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aus dem Holze, das hübsch gerade wächst, hübsch bedächtig und langsam in die Höhe, Zweige ansetzt, die Aeste werden, die Aeste Kronen bilden — weißt, so breite, volle Kronen, in denen tue „goldnen Früchte" hangen im Sonnenschein — hübsch geborgen vorm Sturme--Ja,
es könnte anders sein!"
„Nun sei mir still! Nimm's doch, wie's ist."
„Ja, wie's ist — mit geflickten---er hüstelte--
Hosen und zerrissenen Schuhen, daß die Sonne die Zehen liebkosen kann! lind den grauen Hunger im Leibe und den Brand in der Kehle! Und immer so die Landstraße hin — mit all dem Talent zwei zerlumpte Kerle! Wie's eben ist, du hast recht."
„Ja, aber dafür hast du doch gelebt! Gelebt hast du doch, hast du denn das vergessen? Sakra! Und nun laß mir mal das Lamento!" Er schüttelte sich und warf die Arme in die Luft: „'s ist doch was Herrliches, so recht, so recht gelebt zu haben!"
„Weißt was, ich ärgere mich halb drüber."
„Sauertopf! Tenk, die felige Erinnerung!"
„Hm — herrje! — aber man wird nicht satt davon."
Ter Bonvivant von ehedem blieb stehen und maß ihn mit großen, verachtenden, strafenden Augen —: „Philister !!"
Noch streckte er straff den rechten Arm abwärts und wies mit dem Zeigefinger tief zur Erde, als er schon mit großen Schritten vorwärts stürzte.
Ter Tragische seufzte dazu.
Und der Bonvivant ließ eine Rede vom Stapel:
„Tenk nur, wie wir gelebt haben! Wie wir gelebt haben! Genossen vis zur Hefe! Weiber und Champagner! Immer verliebt, immer fidel! Wonne, wo ist dein Ende, Leben, wo ist dein Stachel!"
„Na!" warf der Tragische rasch ein.
„Und denk an den Alten, —wie hieß er rasch? — egal! — dem wir den Kontrakt brachen! Den haben wir unser gehörig Teil geärgert, den Schubjack par excellence! Zehn Jahre "ist er srüher gestorben, ich wette dir. Gott gehab ihn fröhlich! — Und denk an die Gläubiger, die noch auf ihr Geld warten! Tes Nachts träumen sie heute noch von uns, die Geizhälse, und am Morgen ist ihr Aerger doppelt. An deine Wirtin denk, deinen . Schneider, deinen Schuster — und die Angedenken, die sie dir bewahren, und die Segenswünsche, die sie für dich haben! So was tut wohl!" .
„Sela! — Auch ein Trost!" knurrte der Tragische.
„Ter Mensch. muß sich zu trösten wissen, du bist ein Prachtkerl, ich sag's ja; immer findest du das Richtige! Bruderherz! — Und denk an die dicke Jule und an die schlanke Lisbeth Und an die schöne Emma und an die blasse Milli und an die süße Lizzi und an das zimperliche Käth- chen! Und an die keusche Flora und an die prüde Evi und an die fromme Anna! Tie mit der dicken Nase — prrr! Tie mit den falschen Locken — prrr! Die mit den großen Füßen — prrr, prrr! Nu schüttel dich. „Nur durch das Morgentor des Schönen drangst du in der Erkenntnis Land!" Glücklicher! Laß dich preisen! Hochfingen will ich dir!"
„Aber nun lass'! Lass', lass' — ich Vertrag das nicht! Tas tut mir weh, weil's so lustig ist, es macht mich traurig, weil's so schön ist!"
„O geh! Tu!" Und er schlug ihm auf die Schulter. „Tenk an die Nächte, die seligen, und an die Tage, die fröhlichen! Ten Nachgeschmack, den Nachgeschmack! Und träum doch mal: so in den Morgen int Bett zu liegen — nichts von Sorgen, nichts von Beruf! Träumen in den Morgensounen- schein — all das Leben nur Morgenlicht, all das Leben nur Freude! Genial! Genial, dir!
Guck — jetzt sei kein Kopfhänger. Tu hast ja recht, wir sind nur krummes Holz — da eine Biegung hin und dort eine hin — wohin uns das Verlanget: zieht, und wir kommen vor lauter Biegungen halt nicht zu einer Krone und „goldnen Früchten". Doch was schadet's! Wir nehmen das Licht von allen Seiten, und das Gute, wo's herkommt. Nehmen wir also auch den Sturm dazu und den Regen und den Staub und die Trockenheit. Also sei lustig!"
