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schick zu unterbreiten wußte und für beit et ihr JUteresse zu er­regen verstanden hatte. Tas hielt freilich bei ihrem entschiedenen religiösen Empfinden nicht allzu schwer.

Ter Pastor Müller war überhaupt eiu Prediger nach ihrem Sinn, einer der es ernst meinte mit dem, was er den Bauern und Tagelöhnern nicht nur des Sonntags von der Künzel sagte. "

Veltlingen schien leider ihre Vorliebe sür den Geistliches Nicht zu teilen. Sie sann hin und her. Warum wohl nicht?

Ta kam Magnus zurück. Vorsichtig trug er das vergilbte Pergament in der Hand, das auf der Oberseite das kunstvoll ge­malte Wappen der Veltlingen zeigte.

Er setzte sich Tagmar gegenüber, in den andern Lehnsessel, der auch vor dcni Kamin stand,

Soll ich dir vorlesen?"

Ja," nickte die Angeredete,aber warte einen Augenblick." Leichtfüßig sprang sie auf, um die Kerzen der beiden großen Arm­leuchter anzuzünden, die auf dem Kaminsims standen.Nun kannst du besser sehen," meinte sie mit allerliebster Hausfraulich- keit.

Mit leidenschaftlichen Blicken war Veltlingen ihren raschen, geschickten Bewegungen gefolgt. .Als sie sich jetzt hinsetzen wollte, sah er sie zärtlich an.

Wie wohl solche Fürsorge tut."

Leicht die Hand.auf seine Schulter legend, meinte sie einfach:

Ich tat cs gern."

Da sprang Veltlingen empor und ehe Dagmar cs sich ver­sah, hatte er sie im Arm und überflutete ihr schönes Gesicht mit feine» heißen Küssen.

Ich liebe dich ja so grenzenlos, du meine Dagmar, du mein süßes Glück," stieß er abgerissen hcrvov.

Sie duldete All seine Liebkosungen, aber ein Zug von Pein glitt über ihr Gesicht. Ohne daß sie sich dessen bewußt ward, flog es ihr durch den Sinn,soviel Feuer hatte ich nicht mehr ttwartet". Sie hätte ihn ja gern, redlich gern, aber diese wilde, ungezügelte Leidenschaft, die so gär nicht mit seinem sonst so ruhigen, gemessenen Leben im Einklang stand, erschreckte sie stets von neuem. Unwillkürlich bog sie jetzt ihr Antlitz zur Seite.

Tas ernüchterte ihn sofort etwas. Beruhigend strich er ihr über die Wangen, aber in feinem Blick lag noch das gleiche, heiße Begehren, als er leidenschaftlich fragte:

Sag, Tsagmar, hast du mich lieb? Bist du mir wirklich gut?"

Sie sah ihn groß und ernst an.

So gut wie keinen andern."

Ein tiefer Atemzug hob seine Brust. Ihre Augen sprachen die Wahrheit, er sah es wohl.

Ich glaube, es ist besser," begann er nach kurzer Pause in gänzlich verändertem Ton,wenn ich dir die Sache gleich auf Hochdeutsch Vorträge." Er ergriff dsas Pergament.Dieses Illtdcntsch ist doch ziemlich schwer verständlich."

Tagmiar war einverstanden, aber heimlich schüttelte sie beit STO^f. Wie schnell Magnus sich wieder in der Gewalt hatte! Da schlug seine Stimme an ihr Ohr.

Leise nnd gedämpft, als ob er bei Hofe ist," dachte sie mit Verstohlenem Lächelt: . . .

.Anna Christina, Tochter des Magnus Ch-ristianus Belt- lingen, weiland Hofkämmerrat von Karl XII. schwedischer Majestät, ist geboret: am 4. Jatutar 1660, gestorben an: 1. Dezember 1699 itttb am dritten Tag nach ihrem Abscheiden seierlichst in dem .Erbbegräbnis beigesetzt worden.

Ein Engel der Armen und Kranken, soll sie still und klag­los an gebrochenem Herzen gestorben sein, weil der Herr Vater ihre flehendlichen Bittet: nicht erhörte, sie dem Jakob Hoher zum ehelichen Gemahl zu geben.

Selbiger Jakob Hoyer war wohlbestallter Magister zu Greifs­wald und ein gar. kluger und gelehrter Herr. Als er tief be­trübt durch die abschlägige Autwort des Christiai: Magnus, durch dei: Veltlinger Wald heimwärts schritt, nur in Begleitung seines grauen Wolfshundes, ist alsbald eine Räuberschar auf ihn ßctommei: und hat ihn und seinen Hund elendiglich erschlagen. Wer das gewesen, ist nientäls herausgebracht tvorden.

<s. , ;rtl*tn Christina aber hat sich von Stund ni: als Braut des ^akob Hoher betrachtet, und ihm Zeit ihres Lebens in grauer Tracht nachgetrauert."

.Veltlingen hob den Kopf. ' ; | ; ! ... t

"'öÄ,bu' Kind, das ist alles, was! von der geheimnisvdllen .Anna Chcistma aufgezeichnet steht. Daß sie jedesntal in ifjhxn grauen Gewandert: erscheint, ehe ein Veltlingen die Augen schließt, ist natürlich eben solch Ammenmärchen, tvie die Geschichte mit 5® grauen Hund, der immer durch Pap? oder Schloß laufen

soll, ehe it: Veltlingen ein Unglück passiert." Er lachte, aber Daginar meinte einen unfreie:: Klang heraus zu höre,:.

