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Aie Geschichte einer deutschen Jamikre.
Der Gedanke der Vererbung ist eines der wichtigsten Elemente für die moderne Weltanschauung geworden. Nachdem ihn Darwin in seiner „Abstammung des Menschen" wisscn- schastlich formuliert Latte, haben Haeckel, Weismann u. a. diese in allen Wesen waltende Macht der Natur in ihren Rätseln und Diesen erforscht. Man suchte in das Innere aller Welt- schöpfung zu dringen. Schon 1870 hat der Physiologe Hering das „Gedächtnis als. eine allgemeine Funktion der organisierten Materie" hingestellt; und) den Untersuchmiaen des Biologen Rudolf ©entölt wiederholt der Keim des, Menschen in seiner plastischen Entwicklung die wichtigsten Stadien, die der Stammbaum des ganzen Menschengeschlechts durchgemacht, und im Säugling ruht schon der Urväter Weisheit, als kostbarstes Geschenk der Ahnen, zu tausend Entfaltungsmöglichkeiten ausgespeichert.
Wissenschaft und Dichtung haben diese dunkle, aus Urgründen des Vergangenen ins helle Licht des Tages ragende Gewalt einzuordnen gesucht in unser Weltbild. Taine erklärte die Erscheinung des Genies ans den geschichtlichen Bedingungen seiner Geburt und spürte z. B. bei Napoleon, der von seinem Vater nichts als die bei beiden zum Tode führende Magenkrankheit geerbt hatte, den geheimen Zusammenhang mit seinen italienischen Vorfahren heraus, sah in dem großen „Korsen" die ins Riesenhafte gesteigerte Wiedergeburt eines jener Renaissancemenschen und Condottieri, die die Stammväter der Familie Bonaparte gewesen waren. In dem Lebendigwerden und Aufwachen von Instinkten und Leidenschaften, die unheimlich fortwirren in Söhnen und Enkeln, entdeckte Ibsen das moderne Schicksal, sah Zola den engverkettcndm Zusammenhang, der im Chaos der Menschheitswirren mit starrer Notwendigkeit die Geschlechter aneinander bindet. Der antike Gedanke von der Unabwendbarkeit des Fatums und der launenhaften Gunst der Götter, die bald im Ueberfluß reich spenden, bald grausam hart strafen, gewann moderne Form in denn unergründbaren Vermächtnis der Vorfahren, die einmal alle Kräfte und Reichtümer, ihrer Art in einem begnadeten Sohn vereinen, dann wieder im unglückseligen Erben von Leidenschaften und Krankheiten, die alte Wut der Furien und Erynnien neu heraufbeschwören. Genie und Idiot, Verbrecher und Held, sind so gleichermaßen von den Antrieben der ererbten Eigenschaften abhängig.
Aber weder dichterische Phantasie noch historische Kombination können in dieses schwierige Gebiet, das so mannigfache Rätsel der Psychologie und Biologie umschließt, je befriedigende Aufhellung bringen. Das muß die exakte naturwissenschaftliche Forschung tun, die sich mit einer feinsten Analyse des Seelenlebens verbindet. Doch da ist noch viel, ja fast alles zu vollbringen. Wohl gibt es allenthalben Ansätze, die von den verschiedensten Seiten dem Problein näherzukommen suchen, aber eilte eigentliche Methodologie, eine sichere Basis der Forschung, eilte Auseinanderlegung der in Betracht kommenden Fragen mußte erst geschaffen werden. Das ist nun in einem reichhaltigen Buche des Gießener Professors Robert Sommer: „Familien so rschnng und Vererbungslehre" (Verlag von I. A. Barth, Leipzig) geschehen. Er baut seine Unter- snchungen folgerichtig auf einer Erforschung der einzelnen Fa- milien als der notwendigen Voraussetzung aller Vererbung auf. Die Staminbaumkunde und Genealogie, die bisher fast nur von Historikern und Heraldikern gepflegt worden waren, müssen psycyo- logisch und biologisch ausgenutzt werden. Die menschliche Fa- miliensorschung soll im Zusammenhang mit der gesamten Lehre von den Lebewesen behandelt werden, um allgemeine