Ausgabe 
11.12.1907
 
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schwinden unseres Sidler waren das Werk eines Augenblicks. Wie groß war aber unser Erstaunen, als nach etwa süuf Minuten unser Lehrer zurückkam und uns begrüßte mit den Worten:Ich bin blamiert, ich bin entsetzlich blamiert! . .

Und was war so Blamables geschehen? Sidler war schleunigst zum Direktor gelaufen, der eben an der Handelsklasse tätig Ivar, um uns arme Sünder zu verklagen. Aber da hatte er seinen Vorgesetzten angetrofsen: vor mehr als zwanzigSchülern, die nicht nur den Rock, sondern teilweise auch die Weste aus- gezogen hatten. Nun hatte er sein Anliegen erst gar nicht vor­zutragen gewagt, sondern hatte schleunigst den Rückzug ange­treten und sich als geschlagen bekannt." Später, als er dann Universitätsprofessor war, und ihm niemand mehr etwas vor- zuschreiben hatte, fiel er aber doch wieder in seine alte Un­duldsamkeit zurück und nahm den bittersten Anstoß an der geringsten Unkorrektheit in Kleidersachen.

Weihrrachtsgescherrke.

Handarbeiten.

Eine große Tischdecke für den täglichen Gebrauch stellte ich folgendermaßen her. Ich nahm vier rot- und weiß­karierte Handtücher, die in den Vierecken noch mit ganz kleinen, eingewebten Kreuzen versehen waren. Diese bestickte ich mit weißem und schwarzem Garne (letzteres durch Einlegen in Essig­wasser durchaus waschecht gemacht). Es Ivar eine angenehme, wenn auch nicht gerade sehr rasch fördernde Arbeit. Als alle Hand­tücher in der Mitte nmt kleinen! und am Auhenrande mit größeren Kreuzen versehen waren!, nahm sich die Arbeit wie eine schwarz­weiße, sehr zart ausgeführte Spitze aus, welche als großer Schmuck erschien und vielen Beifall gefunden hat. Die Hand- tiicher wurden dann durch einen 8 Zentimeter breiten, ge- klöppelten Einsatz miteinander verbunden und schließlich ergab die passende Klöppelspitze den Abschluß der Decke. Natürlich kann man sowohl Einsatz wie Spitze auch häkeln.

Ein Pompadour ist immer ein erwünschtes Weihnachts- tzeschenk für ältere Damen. Zur Herstellung eines solchen sehr vornehm wirkenden Beiitcls »nacht man ihn selbst ans mattlila Seide. Tann behäkelt man Ringe mit Goldfaden und füllt deren Mitte mit Spinnen aus passender lila Seide aus. Zur Höhe rechnet man 7 übereinander liegende Reihen dieser zusammen- gefügten Ringe; die ganze Breite ringsum hat 14 solcher Sterne aufzuweisen. Ten unteren Rand des Pompadours schmtickt man durch zierliche plauzende Gretois aus. Man kauft sie unter diesem Namen in den einschlägigen Geschäften. Am oberen Rande häkelt man direkt in den Stoff drei Reihen kleiner, versetzt . treffender Löcher von je 1 Lftm., 1 Stäbchen, macht dann eine Lochreihe von je 2 Lftm., 1 Stäbchen und wiederum drei Reihen kleinerer Löcher. Den Abschluß ergibt eine Bogen­tour. Diese Häkelei wird mit lila Seide aus'geführt. Schließ­lich leitet man die Stäbe durch die große Löchertour und näht den Swff oben noch derart ab, daß ein Seidenband hindurch gezogen werden kann, welches in einer flotten Schleife endet.

WeihnKchLsSiiÄsreiett.

Weihnachts-Striezel. V/8 Kilo Mehl, 250 Gramm Butter, 250 Gramm Zucker, 75 Gramm Hefen, etwa 1 Liter Mitchs die abgeriebene Schale einer Zitrone, 4 Eier, 15 Gramm bittere Mandeln. Nach bekannier Art macht man von dreien Zutaten einen recht fein geschlagenen Teig und stellt dreien an erneu warmen Ort. Wenn er gut aufgegangen ist, wird er zu eurem großen Viereck ausgewllt und mit 250 Gramm gereinigten Rosinen, 125 Gramm Zucker, 125 Gramm Ueingeschmttenem Zitronat bestreut, fest zusammengerollt, und auf ein mit geschmiertes' Blech gelegt, wo er, ehe er in den Ofen geschoben und mit Gelbei bestrichen wird, nochmals gut aufgehen muß. Anstatt der Rofinenfnllung ist auch die mit Mohn empfehlenswert. Der Mohn wird, nächstem er gebrüht und recht fenr gerieben ist, mit Eiern, zerlassener Butter, Zucker und Sahne geschmeidig gemacht, so daß er sich auf den düuii ausgerollten. Teig gut verteilen läßt. Dann wird der Striezel, wie der mit Rosineiisüllung gewickelte, zum Aufgehen gebraiht, worauf er mit El oder Butter bestrichen, gebacken wird. Nach Geschmack kann man den Kuchen nach dem Backen mit einer Glasur bestreichen. P

Weihnachts-Literatur.

