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„Nun befleißigen Sie sich abev einer anständigen Sprache!" donnerte der ernstlich erboste Rat. „ES war noch dunkle Nacht. Sah der Herr genau so aus, !vie jetzt eben?"
„Us Äie Linie — ivenn bet anständig jenug klingt."
„So? Die anderen Zeugen beschrieben Ihren Fahrgast als einen Mann mit blondem Bollbart."
„Tet stimmt ooch. Wie der Mann einstieg, da hatte er'n Bollbart. Unterwegs muß er sich wohl rasiert und jeforben haben, denn wie er mir an de Bismarck-Straße vom Bock lotste, da kiekte er wie eben jetzt. Det is mir mächtig ufje- fallen und darum habe ick ihn uff's Visier jenommen."
„Sie können sich also nicht täuschen? Sie sind Ihrer Sache durchaus sicher."
„Ganz sicher! Mit solchen Doge in wie der Mann kiekt eenen kein anderer Mensch an. Tet is mein besonderes Kennzeichen und bet is unfehlbar."
Ter Rat hatte genug gehört; nicht eben liebenswürdig beförderte er ihn ans dem Zimmer und überantwortete ihn den vor der Tür harrenden Beamten.
Frau Schuhmacher wurde ins Zimmer gerufen. Kaum wurde sie des Detektivs ansichtig, so begann sie ihn auch schon mit einer Flut vorwurfsvoller Fragen und Anklagen zu überhäufen. Tie maßlos Erregte sah in dem Darniederliegenden nur noch den vorsätzlichen Mörder ihres Mannes und batte auf die vielen Freundschaftsdienste, die Walden ihr früher erwiesen, völlig vergessen.
Nur mit großer Mühe gelang es Rat Hansemann, der unter den leidenschaftlich hervorgesprudelten Anklagen seelisch mitlitt, die Schreiende einigermaßen zu beruhigen. Welche Wirkung die Hochflut ihrer Borwürfe auf den Detektiv ausübte, ließen Hessen bewegungslose, tieferblaßte Züge, die starrsinnig nach der Wand gerichtet blieben, käuui' erkennen, nur seine Zähne hatten sich in die Unterlippe gegraben und bissen wie in ge- waltigem, körperlichem Schmerze zu.
Vergeblich versuchte Rat Hansemann, Walden zu bewegen, sich auf die Anklagen der Frau zu verteidigen; er verharrte iil starr-iinnigem Schweigen und änderte sein Benehmen auch nicht, als Andreas Witte als dritter im Bunde wider ihn erschteii. Nur einmal, als der Maler in begreiflicher Entrüstung ihm vorhielt, ihn durch unlautere Praktiken selbst in Schuld- Verdacht gebracht zu haben, streifte des Detektivs Blick seinen Vorgesetzten imt so gequältem, hilfeheischendem Ausdruck, als ob ßi wolfoe, daß er, der Gehetzte, nun am Ende seiner Kraft sei.
Wieder setzte sich Hansemann, als er sich mit dem Verwun- 'm wimmer sah, neben dessen Schmerzenslager. „Walden begamt er.nach kurzem, drückend empfundenem Schwei- gen „wollen Sie mir noch immer nicht Ihr Vertrauen schenken? vabe ich das um Sie verdient? . . . Ist cs nicht schrecklich, semen bisherigen vertrauten Mitarbeiter, den man auch um seiner menschlichen Eigenschaften willen lieb gewonnen, so bedrängen zu müssen? Wollen Sie mir mein schweres Amt nicht leichter machen? So gut wie ich kennen Sie den weiteren Verlauf. Untere Beweisaufnahme ist geschlossen und die Akten gehen an den Untersuchungsrichter weiter — Mann!" rief er wie verzweifelt «ls ihm immer noch keine Antwort wurde, „wie soll ich Ihr Benehmen nur deuten? Es ist mir unerfindlich, daß Sie kem Wort der Rechtfertigung finden! Die Herren, in Moabit haben keine Ursache, Sie in anderem Lichte zu betrachten, wie d,e Zeugenaussagen gegen Sie es liefern. Wissen Sie auch, daß p“" Sw muf Mordverdacht hin festhalten wird? Die Indizien
J? umfassend, daß die Geschworenen zu einem
M.chulbigspri'jch gelangen müssen!"
. r, brach Walden das überlange Schweigen. Matt
^üI?ete cx der Hand des Vorgesetzten und hielt sie fest. 'S” schleppen", sagte er leise.
„Vor betten Stuhl ich Uete, der kennt den Grad meiner Ver- ^huldung. ,.ch danke Ihnen, Herr Rat - ich bitte Sie, mich Frieden sterben zn lasten!" Damit zog er seine Hand rasch ^"der zurück und kehrte das Gesicht von neuem nach der Wand Mit getchlottenen Augen blieb er liegen und gab keine Antwort mehr. —
Seufzend nahm der Rat schließlich von weiteren unnützen Bemühungen Abstand. „So nehme das Schicksal seinen Laus" inemte er unter einem hoffnungslosen Achselzucken. „Ich kann nicht zu Ihrer Verhaftung schreiten, zumal es bei ^hrem Zustand mit einer solchen kaum Eile hat. Ich gehe zum Präsidenten, um diese Pflicht, wie mein Anit überhaupt in seine Hande zuruckzugeben." Trotz des Widerstrebens des andereii faßte er besten Hand und drückte sie. „Walden, ich kann Ihnen picht ausdrücken, was i.N mir vorgeht K ä - als ob es von einem
Sohne scheiden hieße. Gott fei mit Ihnen und seine Weisheit erleuchte Sie." —
In übermächtiger Bewegung trat er aus dein Zimmer, nachdem er vergeblich noch aus ein Abschiedswort gehofft. Wie sehr erstaunte er aber, als er draußen int Korridor seiner Tochter ansichtig wurde. Rasch trat er auf sie zu. „Hermine/ du hier? Was soll das bedeuten?"
