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Witterte man eine geheime Konspiration mit „Fichtes Tugeubbüub" in Preußen. Dabei wurde sorgfältig ausgemerkt auf alles, was etwa mit dem in Prag weilenden früheren Kurfürsten Wilhelm I. in Verbindung stehen könnte. Selbst der bei Jörome hochangesehene Finanzminister Bülow entging nicht dem Spürsinn der Polizeispitzel. Abgehende und ankommende Briefe wurden einer eingehenden Prüfung unterzogen, oft geöffnet und erreichten in vielen Fallen nicht den Weg ihrer Bestimmung. Jsröme war selbst nicht sicher vor geheimen Berichten, die beständig nach Paris abgingen und ihm ost die Unzufriedenheit seines Bruders einbrachten.
Die Verschwendung am Hofe erforderte ungeheuere Summen; die beständigen Truppendurchmärsche, eine Schuldenlast von über 100 Millionen Franken drückten schwer. Der Kredit des Landes war erschöpft, eine Anleihe war in Holland nicht unter zubringmi. Napoleon forderte für sich selbst die Hälfte der Domänialgefälle. Die beständigen Konskriptionen^ und Trupstenausrüstuugen wollten kein Ende nehmen. So auf der einen Seite ein bis aufs äußerste cius- gesogener Staat, auf berj abereit Seite ein König, der nur für den Glanz seiner Krone sorgte, der Verschwendung und dem sinnlichen Genüsse lebte, umgeben von einer Menge von Abenteurern, die abwechselnd Einfluß aus ihn ausübten, um mit ihm zu schwelgen und sich zu bereichern. Ein König, der sich über die trostlosen Verhältnisse und seine eigenen finanziellen Nöte hinwegzutäuscheii wußte und seinem Vertrauten Mariuville sagen konnte: „Sorgen Sie mir nur für einen anmutigen Abend und Erholung, wo wir recht vertraulich „lustik" sein können. „Lustik, lustik", Marinville. Es ist ja sonst zum Teufel holen, König von Westfalen zu fein."
Doch einmal schien „Bruder Lustik", wie das Volk seinen König bezeichnete, einer ernsten Regung fähig gewesen zu sein. Es war nach einem lustigen „Notturno" ani Fastnacht- Dienstag. Der König hatte ein Todesurteil unterzeichnet, das am „Aschermittwoch" vollzogen werden sollte. Es galt einem Korporal, der gemeutert und drei Grenadiere zum Abfall bewogen hatte. Im Vorzimmer zu den Prunkgemächern harrte eine Pfarrerswitwe, die Mutter des Delinquenten, d-e ein Gnadengesuch überreichen wollte. Die Bittstellerin wird eingelassen. Der König erkennt Aehnlichkeiten in den Zügen mit seiner Mutter Lätitia. Er läßt sie abtreteu und bespricht sich mit seinen Vertrauten. Als die Bittende wieder erscheint, sagt sie: „Wenn Majestät empfinden können, was eine Mutter empfindet, die ihrem Sohne das erste Leben geschenkt, und der es zum zweiten Male wiedergeschenkt erhält durch die Gnade eines Königs!" Der König ist bewegt und verfügt die Freilassung. In seiner Fastnachtstimmung will er den Befehl auf dem Rücken seines Vertrauten Marinville unterzeichnen, besinnt sich aber eines Besseren und geht an seinen Schreibtisch. Die Gesellschaft ist aufgehoben; der Morgen graut. Jsröme entläßt seine Freunde mit den Worten: „Gute Nacht, guten Morgen, meine Herren; nun nicht mehr „lustik"'; es ist mercrebi des eendres (Aschermittwoch), aber die Parole sei: Lätitia.
Verderblicher Sinnenreiz unb übermäßiger Lebensgenuß schwächten des Königs Gesundheit. Auf die Dauer bunten Abraham Zadigs gute Rezepte nicht mehr helfen, seines vertrauten Leibarztes, beit er seinerzeit in Breslau schätzen gelernt hatte, als er an beit langen Wenben dort Gesundheit und Geld aufs Spiel setzte. Erfrischende Bäder mit einem reichlichen Zuguß kölnischen Wassers sollten die Lebensgeister nach durchschwärmteu Nächten wieder Wecken. Der Vvlks- mund wollte wissen, daß er sogar oft stärkende Bäder in Bouillon nahm, wozu jedesmal ein Kalb! geschlachtet werden mußte. Die Fama erzählte sich sogar von Bädern in Rotwein, den habgierige Lakaien wieder auf Flaschen zogen und als echte französische Marke in den Handel brachten. Auch die heilbringenden Schwefelbäder in Neundorf int Kreise Rinteln, wo der König einmal „idyllisch" zu leben gedachte, hielten nur so lange vor, als die Entsagung dauerte.
So lebte mau lustig am Kasseler Hofe nur der Gegenwart, im Vorgefühl, keine Zukunft zu haben, lvährend es im Volke gärte.
