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et bewahrt auch noch in Hiaus iinb Feld tatsächliche Spuren, die uns in die altgermanische Weltanschauung imb Religion zurück- führen. Wer schon niedersächsische Bauernhäuser gesehen hat, der erinnert sich vielleicht der Pferdeköpfe, die aus den beiden Giebeln kreuzweise hervorragen. Tie Bretter, fcie die Spitze Les Dachsirsts bilden, sind nach oben etwas verlängert und zu Roßköpfeu ausgeschnitzt.
Es ist: bekannt genug, daß sich die Roßköpfe auf d'n Bauernhäusern von Westfalen, Hannover, Lüneburg und Holstein finden, ebenso in Mecklenburg und Pommern, also besonders in jenen Gebieten, 4t» der niedersächsische Stamm vermutlich ursprünglich saß. In Mitteldeutschland begegnet mpn den, Roßhäuptern im nördlichen Nassau aus dem Westerwald und in der Gegend von Herborn und Dillenburg. In der Gegend von Freiberg in Sachsen sind noch Storchköpfe aus den alten Häusern angebracht. Ties seltene Vorkommnis ist tun so auffallender, als gerade in Thüringen und der Gegend des Erzgebirges die uralten Hausmarken sich noch wohl erhalten haben. Es sind dies gewisse, aus einfachen Streifen zusiammenFrsetzte Streifen, womit ein Bauer sein Eigentum kenntlich macht. Im bayrischen Gebirge sand man noch diese Marken, die wahrscheinlich mit den alten Runen zusammenhängen.
Während aus dem nördlichen und östlichen Deutschböhmen keine Köpfet auf Len Dachfirsten beilannt find, fand sie im Sndwesten im Böhmerwald in einzelnen verwitterten Exemplaren, so z. B. in Wallern. Die Schmutzerei war so verfallen, daß sie nur schwer zu erkennen ist, man vertuntet jedoch mehr den Kvpf eines Raben oder eines Schwans. Dagegen finden sich weiter südlich in der Gegend von Prachatitz deutlich Roß- köpfe auf den Einzelhöfen, die von einem, slawisch redenden Volke bewohnt sind. Die Bauernhäuser in der Gegend von Jawslaw an der Wolga sollen alle Roßköpfe auf den Giebeln haben, und eine Zeichnung scheint darauf hinzudeuten, daß die beiten Köpfe nach innen gekehrt sind.
In Süddeutschland und besonders in den Mpenläudern begegnen wir diesen Giebelzeichen, die sich nicht nur auf Roßköpfe beziehen, sondern es finden sich auch Köpfe von Gemsen, Steinböcken, Schlangen itttb Drachen. Im Kanton Bern sind Roß- Wpfe nicht selten, in Tirol sind sie noch recht häufig, so z. B. an der Brennerstraße in Gosensaß, welches Steub mit den Goten in Verbindung brachte. Die Erinnerung an den Steinbock scheint sich im Gedächtnis der Tiroler erhalten zu haben. Der letzte Steinbock ivurde im Jahre 1706 in den öden Trümmer- tälern des Hinteren Zillertals geschossen, aber von den Giebeln der Alpenbewvhner blickt sein Bild noch wohlerhalten herab. Das Seltsante und Humoristische dieses sorgsam geschnitzten Giebelbildes besteht darin, daß das christliche Kreuz an die Stille der unschuldigen Hausmarke getreten ist, es wurde also nur das bürgerlich-politische -Abzeichen verdrängt, während die Tierköpfe geblieben sind. Sehr auffallend sind auch die verschlungenen und geringelten Drachenbilder, die sich auf den prächtigen Bauernhöfen zwischen Trostberg und Altötting in Mtbayern vvrfinden. Tas verbreitest« Giebelzeichen bleiben jedoch immer die Pferdeköpse; man bemerkt sie durchschnittlich auf den ältesten Häusern.
In der Einfassungsmauer eines ossetischen Gehöfts wurden spitze Pfähle als Palisaden angebracht, auf die man Pferdeköpfe hing, auch die Litauer befolgten diesen Brauch. In ähnlicher Weise berichtet man von den Völkern der unteren Donau: „Wie der Tahar pflanzte der vor seiner Wohnung Pferdeköpse und Büffelköpfe auf Stangen auf, was ihm wie dem Tataren 'als ein Zeichen der Macht galt." Was die Kaukasier und Litauer mit ihren Pferdeschädeln ausdrücken wollten, darüber fehlt u ns die nähere Erklärung; was dagegen von den Tataren gesagt wird, führt mehr aus das politische als religiöse Gebiet hinüber.
