Ausgabe 
12.7.1907
 
Einzelbild herunterladen

402

Gatten gefttrchtet hatte. War daran die ehrliche Bttounderung schuld, welche Seebach der Gattin seines Freundes zollte, oder im­ponierte dem Kammerherrn unwillkürlich das starke Selbstbe- wußtsein, dieses deutlich gezeigte Unabhängigkeitsgefühl, zu welchem er sich trotz seiner glänzenden Vermögenslage nicht aufschwingen konnte?

Man war schon beim Nachtisch angelangt, als ein Dieneri auf Seebach zutrat:

Tie Poft, Herr Baron. Es ist ein eingeschriebener Brief dabei."

Er reichte ihnr das Quittungsformular. Secüach verbeugte sich entschuldigend gegen Dagmar und unterzeichnete. Neu­gierig sah Bathildis zu ihrem Vater hin. Aber der schüttelte lachend den Kbps.

Tast der Eingeschriebene von Weber ist, meinem Verwalter." wandte er sich an das Ehepaar,weißt du ja, und die andern Sachen haben Zeit."

Doch als Dagmar ihn bat, die Briefe ruhig zu lesen, sie wären ja zu. einemzwanglosen" Beisammensein hergekonimen, willigte er scherzend ein, wenigstens die Unterschriften nachzu­sehen. Aber schon gleich bei dem ersten Schreiben stutzte er.

Von Achatz?" sprach er, verwundert seine Tochter ansehend.

So entging ihnen der Ausdruck der Unruhe, der blitzschnell iliber Dagmars Stirn huschte. Gleich darauf hatte sie sich ge­faßt. Es war ja einfach lächerlich, daß sie sofort glaubte, es handle sich um Nchdorf, so wie sie den Namen Achatz hortet Und dabei wußte sie ganz genau, daß ihr lediglich Beltlingens wegen ein baldiges Zusammentreffen mit dem Rittmeister un- angenehm gewesen wäre. Seit sie Magnus' leidenschaftliche! Eifersucht kennen gelernt hatte, fürchtete sie sich davor.

Energisch hob sie jetzt das Haupt. Wie kam sie nur darauf, Seebachs mit Uchdorf in Verbindung zu bringen? Das waren za lauter Hirngespinste!

Und doch hatte sie sich in ihrer instinktiven Annahme picht getäuscht, denn schon schlug Seebachs Stimme an ihr Ohr, Denke nur, Bathildis, Achatz ist schwer krauk an Lungen­entzündung gewesen, sodaß er nun aus mehrere Wocheir nach dem Süden muß. Wie er schreibt nach Meran oder San Remo," er wandte sich an Beltlingen,Uchdorf ist nämlich ein Vetter von meiner seligen Z-rau. Uebrigens mußt du ihn doch auch kenne», -er steht ja in $. bei den Leibulanen?"

Mit bewundernswerter Kraft hatte Beltlingen seine Stinime in der Gewalt.

Wir kennen ihn leider nur flüchtig. Tenn er kam erst kurz vor unserer Verlobung nach T."

Dagmar atmete erleichtert auf. SecbachS hatten nichts ge­werkt, aber sie selber wußte nur zu gut, welche Anstrengung Magnus diese scheinbare Ruhe kostete. Verstohlen schob sie unter dem Tisch ihre Rechte in seine kalte Hand. Ta nickte er ihr zu. Aber sie fühlte doch, daß nicht jalles so war wie es sein sollte. Und plötzlich wünschte sie mit ihm allein zu sein. Tja wollte sie es ihm sagen, das, was seine Eifersucht löschen würde.

Und aus diesem Entschluß heraus schützte Dagmar, nachdem man den Kaffee eingenommen hatte, Kopfschmerzen vor, und bat Magnus, sie nach Hause zu bringen. Sie wolle sich lieber vor dem Theater noch etwas ruhen, denn es war ausgemacht, baß Seebachs und Beltlingens zusammen in das Nationaltheater gehen wollten.

Ter schleunigst bestellte Wagen brachte das Ehepaar denn huch Halb nach dem Hotel. Trotz seine« leisen Sorge um Dagmar saß Beltlingen wortkarg neben ihr in dem Coups. Seine Züge waren undurchdringlich, nur die bleiche Gesichtsfarbe ver­riet der aufmerksamen Beobachterin den Sturm, der noch immer in ihm tobte.

Still ging TagMiar in das Schlafzimmer und ließ sich aus­kleiden. In ihrem weißen, flauschigen Mostgenrock streckte sie sich daun auf das breite, bequeme Ruhebett, dessen hellrosa Farbe einen prächtigen Hintergrund für ihr schönes, blondes Haupt bildete/

i ;Ich lasse meinen Mann bitten, herzukommen."

;Sehr wohl, Frau Baronin." Anna verschwand.

Gleich darauf trat Beltlingen in das Schlafzimmer. Er sah Noch immer sehr blaß und erregt saus. Dagmar streckte ihm beide Hände entgegen, wobei die weiten, griechischen Aermel zurück­sielen.

Magnus überflog mit einen: heißen Mick das schöne Weib, dessen Arme sich ihm entgegen breiteten. Ein eignes Leuchte« srat in seine Augen. Dagmar rückte ein wenig zur Seite.