** Ein Bücherkatalog. Die drei Gießener Universitäts- buchhaMungen Ferber, Frees, Ricker haben in diesen Tagen Aren Weihnachtskatalog gemeinschaftlich versandt. Der neue, ßbrMns schon vergriffene Katalog ist keine wahllose Zusammen- Mtung von Atteln, sondern eine bedeutsame literarische Er- 6n'öt der Name Detlev's von Lilieneron, der X ^^kreur gezeichnet und ihn, in Genieinschaft mit einer Reche auserlesener Mitarbeiter herausgegeben bat Kn ßwivu. drmgt der Katalog eine Uebersicht über die wichtigeren von ÄniÄ-u "Niesten Zeit. Bei der ungeheueren Menge von Neuigkeiten kann der Bücherfreund eines Führers nicht

entraien. Der gegenwärtige Katalog sucht dieses Ziel zu er­reichen, indem er berufene Führer ausgewählt hat, die auf ihren eigensten Schaffensgebieten die gebildete Larenwelt in großen Zügelt über die Literatur orientieren sollen. Auf Vollständig-' feit ist weniger Wert gelegt worden, vielmehr ging das Be­streben dahin, nur eine Auslese aus den besten Erscheinungen zu treffen. Der Katalog enthält ferner ein Kalendarium, und einen Unterhaltungsteil mit Essays, Novellen und Gedichten. Zahl­reiche Besprechungen und eine Reihe von Kunstbeilagen und son­stigen Illustrationen führen uns in die Gedankenwelt der er­wähnten Bücher ein. Bei der Wahl des Kataloges war die Ab­sicht maßgebend, dem bücherkaufenden Publikum das Neueste und' Beste zu bieten.

Von jun gen M en schon" betitelt sich eine bei Moritz Diesterweg in Frankfurt erschienene Erzählung eures neuen jungen .Poeten namens Gustav Keckeis. Als eine Studentengcschichtel hebt die Erzählung an. Ein träumerischer junger Jurist hat mit der Tochter seines Professors und Examinators intensives erfolgreicher getändelt, als dem Kleinmädchcnherzen zuträglich ist. Ein Studienfreund und ernsterer Verehrer des Mädchens öffnet ihm, !der ganz ahNNnglos ist, darüber die Augen. Der junge Tr. jur. verlaßt die Universitätsstadt und in seiner Heimat tritt ihm seine Jugendfreundin als Gattin eines wackeren Arztes, gleichfalls eines Jugcndgenosscn, entgegen. Und nun wandelt sich in den beiden hie alte Freundschaft in lodernde Liebe. Ter feinhcrzige Verfasser führt uns diese alltägliche Geschichte wie eine sauste, weiche, zarte Melodie, vor und zwar, was einer der wesentlichsten Vorzüge der Erzählung ist, mit hoher Keusch­heit. Tie Gesinuungsremheit des Autors, die wir immer aufs neue empfinden, adelt die ganze anspruchslose kleine Erzählung, die noch viel BerüchwvmmcueS, wenig Festes hat, iind auch nicht ganz ohne stilistische Entgleisungen und Schiefheiten iirt Ausdruck ist. Aber im ganzen genommen ist dir Sprache des Büchelchens doch reizvoll und klangreich uud als Naturbetrachb flößt uns der junge Dichter schon jetzt Respekt ein. Wer über die mehr senilletonistische Schilderung des gar nicht recht zur eigent­lichen Erzählung gehörenden Studentenerlcbnisscs hinweg liest, wie über die kleinen formellen Geziertheiten, der hat die Hoffnung, einem entwickeliingsfähigen neuen novellistischen Talente begegnet zii fein. o.

Heidezauber. Erzählungen, Lieder nnd Märchen aus Heide und Moor. Gesammelt von Johannes Erler. Ca. 300 Seiten mit über 60 Textabbildungen und ca. 20 ganzseitigen Vollbildern. Die Sammlung bietet in 4 Abteilungen dem Volke und der reiferen Jugend Perlen echter Heimatkunst aus Heide und Moor: Erzählungen von D. Speckmami, Timm, Kröger/ M. Geißler, H. Eschelbach; Märchen von Th. Krausbauer, H.- Scharrelmanu, H. Löns; anheimelnde Wanderbilder und Schil­derungen von H. Löns, W. Schaer und I. Erler; ebenso einen Strauß stimmungsvoller Heidegedichte und Lieder von D. v. Li- liencron, F. Poppe, F. Diederich, Troste-Hülshoff, Greif, Fuchs» Storm, Klaus Groth, Allmers, Lenau, P. und A. Heinze, so daß wohl keiner der bedeutenderen Erzähler und Dichter dieses Ge­bietes fehle» dürfte. Ein Vorwort orientiert den Leser über die ganze Heide- und Moorliteratur, insbechndere über alle in der Sammlung zu Worte kommenden Autoren und Künstler, der Bildschmuck, Proben ans den Originalwerken, besteht aus Nach­bildungen Worpsweder Künstler und Originalphotographien. Ter Inhalt, die Ausstattung und ein verhältnismäßig billiger Preis machen dieses Buch zu einem hervorragenden Geschenkwerk.

Goldene Worte,

Nichts führt zum Guten, was nicht natürlich ist.

Schiller.

Der höchste Genuß ist die Freiheit des Gemütes in den; lebendigen Spiel aller seiner Kräfte. Schiller.

Ergrinzttttgsrätsel.

N.r v.r.ä..s f..sch .u. f..i d.. B..ck, D. r. st . h. n. ch. .. ü. e s..k.n;

. i. w . r - b. sch.. d. n . ei. G. sch . ck, D.ch f.lb.. k.n..t l.nk..f Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer; W Dis Buche 15 i c $4 e ai

Stern U n g 8

Die Einsendung hübscher Rätsel, von treue« Lesern unserer Familienblätter" verfaßt, an die Redaktion derFamilien- blätter" ist sehr erwstnfcht.

Redaktion: P. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäls-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.