Ausgabe 
13.9.1907
 
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Areitag den 13. September

Yr. 135

1907

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SonnengkuL.

Von B- Hoffmann. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Wenn im Winter die eisige Bora das Hans umtobte, als wolle sie es mit wilder Gewalt dem Erdboden gleich machen, dann empfanden wir nichts von ihrer schneidenden Kälte, uni» hörten kaum ihr Toben. Wir hatten dann Felle und wollene Decken auf die Bänke gebreitet, den Boden mit dicken Teppichen belegt, und fühlten uns warm und behaglich in unserm geborgenen Zufluchtsort. O, die glücklichen Stunden! Mich erfaßt der Schmerz um alles Verlorene, wenn ich an unser inniges Zusammen­leben denke!

Wie schön war dann der Gesang der Kinder, deutsche Lieder wechselten ab mit dalmatinischen Gesängen und italienischen Weisen, die Paolo gut vorzutragen verstand. Droben im tageshellen Wohnzimmer begleitete Sophia an­sprechend auf dem Pianiuo, unten in der gemütlichen Kellerwohnung bildete Karls Zitherspiel die Begleitung; sein Vater hatte den musikalischen Knaben sehr früh die Handhabung dieses netten Instruments gelehrt. Manch­mal auch tanzten Sophia und Paolo anmutige südlän dische Tänze und die Akkorde der Zither gaben den Takt an. Wie die beiden Heranwachsenden sich in ruhiger Grazie bewegten, so ganz verschieden in ihrer Erscheinung und doch in ihrer Schönheit einander ergänzend, das war ein wunderbares Bild: der stattliche schwarze Paolo mit den ernsten treuen Augen, in seiner malerischen, farben­reichen Tracht, und die schlanke Lichtgestalt Sophia im an.schmiegenden weißen Gewand, das Goldhaar in einem Knoten aufgesteckt, das ganze feine Köpfchen Leben und Freude. D, armes, schönes Kind, wie viel zu früh mußtest du sterben!

Sophia war 18 Jahre alt, als eine neue Erscheinung in unser Leben eintrat und sofort dessen Mittelpunkt ivurde, mit einer Plötzlichkeit, die mir noch jetzt fast den Atem nimmt. Ich sah an einem frühen Morgen einen Fremden voriibergeheu. An der reichgestickten Kleidung und den scharfgezeichneten Augenbrauen und Schnurrbart erkannte ich sofort den Türken: es mußte Assim-Beg sein, der kürzlich das Gut des alten Chosru in unserer Nähe ge­erbt hatte, und ich stellte die Betrachtung an:Wie kann er wohl den islamitischen Adelstitel Beg beibehalten, da er in Wien, wo er erzogen wurde, zum Katholizismus übergetreten ift?";Ein auffallend schöner Jüngling!" dachte ich noch und sah ihm nach, wie er leichten Fußes den Berg hinanstieg, wohl zur Wolfsjagd. Da stutzte er

plötzlich, blieb, fast erschrocken, stehen, und, die Hand übet die Augen haltend, sah er den Pfad hinaus, der Sonne entgegen. Was mochte dort so Merkwürdiges sein? Wenn er etwa Sophia sah, die in den Weinterrassen arbeitete, so war doch ihr Blondhaar für jemand, der in Wien ge­lebt hat, nichts Ungewöhnliches. Aber richtig, es war nichts anderes als Sophias Erscheinung, was ihn wie angewurzelt dastehen ließ, sie kam in ihrem schwebenden Schritt den Pfad herab. Ihr Haar war gar nicht sichtbar, sie hatte einen weißen Schleier leicht darüber gelegt, doch, da die Sonne hinter ihr stand, war die weiße Gestalt wie in Glanz getaucht, wie von Licht durchdrungen. Das sah allerdings ungewöhnlich aus, im ersten Augenblick hatte er gewiß an eine himmlische Erscheinung gedacht. Noch als sie grüßend an ihm vorüberschritt, schien er ganz ergriffen. Er stand, sich tief verneigend, am Wegrande, die rechte Hand an die Brust gelegt, in der linken das rote Fes. Dann"sah er ihr nach, unverwandt, unbe­weglich.

Ganz Verwirrt kam Sophia zu mir ins Zimmer gestürzt: Wer war das? Welch ein schöner Mann! Wie sonder­bar hat er mir entgegen gesehen! Solche prachtvolle Augen sah ich noch nie! Sieh doch, er steht noch da! Jetzt komult er .den Berg herab ganz langsam er kommt sicher zu uns. Ich kann ihn nicht sehen! Ich bin zu aufgeregt!" Und hinaus war sie, wie ein Wirbel­wind gekommen und gegangen. Sie hatte mich selbst in Erregung versetzt, ober dann mußte ich lächeln über die Raschheit dieser jungen Leute, und konnte ihm, als er eintrat, ruhig und freundlich entgegen gehen. Er stellte sich vor mit weltmännischer Gewandtheit Assim Beg. Er sei unser Nachbar und habe, zur Jagd ins Gebirge gehend, nicht an unserem Hause vorübergehen wollen, ohne uns zu begrüßen. Also artige Lügen hatte er draußen in der Welt auch gelernt! Er sah mir wohl an, daß ich die Tagesstunde zum Besuche für etwas früh hielt, da Ueß er alle Phrasen und erzählte von Wien, von seinem Leben, feinen verstorbenen Eltern, feinem Gut. Er ging geraoes- wegs auf' fein Ziel los, mir einen günstigen Eindruck zu machen, und erreichte das auch so sehr, daß ich froh war, daß Sophia feiner sympathischen Unterhaltung mast zuhörte. Doch er ging nicht, und irgend wann musste sie ja wieder kommen. Während er zu mir sprach, lauschte er hinaus nach jedem Geräusch im1 Hause. Es lag in feinem Wesen eine so sichere Festigkeit, daß es mir ganz klar wurde, er würde nicht vom Platze weichen außer als Sieger. Endlich ging draußen eine Tür; ich wurde erst durch Assims Erregung daraus ausmerksam, und Sophia