Jin Itorden war es Sitte, den Pserdekopf als sogenannte Neidstaitge aufzurichten, um die Landlvetter abzuschrecken. Die Pferdeköpfe dienten dazu, den bösen Geist zu wehren, und zu diesem Zwecke waren an allen Giebeln der norddeutschen Bauernhäuser Pferdeköpse ausgeschnitzt.
Unsere Vorfahren scheinen der Meinung des altindischen Gesetzbuches von Manu gewesen zil sein, das das Pferd „den König der Opfer" nennt. Dem Deutschen tvar das Roß das bei weitem höchst geachtete Tier, wie schon die eigenen Worte für männliche, weibliche, junge, schwarze, weiße Pferde an- zeigen. Wie bei Homer und den tiberisch-westgvtischen Helden hattet! Streitrosse ihren eignen Namen. Rosse galten für reine Tiere, sie weideten mit golddurchflvchtenen Mähnen in den heiligen Hainen, die Götter bedienten sich ihrer und sprachen durch sie mit den Sterblichen. Vielleicht wurden in uralter Nomaden- zeit die Schädel der geopferten Tiere auf die oberen Giebelzinken den beiden Stützen gesteckt, auf denen der Länge nach die hohe Dachstange des Zeltes auslag. Vielleicht aber kann in den beiden Pferdeköpfen eine besondere Hinweisung auf die Sonne gefunden werden, die eigentlich das natürliche sichtbare Zeichen des unsichtbaren Gottes eines jeden Urvolks bildete. Der Beg^f der Schnelligkeit, vielleicht auch des Wechsels des Auf- und Niedergangs, des Lebens und des Todes ist mit denr Pferde verbunden, weshalb auch int frühen Mittelalter Mönche
einen Pserdeschädel innerhalb der Klostermauern aufgehängt hatten.
In allen deutschen Gegenden will Kohl das Hufeisen unter der Schwelle des Bauernhauses gefitnden haben; kaum weniger häufig dürste der Pferdekopf auf den Giebeln vorgekommen sein, so daß das alte Haus von der Schwelle bis zum First über die innigen Beziehungen nnserer Vorfahren zu dem edeln Rosse Auskunft gibt. Da, wo, wie z. B. im Schwarzwald, die katholische Kirche die Pserdeschädel von den Dachfirsten herabgeholt hat, werden sie noch sehr oft auf den Speichern im geheimen als Schtttz gegen allerhand Böses aufbewahrt. Ar F.
verMZsetzrss.
** Skalpierungen in der zivilifierten Welt. Jeder Junge, der seinen Lederstrumpf gelesen hat, weiß, was der Ausdruck „skalpieren" bedeutet. Die Apachen, Sioux und Counan- chen hielten es für einen Ruhm, wenn sie mit ihren Messern die behaarte Kvpfhaut ihrer Gegner abtrennen konnten..— Auch in den zivilisierten Ländern gibt es noch Skalpierungen, die sich aber von den erwähnten dcckmrch unterscheidet, daß sie nicht durch Menschenhand, sondern durch Maschinengewalt herbeigeführt werden. — Tie Entstehung dieser schrecklichen Verletzung muß man sich nach Tr. Lotheissen (Wiener Mediz. Wochenschrift) in folgender Weise denken. Tie Haare — es handelt sich meistenteils um Frauenhaare — werden von einem mehr oder weniger rotierenden Maschinenteil erfaßt und aufgetoickelt, wobei ein ziemlich bedeutender Zug entsteht, da die Ha-are, wenn sie einzeln gefaßt würden, sicherlich rissen, in ihrer Gesamtheit gepackt — aber nicht nachgeben. Die Haut wird nun gleichsam von ihrer Unterlage abgehoben, d. h. die unter ihr liegende sehnenartige Fortsetzung der verschiedenen Kopfmuskeln bleibt an der Haut hängen, während unter dieser die Bindegewebsbündel zerreißen. Zum lieber «uß werden die Unglücklichen oft auch noch Vvm Boden aufgehoben, sodaß das Körpergewicht einen Gegenzug ausübt. — Welche Gestalt der Skalp entnimmt, hängt wesentlich mit von der Zugrichtung ab, die beim Wreißen ausgeübt ivurde. — Sonderbarerweise ist der Schmerz in den nteisten Fällen nur sehr gering, ivesbalb auch meistenteils keine Bewußtlosigkeit ein tritt. — Was die Heilung in früheren Zeiten anbetraf, so war. solche sehr ungünstig. Die Skalpierten starben häufig, aber nicht an der gewaltigen Verwundung, sondern an den Folgeerscheinungen, weil eine Jitfektion irgendwelcher Art in der vvrantiseptischen. Zeit schwer zu verhindern war. Wer auch zu einer wirklichen Heilung ist es in feinem Falle gekommen. Erst seitdem man bei der Skalpierung Hauttransplantationen, d. h. Ueberpflanturig von Hautstücken, nach Thiersch ausführte, wurden alle Verletzten geheilt.
