Ausgabe 
13.2.1907
 
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Ei» König bin ich vom Zaune, Weiß nichts von Leid und Weh, Hab' immer gute Laune, Frag' nichts nach Frost und Schnee.

Sott ich euch erzählen, wie der kleine Bursche zu Ehre» und Würden gekommen ist? Als einst vor langen, langen Jahren die Vögel einen König wählen wollten, verlangten sie von ihrem künstigen Herrscher, daß er am höchsten zur Sonne emporsteigen könne, daß er sich als König im Reich der Lüfte bewähre. Da entstand ein allgemeines Wettfliegen: jeder Vogel versuchte seine Kräfte, allen voran aber sch-chang sich der Adler empor, höher und immer höher, bis er sich endlich nahe den Wolken rs> majestätischer Ruhe schwebend wiegte. Schon glaubte er sicher, den Preis davongetragen zu haben, da sah. er über sich ein winziges Vöglein, das ihm lustig imb neckisch zurief: Ich bin König, ich bin König. Der kleine Schelm war vor dem Aufstieg unbemerkt auf den Rücken des Adlers geschlüpft, hatte sich von ihm emportragen lassen, um ihn dann in höchster Höhe zu über­listen. Zwar wurde der Aar doch von allen Vögeln als ihr Herr und König anerkannt, ,aber auch des kleine Vöglein erhielt als Lohn für seine drollige Schlauheit den Königstitel Zaunkönig heißt er bis auf den heutigen Tag.

Wir sind beim Plaudern, tüchtig vorwärts gekommen und finden überall etwas Hübsches zu sehen und zu beobachten. Was ist das für eine muntere, vielköpfige Schar, die auf dem Straßen­damm ihr Wesen treibt? Zivifchen den dreisten Gassenjungen, den Spatzen, tummeln sich auch Zugehörige zur besseren Gesellschaft im Bogelreich, Goldammern und Grünlinge und die zierlich einherschreitenden Haubenlerchen mit ihrer hochstehenden Tolle. Jetzt beginnen die Tage der Not und Sorge, und da haben sich denn all die armen Hungerleider zusammengefunden, um gemeinsam die schweren Zeiten zu überstehen. Wir wollen ihnen mal ein kleines Festmahl bereiten, die Zutaten habe ich mitgebracht, eine Düte mit allerlei Sämereien, Körnern und kleinen Abfällen. Ei, wie es ihnen schmeckt, wie sie picken und sich drängen, und wie immer neue Scharen herbeifliegen! Ist es nicht ein anmutendes Bild, und klingt nicht ihr leises Gezirp, als wollten sie nns Dank sagen! Nicht wahr, Kinder, ihr deckt auch in harter Winterszeit den lieben Vöglein ihr Tischchen? Es läßt sich ja so leicht auf dem Fensterbrett, auf dem Balkon, vor dem Hause oder im Garten eine Futterstelle einrichten, und wenn ihr allerlei Ge- säme, kleine Brocken und Abfälle hinslreut, wird es an Gästen nie fehlen, weder in der Stadt noch' aus dem Land. Die kleinen Sänger brauchen unsere Fürsorge und vergelten sie reichlich. Wie wundervoll erklingen ihre Lieder in schönen Frühlingstagen, welchen unberechenbaren Nutzen stiften sie durch massenhafte Vertilgung schädlicher Insekten! Wenn die flinken Vöglein nicht zur Nahrung für sich und ihre allzeit hungrige Brut Tausende und aber Tausende von Raupen und Maden und Würmern wegfingen, ihre Eier und Larven aus den verborgensten Schlupfwinkeln heraushvlten, dann wäre es um Feld, Garten und Wald übel bestellt, dann toürden der Landmann, der Gärtner und Förster sich nicht des Ungeziefers erwehren können, und auch für euch keine Kirschen und Pflaumen, keine Birnen und Aepfel reifen. Darum gedenkt jetzt in den Tagen der Not auch der darbenden Sänger!

