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DÄ letzteren ging damals wie heute die Verpflichtung des Aufzunehmenden durch beit Rektor aus den G eho r sam g eg en d i e G e se tze mittels Handschlag voraus. Das war früher anders gewesen und es dürfte von einigem Interesse sein, die früheren Förmlichkeiten wenigstens mit einigen Worten zu streifen.
Noch mein Großvater mußte sich, um unter die Zahl der Studierenden gufgenommeil zu werden, der Sitte der D e p o s i t i o n unterwerfen. Ich bin im Besitze iw von dem Depositor pub- licus Aüadcmiae Hasso-Giessenae, Stern ausstellten, selbstverständlich lateinischen Urkunde, nach welcher jene oitte von den Athener,! hergeleitet und deren Beibehaltung verteidigt wird. Gießen war die Universität, welche als letzte diese Sitte oder vielmehr Unsitte abschaffte, die in Vornahme gewisser fym- Lolischer Handlungen seitens !t>ed Depositors an dem nut einer Hörnermaske bekleideten Neulinge bestand, bei denen aber die Erlegung eines bestimmten Betrags, wie es scheint, die Haupt- fache bildete. , , , „ .
Gleichzeitig mit der Tepositionsurkunde wurde dem Neuling von dem Rektor da? von diescni bescheinigte Studiosi Giessen- sis Officium ad quotidiana m ins p ecti onem et Meditation em behändigt, das die Vorschriften enthielt, welche der Student zu befolgen habe. Es sind nicht weniger als v i e r - zig Ge- und Verbote, von denen ich der Kuriosität halber einige in Uebersetzung hier wiedergebe.
Er (der Gießer Studio) soll Frömmigkeit üben und den Namen Gottes nicht mißbrauchen; er soll ehrbar und anständig gekleidet gehen und sich des Lasters» der Trunksucht enthalten und auch Andere nicht zu demselben verleiten, er soll Zusammenkünfte, die des Trinkens halber eingerichtet sind und Kommerse genannt werden, meiden, er soll die Nachtwächter nicht prügeln, er soll den Pennalismus und den Nationalismus wie die Pest hassen, keine Schulden machen,, die Honorare der Professoren bezahlen, nicht mit Schläger oder Stock bewaffnet (gladio aut baeulo. adcinitus) zum Rektor gehen (lut er es bod),- verliert er Beibes). Verletzung- der heiligen Keuschheit wird schwer bestraft rc.
Als Strafen werden schon damals angedroht: Karzer,^con- filium abeundi, Relegatioii. Wer relegiert wird, muß die Stadl vor Sonnenuntergang verlassen.
Als 34 Jahre später mein Vater immatrikuliert wurde, war die Teposition abgeschafft. Anstatt des Officium mußte er durch Handschlag an Eidessta'tt bekräftigen, daß er dem Rektor, dem Senkt und dem Universitätsgericht Gehorsam und die schuldige Ehrerbietung erweisen, die Akadem. Gesetze befolgen, sich eines anständigen und würdigen Benehmens befleißigen, sich bei Beleidigungen nicht selbst helfen, sondern Rektor und Universitätsgericht um Hülfe angehen und endlich den Nationalismus und alle verbotenen Verbindungen meiden werde. ; ,
Von dem Gehorsam gegen die Staatsgesetze ist keine Rede, die Universität wlar eben wie ein eigener Staat, ein Staat, der alles, was die Studenten anging, seiner Cognition unterwarf.
. Erst in Folge der Gesetzgebung des. Jahres 1849 erhieltest die Jmmatrikulationsurkundeu eine neue Fassung, die lÄiglich den Gehorsam gegen die Gesetze heischt. So wird es bis aus den Heutigen Tag gehalten.
Dennoch blieben die Grenzen zwischen der staatlichen und UiniversitätsgerichtSbiarkeit in manchen Punkten verwischt,, bis gelegentlich der Reichsgesetzgebung vom Jahre 1879 das Univer- fitätsgericht ausgehoben wurde.
In 1853 wurden wir nur auf den neuen Matrikel durch Handschlag verpflichtet, wir erhielten aber zugleich die im.Jahre .1834 -ausgearbeiteten Universitätsstatuten, die teilweise noch schlimmer waren, wie die früheren Gebote, und ans 'welche das Universitätsgericht J>en Gehorsam gegen die Gesetze einbezog.
