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doch ein Gesellschaftstier iss, und sich seiner Natur nicht ent­äußern kann."

.Wir erleben e s noch, daß Sie heiraten," ruft Sylvia fröhlich und lacht dabei auf, als sei das an und für sich ein ganz wunderlicher Gedanke.

Er schaut sie prüfend und verstohlen von der Seite an.

Sie sind eingeweiht in meine Gedanken über das Gewissen der Krauen," entgegnet er,und was ich von feminini generis im allgemeinen halte; da meinen Sie, es sei ftir mich ein doppelt bedenklich Stück, zu tun, wie alle Welt?"

Sie nickt.

Ja, das ist es," bestätigt sie.

Er steht plötzlich still, und auch sie hemmt verwundert ihren Schritt.

Wir täuschen uns aber," sagt er in ganz verändertem Ton, wenn wir uns einbilden, daß je einer von uns eine Ausnahme von der allgemeinen menschlichen Regel bilden könne, daß die Elementargewalt, auf der unser Menschentum beruht, je einen verschone. Jedem kommt seine Stunde."

Auch Ihnen?" Sylvia ist befangen geworden und ernst; solche Erregung hat sie bei ihrem Begleiter noch nie gesehen.

Auch mir." Sein Ton klingt seltsam, dumpf.

Sylvia wendet sich jetzt zu ihm und zwingt sich zu der harmlosesten Miene.Wie mich das freut," sagt sie leise und innig,wer ist es? Ich bin wirklich gespannt zu hören, welches Mädchen Ihnen genügen konnte."

Er erwidert ihren fragenden Blick ernst und forschend, als wolle er in_ ihrer Seele lesen.Sie erraten das wirklich nicht?" entgegnet er beinahe schroff.

Ein dunkles Rot färbt jetzt ihre Züge.Ich? Wie kamr ich das erraten?"

Sylvia!" er stockt einen Moment, und fährt dann hastig fort:Sie haben geliebt, stürmisch und so tief, wie Ihre Natur es damals gestattete. Ich habe Ihren Schinerz um den Toten gesehen und den echten Ton der Leidenschaft von Ihren Lippen gehört. Ich weiß auch, Sie sind wieder geliebt worden, aber von einem Herzen, in dem der Egoismus die höheren njib reineren Triebe erstickte. Er ist daran zugrunde gegangen, und Ihnen erging es nicht besser, wenn nicht unsichtbare Mächte Sie rettend erhoben. Ich bin kein filreitg Rechtgläubiger,Das Gewissen" hat Ihnen mein Glaubensbekenntnis enthüllt, aber all mein Grübeln über den dunklen Welträtseln hat mir nichts geoffenbart als die Gewißheit, daß eine, unserer Fassungskraft entrückte Macht über uns iss, und unser Leben bestimmt. Nennen wir sie Gott. Und dieser Gott ist Liebe und wo das, was wir mit unseren armen Erdenzungen so nennen, uns im ir­dischen Abglanz entgegentritt, da spüren wir den Hauch eines unirdischen Glückes, einen Hauch dessen, was die Gläubigen Seligkeit nennen. Und wo wir es mit reinen Händen fassen, da sind wir über die Erde erhoben."

Paul schweigt, Sylvia sieht ihm wortlos in die sonderbar leuchtenden Züge.

In jener Stunde in Rom," fährt Paul leiser mit vibrierender Stimme fort,als ich Sie von Roderichs Leiche fortführte, und Sie sich nur noch den Tod wünschten, da als ich nach meiner Ausfassung des Lebens Ihre Lage erwog und mit Ihrem Gefühl sympathisierte, da ist es über mich gekommen, jenes unerklürbare Geheimnis, die eine Seite des dunklen Welträtsels, wo der Verstand ein Nichts ist, und allein das Gefühl herrscht. Ich, der kühle Skeptiker, dessen Blut und Sinn, allen Weibern gegenüber unberührt geblieben, dessen Herz sich unter allen Einflüssen seinen gleichmäßigen Schlag bewahrt hatte, ich wurde von einer fremden Gewalt erfaßt. Ich hielt es für Mit­leid, so unbekannt es mir auch war in dieser Form, dann für etwas Krankhaftes, Vorübergehendes, durch Nervenüberrei­zung Erzeugtes drei Jahre sind vergangen und es ist noch da. Sylvia, wie sollen wir es nennen? Liebe!?"

Sylvia stand starr und totenbleich; ihr zitterten alle Glieder. Paul nahnr ihren Arm und schlang ihn unter den seinen; sie gingen weiter, den Laubengang hinab.

Sie sind heimatlos, einsam, wenn die Kranke da drinnen stirbt," sagte er rascher und hassiger, als vorhin,neben der! Schwester, als Zeugin ihres Glückes, sind Sie überflüssig, die Not könnte Sie in meine Arme treiben. Das darf nicht sein.. Ich bin nicht zufrieden mit einem Ja, wie Sie es einst Villatte gaben, prüfen Sie sich. Ich weiß, daß Ihre erste Liebe einem! andern gehörte, das stört mich nicht es war die nie zur! Vollreife gelangte, ungesund verkümmerte Knospe Ihres Mädchen- Herzens. Jetzt sind Sie ein bewußtes, leid- und lebenserfahrcncs! Weib. Von diesem fordere ich meine Antwort."