Ge,etze der Vererbung sestzustellen. Dabei ist eine viel stärkere Berücksichtigung der weiblichen, für die Vererbung so wichtigen Elemente von Nöten, als sie bisher bei den geschichtlicheii Stamin- bäumen und Ahnentafeln beobachtet wurde, und zur Bewältigung dieser höchst komplizierten Verhältnisse muß eine genealogische Zeichenlehre eingeführt werden, die Art und Nähe der Bliitsver- wandtschast genauer und exakter präzisiert, als es die Wappen vermochten. ES ich die Beobachtung einer tätigen Reihe von Generationen erforderlich, um bestimmte Phänomene der Vererbung zu konstatieren, denn die einzelnen charakteristischen Fa- milienzüge fließen wie ein unterirdischer Strom unbemerkt im Blute vieler Geschlechter dahin, bis sie dann plötzlich wieder emportauchen und sich entscheidend bemerkbar machen. Dem forschend rückschauenden Blick aber lösen sich aus den vielgestaltigen Verästelungen und Verzweigungen einer großen, weit in die Vergangenheit hinabreichenden Familie die typischen Formen eines gemeinsamen Grundcharakters heraus. Ein gleicher Lebensrhytmus klingt in ihnen allen an, bald lauter, bald leiser und um sie alle schließt der Ahnen Art das einende Band. Es gilt nun, die Konstanz dieser Bererbungstendenzen sestzustellen, aus dem individuellen, vom Milieu der Zeit und vielen anoeren Dingen zufällig bedingten Charakter des Einzelnen dieses gtetch- bleibende Erbteil der Familie herauszukrtstallifteren, und zwar nicht so hauptsächlich körperliche Eigenschaften, die sich M gar dentlich foripflanzen, sondern geistige, seelische Eigenschaften, ttt denen die feinjie Blüte der Ahnenkultur sich neu und reich entfaltet. Prof. Sommer ist der Ansicht, daß sich weniger durch äußere Umstände bedingte Eigenschaften vererben, als durch nuf- merksamkeit und Uebnng automatisch gewordene Porstellungs-
reihen, also bestimnite Zustände des Gehirns, besonders eine reiche Ausbildung der Sinnessphären, die Kraft des plastischen Sehens, des verfeinerten Hörens. So entwickeln sich Talente, aus denen dann das mit schöpserischer Kraft begabte Genie entstehen kann. Solch ein allmähliches Aufblühen und Stärkerwerden einer Begabung läßt sich in manchen Künstlersamilien beobachten, in denen sich die steigende Kraft wie in einem langsam, anschwellenden Strom vorbereitet, bis dann das Genie im starken Ueberschwang alle Dämme zerbricht und wie ein Katarakt stolz und frei die Fluten des Schaffens niederbrausen läßt. So z. B. bei dem Geschlecht der Bachs, in dem die musikalische Größe Johann Sebastians durch 150 Jahre vorgebildet wurde und durch weitere 50 Jahre nach ihm in seinem Sohne sortwirkte. Aber, nicht solche außergewöhnliche Beispiele, denen man noch gar viele der Kunstgeschichte, die Bellini z. B., die Schlegel, die Feuerbach gesellen könnte, sind für die Wissenschaft von maßgebendem Wert, sondern die Geschichte etwa einer reich entfalteten, sehr weit zurückreichenden Familie, die bedeutende und charakteristische Vertreter zu allen Zeiten nitszuweisen hatte, kein Geschlecht, wie es. sich die Dichter konstruieren, in dem phantastische Zusammen)- hänge bis in ferne Vorzeit patriotische Wesensart verkünden sollen (Freytags „Ahnen") oder eine Aufhäufung von Krankheiten und Degenerationserscheinungen furchtbar wütet (Zolas „Rougo-Maequarts"), sondern eine schlichte deutsche Bürgerfamilie. In dem Hauptteil seines Buches hat der Verfasser mit vieler Sorgfalt und Mühe die Geschichte eines solchen Geschlechts geschrieben, der noch heute besonders in Hessen zahlreich lebenden Sold ans, deren Herkunft und Leben in ihren wichtigsten Vertretern tote eine nachdenkliche Erzählung im Spiegel der Jahrhunderte vorüberzieht.
