Ausgabe 
12.1.1907
 
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büchern beginnen deutsche Eintragungen zu überwiegen, und es fließt hier und da ein burschikoser Kraftausdruck ein. Und ähn­liche Quellen haben wir im 18. Jahrhundert. Ich will nur an die Jobsiade erinnern, die gelegentlich Studentisches bietet, ohne gerade von dem Reichtum der damaligen Studentensprache erheblichen Gebrauch zu machen. Auch Zachariäs Renommist, eine komische Heldendichtung, die wir für das Jenaische Stu­dentenwesen um die Mitte des 18. Jahrhunderts als Haupt­quelle anzuschen gewöhnt sind schöpft nur in sehr bescheidenem Maße aus der Sprache der Musensöhne.

Diese wurzelt eben in viel Höherem Maße, als man es von unserer Gemeinsprache behaupten könnte in einem verworrenen, absonderlichen, von Laune und Zufall beherrschten Leben, über das intimere Aufschlüsse für die Vergangenheit fehlen. Aber wir erkennen doch gewisse Bewegungen, gewisse Grundlinien.

Reichhaltig ist eine Gruppe, die den verschiedensten Tier­namen eine eigene Bedeutung beilegt, vielleicht ohne innere Be­rechtigung. Es mochten spöttische Uebertragungen, Hohn- und Schimpfnamen der Volkssprache als Vorbild gedient haben: denn zu allen Zeiten hat unsere Sprache beispielsweiselöunb" oder Hündin",Mähre",Schwein" als Schelten im übertragenen Sinne gebraucht. Aber die Burschensprack)« hat solche Ueber­tragungen vielfach ohne tadelnden Nebensinn. Hierher gehören f^uchs unb Maultier. In Breslau ist der Nichtstudent ein Kamel, in Jena wie auch an anderen Universitäten sind Finken die Nicht-Verbindungsstudenten. Im 18. Jahrhundert ist der Stuben- genosse ein Stubenkaball. Um 1600 nannte man die Häscher Raupen. Allgemein ist der Pedell zum Pudel geworden. Un­verheiratete sind Schmaltiere. Leichte Mädchen sindGras­mücken, Bleivögel, Buttervögel und Nachtvögel". Stutzer nannte man PomadenMigste und Gläubiger Tretvögel. Im 16. Jahr­hundert waren Nachtraben die nächtlichen Ruhestörer. Kater ist seit etwa 80 Jahren die Bezeichnung des Katzenjammers, nnd der Salamander hat seinen zoologischen Namen auch nicht länger. In Jena hieß im 18. Jahrhundert ein Bier Maulesel, in Breslau Schöps, früher noch in Wittenberg Kuckuck und Büffel.

An diese reichhaltige Gruppe schließt sich ein Wort, dessen burschikosen Ursprung wir jetzt nicht mehr fühlen,_ das Wort Backfisch in der übertragenen Bedeutung. Allgemein wird es von dm älteren studentikosen Wörterbüchern registriert und seine fr heften Belege in br Literatur bestätigen burschikosen Ursprung mit völliger Sicherheit.

In einer zweiten Wortgruppe beobachten wir kühne Ueber­tragungen: Personen werden nach Sachen benannt, die in irgend­einem mehr oder weniger charakteristischen Zusammenhang mit eben jenen Personen stehen. Im Munde der Musensöhne gilt Zobel für Frauenzimmer und Besen für Dienstmädchen. So war Schnurrbart um 1700 der Name der Stadtsoldaten, und die Nachtwächter hießen nach den Schnurren, die sie, vor und nach dem Abrufen der Stunden, durch Drehen mit der Hand in Be­wegung gesetzt, ertönen ließen, selber auch Schnurren. Im 17. Jahrhundert bezeichnete man den Fuchs als Pennal, weil er, mit der Federbüchse bewaffnet, pflichtgetreuen Besuch der Vor­lesungen begann. Noch kühner ist die Uebertragung, der neuerdings das Wort Knickebein zum Opfer geworden. Der Bildungsweise nach kann das Wort eigentlich nur denjenigen bezeichnen, der mit eingeknickten Beinen geht, und nur in dieser ursprünglichen Be­deutung ist das Wort literarisch belegbar, während die lieber- traglmg auf eine Getränkeart von den Wörterbüchern noch immer ignoriert wird, lieber die Entstehung dieser Uebertragung, die von Jenaischen Studeiitenkreisen aus schnell weite Gebiete erobert hat, bin ich von dem Präsidenten des Jenaer Oberlandesgerichts, Herrn Geh. Rat Brüger, unterrichtet. In den 40 er Jahren verkehrte in studentischen Kreisen Jenas ein junger Mecklen­burger, der durch seinen Gang mit eiugeknickten Beinen allgemein auffiel: nach eigenem Rezept beorderte er fein Lieblingsgetränk, dem studentischer Witz alsbald den bezeichnenden Rainen Knickebein beigelegt hat. Dies Beispiel ist von typischer Wichtigkeit für die sprachlichen Vorgänge innerhalb der Burschensprache. Fehlte ein glaubwürdiger Zeuge, der die Anfänge des Wortes mit sprach­lichem Interesse begleitet hätte wir dürfen dreist sagen, kein Scharfsinn, keine Kombinaiionsgabe könnte des seltsamen Wortes Herr werden. Und so dürfen wir auch alle jene etymologischen Versuche mit Skepsis aufnehmen, die sich lange um das Wort Salamander bemüht haben: wir wissen eben nur, daß es in den 30 er Jahren in Studentenkreisen aufgekommen: aber wo wir die Kreise, die Stimmungen, die Zufälligkeiten nicht mit Sicherheit kennen, aus denen es hervorgegangen ist, bleibt alles Deuteln mtb Erklären zweifelhaft.

