor Michelbach schenchte Cäsar, der überall herumwitterte, eine Kctte Feldhühner auf. Sie strichen, etwa eilt halbes Dutzend, mit graziösem und leichtem Flug an uns vorbei, v,ni Sommer fliegen sic schwerfälliger, da haben sic zu gute Tage; im Winter breitet aber der Schnee erbarmungslos sein unendliches Leichen­tuch über ihre Fleischtöpfe; dann ziehen auch sic in die Nähe der menschlichen Wohnstätten, hoffend, daß das größte Raub­tier der Erde ihnen ein paar Abfälle gönnt. Nur die Starken retten sich durch den strengen Winter; wer nicht mitfliegen kann, bleibt einfach liegen und fällt dem gefräßigen Zahn eines Fuchses oder der mörderischen Kralle eines Raubvogels zum Opfer. Unter solchen Betrachtungen kamen wir nach Michelbach, tvo ein Grog als zeitgemäße Einrichtung ohne Debatte einstimmig bewilligt wurde. Während ich auf seine Fabrikation wartete, fesselte eme Ziehharmonika von gewaltigen Dimensionen, die Zither des Vogelsbergs, mein Interesse. Ich nahm sie von der Bank und in Bearbeitung, sehr zum Leidwesen Cäsars. Denn er fchuitt fürchterliche Grimassen, heulte, daß es einen Stein hätte er­weichen können und sah das musikspendende Etwas mit einer Miene au, als wollte er sage»; Hör' auf mit deinem Kunst- genuß! Ich tat ihm den Gefallen und stellte, die musikalischen Experimente rasch ein, fühlte ich mich doch meinem vierbemigen Auditorium kongenial, denn auch mir flößt die Ziehharmonika ein gelindes Grauen ein und ich höre sie am liebsten, wenn sie nicht gespielt wird.