Unser Spaziergang zeigt uns stets wechselnde Bilüer, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Eben ertönt von dem Wipfel eines Baumes ein rauhesschack, fäiac!" wir kennen den Ruf und die langschwänzigen Vögel, die geschwätzigen, diebischen Elstern. Sie haben wohl unsere Schritte vernommen, denn sie erheben sich in schwerfälligem Fluge, um schon auf dem nächsten Baume zu rasten. So schon die Elstern in ihrem schwaräzweiß gezeichneten Federkleid ausschauen mit den stahlblau, grütt und violett schimmernden Flügeln, so garstige, blutdürstige Räuber sind sie, vor denen kein Vogelnest sicher bleibt. Auf den Feldern uns zur Seite, wo die Saat grün durchblickt, schreiten ent ft und bedächtig, nach Nahrung spähend, einige Krähen einher. Plötzlich fliegen sie mit heiserem Geschrei empor, um sich mit anderen krächzenden Genossen zu vereinen. Auch die Nebelkrähen stehen in dem Ruf von Spitzbuben und Räubern; sie überfallen ntanches Nest, stellen Wohl >a!uch jungen Hasen und Rebhühnern nach, und die Küchlein sind vor ihnen nicht sicher. Ihre gelegentlichen Freveltaten werden aber durch die Vertilgung unzähliger Feldmäuse gut gemacht. Ein anderes Verdienst von ihnen ist, daß sie die Raubvögel fern halten: sie verkünden ihre Annäherung mit lautem Geschrei und verfolgen den Feind mit vereinten Kräften, so daß er meist unverrichteter Sache das Weite suchen muß.

Nun haben wir den Wald erreicht. Wie herrlich liegt er vor uns in zauberhafter, schimmernder Pracht, in schweigender, majestätischer Schönheit, scheinbar öde und tot, und doch von Leben erfüllt, ernst und dunkel, und doch in Hoffnungsgrün gekleidet. Unsere guten Nadelbäume halten auch im Winter treu und beständig Farbe, und ihr grünes Gewand wirkt im Gegensatz zu dem schneeigen Weiß besonders frisch und freudig. Noch glitzert an den langen Kiefernadeln der zierliche Neifbehang, und auf den unteren Zweigen ruht eine blendend weiße Schneedecke. Hier und da blinken auch lange Eiszapfen; die Sonnenstrahlen haben die Schneeflocken geschmolzen, aber ehe die Tropfen zur Erde niederrannen, sind sie in der kalten Luft wieder erstarrt. Zwischen den hochragenden, kerzengeraden Kiefern stehen junge,

schöngewachsene Bäumchen und stachelige WachHolderbüsche, aber wie drollig und wunderlich sie aussehen! Der Schnee hat ihnen gar sonderbare Kapuzen und Mäntel übergezoaeu, als w-ollte er sie für ein Maskenfest ausputzeu. Jetzt bricht die Sonne durch den Wolkeuschleier, mit deut sie sich kurze Zeit verhüllt hatte, und läßt die Baumstämme rot erglühen; allerorten blitzen Schnee- sternchen und Eisflittern auf und suukem in leuchtenden Farben, gleich dem Behang am Weihnachtsbaum. Und fast will es uns scheinen als schimmerten dort rotbäckige Aepfel auf den dunkel­grünen, schneeweiß überhängten Zweigen. Wir treten näher hinzu, um uns das Wunder zu beschaueti. Utti> was zeigt sich unfern erstaunten Blicken? Nicht saftige Früchte hängen zwischen den Nadeln, die Bäume tragen einen lebendigen, beweglichen Schmuck, muntere Vögel mit prächtig rotem Gefieder, die in steter Ge­schäftigkeit im Gezweig klettern und schweben, spielen und Nahrung suchen. Kreuzschnäbel sind es, eine in unfern Gegenden verhältnis­mäßig seltene Erscheinung. Sie kommen nicht Jahr für Jahr, sondern ganz unregelmäßig, und immer nur daun, wenn die Kiefernbäume reich mit Zapfen behängt sind. Der Same der Kienäpfel ist ihre liebste Speise, und sie verstehen es meisterhaft, mit ihrem starken, hakenförmig gekrümmten Schnabel die Schuppen abzusprengen uud den Samen zu gewinnen. Aber die hübschen Vögel die Männchen mit ihrem roten Prachtkleid, die Weibchen in bescheidenem, graugrünen Röckchen sorgen nicht nur für ihre Sättigung, sic bauen auch Nester, legen Eier, brüten Junge aus, füttern diese mit rührender Liebe und Treue, uud alles das in harter Winterzeit, bei Schneegestöber und oft bitterer Kälte.

