Ausgabe 
12.1.1907
 
Einzelbild herunterladen

27

Bissigkeiten. In größter GeinütSruhe holte er daS Schach­brett herbei und bald saßen Vater und Sohn einträchtig vor einem kleinen Tischchen und bekämpften sich nur im Spiel. Die beiden Frauen hatten Handarbeiten vorgenommen und pflogen dazwischen halblaute Beratungen über die znr Hoch­zeit nötigen Toiletten.

Marga hatte heiße Wangen; eine verhaltene Erregung lag in ihren Bewegungen. Der jüngere Bruder beobachtete sie aufmerksam, während er scheinbar gelangweilt an der Tür lehnte.

Ein warmes, zärtliches Mitleid für die junge, schöne Schwester erfüllte ihn. Sie hatte etivas so rührendes in ihrer halb unbewußten Liebessehnsucht, die der seinen verwandt war. Es mußte die Luft des Loßwiher Schlosses sein, die diese Krankheit zeitigte. Armes Ding!

Joachim wandte sich, einer raschen Eingebung folgend, der Tür zu und verließ unbemerkt das Zimmer. Ec ging sehr schnell^ wie jemand, der ein bestimmtes Ziel im Ange hat, den Korridor entlang und eine Seitentreppe hinunter. In der Küche lachten und schmatzten die Diensilente. Ein Liebespärchen flüchtete sich bei seinem Nahen erschrocken tiefer in das Dunkel des Borflurs.

(Fortsetzung folgt.)

Fritz Reuter und der Greifswalder Student.

ImFritz Reuter-Kalender auf das Jahr 1907" veröffentlicht der bekannte Reuterforscher Prof. Dr. Gaedertz folgende Schnurre:

Zu Stralsund gingen wir in Herrn Meincks Gasthof Gasthof oder Wirtshaus, beim diese Verpflegungsanstalten für müde und hungrige Reisende wurden damals noch nicht Hotel genannt. Müde war ich, auch der Hunger hatte schon verschiedene Male an die Magenwände bei mir angeklopft, und als ich nun eben im Begriff war, mit einem saftigen Stück Rindfleisch jetzt heißt's Beefsteak dem zudringlichen Gast das Maul zu stopfen, trat ein großer, schlanker Mann an meinen Tisch, setzte sich mir gegenüber, sprach über das Wallenstein-Fest und über andere Dinge unb entpuppte sich schließlich als Greifswalder Student. Das war denn, natürlich eine große Ehre für mich, daß ein wirklicher Student sich so menschlich mit dem Schulfuchse abgab ; ich bestellte also statt des Viertelchens Rotwein eine ganze Flasche. Die Güte und Herablassung des Studenten ging so weit, daß er beit größten Teil des Inhalts der Flasche mir abnahm und sich freundlichst bereit erklärte, am andern Morgen mit mir die Reise durch Rügen zusammen zu machen; um acht Uhr sollte ich ihn erwarten. Herr Meinck hatte si chmir gegenüber in eine Sofaecke geworfen und sah mich fortwährend sehr bedenklich an; als ich eine ganze Flasche Wein bestellte, siel's ihm ans die Brust, er räusperte sich und hustete, und als ich mich bereit erklärte, am andern Morgen nm acht Uhr meinen neuen Reisegefährten zu erwarten. Herr Meinck hatte sich mir gegenüber in eine von seinem Sitz unb lief hastig im Zimmer aus und nieder. Als nun der wirkliche Greifswalder Student Abschied von mir genom­men hatte, ging er höchst ernsthaft aus mich zu und fragte:

Seggen Sei mal, kennen Sei den Mann?"Wider nich", sagte ich,ik seih ent hüt kaum irften Mal."Na, denn is dar ok nid); dat hei äwer klank is, bat weiten Sei nid), un

weit ick ok nid); bat hei äwer klank up sinen Burteil is, bat

weit ik; un hübsch? straken S' em mal äwer be Baken, beim fäkn S' mal seihn, wo de schöne Farw bliwen deiht, bat Luder sminkt si kso. Ne, Sei sünd orndlich Oellern Kind, un. ik mag Sei Hb en, Sei salen nick) mit den Kirl reifen."Ja, Herr Meinck, ik heww ent dat man verspraken, ik wull up em bet Klock adjt täutoen, un ik möt dock) Wird Hollen."Dat ntöten Sei, äwer ik denk, hei ward woll nich kamen, denn ik heww ent, as heirute gung, en lütten Denkzettel mit up den Weg gewen, fine Reknung, be hei bi nti anpumpt het, un mit be Koppweihdag' ward hei woll bet morgen früh Klock acht noch nich bull farig sin."

Am andern Morgen genoß ich mein Frühstück, wartete bis ad)t Uhr, und als der ioirflidje Königlid) preußische Student, Herr Hergelius so hieß er noch nicht erschien, warf ich meinen Ranzen über die Schulter und sagte zum Herrn Meinck:So, nu heww ik so lang, täuwt, as ik verspraken heww, un nu adjüs, Herr Meinck, un bei schönen Dank für Ehre Fründschast!" Ja, adjüs, miit Sähning", sagte der alte Mann und legte mir feine Hand auf den Kopf,bei Glück un bei Segen up Ehre Reis'!" Der Mann war wirklich gut genäht.

