mit zu fahren, so halte dich bereit. Ich werde unterdes mit dem Vater sprechen."
Sie nickte kurz — dann war sie gegangen. Etwas wie ein frostiger Hauch blieb von ihr zurück. Bis ins Innerste erkältet davon lehnte Marga regungslos in ihrem Stuhl am Fenster und starrte in die tote Schneelandschaft hinaus. Und ohne das; sie es wußte, rannen langsam ein paar glitzernde schwere Tränen über ihre heißen Wangen.
Sie trug noch die Spuren davon in ihren Augen, als sie mit den Brüdern zurückkehrte, aber sie war bemüht, ein völlig unbefangenes und heiteres Gebühren an den Tag zu legen, obgleich ihr Herz angstvoll der Entscheidung entgegen klopfte.
Erst nach dem verspäteten Mittagsmahl, bei dem Dietz abermals schwadronierend die Kosten der Unterhaltung trug, teilte die Freifrau der Tochter kühl, fast geschäftlich nut, daß sie nach der Rücksprache mit dem Vater beide beschlossen hätten, ihr die Reise nach Balldorf zu Hanna Kronaus Hochzeit zu gestatten.
Das tief erblaßte Mädchen vermochte kein Wort der Freude oder des Dankes über die Lippen zu bringen. Sie kiißte der Mutter die Hand und ging dann zu dem alten Freiherrn hinüber, der mürrisch duldete, daß sie auch seine Rechte wortlos dankend an die Lippen zog.
Wieder wars Dietz, der durch sein Eingreifen die allgemeine Spannung löste.
„Ei der Tausend, Schwesterchen!" lachte er, das von innerer Freude halb betäubte Mädchen aus dem Bannkreis der elterlichen Külte in das kleine Rauchzimmer, nebenan ziehend, „komm, da mußt du mir viel erzählen. Ah, Jochen, hör' zu."
Er winkte dem Bruder, der nachlässig in einem Triumphstuhl lehnte und sich eine Zigarette angezündet hatte. 9lun sah er gleichgültig durch den bläulichen Dunst dem Eintritt der Geschwister entgegen.
„Also, Jochen, denke dir, dieser Glückspilz von Mädchen kann in vierzehn Tagetl die Hochzeit der schönsten Fran mit- machcn, die meine Augen je gesehen haben."
Joachim lächelte überlegen.
„Pah, Hochzeit! Davon hat doch der Unbeteiligte blutwenig, nach der Hochzeit ist so eine schöne Frau viel interessanter und amüsanter", meinte er frivol.
Dietz warf sich laut auflachend in einen niedrigen Sessel, der ob dieser Behandlung entrüstet krachte.
„Bist doch eine verdammte Rübe, Junge. Freilich, Recht hast du ja, aber sehen möchte ich diese Hanna Kronau doch einmal in persona."
„Woher weiht du denn eigentlich, daß sie so sehenswert ist?" fragte Marga aufhorchend.
Sie wußte bestimmt, daß Dietz noch kein Bild Hannas, außer dem des unfertigen Backfischs aus der Penstonszelt gesehen hatte.
Eine leichte Verlegenheit flackerte in seinen hellen Augen. Er rückte den Stuhl der Schwester näher.
„Schilt nur nicht, Kleine", schmeichelte er, „ich hab' neulich mal in deinem Album gestöbert — und das Bild hat mir so gut gefallen. Ich hab' mir's ein bißchen geborgt."
„Gestohlen hast bn’S!" meinte Marga halb lachend, halb ärgerlich, „und ich hatte bestimmt Joachim int Verdacht."
Der fuhr aus seiner nachlässigen Stellung empor.
„Mich? Ich tvüßte nicht, ivas mich die rothaarige Pensionärin anginge."
Marga sah verletzt drein.
„Run, doch wohl etwas als die einzige Freundin deiner Schwester, die einzige überhaupt, durch die ein bißchen Sonnenschein in ihr Leben kommt!" sagte sie bitterer, als sie eigentlich beabsichtigt.
„Rann, das ist ja riesig schmeichelhaft für unser einen!"
Dietz versuchte die Sache ins Scherzhafte zu ziehen, da er kein Freund trauriger, peinlicher Erörterungen tvar und sich gern alles unangenehme fernhielt.
„Bin ich noch nicht Sonnenschein genug?"
