Ausgabe 
13.3.1907
 
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Glarus in eine Flasche gefüllt und ich möchte, daß er von einem Sachverständigen untersucht werde."

War jemand zugegen, als Sie das taten? Konnten Sre einen Zeugen dafür beibriugen, daß es srch der dem Jnyalt der Flasche wirklich um ein Gemisch aus dec' von Dr. Chillon ver- . ordneten Arznei handelt?"

Margaret sah ihn verwundert an.

,Nein, das könnte ich nicht, beim es war niemand zugegen, als Miß Garnett, und sie könnte mir nichts bezeugen, denn ich hatte natürlich-abgewartet, bis sie eingeschlafen war. -- Aber Sie zweifeln doch nicht an der Wahrheit meiner Worte?'

Ich für meine Person nicht im allermindesten. Aber wenn es Ihnen darum zu tun war, einen Belastungsbeweis zu schassen, hätten Sie schon etwas umsichtiger zu Werke gehen müssen. Doch das können wir einstweilen aus sich beruhen lassen. Vorerst kommt es daraus an, festzustellen, ob die Tropfen wirklich giftig waren. Mit dem Nachweise ihrer Harmlosigkeit würden ja ohnemes alle Ihre Vermutungen in sich zusammen fallen. Ich werde sorge tragen, daß die Analyse noch in dieser Nacht vorgenommen lverde. Haben Sie nun die Güte, mein Fräulein, mir noch eine einzige Frage zu beantworten: Wenn ein Mann von der gesellschaftlichen Stellung und den beneidenswerten äußeren Ver­hältnissen des Dr. Chillon seine Ehre, seine Freiheit und sein ßcben uni Icfytücicftc ullci* AU bt

gehen, sv muß er dazu doch irgend eine Veranlassung habe». Und ich kann wohl annehmen, daß Sie auch darüber bereits nachgedacht haben. Welcher Art sind Ihre Vermutungen in dieser Hinsicht?

Ich weiß Ihnen darauf nichts zu antworten, Mr. Carter! Denn das, was mir einen Augenblick lang in den Sinn kam, kann doch wohl nicht die wirkliche Ursache gewesen sein."

Sie sollten cs mir immerhin mitteilen, Miß Barrymore! Was ich bis jetzt von Ihnen gehört habe, scheint mir ohne solche Begründung noch kein genügender Anlaß, um den Artikel zurückzn- Lellen, dessen Veröffentlichung Sie zu verhindern wünschen."

Er hatte mit sicherer Menschenkenntnis das beste Mittel gewählt, um Margaret zum Sprecheir zu bringen. Die bloße Er­wähnung jener schrecklichen Anklage gegen Morton Rayward war hinreichend, all ihre mädchenhafte Bedenklichkeit zu verscheuchen

Dr. Chillon hatte mir heute einen Heiratsantrag gemacht", sagte sie leise,und ich hatte ihm erwidert, daß ich Miß Garnett niemals verlassen würde. Da dachte ich "

Sie stockte nun doch, aber Mr. Carter hatte ihren Geoanken- gang auch ohne weitere Erklärungen verstanden. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte wie in angestrengtem Nachdenken vor sich hin. Mr. Comslock, dem die Kombinationen des jungen Mädchens noch immer sehr romanhaft vorkommen wollten, machte eine etwas ungeduldige Bewegung. ,

Was ist Ihre Ansicht über den Fall, Mr. Carter? Ich für meine Person bin der Ansicht, daß es kaum erneu Zweck haben dürfte, die Analyse abzuwarlen und darüber einen ganzen Tag zu verlieren." , ,

Er rechnete mit voller Sicherheit auf die Zustimmung des Reporters, der aber bereitete ihm eine große Enttäuschung, indem er langsam und bedächtig sagte: ,

