Ausgabe 
13.2.1907
 
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alte Frau? Wie mich das beglückt! Ich denke immer, mein Töchterchen lebt mir, vielleicht wäre es ebenso schön, so rein und warmherzig geworden."

Die junge Frau sank vor dem Bett auf die Knie. Nichts von Rührung liess ihr Herz erbeben bei den Worten der Greisin, anch keine Reue über den Verrat, den sie an ihr übte, nein, nur das erlösende Bewußtsein war in ihr, daß sie sich unbesorgt aus- weincn konnte ijt ihrer Angst um den Geliebten, über dessen ahnungslosem Haupt sich die Wolken eines vernichtenden Un­wetters bereits zusammenzogen.

Hauptmann von Poseck blieb nach dem Fortgang des Ehe­paares in einer Erregung zurück, die er kaum zu bemeistern ver­mochte. Schon der Gedanke allein, daß der Name des Mädchens, das er sich zur Gattin gewählt, im Verlauf einer nicht mehr aufzu­haltenden Untersuchung durch den Schmutz und die Gemeinheit aller möglichen Erörterungen gezerrt werden könnte, erhitzte sein Blut. Er sah unzählige Konflikte vor sich aufsteigen, in die jene schreckliche Anschuldigung gegen seinen zukünftigen Schwager ihn verwickeln würde.

Eine namenlose Bitterkeit gegen Joachim bemächtigte sich seiner. Er hätte ihm seinen Zorn, seine Verachtung ins Gesicht schleudern mögen mit harten Worten, sein warmfühlendes Herz vergab jede weiche Regung, wenn er nur Joachims Benehmen gegen die Schwester überdachte. In solcher Stimmung verließ er, sobald die .Kranke eingeschlafen war, das Haus und schritt den Weg entlang, den er in letzter Zeit so oft, die Brust von banger Sorge bedrückt, gegangen war. Immer aber hatte in all dieser Zeit fern ein lockender Hoffnungsstrahl geleuchtet, nun schien auch dessen Glanz verbleichen zu wollen. Es war ein stürmischer, kalter Abend. Wirr zusammengeballte Wolkenfetzen jagten in phantastisch wechselnden Gebilden am Himmel, hin und wieder ein Stück des tiefdunklen Firmaments freilasfend, an dem ver­einzelte Sterne schläfrig blinzelten und vor dem hellen Schein des Mondes neidisch erblaßten. Dieser schob seine große, gelbe Kugel siegreich durch das drängende Gewölk, warf ruhiges, bleiches Licht durch die entblätterten Bäume der Promenade und malte auf den Weg des Offiziers ein Schattenuetz krauser, kahler Zweige. Unter einer Laterne am Ausgang der Anlagen zog der Haupt­mann seine Uhr und nach einem Blick darauf lenkte er seine Schritte nach dem bekannten Cafe, in dem er sicher war, Ge­sellschaft zu treffen nnd näheres über die sensationelle Geschichte zu hören.

Im Extrazimmer saßen mehrere Offiziere, darunter die Ritt­meister von Klast und von Eppen, die Leutnants Schmieder, von Föhrenthal und Graf Scherrentin, in eifrigster Unterhaltung.

Sie hatten mehr oder minder rote Köpfe.

Mit einemWissen Sie schon?" wurde der Hauptmann begrüßt. Er bejahte ernst.

Der Eintritt des Kellners verhinderte vorerst jede weitere Bemerkung, erst als der neue Ankömmling sein Glas Pilsener vor sich hatte, schnarrte Rittmeister von Eppen:

»Ja, ja, Poseck, der alte Kreß sitzt bereits hinter Schloß und Riegel. Ich gönn's dem verdammten Hunde, aber gemein ist's doch von der Frau, den eigenen Mann so schmählich zu verraten."

Dabei ist sie sicher die Hauptschuldige", meinte der Ritt­meister von Klast lebhaft,ich könnte meinen Kopf verwetten, daß so ein junger Leichtfuß eher bei einem Schäferstündchen mit der pikanten Frau, als bei prosaischen Sprachlektionen sich irgend etwas hat entlocken lassen."

Mein' ich auch!"

Baron Föhrenthal streckte die langen Beine von sich und gähnte leicht und gelangweilt hinter der vorgehaltenen Hand.

Walter von Poseck aber wurde immer erregter. Sein Bier hatte er auf einen Zug hinuntergestürzt und sich darauf ein Glas Grog bringen lassen. Ihm war sehr unbehaglich. Eine unerklärliche, nervöse Angst ließ ihn srösteln.

Was ist denn eigentlich Wahres an dem Beweisstück und der Mutmaßung über seinen Verfasser, Herr Rittmeister?" wandte er sich an Eppen. Seine Stimme klang heiser und gepreßt.

Der Rittmeister strich sich unbehaglich über den kahlen Kops.

Da ist durchaus noch nichts zu sagen. Sie wissen, so etwas wird streng geheim gehalten."

Nun mischte derschöne Schmieder" sich gelassen ins Ge­spräch:

Gott, Herr Rittmeister, was ist das noch geheim zu halten? Das saubere Frauenzimmer hat ja dafür gesorgt, daß heut wieder einmal der Name Baron Tressenbergs in aller Munde ist."

Eine schwüle Stille folgte seinen Worten. Die Offiziere

waren sich alte der Gefahr bewußt, die darin lag, wenn sie den Verdacht gegen den Kameraden erst offen zugaben.

