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Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Ho ecke r- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 21. Kapitel.
Bei dem leisen, durch das Schließcit der Tür verursachten Geräusch hob Walden matt beit Kopf und blickte auf. Als er die Eintretcnde erkannte, da stieg eine dunkle Nöte in seine verhärmten Züge, ein heftiger Ruck ging durch seine Gestalt und unter einem leisen Stöhnen streckte» sich diese wieder auf dein .Lager, während das Gesicht hurtig sich der Wand wieder zukehrte.
Doch da saß Hermine schon neben seinem Lager, faßte seine Hände und hielt sie trotz seines Widerstrebens fest. „Nicht so, mein Freund", sagte sie sanft, sich mutig zur Festigkeit zwingend. „Mögen Sie auch Ursache haben, den Blicken aller Menschen auszuweichen, mir dürfen und sollen Sie getrost in die Augen schauen, denn wir gehören zueinander — oder gehören wir nicht?" fuhr sie überredend fort, als er seine Anstrengungen, die Hände frei zu bekommen, verdoppelte. „Sollte ich mich nur einem Wahn hingegeben haben? War ich Ihnen nicht ungleich mehr als ländere Menschen? . . . und bin ich es nicht auch jetzt noch? Freund Walden, mag eS auch unweiblich klingen . ... in dieser Stunde drängt cS mich, es Ihnen zu sagen, daß Sie mir viel waren und bleiben werden bis zu meinem letzten Atcm- zupe!" .
Der Verwundete stöhnte auf. „Ich beschwöre Sie, Hermine, gehen Sic!" .ächzte er. „Ich kann Sie nicht so sprechen hören; gerade von Ihren Lippen tut es unsagbar wehe — ich weis;, Sie müssen mich verachten!"
„Wer spricht -davon ! Was wäre Neigung, die nur im Sonnenschein gedeiht!" widersprach das Mädchen, immer noch seine Hände in den ihrigen festhaltend. „Gerade weil ich in Ihrer Seele lese und wohl besser, als die anderen alle, darum kam ich hierher — oder glauben Sie, ich wüßte es nicht, was in Ihnen vorgeht? Sie sind am Ende Ihrer Kraft, Sic wissen keinen Ausweg vor drohender Schande, darum wollen Sie sterben. . . und falscher Stolz verschließt Ihre Lippen. Aber ist es männlich, Freund, sich in ein Schicksal kampflos zu finden — ein Schicksal, das wenig eigene Verschuldung und viel äußerliches Zutun herbei- gcführt hat? Ich denke besser von Ihnen! Gewiß, ich weiß cs so gut wie alle Welt, daß Sic in der Irre gegangen sind. Nicht geziemt es mir, die Ursachen zu erforschen, wenn ich sie auch zn kennen glaube. Doch von dem Mann, der mir nicht gleichgültig geblieben ist, wie ich auch itjnt nicht, darf ich Mannesmut bis zum letzten bitteren Ende erwarten. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß Ihre Annahme, ich verachte Sie wegen des Geschehenen, ein Wahn ist — nur den feigen Schwächling, der davor zurückscheut, die Folgen seiner Handlungsweise zu vertreten, müßte ich verachten. Bon ihm geliebt worden zu sein, wäre bis ans Ende meiner Tage für mich untilgbare Schmach!"
'Sie sprach so ernst und eindringlich, daß Walden nicht anders konnte: er mußte den Kopf nach ihr wenden. Doch als. ihre Blicke sich begegneten, da stöhnte er lvicder dumpf auf.
„Das sagen Sie — gerade Sie, Hermine!" brachte er dumpf hervor. „Sagt cs Ihnen nicht das eigene.Herz, daß ich schweige, — weil — weil ich Mich schäme—unendlich vor Ihnen schäme . . und doch, beim Ewigen! Ich bin nicht schlecht, wenigstens nicht in dem Maße, wie die Leute glauben.... Stolz und geehrt wollte ich vor Ihren Augen dastehen-, sei es denn gesagt. Ich wußte, wie viele Neider ich hatte, die mir meine Erfolge mißgönnten. Darum wagte ich alles auf einer Karte, um Erfolg und Anerkennung an mich zn reißen — um vor Sie hintreten zu können, als ein ganzer Mann, Hermine!" fügte er verlöschend hinzu. *
Dann, als sie nur mit gutem Blicke zu ihm niederschäute, ohne zu antworten, fuhr er verzweifelt fort: „Kein Mensch kann achten, atuch Sie nicht, was ich gelitten habe! Ohne es zu wollen, sah ich mich plötzlich in ein Meer von Schuld verstrickt . . . und da gab cs keinen Ausweg. Tas überwältigte mich . . . Verstand und Uebcrzeugung ließen mich im Stich . . . Ich handelte wie ein unbedachter Knabe, suchte mich gewaltsam vor den Folgen einer unbedachten Tat zu schützen .... und erreichte doch nur, daß ich mich immer hoffnungsloser verkettete . . Nun liege ich- auf der Strecke, und aus dem geachteten Mann von gestern ist der Schuft geworden, der keinem mehr in die Augen schaue» kann. Ah! Wer mir das zuvor gesagt hätte, daß cd so reißend schnell bergab mit mir gehen würde!"
„Das ist alles selbstquälerische Phantasterei!" unterbrach ihn Hermine voll herber Offenheit, die. nur durch ihren sanften Blick gemildert würde. . „Was die Wahrheit auch sei, sie zu offenbaren, sind Sie sich selbst, sind Sie mir schuldig. . . Soll ich Nicht irre an Ihnen werden, so finden Sie den Mut zur .Wahrheit, Freund . . . draußen wartet mein Vater. Daß er immer Ihr Freund war, wissen Sie — darf ich ihn rufen?"
Sic wartete die Antwort nicht ab, sondern schritt zur Tür und kehrte gleich darauf mit dem Rat an das Schmerzenslager des in großer Erregung Befindlichen zurück. Sie ließ sich wieder bei ihn; nieder und faßte erneut seine Hände. „Nun erleichtern Sic Ihr Herz, Freund Walden", sagte sic in einem- Tone klarer Bestimmtheit, „es find Ihre besten Freunde, zu denen Sie sprechen."
Tie Widerstandskraft des Detektivs war besiegt; die herzlichen, verständigen Worte des geliebten Mädchens hatten seiner Vernunft die einzige Straße gezeigt, die er wandeln mußte.
„Ja, ich trage die Schuld an dem Tode d:S unseligen Schuhmacher", begann <r dumpf. „Ich war jener geheimnisvolle Begleiter und der junge Bursch von vorhin hat mich mit Recht wiedererkannt. Ich will meine Tat nicht beschönigen, will alles so wahrhaftig sagen, als stände ich vor Gottes Richterstuhl .... und haben Sie mich gehört", meinte er mit einem bittenden Blick auf die über ihn Gebeugte, „dann verachten Sie mich. Ich kann cs nimmer ändern. Ter Kampf ist aus und ich bin überwunden!"
Dann, starr vor sich hinblickend, berichtete er mit müder, schleppender Stimme, als ob er fremdes Menschenschicksal kündete, was eigentlich die Geschehnisse jener Nacht herbeigesührt hatte,


