670

krischen Birnen andrehen. Bei der im Atelier sofort herrschenden Helle vermochte Hansemann bequem den Löschbkattabdruck im Spiegel zu studieren.

Thommen war neben ihm herangetreten und wies nun ans besonders deutlich bemerkbare Stellen.Ta ist Narbe zu lesen, daneben etwas verwischt einzelne Buchstaben, die im Zusammen­hang wohl oberhalb heißen sollen . . . dann wieder hier: Winkel .... 45 . . ."

DaS ist freilich mehr als einleuchtend," meinte der Nat, das Löschpapier wieder einsteckend.ES handelt sich um die Beschreibung der Narbe. Ja, nun glaube ich Ihnen, daß wir durch eine gewissenlose Täuschung hinterS Licht geführt worden find. Ich bin begierig, was dieser Walden uns zur Antwort geben wird."

Wenn wir ihn überhaupt noch Wiedersehen!" schaltete der Kommissar trocken ein.

Tas kann uns jetzt nicht kümmern!" brach der Rat kurz ab, sich gewaltsam zu gelassener Haltung zlvingend.Wir sind hier im Ticnst und tooUen unsere Schuldigkeit tun." Damit begamt er mit der zweckentsprechenden Verteilung der Beamten, um die Haussuchung so gründlich wie schnell zu erledigen.

Wider Erwarten war die Ausbeute eine äußerst geringe; es fand sich überhaupt nichts direkt Verdächtigendes, was man mit den Vorkommnissen der kritischen Nacht hätte in Verbindung bringen können. Nur in einem Winkel des Ateliers, versteckt hinter alten Kleidern, wirrem Gerümpel unb dergleichen mehr, zog man einen Holzkasten hervor, schmal und poliert, ungefüllt mit einer Kollektion von Oelfarben, wie sie für den Bedarf in Drogengeschäften vorrätig gehalten werden. Weder Kasten noch Inhalt schienen verdächtig; da Hansemann jedoch alles sehr- gründlich nahm, so schraubte er den Blechverschluß voit ein el­fen' Tuben.

Ta war er freilich sehr überrascht, als er statt der nach der Aufschrift vermuteten Farbenmischung etwas Knitteriges, Bläu­liches entdeckte, bas sich bei näherer Besichtigung als ein sehr realer Wert entpuppte; es waren zwei Einhundertmarkscheine, welche unvermutet Auferstehung feierten.

Natürlich war die Wißbegiexde des Rats nun erst recht ge­weckt; er öffnete Tube um Tube und hatte immer die Genugtuung, einige verknitterte Banknoten dem engen Gefängnis z-r entneh­men. Einige der Farbtuben enthielten sogar Tausender. Als auch die letzte der 24 Tuben ihren kostbaren Inhalt her- gegeben, stellte Hansemann fest, daß alles in allem 34 000 Mark in deut Farblasten verborgen tonten.

Für'nen Maler ist das ziemlich reichlich!" brummte Thom­men.Ehrlich verdientes Geld scheint das gerade auch nicht zu sein, sonst hätte cr's doch nicht so versteckt."

Das möchte ich nicht behaupten," widersprach Hansemauu, der dabei war, die Bankitotennummern aufzuschreiben.Witte ist Junggeselle und einen großen Teil seiner Zeit nicht zu Hanse; daß er sich vor unliebsamen Ucberraschungen sichern will, finde ich nur begreiflich."

Dazu gibt's doch Banken. Der Herr scheint mir ohnehin eitel, sonst würde er sich doch nicht Zigaretten mit seinem Mono­gramm habe unfertigen lassen . . . es klingt doch auch ganz verd . . gut, so sagen zu können: werde Ihnen eine Anweisung auf meine Bank geben. Ich glaube, die meisten seiner Kollegen kriegten schon vom bloßen Zühören einen Rervenschlag."

Hansemann lachte kurz auf.Apropos", erkundigte er sich dann.Zogen Sie bei den Gebrüdern Kriatzky Erkundigungen ein?"

Gewiß, Herr Rat. Die Sache mit den Zigaretten stimmt. ,M W."-Zigaretten sind dutzendmal geliefert worden : Witte jedoch hat sein Monogramm selbst entworfen und cS kam nur für die von ihm bestellten 5 Mille in Verwendung."

Damit ist der Beweis geliefert, daß die von Walden in der Droschke aufgefundene Zigarette dem Maler gehörte und von ihm weggeworfen sein muß."

Falls Walden uns nicht etwas vorgeslmckrt und den Zi­garettenrest aus dem Aschenbecher in Ihrer Wohnung genommen hat, Herr Rat", warf der Kommissar trocken ein.Zum Hebeis sluß kann Witte, was sogar sehr wahrscheinlich ist, mit seinen Monogramm-Zigaretten sehr splendid umgegangen sein. Tie Mög­lichkeit liegt vor, daß sogar der Trunkene davon besessen und ver­sucht haben kann, sich eine in der Droschke anznzünden."

Hansemann kam nicht zu einer Entgegnung. Durch den Spie­gel sah er die Gestalt eines eben ins Atelier tretenden Manües.

