Ausgabe 
13.3.1907
 
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1807

A H

I

MR

Der J-all KarneLt.

Novelle von Reinhold Ortmann.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Viertes Kapitel.

Nein nein nein! Und das ist ja auch Heller Wahnwitz! Morton Rayward ist der beste aller Menschen und er liebt seine Tante wie eine Mutter. Sie dürfen diesen Artikel nicht erscheinen lassen, Mr. Comstock, denn Sie würden damit eine fürchterliche Schuld auf Ihr Gewissen laden."

Der Druck des Blattes, das den Aufsatz enthält, wird in einer Stunde beginnen, Miß Barrymore! Wenn Sie also in der Lage fein sollten, mir irgendwelche Mitteilungen zu machen, die Mr. Carters Informationen und Vermutungen Lügen strafen, so müßte cs auf der Stelle geschehen."

Es war nur noch ein kurzer Kampf, den Margaret mit sich selbst zu bestehen hatte. Vor dem Entsetzen über das schreckliche Verhängnis, das sie da über das Haupt des geliebten Mannes Heraufziehen sah, mußten all ihre zaghaften Bedenklichkeiten ver­stummen.

Gut denn, ich will Ihnen alles sagen, Mr. Comstock!"

Nur einen Augenblick noch, mein Fräulein", unterbrach der Redakteur, indem er nach dem Fernsprecher auf seinem Schreibtische griff.Es wird besser sein, wenn Mr. Carter unserer Unter­redung beiwohnt. Er befindet sich, wie ich hoffe, noch im Hause."

Der Reporter war in der Tat noch da und trat wenige Mi­nuten später ein. Auch er war nicht wenig überrascht, seine ungelehrige Schülerin bei dem Hauptredakteur zu finden. Aber als Mr. Comstock ihn mit wenig Worten von Miß Barrymores entschiedenem Widerspruch gegen feinen Artikel unterrichtet hatte, ging ein mitleidiges Lächeln über sein Gesicht.

Ich kann mir wohl denken, daß Mr. Morton Rayward sich nicht schlecht darauf versteht, seine Umgebung über seinen wahren Charakter zu täuschen", meinte er,er gehört eben zu den Leuten, denen man nur durch die Wucht überwältigender Tatsachen beikommen kann."

Miß Barrymore glaubt aber, einen anderen Schuldigen ausfindig gemacht zu haben. Und wenn ich sie recht verstand, hat sie ums in jenem Fläschchen da sogar einen greifbaren Be­weis mitgebracht. 3ft_ es nicht so, mein Fräulein?"

Ja! Das heißt, ob es ein Beweis ist, wird sich erst Herausstellen müssen."

Mr. Carters Gesicht wurde ernster.

Und wer ist cs, den Sie für den Schuldigen halten, Miß Barrymore?"

Ein letztes kurzes Zaudern noch, dann sagte Margaret nach einem tiefen Atemzuge:

Miß Garnetts Hausarzt, Doktor Laurence Chiltonl"

Die beiden Journalisten sahen sich in höchster Ueberraschung an, Mr. Comstock schien eine Antwort auf der Zunge zu haben, die die ungeheuerliche Vermutung als eine Lächerlichkeit zurück­

weisen sollte, Mr. Henry Carter aber kam ihm znvor. Seine lauge Rcporterpraxis hatte ihn gelehrt, nichts in der Welt für unmöglich zu halten >/ud irgend einen Anhalt mußte dies junge Mädchen doch immerhin für feine Behauptung haben.

Ich gestehe, daß Ihre Vermutung nicht sehr viel Wahr­scheinlichkeit für sich hat, mein Fräulein", sagte er freundlich. Ein Arzt, der feiner Patientin nach dem Leben trachtet, um sie nachher mit allen Mitteln seiner Kunst wiederherzustellen, wäre eine etwas ungewöhnliche Erscheinung. Aber immerhin wenn Sie triftige Gründe haben---"

Ich weiß nicht, ob eS triftige Gründe sind. Vielleicht wer­den sie Ihnen nicht so erscheinen. Aber wenn Sic fein Gesicht gesehen hätten, als tp mir das Medizinfläschchen ans der Hand riß, um cs auf den Boden zu werfen bei Gott, es war das Gesicht eines Menschen, dem das böse Gewissen aus den Augen stiert."

Möchten Sie uns das nicht etwas ausführlicher erzählen? Ein Medizinfläschchen sagen Sie Und wie kam der Doktor dazu, es Ihnen zu entreißen?"

Ich ivar im Begriff, ein paar von den Tropfen zu nehmen, die er Miß Garuett als Schlafmittel verschrieben hatte. Und er kam zufällig dazu, als ich sie abzählte. Wie ein Tiger stürzte er auf mich zu, um es zu verhindern.Was wollen Sie tun?" rief er,Sie sind ja des Todes!" Und doch hatte er noch wenige Minuten zuvor erklärt, es sei ein ganz harmloses Mittel."

Eine etwas dunkle Geschichte", meinte Mr. Comstock. Mr. Carter aber fuhr ernst und bedächtig in seinem Verhör fort:

Und idanu riß er Ihnen, wie Sie sagen, das Fläschchen aus der Hand, um cs auf den Boden zu werfen? Glauben Sie beim, daß er dies letztere absichtlich getan hat?"

Ganz gewiß! Mit so großer Gewalt schleuderte er die Flasche auf die Dielen, daß sie notwendig zerbrechen mußte."

Wenn ich Sie recht verstehe, sind Sie der Ansicht, daß er das getan habe, um eine nachträgliche Untersuchung des Inhalts unmöglich zu machen?"

Ja, davon bin ich überzeugt, obwohl mir der Gedanke erst später gekommen ist, als ich mir sein sonderbares Benehmen zu erklären suchte"

War denn das Medikament nicht nach einem Rezept in der Apotheke angefertigt worden?"

Allerdings! Und Miß Garnett hatte während der letzten acht Tage schon den größten Teil der Arznei genommen, ohne Schaden davon zu haben. Aber es fiel mir nachträglich ein, daß sich Dr. Chilton heute abend eine Weile mit dem Fläschchen zu schaffen gemacht hatte. Bei einiger Geschicklichkeit hätte er Gelegenheit genug gehabt, der Flüssigkeit dabei irgend einen gif­tigen Stoss zuzufetzen."

Eine ziemlich vage Vermutung. Aber was Sie uns da mitgebracht haben, was ist denn das?"

Ich sagte Ihnen doch, daß ich schon einige Tropfen der Arznei für mich in ein Glas Wasser abgezählt hatte. An diese Mischung hatte er wohl nicht gedacht, als er sich bemühte, das Medikament aus der Welt zu schaffen. Nachdem mit einmal der schreckliche Verdacht gekommen mar, habe ich den Inhalt deS