Areitag den 12. Juli
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Ann Ken unter der Asche.
Roman von M Proßnitz (M. Nörenberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
(Fortsetzung.)
■ Sehr vergnügt kam Beltlingen just in dem Augenblick zurück, als Dagmar für die Wagenfahrt gerüstet aus dem Ankleidezimmer trat. Mit Kennerblick musterte er ihre vornehme Erscheinung.
„Alle Wetter," entfuhr es endlich seinen Lippen, ivährend seine Augen noch immer mit Heller Bewunderung an Dagmar hingen, „ich glaube, meine Frau wird mit jedem Tag schöner."
Dagmar lachte, ein weiches, frauenhaftes Lachen, Unwill- kiirlich straffte sich bei diesem Lobspruch ihre schlanke, biegsame Gestalt, bereit herrliche Form das Schneiderkleid in so diskreter Weise zur Geltung brachte. Mit ihren leichten, au- mntigen Schritten trat sie zn Beltlingen hin und legte ihm schmeichelnd die Hand ans die Schulter. Ihn durchschauerte es bei der Berührung durch die heißgeliebte Frau. Leidenschaftlich zog er ihre schmale Rechte an seine Lippen.
>,Weißt du, toen. ich heute getroffen habe?" begann er nach einer Pause. „Meinen alten- Kriegsschulkaineraden Hermann Seebach," und als DaMar ihn noch immer verständnislos ansah, fuhr er, sichtlich erheitert durch diese Begegnung mit dem Jugendfreund, lebhaft fort: „Er ist nämlich der einzige von all den Leuten, mit dem ich noch heute in Briefwechsel stehe. Er war stets ein famoser Kerl. Schade, daß er so bald den Dienst quittierte, nm die väterliche Scholle zu übernehmen. Ra, er! war nicht weniger erstaunt, als ich bei dieser unverhofften Begegnung! Ich habe ihm übrigens versprochen, daß wir heute mit ihm im „Bayrischen Hof" dinieren wollen. NatürliH nur, wenn es dir recht ist, mein Herz." , .
Dagmar nickte.
„Aber nun komme," fuhr Beltlingen mit zärtlichem Blick fort, „der Wagen wartet schon. Ich habe vorhin bei Stuffler eine Anzahl Photographien ausgesucht, die du vor einigen Tagen als besonders hübsch bezeichnetest. Ich denke, wir fahren da nachher heran und du siehst sie dir noch einmal au."
„Magnus, Miagnns, du verwöhnst mich zu sehr! Wie soll ich dir nur danken?"
Er fah sie heiter an. ' > 's' t -
„Erstens durch deine Liebe, und dann — durch dein Aussehen. Es ist nun mal meine Schwäche, mit dir ein wenig zu prunken." Damit reichte er ihr den Arm und führte sie zu dem harrenden Wagen.
Mit verzeihlichem Stolz bemerkte der Kammerherr die rieten Neugierigen und bewundernden Blicke, die Dagmar auf sich zog. Kein einziger Ausruf der Bewunderung entging seinem scharfen Ohr, während er ihr Näheres von Seebach erzählte. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, indem er sich heimlich das Aufsehen ausmalte, welches die schöne Norddeutsche heute machen wurde, wenn sie au (enteilt Arm den Wintergarten des „Bayrischen Hofes" betrat.
Sie war stber auch wirklich Volt einer wahrhaft blendenden
Schönheit, feine schlanke, blonde Dagmar, die er wenige Stundest später mit schlecht verhehltem Triumph seinem Freunde zuführte. Ein weiches, mattblaues Seidenkleid, dessen schmale Falten von köstlichen Spitzeneinsähen durchbrochen wurden, umfloß Ujrc hohe Gestalt. Ein schmaler Gürtel, herrliche, echt venetianische Gold- schmiedearbeit, hielt die lei.chtgebauschte, viereckig ausgeschnittene Bluse in der Taille zusammen. Zart und sein modelliert hobest sich die schöngeformten Arme der Baronin ans dem hauchfeinen Spitzengekräusel ab, das den überaus vorteilhaften Abschluß bet Aerntel bildete.
Das herrliche, goldblonde Haar hatte Anna geschickt in einest großen Knoten gewunden, dessen übergroße Fülle fast zu schwer für den schlanken Hals seiner Trägerin zu sein schien.
Einen seltsamen und eigenartigen Gegensatz bildeten die feint gezeichneten, tiefschwarzen Augenbrauen und die langen, leicht gebogenen Wimpern, die voll aufgeschlageri, ein paar berückend schöner Augen entschleiertem
Die leise Röte der Verlegenheit auf den Wangen, ein freundliches Lächeln nm den kleinen Mund, trat Dagmar an Veltlingens Arm jit den Wintergarten, wo Seebach mit seiner Tochter Bathildis bereits ihrer harrte.
Er war ein stattlicher, lange nicht so „geschickt" konservierter! Herr, dem mau gern zehn Jahre mehr zurechnete, als dem gleichalterigen Beltlingen. Mit einer etwas altmodischen Verbindlichkeit begrüßte er das „junge Paar", wobei er ein dröhnendes! Lachen hören ließ, das unschwer int Verein mit dem roten; sonnenverbrannten Gesicht, dem energischen Ansatz zum Emboit« point und einem gewissen Unbekümmertsein um die übrigen, bett Agrarier verriet, den Landjnnker, bet lange nicht von seiner Scholle gekommen, wo er mit unumschränkter Gewalt über Hammel und Rindvieh herrschte.
Trotzdem ihr solche Art ungewohnt war, fühlte. Dagmar sich in einer gewissen Weise davon ungezogen. Tas war doch endlich einmal etwas anderes, als diese ewige Hofetikette! Tenn mit scharfem Blick erkannte die Baronin schon nach kurzem Beisammensein, haß diese attscheinende Gleichgültigkeit gegen das Urteil des lieben Nächsten int Grunde nichts anderes war, als ein besonders stark ausgeprägtes Selbstbewnßtseiu. Nicht etwa! in dem pwtzenhaften Sinn untergeordneter Emporkömmlinge, sondern aus dem Vollgefühl anererbten, kraftvoll verwalteten, redlich erhaltenen Besitzes heraus.
Und das gefiel ihr. Sie meinte plötzlich an dem Barost noch den herben, kräftigen Geruch bet salzigen Brise zu spüren, beit der scharfe Nordwind von bet Ostsee her aus sein Gut trieb, von dem er mit soviel Behaglichkeit zn erzählen wußte.
Auch an Bathildis fand sie bald lebhaftes Wohlgefallen.
Wenn sie nur gewußt hätte, an Iven ihre wunderschönest Augen sie so sehr erinnerten? Dagmar samt hin und her. Und mit einmal wußte sie es. DaS waren genau dieselben Äugest wie Uchdorf sie hätte. Sonderbar, dachte sie, wie solche Aehn- lichkeit kontinen »tag . . .
Das Diner verlief lebhaft unb angeregt, denn Veltliitgest schien an der Ungeniertheit des Barons weniger Anstoß zu nehmen, wie Dagmar cs anfänglich von ihrem alle Zeit korrektest