Der Rittmeister von Eppen war der einzige, der für seinen jüngsten Osfizier eine Lanze brach.

Ich glaube nicht an seine Schuld. Entweder ist er einem unglückseligen Zufall oder weiblicher Rache zum Opfer gefallen, das letztere scheint mir näher zu liegen. Ich weiß, daß ich ihn vor dem gefährlichen Weibe warnte, als ich sie damals bei ihm traf. Es mag wohl schon zu spät gewesen fein."

Ausfallend ist es aber doch," warf Rittmeister von Klast ein,daß Tressenberg, der zuerst ein so lauer Soldat gewesen ist, sich plötzlich mit wahrem Feuereifer auf den Dienst und militärische Studien warf sagten Sie nicht auch, Schmieder, daß er sich von Ihnen kriegswissenschaftliche Bücher geborgt habe?"

Der Gefragte nickte bestätigend.

Es waren Aufsätze darunter, die ich auf der Kriegsaka­demie verfertigt hatte."

Der Rittmeister ließ einen Pfiff hören und wandte sich dann an Hauptmann von Poseck, der in sich versunken vor seinem Glase saß, mit der Frage:

Nun, wie stellen Sie sich eigentlich zu der Sach«, Poseck? Meinen Sie, daß er schuldig sein könnte?"

Der Hauptmann fuhr empor. Der schnell genossene Grog stieg ihm siedend heiß in die Schläfen. Seine durch die auf­reibende Krankenpflege, die fiebernde Ungewißheit und zehrende Sehnsucht nach der Geliebten straff angespannten Nerven zer­rissen. Schmerz und Zorn lähmien die Klarheit seiner Sinne. Er wußte wohl kaum, wie groß die Tragweite der Worte war, die jetzt laut und deutlich von seinen Lippen kamen:

Ich habe dem hochmütigen verschlossenen Tressenberg von Anfang an nicht viel Gutes zugetrant und würde mich gar nicht wundern, wenn er sich als Landesverräter entpuppte."

Schmieder, der mit dem Gesicht direkt dem Eingang gegen­über saß, hatte bei seinen letzten Worten eine ungestüme Bewegung gemacht, als wolle er ihn am Weitcrsprechen hindern, doch Poseck hatte es in seiner Erregung nicht bemerkt. Erst als er die Augen des Kameraden in unverhohlenem Schreck eine bestimmte Richtung nehmen sah, wandte er sich um.

(Fortsetzung folgt.)

gilt Winter spazrergang.

Von Olga A l t m a n n, Biesental.

Wer kommt mit? Ich möchte einen Spaziergang in den Wald machen, der in seinem Winterkleid wunderschön aussieht, fast noch prächtiger als zu anderen Jahreszeiten. Ihr alle wollt mitgehen? Ei, mir soll's recht sein! Es ist ja herr.iches Frost­wetter, und die Bewegung in der frischen, kalten Lust wird euch gut tun, besser als das Hocken am warmen Ösen. Darum macht euch schnell fertig, hoch eure Mäntel und Jacken, Hüte und Mützen und sorgt vor allem sür festes Schuhwerk, damit der Schnee nicht durchdringt.

Nun liegt die Stadt hinter uns. Weite schneebedeckte Felder dehnen sich zu beiden Seiten des Weges aus und glitzern und flimmern im Sonnenlicht. Unter der blendend weißen Hülle ruht die Saat wie unter einer weichen, warmen Decke wohl- geborgen: hier und da schaut mal ein grüner Streifen hervor, wo der Wind den Schnee verweht, oder wo die Sonne ihn weg- geschmolzen hat. Und kann man sich etwas schöneres. denken «ls den funkelnden Reifbehang! Die Birken am Wege mit ihren niederhangenden Zweigen, sehen sie nicht herrlicher aus als die blühenden Oüstbänme in ihrer Maienpracht?! Sie schimmern in märchenhafter Schönheit, mit Millionen von Silbersternen geschmückt, und wenn ein leiser Windhauch sich erhebt, falten unzählbare funkelnde und blitzende Eiskristaile wie Blütenblötter zur Erde. Aber selbst jedes verdorrte Kräutlein, jeder trockene Halm nm Wege, jedes Spinnengewebe ist mit feinen Eisnadeln behängt, die, vcn der Sonne bestrahlt, wie kostbares Geschmeide, wie herrliche Edelsteine in allen Farben aufleuchten. Unwill­kürlich kommt mir das Berschen in den Sinn.:

Das nenn' ich Diamanten, Saphir, Smaragd, Rubin So viel an hohen Festen Trägt kaum die Kaiserin.

Wir sprachen eben von Fürstlichkeiten ei seht, da meint Seine kleine Majestät der Zaunkönig, er gehöre auch dazu. Hier aus dem Gebüsch eines Vorgartens erklingt sein lustiges Sieb» chen, und da sitzt auch das winzige, immer srohe Vöglein und wippt mit seinem in die Höhe gerichteten Schwänzchen, wie es seine muntere Art ist. Der königliche Sänger, dem auf jebem Zweige fein Thron erbaut ist, kennt keine Herrscherforgen; er­klingt nicht sein kleines Lied, das immer in einem schallenden Triller endigt, so bell und fröhlich, als wolle er uns zurufen: