Montag den 14. Januar
1907
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Menschenleben, die lügen.
Roman von H. Ehrhardt, Verfasserin von „Mittellose Mädchen".
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Der junge Offizier beachtete die beiden nicht. Er blieb in der offenen Tür einen Moment stehen. Die Nacht war bitter kalt, aber zauberhaft schön. In dem bleichen Mondlicht warfen die Stallgebäude tiefe Schatten auf die glitzernde Schneedecke.
Joachim schritt über den knirschenden Schnee den Ställen zu. Vorsichtig öffnete er eine der nur angelehnten Holztüren. Feuchtwarmer Dunst quoll ihm entgegen. Eine trübe hrennende Laterne schaukelte an der Wand und malte unsichere Lichtflecken auf die Gestalten der Pferde in ihren Ständen.
Gleich bei dem ersten in der Reihe machte Joachim Halt. Mit der Hand über den glatten Pserderücken fahrend, tastete er sich bis zu dem Kopf des Tieres hin.
„Lenka!" flüsterte er in einem Ton, den nur der Kavallerist für seine Pferde zu haben pflegt. Die kluge Stute spitzte die Ohren und wandte den Kopf zur Seite.
Ter junge Offizier schlang den Arm um den Pferdehals und drückte seine Wange dagegen. Eine Bitterkeit war in ihm, die er so stark noch nie empfunden hatte. Er stöhnte laut auf.
Im Stroh raschelte es vernehmlich. Aus dein Halbdunkel einer Ecke hob sich in plumpen Umrissen eine menschliche Gestalt.
Der junge Offizier hatte sich aufgerichtet.
„Lorenz!"
„Zu Befehl, Herr Leutnant!"
Der Mann taumelte schlaftrunken näher und das matte Licht der Laterne fiel auf ein verwittertes, altes Gesicht.
„Der junge Herr kommen noch mal zur ,Lenka'?"
Er sprach in der vertraulichen Weise des Dienstboten, der seinen jungen Herrn hatte aufwachsen sehen.
„Wie sie sich freut — ja, ja, so'n Tier fühlt auch, wer's gut mit ihm meint. Der £>etx Leutnant sollten sich das Pferd diesmal mitnehmen."
Joachim ivar auf den Gang hinaus getreten, er trug die Spessartmütze so tief in die Stirn gedrückt, daß sein Gesicht völlig im Schatten war.
„Mein Bruder wird das statt meiner tun", sagte er ruhig, „die Stute gehört ihm seit heute."
„Nee, nee."
Der Alte schüttelte ungläubig den zerzausten Kopf.
„Das möcht' ich nicht zligeben, junger Herr, nichts für ungut, wo der Herr Baron sich so geplagt haben, das; die ,Lenka' überhaupt ein brauchbares Reitpferd geworden ist,
so'n Biest, wie sie war, so'n infamiges, mit dem kein Mensch fertig wurde. Sie haben sie doch immer geritten, Herr Leutnant, wenn Sie hier waren, jeden Tag, alle sagen überhaupt, sie gehört schon zu Ihnen deshalb und nun soll der Herr Dietrich — aber nein, das wäre ja gegen alle Gerechtigkeit."
Joachim lachte aus.
„Es gibt keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt", sagte er schneidend, „merk' er sich das, Alter."
Der starrte ihn verständnislos an.
„Schade, jammerschade!" murmelte er, immerzu den Kopf schüttelnd.
Joachim ignorierte sein Bedauern»
„Wie geht's zu Hause, Lorenz?" fragte er freundlich, „was macht die Frau und wo sind Ihre Söhne jetzt?"
„Nu, 's geht, junger Herr, meine Alte ist halt viel kränklich, und es will ihr nu partout nicht in den Kopf, daß sie nicht mehr so viel schaffen kann, wie früher, da jammert sie manches Stückchen, Und bange ist ihr halt auch recht. Die Jungen sind doch alle aus dem Hause, 's ist so heutzutage, alle wollen sie in die große Welt, nur nicht auf dem Lande bleiben, das ist ihnen zu gering. So sind sie denn alle in großen Städten, alle Kutscher bei vornehmen Herrschaften und haben ihr gutes Auskommen. Nu ist auch der Jüngste seit Michaeli bei einem sehr reichen Herrn in R. eingetreten, der Franz, wiffen Sie, Herr Baron, den Sie damals aus dem Wasser gezogen haben, als er auf dem Teich drüben einbrach, Tas vergißt er Ihnen nicht, der Junge, das hat er oft zu mir gesagt: „Vater," sagte er immer, „weißt du, daß mich der Herr Joachim damals unter dem Eise vorholte, wo ich doch ganz allein schuld daran war, und daß ich ihm zuschwören mußte, außer Euch niemandem davon zu erzählen, das werd' ich ihm mein Lebtag gedenken und ich wünschte mir, ich könnt's ihm vergelten," Durch's Feuer ging er für Sie, Herr Leutnant."
Dem Alten kam die Rührung und er fuhr mit der schwieligen Faust über die feuchten Augen«
„Lassen Sie doch die alte Geschichte, Lorenz!"
Der Offizier wehrte fast ärgerlich ab.
„Sic bauschen sie zu einer Heldentat auf und die ganze Sache war gar nicht erst wert, daß darüber ein Wort ver- koren wurde."
Er brach hastig ab.
„Adjes, Lorenz!" sagte er, dem Stoller die schmale gepflegte Hand reichend, „grüßen Sie mir die Jungen bei Gelegenheit und besonders den Franz und ich freue mich, wenn er an mir hängt, obgleich ihn die Errettungsgeschichte zu nichts verpflichtet."