Sylvia löste ihren Arm aus dem seinen, und stand zitternd,

schwer atmend vor ihm.Ich kann mich nicht fassen," stammelte sie,es ist nicht möglich Sie Sie" !

Täusche ich mich? Bin ich durch die narkotische Wirkung dieses rätselhaften Trankes berauscht worden wie so viele an­dere? Sind Sie noch das haltlose, vom Winde hin nnd her gezerrte Wesen, das Sie einst waren? oder sind Sie die, Äs welche ich Sie jetzt sehe geläutert, gefestigt, unter den Schlägen des Schicksals stark geworden? Die Lüge, welche einst Ihr Leben verdunkelte, Ivar nicht aus Ihrer Natur heraus ge­boren, sie war nur durch die Verhältnisse gewaltsam erzeugt jetzt sind Sie frei zur Wahrheit."

Paul! Paul! Sie sind furchtbar. Ihren» skeptischen Geist würde die Wahrheit jetzt als Lüge erscheinen, ich ich kann nicht mehr Ihrer wert sein." Sie verhüllte ihr Gesicht und wollte Hinwegeilen. Er hielt sie zurück mit starkem Arm.Nicht so ich bin kein mißtrauischer Zweifler, und ich bin nicht berauscht. Sehen Sie mir ins Auge dieser zitternde Schein ist Wahrheit Sylvia! Sylvia!"

Er riß sie in seine Arme und sie schluchzte an seinem Halse. Schritte auf dem Kiessand störten sie auf. Villatte kam den Weg entlang, Paul ließ Sylvia aus seinen Armen.

Villatte, kommen Sie, Sie sollen der erste sein, der es erfährt der Spötter geht unter die Toren ich habe mir Sylvia erobert."

Villatte stand einen Angenblick sprachlos, er, auch Erna, niemand hatte an eine solche Möglichkeit gedacht. Paul Hen- drichs, der Fischblütige, der Weiberfeind, ihn hielt man für den eingefleischtesten Ehehasser. Dann reichte Villatte rasch den Verlobten beide Hände hin.

Ich gratuliere gratuliere aus vollent Herzen! Was wird Erna dazu sagen?"

Erna war sehr freudig überrascht.Hendrichs wirbt um! Sylvia? Mein Gott! wie man sich in einem Menschen täuschen kann. Er schien mir unzugänglich für jeden weiblichen Reiz. Aber Sylvia findet an ihn» einen sicheren Führer durchs Lebert. Wie mich das freut!"

Am Krankenbette der Kommerzienrätin stand eine Stunde später das verlobte Paar. Ueber das abgezehrte Gesicht der Leidenden, welches der Todesengel schon gezeichnet hatte, flog ein! Freudenschein.Gott segne euch!" sagte sie,jetzt sterbe ich ruhig."

Sylvia barg ihr Antlitz in den Kissen der Lagerstatt, sie fühlte die zitternde Hand auf ihrem Scheitel und den Strom von Liebe, der von dieser scheidenden Seele aiisging, eine Liebe, welche sie behütet hatte von ihrem ersten Denken an..

Mutter! meine Mutter!" stammelte sic.

Sie werden gut und nachsichtig mit ihr sein," sagte die Kranke leise zu Paul, der sich ergriffen über sie beugte,sie ist keine von den Starken, die allein gehen können."

Paul drückte ihr wortlos die Hand. Er kannte Sylvia undi wußte, was er von ihr fordern durfte.

Ter alte Kommerzienrat kam eben von einem Spaziergang nach Hause, als Erna ihm diese überraschende Neuigkeit mit-? teilte. Er war sehr still geworden und völlig verändert gegen! früher, seit Roderichs Tod hatte er sich von den Geschäften zn-i rückgezogen; er hatte keine Freude mehr am Gelderwerb.

Wofür soll ich noch arbeiten," pflegte er zu sagen, wenn Erna gemeint, die Untätigkeit schaffe ihm Grillen,die Zahlen! sind mir zuwider."

Ich dachte, sie würde meinen Roderich nie vergessen," sagte er jetzt rm ersten Augenblick.Aber freilich uns ist damit eine Sorge vom Herzen genommen."

Es war ihm doch im ersten Jahr schwer geworden, Sylvia! wieder täglich um sich zu sehen. Er konnte nicht los von dem! Gedanken, daß sie ihm das schwere Leid ins Haus gebracht habe. Aber sie war Roderichs Vermächtnis! .Er hatte sie ge­liebt, und sie ihn.

Sylvia ertrug die oft kühle Behandlung, ja ein gelegentliches Uebersehen ihrer Person von seiner Seite mit großer Demut. Tie Mama gab ihr ja daftir doppelte Zärtlichkeit.

Und allmählich gewöhnte sich der alte Herr au ihre Nähe. Als Erna nach halbjähriger Abwesenheit zum erstenmal als junge Frau wieder im Elternhause weilte, lieh er sich schon her-- bei zu ihr zu äußern:Sie will es redlich versuchen, dich' im Hause zu ersetzen. Als ob ihr das gelingen könnte. Aber man muß ja den guten Willen loben."

Freilich, da Erna einmal ausgeschieden war, mußte mast sich wohl mit ihrer Stellvertreterin behelfen. Sylvia war ist auch in der Pflege der Mama unermüdlich, und sie schritt sogar so. weit vor, daß sie dem! Kvmmerzienrat die Pfeift!