Si::nend blickte sie in die rote Glut.

Es gibt Tinge zwischen Himmel nnd Erde, von welche:: un­sere Schulweisheit sich nichts träumen läßt," antwortete sie nachdenklich.

Veltlingen sah sie spöttisch at:.

Na, weißt du, übersinnliche Erscheitumgen halte ich solange für erdacht, wie ich sie nidjt mit meinen eigenen Augen wahrge- notntnen habe. Und ich bitte sehr, daß du deine Ansicht nicht etwa gegen die Dienstboten äußerst!" schloß er gereizt.

Aber Magnus," meinte Dagmar begütigend,das ist doch selbstverständlich. Hätte ich gewnßt, daß es dir unangenehm war,, davoi: zu sprechen, so hätte ich natürlich nicht danach gefragt.. Ich habe nun mal solche Passion für alte Geschichten. Nichts reizt mich so, wie vergilbtes Pergament und alte Bücher, die Kunde gebet: von langst Vergessenem. Dieses uralte Genuiner, wo mat: auf Schritt und Tritt an die Vorfahre:: erinnert wird, finde ich deshalb auch tausendmal schöner als den herrlichsten, neiterbautet: Palast."

Veltlingen lachte, schnell versöhnt.

Nnt:, deiner Leidenschaft für alte Schriften kannst du in' der Bibliothek genügend sröhnen. Vergiß mir nicht die Ge­genwart über die Vergangenheit."

Ach," meinte sie heiter und reckte in überguellender Lebens­freude ihre schlanke Gestalt,da fei ohne Sorge. Wem: ich alles das ausführen will, was ich mir vorgenommen habe, dann komme ich lange nicht soviel zum Umherstlöbcri: in der Bibliothek, wie ich gern möchte."--

(Fortsetzung folgt.!

Aus der Studentenzeit.*) Erinnerungen eines alten Gießeners. L

Iminatrikulatio n. Gießen. Die Professoren.

Das Abiturienlenexamen war vorüber. Ich hatte gut be­standen. Das Hochgefühl des zum Mulus avanciertet: Gymnafiastcst kennt nur der, welcher einmal in gleichen Schuhen gestanden! hat. Ter Direktor hatte uns zwar znm Abschied erklärt, daß wir noch so lauge d est Schulgesetzen nnterständen, bis wir im Besitz des Abgangszeugnisses seien. Ich weiß nicht, ob diese Einrichtung noch heute besteht. Damals erschien sie mir als Zopf, um dest mich nicht zu Sümmern ich mir vornahm. Er erwies sich aber stärker, als meine Absicht. Tenn nach dem Willen meines. Vaters durfte ich das schwarz-rot-grüne Band der Ger m a n i a, der ich und meine Kameraden von der Klassen-GerMania von Herzen angehörten, nicht eher anlegen, als bis ich cs schwarz auf weiß hatte, daß ich bestanden habe.

Nun tr^t die Frage an mich heran, was studieren? Am Liebstet: wäre ich Forstmann geworden. Allein das Fach war so überfüllt, haß vor zwölf bis vierzehn Jahren an eine An-, stclluttg nicht zu denke:: wär. Bom Studinm der Medizi:: schreckte mich ein Besuch der 'Anatomie ab. Meine Mutter als Pfarrerstvchter wünschte sehr, daß ich Pfarrer würde. BoM Standpunkt des Brotstndiums 'wäre dies auch ganz vernünftig! gewesen. Dem: mein Vater hatte damals daö Präsentations'recht für drei Pfarrstellen auszuüben. Ich chatte mir auch den Weg zu diesem Studium offen gehalten, ittbent ich im Gymnasium! ein Jähr lang hebräischen Unterricht (allerdings mit sehr schwachem! Erfolge) genossen hatte. Allein ich hatte in Unserem Hause! erfahren, daß Theologe zu sein, keineswegs den Frieden be-. deute. Meine Onkel wären, orthodox, mein Vater freisinnig und so bald die Herren Geistlichen in unser Haus kamen, ging der Streit los. Sie behauptete::, wenn man nicht von vorn­herein zugäbe, haß die Bibel inspiriert sei, könne man überhaupt nicht disputieren. Wenn mein Vater dann die he britische! Bibel und djas griechische n e u e Testament herbei-- holte (in denen er besser zu Hause war wie seine Schwager), um! feine Ansicht .aus der Schrift zu beweisen, so, kam cs erst recht nicht zu einen: Einverständnis.

Nun war ich von Haus, in: Gegensatz zu meinem Batcg sehr friedlich gesinnt. 2lbcr bei meiner freisinnigen Auffassung würde die Theologie den Streit bedeutet haben, nnd den mochte ich in einem Pfarrhause nicht. So blieb mir bei meinet schlechten' Vorbildung in der Mathematik nur das Studium der Jnrispru-, denz. Ich dachte damals nicht daran, daß um der Scylla z:t entrinnen ich der Charybdis zum Raub fiel; denn trotz meiner, friedlichen Neigungen brachte mir später mein Beruf 'die Pflicht- Ändere:: in ihren Streitig keilet: mit ihrei: Nebeitmenschen wähß rend eines langen Lebens beizustehen. Endlich kam das" 'M-, gangszeügnis, mit ihm bie; Anmeldung und die JMmätrikulatiKN-

*) Von demselben Verfasser verösfentlichtcn wirAus der In ge nbj e N". Siehe Fam.-Blt. Nr, 47 vom 28c März 1907 u«F.