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anbrennen und den Kaffee in der richtigen Mischung präsentieren durfte. Er ehrte gnädig den guten Willen.
Jetzt schüttelte er wiederholt den Kopf. „Tiefer überkluge Hendrichs," meint er, „der Menschen und Dinge durch die allerschärfsten Brillen sieht, der läßt sich vvn der Sylvia noch anketten — es ist unglaublich. Rü — wenn —"
Er vollendete den Satz nicht, Erna wu&te, woran er dachte: Daß seine Lebensgefährtin, mit der er sich in späteren Fahren erst recht treu zusammengefnnden hatte, von ihm gehen werde, unb wie Sylvia ihm dann eine Last gewesen wäre.
„Gott gebe seinen Segen dazu!" sagte er aus voller Brust. Er trat an Ernias Seite in das Wohnzimmer, wo die Verlobten sich befanden. Aber sie blieben lauschend an der Tür stehen.
Paul saß am Flügel und begleitete ein Mendelssohnsches Lied, welches Sylvia sang. Es dünkte selbst den alten Kommerzienrat, als habe er nie Aehnliches gehört. Sylvias Stimme, jetzt rein und voll, in guter Schule gebildet, hatte ein ganz eigenartiges timb-re gewonnen. Eine tief bewegte Seele strömte da, mit den Mitteln vollendeter Kunst ansgestattet, diese herrlichen Töne aus; Sylvias Antlitz leuchtete wie das einer Verklarten,
Paul hielt den Blick zu ihr emporgerichtet, und sie hatten beide die Eintretenden nicht bemerkt. Er erhob sich, als sie geendet, und auch ihn erkannte mian kaum wieder, als er jetzt zu ihr sprach:
„Sylvia! jetzt bist du an dem Ziel, dem du einst in brennender Sehnsucht nachjagtest. . Jetzt würdest du auf jeder Bühne, in jedem Kvnzertsaal einen Beifallssturm entfesseln, und un- gemessene Triumphe feiern können. Willst du es noch? Frage dich noch einmal darum. Aus mein Urteil kannst du dich verlassen, und — frei sollst du sein."
„Paul! Paul! bist du noch Zweifler? Was kümmern mich solch trügerische Lorbeeren, wenn sie wirklich zn erringen wären — mir ist heut gegeben worden über all mein Bitten und Verstehen."
Der Kommerzienrat und Erna schlossen leise die Tür.
„Ich will ihnen lieber später gratulieren," meinte der alte Herr. „Ich hätte es im Leben nicht geglaubt, daß in die Sylvia noch so viel rechtschaffene Vernunft kommen könnte."
Itnacr Zustände vor 90 Ialjren
L
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
Jena d. 26 ten Januar 1817 (1818!). Liebes Lottchen!
. Für Ihren letzten Brief danke ich Ihnen recht sehr; ich hoffe daß der meinige Sie jetzt von Ihren Unpäßlichkeiten her- gestellt vorfinden werde. Diese haben Sie wahrscheinlich dem Zugwinde zn tierbauten, welcher in Ihrer Eltern Hause ost zu seyn pflegt. Mit den Frieseln aber, von denen Sie schreiben, daß sie bey 'Ihnen uM sich griffen, ist nicht zu spaßen; die muß man sich vom Leibe halten, und das werden Sie hoffentlich auch gethan haben. Ich bin mehrere Wochen lang auch nicht wohl gewesen, es scheint als wenn ich mich an Lust, Wasser und Lebensart hier noch nicht ganz gewöhnen könne; doch ist es jetzt etwas besser; und da ich anfangs zu Paris etwas ähnliches empfand, so hoffe ich auch, daß es sich noch wieder verliehren werde. Ich habe mich zwar voin Lesen dadurch nicht abhalten lassen, doch hat es mir manche unangenehme Stunden gemacht. '■ 1
Seit dem Anfänge der Kollegin nach Michaelis sind wir hier denn alle fleißig gewesen, und es ist nicht viel besonders merkwürdiges vorgefallen. Beym Reformationsfeste, welches hier auch lange geschert Ward, mußten ich und der Vvn Rostok hieher berufene Professor Konopak, nach beendigtem Gottesdienste in der akademischen Kirche, uns zu den ausgesetzten Becken an den Kirchenthüren stellen; und die für den hiesigen Frauenverein bestirnten Gaben in Einpsang zu nehmen. Wir erhielten 100 Thaler, und bekamen dann vvn der Frau Erbgroßherzogin, mit welcher Sie mich ein wenig schelmisch necken zn müssen glauben, als Obervorsteherin des Frauenvereins ein Danksagungsschreiben dafür. Das hatten wir denn auch verdient, denn wir musten bey sehr üblem Wetter, in Schuh und Strümpfen, den Huth un- term Arm, lange an den Thüren stehen, und das Anprellen der ganzen Menge aushalten, welches besonders alsl der Stn- dentenzug herausstürzte so heftig ward, daß Wir kaum unser» Posten behaupten konnten.