In schmerzlicher Bewegung faßte das Mädchen seine Hand, ,Mir ist so bang, so weh zu Mute", flüsterte sie. „Es kann um Walden nicht gut stehen, sonst hättest du heute früh mich' zu sehen nicht vermieden. Ta litt cs mich nicht länger daheim'. In deinem Bureau erfuhr ich, daß du nach der Charitä gefahren seiest. Ta begab ich mich hierher." Sie schlug den Schleier nieder, damit niemand hie haltlos ihren Augen entquellenden Zähren wahrnehlnen sollte. „Ich sprach einen der Assistenzärzte .... er gibt wenig Hoffnung für den Aennsteu. Soll eö wirklich so . . . so schlimm nm Walden stehen?"
Hansemann nickte trübe. „Mein armes Minchen, ich wollte/ ich könnte dir Günstigeres berichten. Doch cs steht schlimm um ihn — sehr schlimm in jeder Hinsicht!"
Sekundenlang schauten sie sich schweigend an; jedes von ihnen mit den eigenen trüben Gedanken beschäftigt. Dann sagte das Mädchen unvermittelt bittend: „Lasse mich ihn sehen ... laß mich mit ihm sprechen. Was ihn in den Tod treibt, ist nicht die Wunde allein. Ihr habt ihn gehetzt... er ist wund und siech und sterbensmatt und ihn läßt die Erkenntnis verbluten/ alles verloren zu haben — nicht nur Stolz und Ehre, auch die Liebe der Menschen, die er selbst lieb hat — laß mich ihm sagen, daß — daß noch Herzen für ihn schlagen."
Ter Rat stand zaudernd, ivie im Konflikt mit der allzeit hochgehaltenen Pflicht. Tann nickte er Gewährung. „Komm!" sagte er und faßte sie bei der Hand. „Tn hast recht, ihm tut in seiner dunklen Stunde ein guter Engel not!"
Neben ihr her schritt er bis zur Tür; dann hielt er wieder inne. „Sprich ihm gut zu, Liebste", meinte er mit spröde klingender Stimme. „Es ist der letzte Versuch . . . der Mann ist blind und ta,ub geworden. The Schande drückt ihn nieder, das ist alles.. Er geht an seinem Stolz zu Grunde — der trieb ihn auf Abwege.. Nun geh'!"
Damit öffnete er die Tür und ließ seine Tochter allein in das Krankenzimmer eintreten.
(Fortsetzung folgt.)
Aus den Hagen des Königreichs Westfalen unter Avlüme Bonaparte.
(Zum 7. Dezember.) (Original-Artikel der Gießener Familienblätter.) Nachdruck verboten.
(Schluß.)
Ein ganzes Heer von Beamten sollte in dem aus so vielen Gegensätzen zusammengeschweißten neuen Staate im Geiste Napoleons tätig sein; denn in Wirklichkeit war Jöröme nichts weiter als der Statthalter seines kaiserlichen Bruders. Das Land wurde in Präfekturen unb Kantons eingeteilt. Eine dttrch Napoleon von Fontainebleau aus gegebene, 55 Artikel umfassende Konstitution diente als Maßstab' für die Verwaltung. Die obersten Beamten! waren ans Staatsklugheit zum Teil aus den abgetretenen und annektierten Provinzen mit übernommen. Der Finanz-! Minister von Bülow kam von Magdeburg, Reinhard, ein geborener Württemberger, war französischer Gesandter am' Kasseler Hose. Er war aus dein theologischen Tübinger Stift hervorgegangen und nach mancherlei Wechselfällen! seines Lebens an den Pariser Hof gekommen. Obschon er sich der Gunst Napoleons erfreute, der ihn zu seinem Gesaudten! nach Kassel ernannte, fühlte er sich in seiner Stellung wenig glücklich. Er schreibt an Goethe: „Meine Lage ist hier sehr delikat. Was soll ich an diesem jungen leichtsinnigen Hof?" Der Historiker v. Müller, ein Schweizer, Leiter der westfälischen Studienanstalten, saß im Staatsrat und genoß in seltenem Maße Jsrömes Vertrauen. Der Justizminister Simöon, ein gerechter und unbestechlicher Beamter, neigte' zur deutschen Partei. Als Kviegsminister fungierte der französische General Morio, als Minister des Aeußern der Kreole Le Camus, ein ehemaliger Pflanzer von. Martinique^ dem Järöme den deutschen Titel eines Fürsten von Fürstenstein verliehen hatte. Den wichtigsten Posten bekleidete der Chef der Polizei Becagny, ein ehetnaliger Mönch. Mit Hilfe zahlreicher Agenten und Agentinnen wurde jedes Gespräch der Einwohner belauscht, und in hW unschuldigsten Dingew