In einer dritten Gruppe von Worten bet Burschensprache beobachten wir kecke Anlehnungen, kühne Konsequenzen in frischen Umgestaltungen bekannter Worte. Es kann nur scherzhafte Konse­quenzmacherei sein, wenn neben bem kreuzbrav und herzlieb unserer Volkssprache die Studentensprache ein piekfein geschaffen hat, als ob diekreuzfidel, kreuzliederlich, Kreuzphilister" und dasHerz­bruder" der Burschenschaft eigentlich im Kartenspiel ihren Aus­gangspunkt hätten. Denn in bet Tat ist piekfein, das z. V. im Grimmschen Wörterbuch und bei Sanders noch gar nicht

gebucht wird, zuerst in studentikosen Wörterbüchern unseres Jah» hunderts heimisch Der Student, der nach der Bursa, dem eigentlichen Konviktgebäude, sich selbst Bursche nennt, glaubt, sich unb seinen Kvmmiliwnen als Haus, altes Haus bezeichnen zu dürfen. So begegnen auch kecke Anspielungen an Biblisches unb Kirchengeschichtliches. Der bloße Wortklang verführt, ben mahnenden Gläubiger als Manichäer zu bezeichnen. Nach jenen Schergen, die mit Spießen unb Stangen den Oelberg betraten, um Christum zu fangen, werben um 1600 die Häscher Oelbergev genannt. Aehnlichen Ursprung hat die Entstehung des studentischen Philister, '©-o bietet sich auch ein biblisches Original, wenn der Mund dreister BurschenMoses und die Propheten" dem Gelbe gleichsetzt; diejenigen, welche Mosen unb die Propheten haben, sind bie Juden, unb baraus hat sich leicht die Uebertragung ergeben.

Jnbem wir so das Wesen und Werden des Wortapparates der Burschensprache zergliedern, erübrigen uns einige historische Mortgruppen mit scharfer Physiognomie. Unser Studentendeutsch ist mit einer Fülle von latinisierenden Elementen durchsetzt, wir wir sie in der Kastensprache anderer Berufsklassen unb Stäube vergebens suchen würden. Im 18. Jahrhundert bildet maN Philisterium, Exkneipe": fürvon bannen gehen" wird exkneifcn und cxkratzen gebucht; leichten Latinismus zeigt Marcus für Marqueur; man redet von Konkneipanten, wie man in früheren Jahrhunderten in Studentenkreifen vonBachanten, Erzstapu- lanten, Haselanten und Schnurranten" redete.

Gegenüber den geringen humanistischen Spuren, die erst neuerdings in der Studentensprache aufgekommen find, strotzt die Bnrfchensprache der Vergangenheit von stark humanistischen Tendenzen, die erst im 18. Jahrhundert sich verflüchtigen. Zwar ist das Latein auch den Musensöhnen früherer Jahrhunderts nie heilig gewesen. Nur die Moneten bewahren ihren bedeutungs­vollen Namen auch begrifflich intakt. Aber gern gibt man er­borgten lateinischen Worten einen burschikosen Anstrich. So nimmt dos lateinische sidelis im Kreise lustiger Zecher einen selbständigen Zug ins Burschikose au, den sich bann unsere Gemeinsprache an­geeignet hat.

Vor allem aber äußert sich humanistischer Einfluß in einer Fülle übermütiger Mischbildungen, in denen deutsche Worte lateinische oder gar griechische Endungen annehmen.

Leider ist es uns nicht möglich, an dieser Stelle die sich an diese Fragen anschließenden überaus interessanten Darstellungen wiederzugeben; wir müssen uns begnügen, unsere Leser auf das empfehlenswerte Büchlein selbst hinzuweifen.

Humoristisches,

* Heiteres aus derMünchener Jugend". In einer Universitätsstadt Nordwestdeutschlands wandelt zu vor­gerückter Stunde ein schwer bezechter Student auf der Suche nach feiner Bude umher. Er rempelt einen Seemann an, und es beginnt darüber ein Wortgefecht. Schließlich vergißt er, wen er vor sich hat und ruft:Mein Herr, ich wünsche mit Ihnen zu hängen." Darauf erhält er die Antwort:Häng di man alleeu op!"

Pantoffelheld. Sie:Du sprachst im Schlaf letzte Nacht." Er:Na, entschuldige nur, wenn ich Dich u n t e r- brachen habe."

Bilderrätsel.

^Nachdruck verboten.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Leiterrätsels in voriger Nummevt Auflösung des Leiterrätsels!

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L I S 15

D I C T H 0 8 10

V I C H E

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Redaktion: Ernst Heß, Rotationsdruck unb Verlag der Brühl' fchen Unwersitäts-Buch- und Stemdruckeret, R» Lange, Gieße«.

M E l K B E E