Studentenspektakel erleben wir hier am Markte ost; besonders halten sie es hier mit dem. Anzünden großer Feuer in der Nacht. Kürz vor Weihnachten feierten sie Blüchers Geburtstag, illuminirten erst, und hielten. eilte Rede auf dem Markt, und zündeten daselbst darnach ein großes Feuer an, welches die ganze Nacht durch brannte, und dessen Flammen hoch 'über die Häuser wegschliigen. Dazu schleppten sie alles
zusammen, was sie habhaft Werden konnten, Fensterläden, Wein-! Wer, Beckerschilder, Hausthüren, und bey einem meiner Kollegen; räumten sie dessen Auditorium aus, 'und verbrannten alle dazu gehörige Tische und Bänke. Um das Feuer tanzten sie herum! und sangen: Ein stehes Leben führen wir. In der Neujahrs-, nacht Ward wieder so ein Feuer angeschürt, obgleich von dem! vorigen her schon eine Menge auf dem Kareer saß, und da bey unaufhörlich mit Pistolen und Flinten aus den Fenstern geschossen; auf dem Markte kästen sie sich so Wacker, daß ich es auf meinem Zimmer hören konnte. Einem Professor, welcher nicht sehr beliebt ist, warfen sie seine sümtlichen Fenster an allen Seiten des Hauses mit faustgroßen Steinen ein, und Wieder^ holten nach einigen Tagen das Experiment, als die Fensterlt Wiederhergestellt waren. *)
Es werden hier auch 'abwechselnd Balle und Koncerte gehalten. Erstere werden von den Studenten veranstaltet, daher ich 'denn auch mehreremale da gewesen bin, flehlich nur als Zuschauer; es fehlt immer so sehr an Damen, daß gewöhnlich nur der dritte Theil der Tänzer, welche sämtlich Studenten sind, welche bekommen kann. Tie Kvncerte sind sehr besucht; es wird ;Bokal- und Instrumentalmusik gemacht; ein Fräulein! (beim Mamsels giebt es hier nicht mehr) Lüder, Tochter des Professor Lüder singt öfter, hatte aber neulich das Unglück stecken zu bleiben. In der Pause ist ein schrecklicher Lärm; alles steht auf und läuft durch einander und schwazt. Fast wäre ich Koneertdireetor geworden, wozu Sie mir Wohl nicht mal Fähigkeit zutrauen; nnd doch War es so. Die Köncerte sind nämlich auch akademische Unternehmungen, und stehen alssolchö. unter der Direetion eines Professors, welcher einen Musikdirector unter sich hat. Da nun der Professor Bachmann bisheriger Direetor fein Amt niederlegte, so muffe ein neuer ein- freten, und gewöhnlich übernimmt es einer der jüngsten. Es würde daher an mich gekommen sehn, wenn nicht mein Kollege Fries sich dazu erboten hätte, obgleich ‘er noch weniger als ich etwas von der Musik versteht. Die Studenten fingen dort auch oft Körners che Lieder in vollem Chor, die sich aber im Zimmer fast ein Wenig zu fürchterlich ausnehmen; z. B. Lützows Wilde Jagd, wozu sie eine eigene Melodie haben.