Komm, fetze dich neben mich, Magnus. Ich möchte dir etwas lagen.''

Langsam ließ er sich an ihrer Seite nieder. Sie blinzelte mit den Augen.

Tie Ktvne blendet entsetzlich."

Mit kurzem Griff drehte der Kammerherr die vier unver­hängten Lichter aus, sodaß nur die nnttlere, rosa verschleierte Lampe brannte. Sie warf einen eigentümlich warmen, nerven­erregenden Schein in das Zimmer. Dagmar empfand es mit beinah körperlichem Unbehagen. Aber sie schwieg davon und wartete, bis Beltlingen seinen Platz wieder eingenommen hatte. Dann ergriff sie mit ihrer Rechten seine Hand, während sie ihre Linke in unbewußter Koketterie unter den Kopf schob.

Magnus," begann sie zagend, während ihre feinen Finger leise über seine Hände strichen,ich möchte heute nicht in das Theater gehen. Ist es dir aber auch recht, wenn wir hier bleiben?"

Er beeilte sich, sie seiner Zustimmung zu versichern. Und dann schwiegen sie. Scheu sah einer an dem andern vorüber. Es war eine lastende, unheimliche Stille. Wußten sie doch beide ganz genau, daß sie unausgesetzt an das eine dachten. An das, was ihm das Blut siedend heiß durch die Lldern jagte, was ihr Herz in bangen Schlägen pochen ließ.

Mit feste»! Entschluß sah Dagmar endlich zu ihrem Gatten empor.

Magnus," begann sie unvermittelt,ist denn dein Vertrauen zu mir wirklich so gering, daß dich schon der Name Uchdorfs in Harnisch bringt? Warum traust du mir noch immer nicht? Ich habe doch ein Recht dcrrauf als deine Gattin." Leise und traurig kamen diese Worte von ihren Lippe».

Beltlingen sah sie ernsthaft an.

Wenn du wüßtest, wie das tut, wenn einem plötzlich, so völlig gegen den eignen Willen, der Gedanke aufsteigt,den andern den hat sie lieber"," entgegnete er gepreßt.

Ungestüm richtete Dagmar sich empor. Ihre Brust hob und senkte sich, i» schnellen Atemzügen, eine flammende Röte lag auf ihren Wangen, als sie langsam und schwer entgegnete:

Magnus, hast du dir das auch überlegt, was du mir damit sagst? Weißt du, was das für mich heißt, dein den andern hat sie lieber? Sieh, als du mir das damals, ich meine vor unserer Vermählung, sagtest, da verstand ich dich, begriff die quälende Sorge des Liebenden, ein teures Gut zu verlieren. Daß du mir das jetzt noch, nach all dem" sie stockte schäm voll dann schlug sie die Hände vor das glühende Gesichtdaß du jetzt noch annehmen konntest, den: andern gehörte auch nur ein einziger mehr als harmlos freundlicher Gedanke weißt du, wozu du mich dadurch erniedrigst?"

Sie ivarf sich plötzlich hinten über und schlug die Hände vor das Gesicht. Ihre ganze Gestalt bebte in unterdrücktem Weinen.

Ratlos sah der Baron auf die leidenschaftlich Erregte, die ihm nie schöner und begehrenswerter als jetzt erschienen war. Langsam beugte er sich über sie.

Mein süßes Lieb," flüsterte er heiß,so weine doch nicht," er streichelte ihr Hqar und Wangen,glaube mir, wenn ich dich kränkte, so geschah das unabsichtlich und aus allzugroßer Liebe zu dir."

Mit leidenschaftlichem Flehen ruhten seine Augen auf seinem jungen Weib. Abgerissen flüsterte er tausend süße Liebesworte in ihr Ohr. Dagmar Hörte wohl den echten Herzenston darin. Zögernd ließ sie die Hände von dem verweinten Antlitz sinken. Ihre Augen sahen ihm groß und fragend ins Gesicht, das sich nah, 5anz nah über sie beugte.

Und du wirst jetzt nie mehr denken, daß ich dich hinter­gehen könnte?" Er nickte wortlos.Wirst du dir wirklich für alle Zeiten merken, daß ich nur dir allein gehöre und ge­hören will?" Er nickte wieder.Ist das ein Wort?"

Ja," klang es ernst und fest von Beltlingens Mund.

Mit einem plötzlichen Ruck setzte Dagmar sich aufrecht hin. Leise legte sie die Arme um seinen Hals.

Ich will dir noch eins sagen, Magnus," Hub sie gedänipft an, .'darauf 'magst du ganz besonders ersehen, wie grundlos deine Eifersucht war. Ich hätte Uchdorfs Gattin werden können!"

Der Baron zuckte zusammen.

Wann?" frag er heiser.

Tu lerntest ihn erst auf dem Hvfball kennen," umging Dagmar die direkte Antwort.

Richtig! Ich war ja damals grade zur Kür in Wildungen," erinnerte sich der Kammerherr.

Bist du nun zufrieden?" frag' die Baronin diplomatisch und dann legte sie den Köpf an seine Brust, während sie leise sagte:Siehst du, Magnus, den ganzen Kümmer hättest du. dir und mir ersparen können, wärest du dessen eingedenk gewesen/ was eine Tfagmar Rolfsen gibt gibt sie auch ganz!"

(Fortsetzung folgt.)