Ein Lächeln löste den herben Zug um Margas Lippen ab.
„Gewiß, du bist mir ein guter Bruder!" sagte sie warm und drückte sich ein wenig an ihn. Er tätschelte zärtlich ihre rosige Wange.
„Ra also!"
Joachim warf den Rest seiner Zigarette so ungestüm in die bronzene Schale des Rauchtischchens, daß die Funken hoch aussprühten und ein paar glimmende Stengelchen auf den Teppich herabfielen.
Er trat sie mit dem Fuße aus und zündete sich gelassen eine neue Zigarette an. Der Ausdruck seines blassen, unbewegten Gesichts ließ nichts erraten, ob er dem halblauten Gespräch der beiden anderen folgte und ob er Margas letzte Worte überhaupt gehört. Er schien auch nicht zu bemerken, daß die Geschwister bald darauf das Zimmer verließen.
Er warf die halb abgebrannte Zigarette fort, weil sie ihm plötzlich nicht mehr schmeckte. Sie gliinmie weiter und der runde Punkt glühte durch die Dunkelheit, die mit dem Scheiden der Sonne jäh herein gebrochen war, wie ein feuriges Auge herüber.
Die Schatten im Zimmer wurden tiefer, beinahe schwarz. Alle Umrisse waren ausgelöscht.
Joachim verfiel in einen leichten Schlummer. Dann war's ihm, als flute eine Fülle vou Licht über die Schwelle des Ziiumers und in dem Glanz stand eine weiße Gestalt, die Gestalt eines Mädchens mit wallendem rotem Haar, das mie feuriges Gold glänzte, mit großen, geheimnisvollen Augen und roten Lippen, die lächelnd sagten f
„Sehe ich aus, als wenn ich unglücklich werden könnte, wenn du mich liebtest?"
Er wollte die Hand nach ihr ausitrecken, da verwandelte sie sich auf einmal in die junge Setbitmörderin, aber die Augen, die ihn so traurig-verächtlich ansahen, waren Isas Augen.
„Kommst du endlich?" fragte sie vorwurfsvoll.
Mühsam rang er sich empor und öffnete die Augen. Wirklich fiel Heller Lichtschein in das dunkle Zimmer, aber es ivar seine Schivester, die auf der Schwelle stand und lachend sagte:
„Endlich! Du schläfst ja wie ein Miirmeltier — nun komm aber, die Ellern werden gleich hier fein".
„Joachim hatte ein dumpfes Gefühl im Kopf, als er sich taumelnd aufrichtete. Er mußte wirklich geraume Zeit geschlafen haben.
„Hab ich einen seltsamen Traum gehabt!" sagte er blinzelnd, indem er das Eßzimmer betrat.
„Ra, schieß los. Wer ist dir denn erschienen?"
Tietz lehnte am Ofen und machte ein sehr vergnügtes Gesicht.
„Vielleicht die rothaarige Pensionärin?" fragte die Schivester anzüglich. Der Bruder verbarg mit Mühe feine Betroffenheit. —
„Ach, Blödsinn! Ich kenne sie ja gar nicht".
Innerlich ivar ihm beinahe unheimlich zmuute. „ Um feinen Gedanken zu entrinnen, beteiligte er sich merkwürdig llbhast an der Unterhaltung, die durch Margas bevorstehende Reise ohnehin schon einen anregenderen Anstrich bekam, oo verlief die Abendmahlzeit ohne jeden peinlichen Zwischenfall. Dietz >var auffallend gut gelaunt und erzählte haarsträubende Manövergeschichlen, die selbst der kühlen Freifrau ein Lächeln entlockten.
„Man merkt, daß der Vater dir die ,Lenka' zugesagt hat!" sagte Frau Hedivig, als die Familie sich anschickte,, in dem behaglichen Wohnzimmer Platz zu nehmen.
Dietz ivurde ein wenig verlegen, die Augen des jüngeren Bruders waren eigentümlich fest auf ihn gerichtet. Er wich dem Blick aus.
„Ich kenne ja meinen Alten!" scherzte er etwas gezwungen heiter. „Er ist gar nicht so schlimm, wie er aussieht, es ivar ihur ja ein Vergnügen, mir die ,Lenka' zu schenken."
„Ich danke für weitere derartige Vergnügen I" fuhr der Freiherr ihn an.
Aber Dietz war sehr abgebrüht gegen die väterlichen