Uebrigens habe ich viel zu thuu, und würde Ihnen Wenn dies nicht Wäre schon früher geantwortet haben. Ich bin des Abends gewöhnlich froh daß ich die Feder nur einmal Weg legen kann. Das Spazieren ist hier jetzt sehr schwer, da es fast immer regnet, und die Umgebungen der Stadt so schmutzig sind daß man kaum durchkomnien kann. Die Natur hat hier für die Gegend viel gethan, aber die Menschen desto, weniger; was jene nicht besorgt, bleibt unbesorgt. Von dem! was in Pommern vorgeht erfahre ich sehr wenig; mein Voten hat auch viel zu thun und schreibt eben nicht ost. Bey meinem' Kollegen Prof. Fries, welcher mit mir in einem Hause wohnt, haben wir gestern einen kleinen Hugo Fries getauft, wöbet) eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft zugegen war. Kürten gespielt wird hier gar nicht. Der Geheimerrath Göthe, welcher sich hier jetzt meistens 'aufhält, läßt mich oft des Abends zu sich rufen, damit ich ihm die Zeit vertreibe mit Erzählungen aus meinen Morgenländischen Schriftstellern. Sie Werden ihn als den jetzt berühmtesten Dichter Deutschlands ohne Zweifel auch kennen. Er ist Minister in Weimar, und man muß ihn Ihr Exeellenz titu- Kreit. Er ist aber immer sehr gnädig und freundlich.
Liebes Lottchen, leben Sie recht wohl, erzählen Sie mir bald wieder etwas von Ihnen, und bleiben Sie Ihrem Entschlüsse treu.
Ihr
aufrichtiger Freund ü. Diener
H. G. L. Kose gart en. *
Jena d. 20 ten Junh 1818.
Mein geliebtes, theuerstes Lottchen!
. . . Hier ward der vorgestrige Tag, als der Jahrstag der Schlacht My Waterlo, von den Studenten sehr seyerlich begangen. Schon mehrere Wochen vorher hatte sich die sogenannte Wehrschaft, ein Theil der Burschenschaft, alle Abende irrt Exer- ciren und Schießen geübt, Wobey solche Studenten das/Conte mando führten, Welche gedient hatten, und iwch bey der Schlacht von Waterlo gegenwärtig gewesen sind. Am Abend vor dem' 18 ten theilte sich die Wehrschaft in zwey Haufen; der eine zog aus der Stadt, und blieb die Pacht auf de» Bergen, um ein feindliches Heer vorzustellen: der andre blieb als Beiatzung!
*) Auch in einem Weiteren Briefe an Lottchen vom 30 Julyj 1'818 'berichtet Kosegarten: Vor einiger Zeit Wurden unsere Studenten etwas aufsässig gegen uns, weil wir sechs hatten rele-i gieren müssen, wegen gewaltsamen Ueberfalls und Verwüstung! flnes Wirtshauses. Mit lautem Geheul zogen sie zu Hunderten durch die Stadt, und beschlossen sich an den Mitgliedern des akademischen Senates zu rächen Wegen jenes Urtheiles; inzwischen die Ermahnungen ihrer Vorsteher, und eine Rede welche der Hofrath Fries an sie hielt, beruhigten sie doch soweit, daß sie sich damit begnügten, dem Universitätsämtmann seine sämtlichen Fenster einzuwerfen und ihm ein brüllendes Pereat zu bringen. Fries und ich, die Wir am! Markte wohnen, hatte» uns sonst jauch schon auf einen guten Steinregen gefaßt gemacht.