Je iveiter wir wandern, um so mehr werden wir gewahr, daß auch der winterliche Wald nicht leer und erstorben ist, daß er ein reiches Leben in sich birgt. Das huscht in den Zweigen, das klettert au den Stämmen, das sucht die Wege ab, das späht überall nach! Nahrung und wispert und pfeift und singt in leisen, feinen Tönen. Wenn viele unserer lieben Sänger, löte es wohl auch reiche Leute machen, im Winter nach dem sonnigen Süden verreisen, so bleibt doch eine große Zahl trotz Wind und Wetter, Eis und Schnee allezeit der deutschen Heimat treu; ja es fehlt selbst nicht an solchen Vögeln, die im Winter zu uns kommen. Sie wohnen sonst im hohen Norden und finden es bei uns mild und behaglich, im Vergleich mit der Kälte, die in ihrer Heimat herrscht. Zu solchen Wintergästen gehören die fchönen Seidenschwänze.

Klingt da nicht wieder einzerr zerr" und dir lustige Weise des Zaunkönigs an unser Ohr? Und schaut, da hüpfen und flattern die andern Zwerge aus dem Vogelreiche durch' das Gezweig, die reizenden Goldhähnchen mit ihrem orangeroten Kopfputz. Das Auge vermag ihnen kaum zu folgen; wie kleine Mäuslein, so flink und behende huschen sie durch das Dickicht. Hier aber zeigt sich ein großer Vogel im schwarzen Gewand mit gelbem Schnabel. Ihr kennt ihn wohl, den herrlichen Sänger, die Amsel, deren weithin schallender Schlag oft schon im Februar ertönt! Eine Wolke von Reifschnee sprüht hernieder, wir schauen aufwärts: da tummelt sich eilte große Schar von munteren, leb­haften Vögeln, Meisen aller Art, die oft in den wunderlichsten Stellungen, zuweilen den Kopf nach unten gerichtet, eifrig alle Ritzen nach Jnsekteneiern und kleinen Kerbtieren durchsuchen. Sehen wir genauer hin, so finden wir wohl bald als größte von ihnen die Kohlmeise heraus und als zierlichste d'.e flinken Tannenmefen; die Blaumeise erkennen wir an ihrer weißgesäumten blauen Kopf­platte, -und die Haubenmeise an ihrem spitzen Häubchen. Es ist ein wahres Vergnügen, dem Treiben der immer beweglichen, kecken, fröhlichen Tierchen zuzuschauen, welche in Wald und Garten strenge Polizei ausüben und mit allen Baikmverwüstern aus dem Jnsekten- reich kurzen Prozeß machen. Sie gehören daher zu nnseru nütz­lichsten Vögeln, die Schutz und Pflege verdienen, und statt dessen werden noch immer unzählige Scharen in Meisenschlägen und Meisenhnttm weggefangen, um al» Leckerbissen verspeist zu werden! In der Gemeinschaft der Meisen befinden sich hier auch viele andere Vögel: Kleiber, Baumläufer, Spechte; denn bei Frost und Kälte gesellen sich häufig sehr verschiedene Arten zu. einander, die in guten Tagen nichts von einander wissen mögen.

Ich höre einen Jubelrus. Er gilt wohl betn munteren Eich­hörnchen, das dort sein possierliches Wesen treibt. Der rotbraune Geselle mit dem dickbauschigcu Schwanz hat eine gar seine Nase, ein merkwürdiges Vorgefühl für jeden Umschlag int Weiter. Als er das Schneegestöber witterte, hat er schnell sein Nest ausgesucht, das Ausgangsloch Sorgfältig verstopft und sich dann zu behag­licher Ruhe zusammengerollt. Jetzt hat das schöne Wetter ihn wieder aus seinem Schlupfloch hervorgelockt zu neuer Lebensfreude und fröhlichem Spiel. Seht nur de« Kenten Türner, wie gewandt er flett.rt und springt, wie er blitzschnell von Zweig zu Zweig, von Ast zn Ast schwingt, wie er in weitem Sprung von einem Baum zum andern die Lust durchfliegt! Ruhe scheint er nicht zu kennen; da ist er wieder aus dem Erdboden angelangt, da hüpft er munter einher, da rutscht er behend an einem Baumstamm empor, indem er mit seinen langen, scharfen Krallen in die Rinde einhakt, da springt er wieder ntuf einen Ast, um an einem Kiesernzapfen zu knabbern. Gar hübsch und drollig nimmt sich jetzt unser Eich­hörnchen aus, wie es auf feinen Hinterfüßen fitzt, während es mit den Vorderpfoten zierlich den Zapfen hält, mit kräftigen Zähnen ein Blättchen nach dem andern abbeißt und dann den Kern zum Munde führt. Wie lebhaft blitzen die großen Acuglein, ivie an-