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Dem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck Verboten., (Fortsetzung.)
Wochen waren bdrgaitgeN seit jenem St. Cäcilientag, der Mrekbor deS archäologischen Instituts gab den distinguierten Fremden Roms ein Fest. Bera Petruschka war häufiger und gern gesehener Gast in dem Hause auf dein Monte Casteino. iLie Gemahlin des Direktors, eine geborene russische Fürstin, War ihre Jugendfreundin, rind sie hielten hier engen Verkehr.
Heute abend wogte eine bunt gemischte Gesellschaft durch die eleganten Räume der herrlich gelegenen Dienstwohnung. Sremd nebeneinander gruppiert, glitt man, lose Bemerkungen Miteinander tauschend, aneinander vorüber, und die Musik bildete die vornehmlichste Unterhaltung.
Und nirgends hörte man so gute Musik wie in diesen Räumen.. Die Dame des Hauses, eine Freundin Liszts, war selbst geniale Künstlerin, und ein Schwarm Musikliebender und Musiker ston Profession scharte sich nm sie. Roderich war sehr stolz und glücklich gewesen, durch Vera hier eingeführt ntib nm ihretwillen zu den Vertrauten brö1 Hauses gezählt zu sein.
Er staub jetzt neben der sehr korpulenten Fräst Professorin, welche ein weites, schlichtes, schwarzes Gewand trug) das üppige schwarze Haar in einem schweren Knoten am Nacken aufgerollt. Wie ihre Freunde sie zu sehen gewohnt waren. Ihre Erscheinung stach wunderlich ab von den übrigen geputzten Damen in ihrem Salon.
Roderich sollte heute abend eine vierhändige Piöce mit ihr spielen, was er sich zu einer besonderen Ehre anrechnete. Er erntete freilich für seine Person keine Lorbeeren von der Sache, er war der unbeachtete Begleiter der genialen Frau, und sie würdigte ihn auch nur als solchen. Er war überhaupt all- Wählich gewohnt worden, sich nur im Glanz anderer zu sonnen. Immerhin gab es viele, welche ihn um seine vertraute Stellung iin diesen Zirkeln beneideten.
„Ihr Baß war nicht kraftvoll genug, Herr Walldorf," sagte die Dame, sich schwerfällig mit ihrer wuchtigen Gestalt erhebend stnd der Rüge ein wohlwollendes Lächeln beigesellend. „In Ihnen steckt noch immer ein Stück Schwärmer, das prägt sich sÄbst in Ihrem Spiel aus."
Sie lachte und bot ihnr die Hand, die er ehrerbietig küßte. Ja, ja, sie nahm kein Blatt vor den Mund, seine Oper hatte sie rücksichtslos ein Dilettantenmachwerk genannt, ein Potpourri Wit Liszt-Wagnerscheu Anklängen. Wenn er sich auflehnte gegen solche Blasphemie, was half es ihm — ihr Urteil war der Welt unanfechtbar. O, er hatte manche bittere Pille verschluckt.
„Ah, Paul, notre Paul bien aimb!" rief sie jetzt, mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit sich von Roderich ab zu dem kleinern Herrn mit den klugen Augen und der Adlernase wendend, der ün Beras Seite zu ihr trat.
Vera trug heute karmvisinroten Atlas mit schwarzen Spitzen darüber, und sah blendend aus.
Paul Hcndrichs war erst vor einer Stunde augekommest von Siena, wo er unter mittelalterlichen Schätzen gestöbert. (8^ war sofort zu Bern gegangen, hatte in ihrer Wohnung erfahrens das; sie hier sei, und kam jetzt —, ein ungeladener Gast, vst Altezza das verzeihen würden?
Paul Hendrichs beherrschte die gesellschaftlichen Formell vor^ züglich, befaß eine geschmeidige Anmut neben seinem schärfest Witz und Geist. Er nannte die bürgerliche Frau Professorin stets, ihrei; Geburtsrechten angemessen, Mezza.
Roderich fand sich von einer Schar niederer Trabairtest umringt, welche sich zum Olymp drängten und ihn als beit Torhüter nahmen, den sie sich erst gewinnen mußten. So ward auch er umworben und umschmeichelt, und während gleiche gültige, unbekannte Menschen, leere Strohköpfe um ihn summtest und surrten, hörte er neben sich Veras vollen Alt, Frau Professors kernigen Mittelton und Pauls klare, akzentuierte Rede- iueife. Und wieder durchzuckte ihn ein Gedanke, der ihn schost ost in schweren Stunden gequält: „Paul ist ihnen der Ebest- bürtigc, ich nur bequemer Appendix."
Der dicke Panzer, den seine Eitelkeit seit frühester Jugend um ihn gegürtet, hatte eine Bresche erhalten, und ein schneidender, eisiger Luftzug drang zuweilen von außen herein und traf seine verweichlichte Seele mit empfindlicher Schärfe.
Paul trat jetzt auch auf ihn zu und schüttelte ihm die Hände. Er sah frisch und soniteugebrännt mts> sie hattest sich seit über zwei Jahren nicht gesehen.
„Tu bist hager geworden, Roderich, hast Fleisch eingebüßt auf deiner Orientfahrt," meinte er. „Ihr sensitiven Menschen seid zu unruhig, das stört den Genuß."
Roderich lächelte und begrüßte bett Jugeudgeuossen, der ihm hier int Bann der Verhältnisse als Freund aufgezwungen ward, dem er ja auch einen Freundesdienst zu danken hatte, so herzlich, als er es über sich vermochte. Innerlich empörte eti sich wieder über dessen dreiste Unverfrorenheit, ivie er sein Auftreten nannte.
Wie überlegen der Mensch herablächelte auf diese eifrigen' Lobhudler, die da au ihn heranstürmten. Er warf Sarkasmen unter sie, welche sie nur halb verstanden, und schüttelte sie dann ab ivie lästige Fliegen, unbekümmert weiter schreitend, auf den kurzen kleinen Mann zu, mit dem auffallend roten Gesicht und dem schneeweißen Bart — das war Ibsen.
Der norwegische Dichterheld war für Roderich gänzlich unzugänglich geblieben, so oft er cs auch versucht hatte, ihist ttäherzutreten. 1
„Seine Dreistigkeit hilft ihm doch überall," murmelte Roderich ingrimmig. Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, er bnhnttz sich einen Weg und trat in das kühlere Nebenzimmer. Feinest Rosenduft Webte ihm hier entgegen, er stieg aus den Kristalls schalen auf, ivelche, mit üppigen Blüten gefüllt, auf dem Tische staudett. Die Fensterflügel waren geöffnet, im leichten Lufthauch blähten sich die feinen Spitzenvorhänge, eine matte Ampel erhellte das Gemach. Draußen goß der Mond fein silbernes Licht über das alte Rom, über Trastevere und den Tiberstromi, Welch ein Anblick! Roderich, mit der tiefen Falte auf feiltet