** Weibliche Parlamente. Die Frauen im Parlament! sind gar nicht etwas ganz Neues. Schon bei den alten Germanen saßen die Frauen im Rat und der römisch« Kaiser Heligabalus hatte sogar einen eigenen weiblichen Senat gebildet. Er bestand! aus seiner Mutter Soömis, die die Stellung eines Präsidenten! inne hatte, und einer Anzahl von vornehmen römischen Frauen. Allerdings waren ihre Befugnisse auf die Entscheidung aller derjenigen Fragen beschränkt, die sich auf die weibliche Kleidung, Besuche, Etikette, Unterhaltungen usw. bezogen; und es ist daher! anzunehmen, daß die modernen Frauenstimmrechtlerinnen den Vorschlag eines solchen Parbamentes mit Entrüstung von sich weisen würden, lvähreud die Männer sich mit ihm gar wohl einverstanden erklären könnten. In England haben die Frauen schon in früheren Zeiten im Parlamente gesessen. In kein „Witenagrmot" der Angelsachsen waren Frauen ganz regelmäßige Mitglieder. Zum Beispiel saßen im dem großen Rate König Wightreds im Jahre 694 hervorragende Frauen und Mebtissinnen, und die Beschlüsse dieser Versammlung find unter anderem von fünf weiblichen Vertretern! unterzeichnet. Daß sie sich da in der Debatte den Mund sollten haben verbieten lassen, ist nicht sehr wahrscheinlich. Wer noch ick den Tagen Heinrichs des Dritten und Eduards des Ersten haben! Äebtissiunen ihre Sitze im englischen Parlamente eingenommen, und erst unter Eduard dem Dritten scheint sich! die entscheidende! Wandlung vollzogen zu haben, indem die zum Sitze im Oberhause berechtigten Gräfinnen damals aufgefordert ' wurden, Vertreter männlichen Geschlechtes zu entsenden. Interessant ist, wie der bekannte englische Schriftsteller Zangwill die gegemvärtige Schwierigkeit lösen will. Er verlangt nämlich neben dem Hause der Lords noch ein Haus der Ladies —: also einen dritten ParlamentsWrper; und im Falle von Meinungsverschiedenheiten soll die Ueb-rein- ftimtuimg zweier dieser Parlamente genügen, um die Sache zur Entscheidung zu bringen. Der Vorschlag hat! aber in den Rechen der Frauen selbst bisher wenig Anklang gefnnden. I
** Die Seife in alten und neuen Zeiten. Nicht jeder vermag einzusehen, daß die Seife unbedingt zur Reiniichkeit des Körpers nötig ist. Es gißt nämlich! auch Leute, die die Behauptung nufftellcn, sich sie zur Zerstörung ihrer Haut beitrüge. Wie wir wissen, ist sie eilte verhältnismäßig junge Erfindung, aber trotz alledem hsit man keine Veranlassung zu dem Glauben, daß die Völker des Mtertums und des Mittelalters nicht auch sorgsam auf die Reinlichkeit ihrer Person bedacht gewesen sind. Die Egypter, Griechen und ganz besonders die Römer gaben sich große Mühe, ihren Körper reinzuhalten. Tas Bad war, eine i wichtige Einrichtung in jenen Zeiten, als zwar die Seife noch nicht