Kürfürst Wilhelm war schon 1806 beim Aurücken der Franzoseii mit Kabinetts- unb Staatskasse zuerst nach Itzehoe und bann nach Prag geflüchtet und überließ Volk unb Militär ihrem Schicksale. Damals war schon in ben kur- hessischen Städten Marburg, Frankenberg, Homberg, Mel- Lsungen, Felsberg der Versuch gemacht, die .neuen Ketten des
Despotismus zu sprengen. Die Erbitterung im Lande unter Bürgern und Bauern wuchs von Jähr zu Fahr; man wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, losschlagen zu können. Die Jnsurrektiort sollte gleichzeitig beginnen mit Schills Unternehmung von Preußen ans. Ein westfälisches Kürassierregiment war für die Sache gewonnen worden. ZlU die Spitze der Bewegung sollte sich der mit den kurhessischen Patrioten gleichgesinnte Oberst von Dörnberg stellen, der, da er bei Jerome in hoher Gunst stand, die Ueberleitung des gewonneneit Regiments zu den Aufständischen leicht ausführen konnte. Der Plan der Jnsurgentenchefs ging dahin, Kassel zu überfallen, den König und seine Gemahlin gefangen zu nehmen und die Wiedereinfetzimg des Kurfürsten zu proklamieren. Die Gelegenheit zur Ausführung des Planes schien günstig zu sein, als mail am 22. April 1809 in den Städten Homberg, Felsberg unb Wolfhagen und in einem viertelhundert Dörfern die Sturmglocke zog. Die Stimmung in Preußen war bekannt. Frankreich hatte in Spanien schwere Arbeit; der französisch-österreichische Krieg war ausgebrocheu. Zum eigenen Schaden schlug man zu früh los, bevor die Hilfskolonnen aus Marburg, Fraukenberg, Zierenberg eingetroffen waren. Immerhin waren es 8000 Insurgenten, meist unvollständig bewaffnete Bauern, die am 22. April 1809 auf Kassel zogen. Aber schon waren die königlichen Truppen den Aufständischen entgegengerttckt. Mit Morgengrauen hallte der Geschützdonner schon über die Berge und spie Tod und Verderben, in die Reihen des Volksheeres. Ein kurzer Kampf, und die Teilnehmer der Bewegung zerstreuten sich nach allen Seiten. Die mißglückte Bewegung schreckte nicht ab vor einem weiteren „planlosen, tollkühnen" Aufstand in Marburg unb Umgegend im Juni desselben Jahres. Die Leiter des Unternehmens, Oberst Emmrich und Professor Sternberg, starben durch Pulver und Blei auf dem „Forst" bei Kassel.
Daß Jßrome fortan die Bewegungen in Deutschland mehr beachtete, beweist sein Bericht au den Kaiser: „Ich weiß nicht, was Eiv. Majestät von dem Geiste in Deutschland berichtet wird; aber wenn man Ihnen von Unterwerfung, Ruhe und Schwäche spricht, so ist das Lüge und Täuschung. . . . Wenn es zum Kriege kommt, wird alles Land von der Oder bis zum Rhein im hellen Aufruhr los- brechen. Die Verzweiflung der Völker, die nichts mehr zu beruereit haben, weil man ihnen alles genommen hat, darf Besorgnis erregen."
Doch JörSmes bessere Einsicht änderte nichts an dem „Karneval" seiner Regierung. Die westfälische Wirtschaft schildert ein Augenzeuge mit ben Worten: „Les contribuables ne paient pas, les fonctionnaires relächent, les militairec se rebutent, les minislres s’endorment, le Boi s’amuse — la boutique va ä tous les diables.“ (Die Steuerpflichtigen zahlen nicht, die Beamten erschlaffen, das Militär verliert den Mut, die Minister schlummern ein, der König vergnügt sich — die ganze Wirtschaft geht zum Teufel.)
Und in der Tat: Nach sechsjähriger Herrlichkeit war unter dem Donner der Leipziger Schlacht die westfälische Wirtschaft zum Teufel gegangen. Für viele eine erlösende Stunde, für manche ein bitterer Schmerz. Denn nun: von Jörömes lustigem „Karneval" zurück in das alte steife Zopfregiment des zurückgekehrten Kurfürsten. —e—
NsrMßßchäss-
* Er kann nichts Nacktes sehen. Man schreibt aus Beni: Der vor etlichen Tagen in hohem Alter hier verstorbene Astrouomieprofessor unb ehemalige Kantonsschullehrer Dr. Sidler ist nicht nur ein sehr frommer Manu unb origineller Sonderling voll wunderlicher Eigenheiten gewesen, die allerdings nicht immer ganz verständlich sind an einem Manne, der Dr. Sidlers hohe Gemütskultur besaß. So „Ijotte er beispielsweise für alles Nackte einen tödlichen Haß, und schon der Anblick eines Menschen, der in Hemdärmeln ging, konnte ihn förmlich in Raserei versetzen. Wenn bei einem 1 einer Schüler infolge unrichtiger Haltung des Beines die Hose nicht imstande war, den Raum zwischen ihr und den Socken zu decken, so kehrte Professor Sidler seinem Auditorium so lange den Rücken zu, bis die „uubite" verschwunden war. Einmal sah er sich aber doch zu einer Kapitnlation vor der „Entbloßt- heit", die er so sehr verabscheute, genötigt, und das kam nach dem Bericht eines ehemaligen Studenten wie folgt: „Au einem heißen Juli-Nachmittag" — heißt es da — „beschlossen vier Sekundaner, wohl wissend, was unser wartete, die Röcke auszuziehen. Professor Sidler kam. „Briganten! Vagabunden; — dieser Ruf, das sofortige Zuschlägen, der Tür unb das Ber-