Ich ziehe meinen Artikel gegen Morton Rayward einst- weilen zurück. Mr. Comstock! Soweit ich den Doktor Chillon kenne ich ihn nie für etwas anderes gehalten als für einen 'rüa,cü)to gen Streber und einen brutalen Egoisten. Außerdem ist er ohne Zweifel ein Mann von sehr leidenschaftlichem Tempera­ment. Solchen Leuten ist mancherlei zuzutrauen.Unb am Ende wäre es nicht einmal gar so schwer, den Schlüssel zu seiner Handlungsweise zu finden immer vorausgefetzt natürlich, daß sich wirklich eine das Leben gefährdende Beimischung in dieser .Ärzuel 11cidjivelfen fiefäe. Durans Eontntt e§ jefet meines &ici$itcn£ Vor allem an. Und ich muß mir jede weitere Meinungsäußerung Vorbehalten, bis wir die Analyse eines zuverlässigen Chemikers in den Händen haben. Können Sie sich mir morgen früh sechs Uhr wieder zu einer Unterredung zur Verfügung stellen, Miß 83(rrri)nwre

Margaret war zu allem bereit, wenn nur das Verhängnis, seine bürgerliche Ehre durch eine öffentliche Verdächtigung ver­nichtet zu sehen, von Morton abgewendel wurde. Mr. Carter Nahm ihr das Versprechen ab, sich zu der angegebenen Zeit wieder aus der Redaktion desMorning Telegraph" einzufinden, und erbat sich dann ritterlich die Erlaubnis, sie bis zu Miß Gaimetts Hause heimzugeleiten. Daß ihre Unterhaltung auf drefein Wege Nur eine Fortsetzung des vorhin begonnenen Verhörs war, kam Margaret in ihrer Erregung kaum zum Bewußtsein. Aber Mr. Carters heitere Miene bei der Verabschiedung bewies, daß er zn- ffneden war mit dem, was er erfahren.

(Schluß folgt.)

Hessische Bereinigung für Volkskunde.

-l. Gießen, 12. März.

