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Mittwoch den 13 Aeörnar ♦ tf»
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Wersche«leben, die lügen.
Monmn von D. E b r Hardt, Verfasserin von „Mittellose Mädchen" Nachdruck verboten.
(Sortierung.)
V.
I« dem geinütlichen Wohnzimmer Fran von Posecks saßen Hanna nnd der Hauptmann sich gegenüber. Auf dem runden Sofatisch brannte des frühen Abends wegen schon die altmodische Stehlampe, aber ihr Schein warf nur schwache Helle in die Ecke, tvo neben dem großen grünen Kachelofen Hanna in einem der tiefen Sessel lehnte, den der Hauptmann für sie dorthin gerückt hatte. Sie liebte in letzter Zeit diese ungewisse Beleuchtung, wenn sie mit Walter von Poseck plauderte. Ihr fehlte der Mut, in seine offenen ehrlichen Augen zu blicken, wenn er immer wieder ihr zartes Mitempfinden an dem Leiden seiner' Mutter, ihre kindliche Liebe für die alte Fran mit warmen Dankesworten pries. Im Grunde war es ihr ganz gleichgültig, wie es der Mutter ihres Freundes ging. Sie hatte ja nur um ihr Leben gezittert, weil durch ihren Tod ihre häufigen Besuche bei dem Geliebten zur Unmöglichkeit geworden wären.
Sie hörte auch heut' nur mit halbem Ohre auf Posecks Worte, die erfüllt waren von demütiger Dankbarkeit gegen Gott, der endlich die Krankheit der geliebten Mutter zur Besserung gewendet hatte und voll freudiger Zuversicht inbezug auf Marga, von der ihn nun nichts mehr trennen sollte. Er merkte in seiner glücklichen Erregung nicht, wie wenig Anteil die junge Frau an dem nahm, was ihn bewegte, er sah auch nicht den Zug grenzenloser Enttäuschung, der ihr Gesicht verdüsterte, als der Landrat gegen sieben Uhr erschien, um sie abzuholen. Aber den ungewöhnlichen Ernst im Antlitz des Freundes sah er sofort. Auch fiel ihm auf, daß er sich nur flüchtig nach dem Befinden der Kranken erkundigte. Er trat zu Hanna, die noch immer zusammengekauert in der halbdunklen Ofenecke saß, küßte sie auf die Stirn und ehe Poseck noch eine Frage tun konnte, begann er ohne Umschweife:
„Ihr seht mich furchtbar erregt, Kinder! Es ist aber auch eine gräßlich unangenehme Geschichte und mir ahnt irgend etwas Schreckliches, das sich daraus entwickeln wird — ich weiß nicht, soll man alles glauben —"
„Was ist beim um Gottes willen passiert, alter Junge?" fragte Walter halb gutmütig beschwichtigend, halb besorgt und drückte den Aufgeregten in einen Sessel.
Der Landrat zwang sich zur Ruhe.
„Vor zwei Stunden ungefähr erschien der Oberst bei mir. Er hatte verschiedene Fragen und Anliegen an mich, die mich stutzig machten. Als er aber mein Erstaunen sah, meinte er, da bereits die ganze Stadt alarmiert sei, könne er mir ruhig die Wahrheit all dessen, was die Gemüter bewege, mitteilen. An die Militärbehörde sowohl, als auch au das Polizeiamt und mehrere Privatpersonen hier seien ans einem kleinen, russischen Nest Briefe eingegangen, in denen Frau Kreß — du kennst die Person vielleicht durch deine Kameraden, Walter — ihren Mann offen der Spionage bezichtigt. .Er habe unter dem Vorwande, russische
Stunden zu erteilen, sich die Bekanntschaft mit jungen Offizieren verschafft und deren Vertrauensseligkett ober Leichtsinn benutzt, um allerlei geheime für Rußland wichtige Dinge von ihnen zu erfahren. In Berlin war ihm bet Boden unter den Füßen schnell zu heiß geworden und er habe es hier in einer der wenigen befestigten Garnisonen weiter versucht und wie das Weib schrieb, nicht ohne Erfolg. Sie hat auch Beweise beigebracht, glaub' ich — und da in der letzten Zeit nur ein einziger Offizier bei ihrem Manne aus- und einging —"
Er schwieg. Die beiden Männer sahen sich starr an. War es die instinktive Abneigung der Betrogenen? Oder durchzuckte sie die Erinnerung an des Rittmeisters von Eppen frivol amüsante Schilderung, wie er Frau Kreß bei dem Freiherrn von Tressenberg getroffen habe und dieser ihm gesagt, er hätte nur geschäftliches mit ihr verhandelt? Walter war's, der zuerst Tressenbergs Namen nannte. Der Landrat nickte beistimmend.
Ans der Ecke, in der die junge Frau saß, klang ein halblauter Entrüstungsruf.
„Unmöglich!"
Wäre die dämmerige Beleuchtung ihres Platzes ihr nicht so günstig gewesen, in dem Moment hätte ihr Gesicht sie verraten.
Wilde Empörung rang darauf mit einem weichen, angstvollen Schmerzgefühl.
Was stand dem Geliebten wieder bevor? Welche Reihe von Demütigungen, dunklen Stunden, peinlichen Verhören —
Und er war schuldlos. Dafür hätte sie ihre Hand ins Feuer gelegt.
Zum ersten Male drängte sich in die Gleichgültigkeit gegen ihren Mann unbändiger Haß, als er jetzt mit väterlich nachsichtiger Ueberlegeiiheit sagte:
„Unmöglich? Ich glaube gern, Kind, daß dir das so erscheint, du bist ja viel zu unverdorben, um die Untiefen eines Menscheuherzens, welcher Art sie auch seien, zu begreifen. Du kennst die Welt noch nicht, Lieb." «
„Und hoffentlich lernen Sie nie das Verständnis für ihre Schlechtigkeit, Frau Hanna!" unterbrach ihn Walter ernst, „behalten Sie getrost die gute Meinung von den Menschen, das Gegenteil bringt nur Mißtrauen und Weltverachtung. Lassen wir die unangenehme Geschichte lieber ruhen vor deiner Gattin, Oskar!" wandte er sich an den Freund und beide begrüßten es als willkommene Unterbrechung, als die treue Lina eintrat und meldete, daß Frau von Poseck ans ihrem Schlaf erwacht sei und lebhaft nach Frau Gerhardt verlange.
Auch Hanna huschte förmlich erlöst aus dem Zimmer.
Die etwas stickige, von süßlichem Jodoformgeruch gesättigte Krankenstubenluft fiel ihr vollends auf die Nerven. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Sie neigte sich über die Kranke, die ihr zulächelte und langsam und schwer rollten ein paar heiße Tränen über ihre blassen Wangen und sielen auf die weißen Kissen.
Frau von Poseck schloß in einer beseligenden Mattigkeit die Augen.
„Nicht meinen,, Hanna", lispelte sie schwach, „die Gefahr ist ja vorüber. Tut's Ihnen denn wirklich so leid um mich