Es war in der Zeit der hetzten Kämpfe um
das Heilige Grab in Palästina, da hat, so be-.
richtet eine Chronik, „der Graf von Lechmotir einen türkischen Offizier, Sadok Selim Solta gefangen genommen, welchen er) nach kurzer Zeit wegen seiner Tapferkeit und besonderen Größe zu einem seiner Obersten ernennet. Diesen hat er nachgehends 1305 nicht allein christlich taufen und ihm den Namen Johann Soldan geben lassen, sondern ihm auch aus sonderbarer Liebe das türkische Wappen beigelegt." Die Nachkommen dieses Wackern Mannes und guten Lateiners wurden Deutsche und behielten ihre Wappen mit Sonne, Sternen und Halbmond bis auf den heutigen Tag. Fünf von seinen elf Söhnen widmeten sich bereits dem. geistlichen Beruf, und eine ausgesprochen religiöse Veranlagung scheint in dem ganzen Geschlecht gelebt zu haben, denn in der Reformationszeit wandten ste sich mit Eifer dem lutherischen Glauben zu und fochten mit Wort und Tat für das reine Evangelium. Eine ununterbrochene Reihe von Geistlichen führt so zu den noch lebenden Soldans hinauf. Von den 91 Nachkommen des Rektors Johann Moritz Soldan waren 40 lutherische Pastoren und gar manche von ihnen waren prächtige Charakterköpfe, wie sie nur eine harte Zeit und eine stürmische Gemütsart schaffen kann. Denn sie waren alle nicht bloß gute Lateiner wie der Ahne, sondern auch leidenschaftliche Menschen, in denen das südliche Blut sich mit protestantischem Glanbenseifer paarte. Da ist Konrad Soldan, Prediger am Wort zu Reichenbnrg in Franken, ein streitbarer Herr, der gar streng weiterte gegen den Sansteufel und andere Schandtaten der Gemeinde, auch einen tüchtigen Federkrieg mit einem Amtsbruder hatte, der ihn einest „tückischen und türkischen Wols" nannte. Eine lebhafte Phantasie, Kraft der plastischen Vorstellungen und Wortgewalt ist diesem Soldansprößling eigen, den in einer religiös erregten, von dogmatischen Streitereien erfüllten Zeit seine Anlagen und die Familiest-. tradition zum temperamentvollen Redner und Schriftsteller werden ließen. Die gleichen Eigenschaften hatten schon früher einest ganzen Zweig der Familie sich der bildenden Knnst zuwenden lassen. Die Zeit der Renaissance, da die Dürer, Cranach, Grünwald, Holbein lebten, hatte ja auch in Deutschland alle künstlerischen Triebe ausgelöst, Sie ließen nun, nachdem schon seist Vater künstlerisch tätig gewesen war, den Bildhauer Philip» Soldan sich entfalten, einen kraftvollen, ungestümen, geistvollen Künstler, dessen reiche Phantasie sich in der nnerschöpflichen Fülle einer reichen Ornamentik auslebte und gern maurisches Bano-. Werf verwandte, wie wenn Erinnerungen des Urahnen in ihrst unbewußt Gestalt gewonnen hätten. Die Lebhaftigkeit der opty^ scheu Vorstellungen, der ganze schöpferisch lebhafte Rhythmus der. Persönlichkeit, wie sie den Bildhauer wie den Pfarrer auK- zeichnen, leben auch in einem gefeierten Meister des Humanismus/ dem Euricins Cordus, der ebenfalls ein Soldan war.
Diese typischen Eigenschaften der Familie, eine große Deutlich- feit und Plastik des Gesichtssinnes, Kraft der schriftstellerischen Darstellung und Lebhaftigkeit des Temperaments, die ui der Renaissance zu künstlerischem Schaffen, in der Reformationszeit zu theologischem Wirken geführt hatten, leben sick^nnn in den verschiedenen Kulturen verschiedenartig ans. Die Soldans sind^Vor- kämpser der individuellen Weltanschauung, die im 17. Jahrhundert heraussteigt, beteiligen sich als gemütvolle Aufklärer ast den pädagogischen Bestrebungen der Zeit und nehmen als künstlerische Naturen die ästhetische Wirksamkeit des Herder und Schiller mit voller Anteilnahme auf. Wohl regt sich in einem von ihnen, der den romantischen Ideen sich zuneigt, noch ist der Jugend, das Künlerblut, ein anderer fällt gar wohl auch wieder dem