„Ich hab jetzt den Ekel vollends. Wenn man wenigstens Sonne bekäme, wo man Sonne will, wenn man dabei krumm wachsen muß. Diese ewige Hast — pfui Teufel! Vom Stadttheater ans Sommertheater und weiter bergab zur Schmiere und da von Nest zu Nest. Immer noch auf der Bühne — aber pure Verzweiflung. Und den grauen Hunger
im Leibe. Statt des Sektes Schnaps — und statt der Weiber — na!"
„Der Mantel fiel, und der Herzog mußte mit."
„Wohl, aber gleich gehörig tief. Ein Leben das! Ein elendes Dachstübchen für ein paar Tage — gepackten Koffer, wenn man überhaupt noch einen hat. Und eine Gage! Und Schulden! Und Ausreden! — Und dann, Wenns „Theater" nicht mehr „zieht" — auf der Hut sein zur Abreise, daß man den Hausleuten wenigstens noch den Kofser abschwindeln kann. Und dann anderswo denselben Kram von vorne — immer so halb am Staatsanivalt vorbei"
„Höchst interessant, sinde ich —"
„Und nun ohne Engagement — Spätjahr — den Hunger im Leibe und nicht mal einen Schnaps! Und in solchem Zustande auf der Landstraße hin. Ta kommt einem die Erkenntnis: Stromer sind wir, du."
„Fidonc!" sagte der Bonvivant. „Ein fröhlich Herz behalten, frisch in den Tag hinein. Einen rechten Lumpen verläßt der liebe Herrgott nie."
Dann gingen sie wieder ein paar Schritte stumm nebeneinander her.
Endlich fing der Tragische wieder an: „Ter ganze Kasus ist der, wir imponieren nicht mehr. Der Mensch mutz immer imponieren, sonst ist's aus mit ihm."
Das stimmte den Bonvivant ein klein wenig herunter. Aber er trumpfte auf: „Ich lasse mir immer noch nicht imponieren. Ich spiel Heldenmütter, wenn's sein muß."
„Wo?"
„Und Wenn alle Stricke reißen, muß halt das „Kümmelblättchen" helfen. Ter Mensch darf sich vom Leben nicht imponieren lassen, sag ich. Tas Leben ist ja doch nur eine Schweinerei. Und zuletzt dreht sich alles in der Welt nur um beit Anfang."
Jetzt blieb der Tragische stehen und musterte den Genossen vom Kops bis zu den Zehen und stellte sich in Pose.
„Fast möcht ich lachen: Ter Anfang! Der Anfang vom Ende. So doch nicht. "
„Es handelt sich ja alles doch nur um den Magen."
„Freilich, der wird auch im Zuchthaus befriedigt."
„Geh, Schwarzseherei!"
Und dann trollten sie weiter.
Und wieder begann der Tragische: „Wir sind Blätter, die vom Baume fallen."
„Der große Grausige — mir wird bange. Aber die Flöte blas' ich nicht gerne."
Sie waren wieder stille.
„Tas ganze Leben ein genialer Bummel — mach's uns einer nach," meinte der Bonvivant.
„Alles ist mir zum Ekel. O, ich hab einen Ekel am Leben. Ich bin am Ende."
„Tu wirst dich doch nicht aufhäugen wollen, du?" —
Ter Tragische ließ den Kopf sinken und sagte nichts. Zehn Schritte lang. Und dann, mit vollster Ueberzeugung, mit tiefstem Brustton: „Tu, das will ich."
„Mensch, was denn?"
„Mich aufhängen. "
„Ha, ha, ha! Das halt' ich ja schon wieder vergessen.'
„Also!"
„Tu phantasierst. Gieb deinen Puls her. "
„Mein Ernst."
Tem Bonvivant hatte das einen Eindruck gemacht. Er sagte nichts mehr.
„Wo soll das all noch hinaus! — Das Leben ist nur noch vergebliche Müh' — zu dem Ende kommt's doch noch. Spar' ich mir die Müh'. — Also ich mach ein Ende, ich häng mich auf."
Er blieb stehen.
„Hier sind schöne Nußbäume," sagte der Bonvivant.
Sie standen stumm beieinander. Jeder wartete jetzt auf ein Wort votn andern. Aber keiner wußte jetzt was Rechtes M sagen. c m
„Woran denn?" — fragte jetzt der Bonvrvant.
„Hosenträger," sagte halb ärgerlich der Tragische, denn er war sich längst darüber vollständig flar geworden.
Wieder standen sie stumm.
„Nach welcher Seite du?" fragte der Bonvivant.
„Nach Westen, wo mich die scheidende Sonne sieht."
„Ich wählte lieber Osten, wo mich die Akorgensonne küßt."
„Hier an den Ast," meinte der Tragische.