Ihren dritten Mitgliederabend hielt die Gießener Ortsgruppe der Vereinigung am Mittwoch abend im Saale des Cafe Ebel unter dem Vorsitz des Pfarrers S ch u l t e-Großen-Lmden ab. Die Versammlung war sehr gut besucht, sprach doch zum letzten Male der um die Volkskunde hochverdiente Professor Dr. Wünsch, der nächste Woche Gießen verläßt, um einem Rus au die Universität Königsberg Folge zu leisten. Das Thema seines Vortrags .lautete:Die Hexen des Theokrit . Wie die Dichtkunst unserer Tage bestrebt ist, uns vertraut r» machen nut dem Leben des Volkes, dem Denken und Dichten des Burgers und Bauern, mau braucht bloß an die Romane von Gustav Frenßen und Alfred Bock zu denken, .so wendete sich auch der m der nach­klassischen Periode der griechischen Literatur hervorragende Kunst­dichter der Darstellung des kleinbürgerlichen, des Bauern- und Hirten-Lebens zu. Die bukolische Dichtung Theokrits führt uns ins dritte vorchristliche Jahrhundert, in die «eit nach Alexan­ders des Großen Tod, als der Hellenismus die Welt eroberte und die Beziehungen der Völker durch den ausgedehnten Handel immer inniger geworden waren. Nicht mehr die säten der .Heroen, Blut und Kampf, Thronraub und Konigsnwrd will unser Dichter schildern, sondern er entwirft uns liebliche Bilder aus dem Leben, namentlich der Hirten. Eine solche Dichtung ist sein zweites Idyll,die Hexen", die berühmte, farbenprächtige Darstellung einer Liebeszauberszene, zu der ihn ein Mlmns des sopyron irnd die Komödiendichtung Menauders offenbar angeregt haben, ^re Handlung spielt auf der Insel Kos, wo Theokrit entern Dicyter kreis angehörte. Die Heldin des Stückes, Simatha, ist ab Mädchen aus dem Volke sehr abergläubig und versteht manches von der Hexenkunst, sie ist ferner sehr verliebt, neugierig und eifersüchtig. Ihre Zauberkunst stellt sie rn den Dienst ihrer Liebe. Dephis, ihre Geliebter, ein echter Gr .eche, dem die körperliche^ Uebungen des Gymnasiums und die Wettkämpfe der Palästra über alles gehen, ist ihr untren geworden, und nun wendet sie Zauber an, um den Treulosen zurückzugewinnen Sie beginnt Mit einem Gebet, in dem sie die Höllengöttin Hekate, aiirnll. Dies eigent­liche Zauberhandlung, bei der ihr ihre Dienerin Thestylis "ssestierte, wurde im Hose an einem kleinen Altar ausgeführt, neben dem ein Zauberkessel stand. Auf dem Altar brannte em Feuer, m dem u a auch ein Stück von, Mantel des Ungetreuen verbrannt wurde. Dabei wurde ein Rad gedreht, an das em ^etidehals festaebnnden war. Die Griechen glaubten nämlich, daß dieser Vogel die Liebe Hervorrufen könne, und so begleitet die Zauberin die einzelnen Handlungen mit ben immer wieder als Schaltoers wieberkehrenden WortenWenbehals, bring mir ben Nlann ins Haus i" Die einzelnen Teile des Zaubers entsprechen durchaus den Vorschriften, die in ben griechischen Zauberpapyri.für solch« Zwecke gegeben werden: Der Dichter hat offenbar ein solch | Zauberbuch bei der Abfassung benutzt. Am Schlüsse des Zaubers erzählt Simätha der Mondgöttin Selene ihre Liebesgeschichte, um ihr zu beweisen, daß ihr Unrecht geschehen ist. Der eingehen­den Analyse des Idylls ließ ber Vortragenbe eine geschmackvolle feinsinnige Uebersetzung folgen, die, sehr eindrucksvoll rezitierr, dem Zuhörer ein gutes Bild von der Schönheit , und Eigenart dieser reizvollen Dichtung zu geben vermochte. Die iiitereßanten Ausführungen des Redners fanden lebhaften Beifall., Nach einem Dankcswort des Vorsitzenden wurde ente anregende Diskussion begonnen. Pfarrer Schulte betont, daß die Brauche der Alten manche Parallelen im deutschen Volksglauben hatten Nicht nm. im Jnntal, sondern auch in Oberhessen fand man noch den Brauch des Raddrehens beim Liebeszauber: Em Mädchen ging zur Äesan- fran (Wahrsagerin) und fragte um Rat gegen , die Treulongkeit ihres Geliebten, sie mußte abends bei Mond schein mehrere Slun den ein Wagenrad rückwärts drehen. Wich Z"ube,rtranke werden noch in Oberhessen gebraucht. Dr. Ebel fpricht über lyim pathetische Mittel, die heute noch m Japan und China gegen Feinde und Treulose angewandt werden, sowie über mittelalter- Uche Hexenprozesfe. Professor Dr. W ü n s ch bemerkt, daß auch schon im Altertum die Hexen bestraft wurden. An der Ans- prache beteiligten sich mich noch Prof Dr Körte, Prof. Di. Röschen und Alfred , Bock. Um 10 Uhr wurde oer drille Mitgliederabend geschlossen.

Die Roßköpfe auf den deutsche» Bauernhäuser«.

Die Tradition der Bauern ish abgesehn von Urkunden, fast der einzige Weg, der uns einen Blick m die Verhältnisse oer Vorzeit gestattet. Von Geschlecht zu Geschlecht haben dw Laiw- leute diesen Schatz bis zur Gegenwart glemMm heransg-r-icht. Tas Bauernleben ist so einfach, es bewegt sich m so^ruhlgcny stetig wiederkehrendem Gleis, daß tm Gedächtnis des , .

mannes immer noch Raum für Erinnerungen, die sich nicht auf ; den Beruf beziehen, übrig blieb; ja gerade der Mangel an größeren weitreichenden Tätigkeit und ine Mw«ferche, ' tieften Anregungen mußte ihm, lene Erinnerung n wert machen, die vielfach die einzige poetische und romsantifche M«i^ ' seines arbeitsvollen Daseins bildeten.

Nicht nur durch mündliche lleberkieserung reigt der Land- mann feine Treue für die Vorfälle der Vergangenheit, s