Ich war nun -Student und es galt zunächst die Kvllegieii^zu belegen. Tie meisten Professoren wohnten damals vor dem Selterser Tor, an oder auf dem Seltersberg, sodaß die Professoreu- schaft, die damals mehr wie heute einen exklusiven Meis bildete, häufig einfach als „der Seltersberg" bezeichnet wurde. Die einfache Erklärung für die Tatsache liegt darin, daß damals die neueren Häuser außerhalb des durch die Schoor abgegvenztest Weichbildes der Stadt am Seltersberg erbaut waren und teilweise im Eigentum von Professoren standen.
Gießen hatte anfangs der fünfziger Jahre kaum' 9000 Einwohner einschließlich der Studenten. Es gab noch keine Anlagen. Rings um die Stadt zog der Schoorgraben, der nur an den vier Toren und am Asterweg überschritten werden konnte, das Uebcr- bleibsel des alten Festungsgrabens. Stuf der Höhe über bcml Graben, auf dem früheren Festungsglacis, zog die Schoor oder Schur, eine Lindenallee, und eine Fahrstraßc. Auf der audercn Seite nach dem Felde zu tagen Gärten.
Die Festung war anfangs des vorigen Fahrhimderts geschleift worden. Die letzten Ueberreste der Wälle zeigen heute noch der Lony'sche Bierkeller und ein Hügel iM Garten des Lauerschen Hauses in der Reichensaud-Bahnhvfstraße. Jedes der vier Tore, sowie das Ein- und Ausgerinn aas' der Lahn war durch "eine Schanze flankiert. Alle Schanzen waren 1853 noch sichtbar. Das Haus Westanlage 10 steht auf der Mauer der SelttrK- torschanze, früher, als cs noch einstöckig war, eine beliebte Stu- Lentenkneipe.
Vor dem- Neuenwegertor befand sich außer der Loge und der Realschule nur Der Busch'sche ('öteinS) Garten und an der Teilung der Licher- und Grünbergerstraße das Schießhaus und der Nassauer Hof. Sonst waren nur am Walltor und Selterstor Häuser über das Weichbild der Stadt hinaus gebaut. Vor dem Selterstor wohnten, wie gesagt, die Professoren. Es gab damals außer den heute bestehenden Fakultäten dein Namen nach noch die ka t ho li s ch-t he o lo g isch-e F a ku l t ä t, deren Mitglieder Tr. Leopold Schmidt, Dr. Löhning, Dr. Lutterbeck, Aw. Scharpf und Pfarrer Tr. Fluck waren. Alle mit Ausnahme von Schmidt tvohnten auf dem Scltersberg'. Tr. Schmidt war in 1846 vom Domkapitel zn Mainz zum Bischof erwählt, sand aber nicht die Bestätigung des Papstes. Statt seiner wurde v. Kettel-er zum Bischof ernannt. Dieser grub der katholischen Fakultät das Grab. In meinem ersten Semester war in dem -Verzeichnisse der Vorlesungen zu lesen, „daß unter den bekannten gegenwärtigen Verhältnissen Vorlesungen seitens der kath.-theolog. Fakultät nicht angezeigt würden". Tie bekannten Verhältnisse Waren die, daß unter dem Schutz der Reattion und der damaligen: unter katholischem Einfluß stehenden Regierung Bischof v. Ketteler erklärte, daß nur ans dem katholischen Seminar gebildete Kandidaten zu Geistlichen ernannt werden würden. „
Damals hörte tatsächlich die katholisch-theologische Fakultät auf, ebenso in meinem dritten Semester der oben hervorgehobene Zusatz. Professor Schmidt tmd Lutterbeck lasen hinfort ppfto- sophische Kollegien, von denen ich bei Ersterem in meinem ersten Semester Einleitung in die Geschichte der Philosophie hörte.
