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1907
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A«f der eigeneK Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) «Fortsetzung.)
Der grau« Novembertag wollte nicht licht werden, auch alS Rat Hansemann mit seinen Begleitern, die den jungen Eilenburg in die Mitte genommen hatten, vor der Charite anlangte, war cs immer noch unfreundlich trübe.
Frau Schuhmacher hatte sich gleichfalls eingefunden, auch sie mußte dem Verwundeten gegenübergestellt werden. Noch nie zuvor war Hansemann seine Amtspflicht so grausam wie heute erschienen; wie gerne hätte er Walden auf das Kommende vorbereitet . . . mochte dieser schuldig sein, so war es ganz sicherlich kein niedrigerer Trieb gewesen^ der ihn in die Irre geführt . . . und 'da noch eines, das den Rat bedrückte. Das Leben des Mannes stand in Gefahr, er mochte es an der Aufregung verlieren, deren Opfer er sicherlich wurde, sah er sich umstellt und der Täterschaft überführt. Vorige Nacht hatte sich Walden keine Sekunde besonnen, den wider seines Vorgesetzten Leben gerichteten Mordanschlag zu vereiteln, indem er den eigenen Leib drangewagt; und doch blieb ihm keine Wahl. Er hatte einen unverbrüchlichen Eid geschworen, den mußte er halten. Doch Konsequenz »euch d<em eigenen Herzen gegenüber zu ziehen gerückten Jahre, und in dem Sprühnebel auf den Straßen mutete es ihn wie Amtsmüdigkeit an. In jener Stunde faßte b-.r Rat den Vorsatz, sich pensionieren zu lassen. Sein über alles geliebter Beruf erschien ihm wie verleidet, nun er dessen letzte Knosequenz auch dem eigenen Herzen gegenüber zu ziehen gezwungen war.
Zuerst kam Franz Eilenburg an die Reihe. Hansemann nahm ihn mit in das kleine Privatzimmer, in welches man den Verwundeten gebettet. Beim Anblick Waldens erschrak er. War es möglich, konnte kurzer Stundenlauf solche Verheerungen in einem Menschenangesicht Hervorrusen! Der Rat hatte Mühe, den Detektiv wiederzuerkennen, so verändert schienen seine Züge, sie waren sahl und welk geworben. Die Augen lagen tief in den Höhlen zurück und ihr flackernder Blick flog wie angstgepeinigt dem Eintvetenden zu. Erst sah er nur diesen, da Hansemann es so einzurichten gewußt, daß der junge Eilenburg durch seinen breiten Rücken gedeckt wurde. Mit einem Gefühl der Herzlichkeit ergriff er die ihm zögernd entgegengestreckte Hand des Kranken-; das war das wenigste, was er ihm zu lieb tun konnte.
„Lieber Walden, später sprechen wir un§ allein aus", begann er nach verschiedentlichem Räuspern. „Ich glaube, Sie haben sich in Ihrer Erzählung von vorgestern nacht doch hin und wieder — hm! geirrt. Der junge Mann z. B. hier" — damit schob er, Franz beim Arm packend, diesen dicht vor die Lagerstatt. Es entging ihm nicht, wie der darin Liegende zusammenzuckte. „Da sehen Sie sich den Herrn genau an", ermahnte er den Burschen. „Haben Sie ihn schon einmal gesehen?"
..Na und ob!" rief der Gefangene ohne Besinnen, indem
er dreist den befremdet ihn auschauenden Walden anstarrte. „Mir müssen Sie doch l'nneu?"
„Allerdings, Sie sind — der junge Eilenburg" — kam es zögernd über des Detektivs Lippen. „Ich beobachtete Sie vorgestern abend in den Aurvrasaleu... Ja, ja, Sie sind es!" setzte er in stärkerem Tone hinzu.
„Det bestreite ick jar nich — mag sind. Dort habe ick beti letzten Schampus uf eenige Zeit jeschmettert . . . aber det Rangkonter mein' ick nich... da habe .ick Sie nich jesehen, sonst wär' ick nuSgeriffen wie Ferdinand . . . Aber Droschke sind wir zusammen jefahren. Männeken, det wird ooch stimmen, wat? Wissen Se noch die eklige Fuhre von dunnemals. WaS Ihr Freund war, der hatte eenen Affen weg, der war nicht von schlechten Eltern- . . . Na, fo reißen Sie doch die Sogen nich fo jcwaltsam uf, det müssen Sie doch wissen. . . Nacht- droschke am Potsdamer Platz . . . Unterwegs gaben Se mir noch 'n T-ahler, damit ick Ihren Freund mit 'raushöbe . . . Wie er nu aber tot war, da kriegte ick's mit de kalte Angst . . . und da habe' ick Ihnen versetzt und bin losjejondelt, bat et man nur fo flutschte".
Hansemann hatte den Naseweis ruhig aussprechen lassen, ohne ihn in seinem Redefluß zu hemmen; er hatte sich etwas seitwärts ausgestellt, um das Mienenspiel des Detektivs zwar unauffällig, doch um so schärfer beobachten zu können. Wäre noch ein Zweifel an Waldens Schuld in ihm gewesen, so hätte er ihn jetzt aufgegeben. Die lauge Berufsarbeit hatte ihn gelehrt, in menschlichen Gesichtszügen wie in einem ausgeschla, genen Buche zu lesen, das dumpfe, starre Staunen in Waldens Mienen, der plötzlich geängstigte, wenn auch rafch wieder gefestigt und stählern erscheinende Blick, ein kaum merkliches Erzittern der alsdann sich fest aufeinander pressenden Lippen —i all das waren untrügliche Anzeichen.
Unter einem schweren Atemzuge trat der Rat vor. „Eilenburg", sagte er ernst, „ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie Ihre Angaben werden beschwören müssen, und so verdorben Sie auch sonst sein mögen, vor der Verletzung eines Eides werden wohl auch Sie zuruckschrecken."
„Na und ob, bei's Bemeineidigen sprechen wir die Wahrheit .... for so 'ne Kaleika ooch noch in die Lehrterstraße kommen un allabendlich bet Ausstellungskonzert von 'ne reservierte Tunkellvge mir anhören $u müssen — nee, nicht in die Larnäng,"
„Sprechen Sie angemessener!" unterbrach ihn der Rat stirnrunzelnd. „Ich frage Sie, können Sie sich nicht irren, sind Sie Ihrer Sache durchaus sicher? Dieser Herr behauptet das Gegenteil, er will nicht mit Ihnen die verhängnisvolle Droschkenfahrt gemacht haben . . . Nicht wahr, so ist es doch?" wendet« er sich sragend an Walden.
Dieser vermied seinen Blick; doch et nickte energisch.
„Na, da schlag doch den Deubel tot!" platzte der llttbetft besserliche heraus. „Männeken, !vie können Sie so ivat behaupten, wo doch der dicke Herr hier so grauslich schön über die Heiligkeit von det Eidablegen gepredigt hat. Uf'n ersten Blick hab« ich Sie erkannt l"