Ich ging hinunter an den Strand, das Fahrboot stand schon

bereit, zwei alte ehrenwert aussehende Matrosen wollten die Fahrt besorgen, und außer mir war nur noch eine Bürgerssran in mittleren Jahren für Passagier zu rechnen. .Kaum hatte ich aber Platz genommen, erschien auf der Landungsbrücke die Stral­sunder sagenBrig", fie sagen auchde Misi sind bi den Gritt- bidel west"*) der Königlich preußische Student im allerfeinsten, binnen Rock mit weiß seidenem Atlassutter, machte mir Borwürfe, daß ist) nicht ans ihn gewartet, und berlangte, ick) solle noch so lange mit meiner Fahrt zögern, bis er feine Sachen an Bord geschafft habe. Aber der geschminkte Student stand mir nach den Mitteilungen meines ehrenwerten Wirts schon bis an den Hals; ick) verweigerte ihm diese Gefälligkeit; er schien darüber grade nicht sehr ungehalten und schlug eine andere Seite an, er bat mich, ihm zehn Taler zu leihen, die er mir binnen hier Tagen in Putbus zurückzuzahlen versprach. Ick) war nun freilich ein sehr reicher Mann, ick) hatte drei Friedrichsdor, aber ein so bedeutendes Bankgeschäft griff mir denn doch wie eine alte Freundin sagt zu sehrin bem Gelbe", ick) schlug ihm fein Anliegen ab, aber er ließ mit sich handeln, er bat um fünf nicht gewährt er bat um zwei abgeschlagen er bat um einen Taler. Der wäre mir vielleicht aus der Börse ge­sprungen, ich sollte jedock) in anderer Weise befreit werden; der eine meiner Bootsleute platschte mit der breiten Seite feines Ruders aufs Wasser, daß dem sauberen Herrn die salzige Sauce über die Schminke flog, und stieß mit dem Ausruf:Snurrer!" vom Lande. Die obigen zehn Taler hat er schließlich doch ge­kriegt: er ist nach acht Tagen durch Stavenhagen gereift, hat meinem alten Vater verschiedene Grüße und Nachrichten von mir gebracht, hat Nachtquartier dort erhalten und zum Abschied die anberegten zehn Taler, als mir borgestreckt!

*) StaatBrügg" undde Müf sind bi den Grüttbüdel west" (die Mäuse sind bei dem Grützbeutel gewesen).

SiudeKiensprache.

Den Ausführungen Geheimrat Kluges*) in seinem' soeben' erschienenen neuestem BucheUnser Deutsch" entnehmen wir die nachstehende Probe aus dem KapitelStudentensprache", die für unsere Leser bau besonderem Interesse ist:

Alles sprachliche Leben bollzieht sich fern boit den Blicken der beobachtenden Kritik. Jede Neuerung tritt in den Gesichts­kreis des Sprachforschers erst als bollzogene Tachtsache. Unsere Worte entstehen wie die Volkslieder. Wir wissen nicht, von wannen sie kommen. Sie haben ein langes Vorleben, ehe die Literatur sich ihrer bemäckstigt und sie der zuständigen Kritik ansliesert. Nur eine verschwindend kleine Wörterzahl können wir auf einen Urheber, auf ein festes Datum zUrückführen. Die große Masse unseres Wortschatzes ist ohne Ahnen. Finsternis umgibt ihre Anfänge, ehe der scharfe Blick eines Lessing oder die volks­tümliche Kraft eines Luther sie ans bem Dunkel hervorzieht und als würdige Glieder in die hohen Kreise der Literatur ein# führt. Und wenn unsere landläufige Weisheit jene deutschesten unter unseren Dichtern und Denkern, wie Luther und Bismarck, Goethe und Schiller als Schöpfer unserer Sprache bezeickmen kann unb darf, so kann und darf aud) an das Wort eines hervorragenden Amerikaners erinnert werden, daß die größten Genies formell wie materiell aud) die größten Schulden und Anleihen machen. Und ein Schnldbuch, das von ihren Anleihen weiß, ist die Volks­sprache, die Volksmundart.

Alle Berufszweige, alle Stände schaffen Wortmaterial, das der Literatur zu dienen berufen ist. !

Dies gilt in besonders hohem Maße aud) von der Sprache der studierenden Jugend, die allerdings lauge von wissenschaft­licher Betrachtungsweise fast ganz ausgeschlossen gewesen. Wenn ick) es hier unternehme, ihr Wesen und ihre Entwicklung in den Grundzügen darzustellen, so versuche ich dies zugleich mit der einen Nebenabsicht, den Anteil, dieser Sprechart an unserer Gemeinsprache ober Literatur!brache zu verfolgen.

Die Quellen, ans denen wir unsere Kenntnisse über die all­gemeine Studentensprache vergangener Zeiten schöpfen, sind bis zum Ende des 18. Jahrhunderts äußerst dürftig. Kein Wörter- bud) bietet die Materialien. Unb was wir sonst ermitteln können, besteht nur in Einzelheiten, die Schriftsteller gelegentlich an­bringen, fei es, um Studenten mit ihrer Sprache zn charak- terifiereu, wie etwa im Drama, sei es bei sonstigen Anlassen. Eigentliche Studentenliteratur, aus studentischen Kreisen und zu­nächst aud) für studentische Kreise veröffentlicht, fehlt zwar in früheren Jahrhunderten nicht. Im Jahrhundert der Reformation treffen wir lateinische Komödien, die kaum irgendwelchen Aufschluß über das Studenten deutsch gewähren. Im 17. Jahrhundert beginnt deutschsprachliche Literatur an studentisches Leben im Roman und in der Komödie anzuknüpfen. Gedruckte Komments kommen in deutscher Sprache zur Fixierung, In den studentischen Stamm-

*) Verlag von Quelle und Meyer in Leipzig. (Oktav. (IV. it. 147 S.) geh. Mark 1. In Originalleinenband Mark 1,25.