Servus, altes Haus," ließ sich eine heiser klingende Stimme vernehmen,was ist denn los bei Dir, weil alles hell erleuchtet ist? Ich glaube gar, Du willst den jüngsten Erfolg begießen und

bist undankbar genug, mich nicht dazu einznladen. . . doch ich will Dir"

Was er wollte, ließ der Ankömmling unausgesprochen, denn er verstummte mitten im Wort, als ein flüchtiger Orientierungsblick aufdie in reger Tätigkeit begriffenen Männer ihm die Ueberzeuguug beigebracht, daß diese wahrscheinlich nicht zu einem Trinkgelage geladene Gäste waren. Dann fiel fein Blick auf den beim Hören des Stimmenfanges sich hurtig umkehvenden Rat. Diesem ins Gesicht schauen, sich schleunigst umkehren und mit einem heiser vor sich hingemurmeltenEi verd. . . ." so rasch wie möglich Atelier und Wohnung wieder verlassen, war bei dem seltsamen Besucher das Wer? eines Augenblickes.

Nanu, bei dem rappelt's wohl?" fragte Thommen betroffen. Es scheint ein Bekannter des Malers zu sein . . . vermutlich gerade so'n verbummeltes Genie."

Hansemann hörte garnicht auf ihn; mit fast wilden Sprüngen stürmte er dem so unvermittelt wieder Verschwundenen nach.Sie da, so hören Sie doch . . bleiben Sie 'mal ftieften . . . Kundt . . so warten Sie doch. Sie Narr . . . denken Sie, ich hätte Sie nicht auf den ersten Blick erkannt?"

Jedoch seine Worte erzielten nur feie Wirkung, daß die schleu­nige Entfernung des anderen, sich immer fluchtähnlicher gestaltete. Sich über die Treppengeländer beugend, sah der mit seiner Kurz­atmigkeit kämpfende Rat den Besucher in weiten Sprüngen, immer vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppen heruntereilen. Vergeblich blieb es, daß er nun einige der Polizisten herbeiwinkte und sie dem Flüchtigen nachschickte. Sie kehrten wenige Minuten später zu dem ungeduldig am obersten Treppengeländer ihre Wieder­kehr Erwartenden unverrichteter Dinge zurück. Der auf seinen eiligen Rückzug bedacht Gewesene hatte es verstanden, im Straßcn- gewühl alsbald unterzutauchen und sich unsichtbar zu machen.

Auf welchen Zufall? Von was sprechen Sie überhaupt, Herr- Rat?" erkundigte sich Thommen, der sich aus dem ganzen Vor­fall augenscheinlich keinen Vers zu machen wußte.

Haben Sie Kundt wirklich nicht erkannt?" fragte der Rat grollend zurück.

Kundt?" erstaunte sich der Kommissar.Sie meinen doch nicht den verbummelten Doktor?"

Oder den Talmigrafen und den Schwindelbaron.... oder welche Spitznamen der Kerl sonst noch hat . . . natürlich war er's. Ich habe ihn selbst nach langer Streife damals verhaftet, als er in die Raubmordgeschichte in der Köpemcker Straße ver­wickelt war."

Ja, so, die Ermordung von dem Geldbriefträger Hundert­mark. Die Geschworenen haben feen Kundt später mangelnder Beweise wegen freigesprochen."

Das ist ärgerlich!" brummte Hansemann, wieder ins Ate­lier zurückkehrend.Wer konnte aber auch ans einen solchen Zufall sich gefaßt machen!"

(Fortsetzung folgt.)

A>rs Kaus ^oppert in Gießerr.

Bon Dr. Julius V a tt ml *)

Bisher hat die moderne Landhansbauiveise außerhalb der Städte, in denen sie von ansässigen Künstlern gepflegt wird, nur recht geringe Verbreitung gefunden. Ist' schon an jenen Orten selbst der Widerstand der breiteren Schichten der Be­völkerung gegen das Neue nicht gering, wie viel stärker macht er sich 'an kleineren Plätzen geltend, deren Einwohner weit schwerer Gelegenheit haben, mit dem Streben unserer Künstler bekannt zu werden; die Provinz, die Kleinstadt mit ihrer Eng­herzigkeit und ihrem lediglich aus Beschränktheit beruhenden'Dun­kel . sind die ärgsten Feinde alles guten Neuen.

So sucht man denn auf dem Lande noch beinah« vergebens nach Spuren der modernen Kunst. Ihre plumpe Nachahmung frei­lich, dieSezessionskunst", Fabrikware minderwertigster Art, schlechter und wertloser noch als jegliche Stilnachahmung des 19. Jahrhunderts, hat Eingang in die hintersten Winkel des deutschen Reiches gefunden und es damit der wirklich gediegenen Arbeit umso schwieriger gemacht, in einem derart oberflächlich gepflügten und mit Unkraut besäten, unter den Furchen aber steinharten Boden Wurzel zu fassen. Wo dennoch der wirklichen Kunst zum Siege verholsen ward, bedurfte es des Einsatzes einer ganzen Persönlichkeit. Doch solche. Fälle sind bisher nicht häufig. Es tft bezeichnend und erfreulich zugleich, daß kleine Universitäts- städte.mit dem guten Beispiel vorangehen. Pauloks Haus Lange m Tübingen war eine der ersten Schöpfungen der modernen Wvhnnngskunst. Run ist Gießen mit dem Hause Poppert gefolgt.

*) Aus dem reich illustrierten Novemberheft feer von Hos- rat Koch herausgegebenen ZeitschriftI n n e n de koratio n", das n. a. auch einen sehr lesenswerten Aufsatz von Dr. Gustav! Zieler aus Frankfurt überModerne Bühnendekoration" ent­hält.