Von der evangelisch-theologischen Fakultät wohnten Er ebner in dem jetzt Austerlitz'schen Teil des Doppelhauses neben dem hessischen Höf, Professor Knobel im Krauskopsschcn früher sogen. Aktienhaus, Professor Hesse im früher Seipschen Haus (jetzt Restauration), Professor Gustav Baur im K'aunschcn letzt Frendsdorsschen Hause. _ r
Von der juristischen Fakultät wohnten ^Hering int Rosenthalschen Hause gegenüber dem» alten Laboratorium, Birnbaum im eignen Hause gegenüber dem jetzigen Hauptstcuer- amt, Deurer im Balzerschen Hanse, jetzt Betriebsiuspektion der Oberhessischen Eis-enpahnen. Professor Was sc r s chl e be u erwarb das Haus des Professor Bischof gegenüber der sogen, neuen Anatomie bei des Letzteren Wegzug nach München, Professor Neuner in dem jetzt Hettlerschen Hause, dem sogen. Tintenfaß, dem Geburtshause des berühmten Entdeckers der Anilinsarben, Professor Tr. Wilhelm von Hofmann.
Bon der medizinischen Fakultät wohnten Professor Prof. Vogel im Keßlerschen, jetzt Wenzelschm Hause auf beut' Scltersberg, Professor Wern Herr (sogen. Kalif) inr Äraus- kopfschcn Hanse, Bischof im eignen Hanse, Prof. Winter im B'alzerschen Hanse. Professor von R t t g en der Nettere wohnte in der Entbindungsanstalt, Professor Milbranduw eignen Hanfe vor dem Walltor, Prof. P h ö b u s in der alten Post,
Bon der vhilo so phis ch e n Fakultät tvohnten Professors Leukärt in dem Nentamtmann Kvchschen Hause .an, dem Seltersberg (später v. Rabenau), Professor Zammtuet tut Keßlerschen, jetzt Wenzelschen Hsanfe, Professor -Osann im eigenen Hause tEcke Wilhelmstraße und -rranklurterstraße), Professor v Ritgen, Sohn, im eignen Hause an der katholischen Kirche, Prof. Tr. Schäfer (Geschichte) in der Dienstwohnung des Bibliothekars, letzt Ohren-, und NascnNmik,. Professor Schilling, Philosoph, War dessen Nachfolger, Professor Moritz (Karriere, Aesthetik, im Liebigschen, jetzt Hoizapfeftchen Hause, Professor von Klip stein int eigenen Hause, Profess. Stahl, Nationalökonom, daselbst, Profess. B u f f tnt eignen Hause, Profess. Heyer der Aelterc, Forstmann, wohnte im jetzt Schwanschen Hause am Seltersweg-, ihm gegenüber der jüngere Heyer, Professor Hofmann (das Blumenhofmanuchen) im Wiesellschen, jetzt Rollschen Hause. r
Im heutigen Rebstock hatten sukzessive Pros. H u n d e s- Hagen, Forstmann, Prof. Hillebrand und Pros. Buss GClL°9ru6cr den vorgenannten Geoäudeil gab es zn meiner Zeit vor dem Selterstor nur sehr wenige: der hessische Hof, das Rechtsanwalt Grünewaldsch-e Anwesen und das Gebhardsche, spater von K'rcnipschc Haus, und man wird nun wohl verstehen, weshalb das Wort „der Seltersberg" für die Pwsessorcnschaft als! solche gebraucht wurde. , ... m ' .. ... . .
Tie trockenen Angaben über di: damaligen Professoren werden Vielen recht überflüssig erscheinen. . Da aber mancheNamen darunter sind, deren Inhaber vielleicht den nämlichen Anspruch ans eine Marmortafel haben, wie etwa Carl H-illebrand, (ber zufällig in meinem elterlichen Hanse geboren M' "vd ^u. kein eif hnrühPY h^CTit’ i)5)n ifyncn eine folcyc gPti.nAi, io.
dünkt mir VMleZt die Nachwelt, daß ich ihr das Anffiuden der bÄrefsenben Wohnhäuser erleichtert habe. ,
Scrner aber bitte ich den geneigten Leser zn berücksichtiget^ daß ich die meisten der genannten Herren Professoren persönlich gekannt habe 'und daß ihr Gedächtnis- tausend Erinnerungen in mir erweckt Ich könnte von jeoem derselben etwas erzählen, teils Heiteres, teils- Ernstes, wenn cs der Raum gestattete. Teils! waren sie meine Lehrer, teils Nachbarn, und die Aeltcrcn meinerl Schulkameraden uub einiger meiner Bundesbrüder. Mit den. Töchtern ftabe ich getanzt, oder sie als Freundinnen und Be-


