Ausgabe 
11.11.1907
 
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Ter Zug raste ohne Aufhalten weiter und jagte buchstäblich einen Expreßzug meilenweit vor sich her. Hier aber ge­lang es der heroischen Ausdauer des Maschinenpersonals schließlich das Schlimmste zu verhüten. Auch die furcht­bare Katastrophe, die 1883 den Expreß der California Southern Limited im Tehachapi-Paß ereilte, findet so seine Erklärung. Bei Summit-Station raste der Zug davon und es gelang nicht, der Maschine Herr zu werden. Ein furchtbarer Orkan wütete an jenem Schreckenstage in den Berghöhen. Ter Zug erklomm die starke Steigung, un­willkürlich verlangsamte sich sein Tempo, bis endlich der Patz erreicht war. Hier packte der Orkan mit aller Wucht die Wagenreihe, brachte den Zug erst zum Halten, dann aber mit einem wilden Ruck drängte der Sturm die Wageu rückwärts, die Steigung wieder hinunter. Das starke Ge­fälle leistete dem Orkan Beihilfe; immer schneller sauste der Zug die Schienen hinab, die Räder rasselten, die Ge­schwindigkeit überschritt alle Grenzen. Dann bei einer Kurve das Entsetzliche. Tie Wagen verlieren das Gleise und über dem Abgrundrand in weitem Bogen schmetterten die Wagen mit den Hunderten von entsetzten Menschen in die schwindelnde Tiefe. Mehr als 100 Tote wurden aus den Trümmern gezogen. Ein kleines Kind aber kam fast wie ein Wunder ohne .Verletzung davon. Noch heute schwebt ein Geheimnis über der furchtbarsten Eisen­bahnkatastrophe, die die Geschichte kennt, die vom San Antoniofluß in Mexiko. Es war auf der Moreloslinie, am 24. Juni 1881. Ter Zug passierte eine kleine (Station, der Stationsvorsteher sieht, daß der Maschinist sich ver­geblich bemüht, die Maschine zum Stehen zu bringen. Ter Zug fuhr noch ziemlich langsam, es gelingt dem Be­amten, aufzuspringen. Er eilte zur Maschine in der Ab- sicht, dem Führer zu helfen. Fast in demselben Augen­blick kommt die Wendung zum Schlimmsten. Die Maschine so schildert es ein Augenzeuge schoß plötzlich vor­wärts wie ein lebendes Wesen. Wenige Minuten später passierte der Zug in rasender Geschwindigkeit Cuartla und sauste mit einem Tempo von 100 Kilometer in der Stunde auf die Brücke zu, die in weiter Kurve den San Antonio­fluß überspannt. Starke Regengüsse hatten beit Fluß in einen wilden Strom verwandelt. Ter schwere Zug braust auf die Brücke, wie Glas bricht diese zusammen und der ganze Zug verschwindet in den Wogen, lieber 200 Menschen hatten eine Stunde vorher frohen Mutes ihre Reise angetreten. Nicht ein einziger von ihnen entkam; alle, vom Heizer bis zum letzten Passagier sanden in den Wellen ihren Tod.

Vermischtes.

* Ein romantisches Liederspiel. Ein ver­späteter Mystiker ist Max Marschalk; denn was er in seinem Liederspiel will, die Uebertragung zarter, Maeter- linkscher Stimmungsfarben auf das musikalische Gemälde, das Einhüllen alter, schemenhafter, nur flächenhaft ge­zeichneter Rittergestalten in die matten Schatten neu­romantischer Säuselei, das sind Dinge, bie man vor ein paar Jahren noch schätzte. Heute sind wir über solche Zärteleien schon wieder hinaus. Von den Schicksalen des über alle Gefahren, über Trennungsschmerz und Gefangen­schaft treuen und endlich vereinten Liebespaares Aukassin und Nikolette erzählt uns die Oper in Figuren, denen alles Leben fehlt, die einherschreiten, den Schatten der Unter­welt gleich. Mit primitiven Mitteln sind sie gezeichnet, wie alte Klosterschriftinitialen auf Goldgrund muten sie an. Statt Aukassin, den in Liebesträumen versunkenen Jüngling wie int Roman zum Helden werden zu lassen, für den Liebeslohn eines Kusses der vott ihm getrennten Nikolette, hat der Librettist, der zugleich Komponist ist, in der Oper Aukassin ohne Motivierung zum tatenfrvhen Helden gemacht, nach blutiger Schlacht muß man ihn erst wieder an seine Geliebte erinnern, er hat sie über dem Siegesjubel und Rachedurst ganz vergessen. . . - Der Musik

ist eigentlich nur eines nachzurühtnen: Verständnis für eine die Grundstimmung festhaltende Orchesterkoloristik. Aber das ewig Schlummerhafte und Gedämpfte wirkt nur zu rasch ermüdend, und es ist sonst nichts vorhanden, was das Interesse wach halten könnte. Im Gesangspart wechselt das gesungene mit dem gesprochenen Wort, ein gefährd liches Unternehmen an sich. Zudem sind die Uebergängü von einem zum andern hart und ungeschickt. Müde aber ist die thematische Erfindung, in kleine Motive und Motive chen zerbröckelt, und nur mühsam durch eine oberflächliche mnsikalische Phraseologie zusammengehalten worden. Da-, bei ist auch musikalisch alles so flach und unplastifch- wie im textlichen Teil. Man konnte den Zuhörern ditz Ablehnung, die sie dem Werke bereiteten, nicht Übelnehmen.

Literarisches.

W e lt ans ch an ung eu d e r Gegenw art in Gegensatz und Ausgleich. Einführung in die Grundprobleiue und Grund­begriffe der Philosophie. Von Professor Tr. C. Wcnzig. (Wissen- schafl und Bildung, Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens. Nr. 14.) 158 Seiten. Gebunden 1.25 Mk. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. 1907. In einer Zeit ständig wechselnden philosophischen Interesses muß das Erscheinen eines derartig kleinen, die Kernfragen alter philosophischen Spekulation behandelnden Grundrisses mit lebhafter Freude begrüßt werden; denn um eine einheitliche Weltanschauung rangen und ringen alle unsere großen Denker und ihre Schüler, zu so schroffen Gegensätzen sie dabei auch gelangten. Ter Verfasser zeigt, wie verschiedene Wege und Ziele zu den jeweils sich gcgenüberstchenden Richtungen der Welterkeuutnis gefüllt haben. Ans diese Weis« wird die systematische Darstellung zugleich zu einer historischen, denn der Verfasser läßt die wichtigsten philosophischen Systeme in einer kritischen Uebersicht an uns vorüberziehen, der große,t Philosophen des Altertums sowohl, wie der wichtigsten Denker der Neuzeit (Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Fichte, Hegel und Schopenhauer usw.), überall den Kern ihrer philosophischen Anschauung herauslösend. Indem der Verfasser aber psychologisch die Genesis der Gegensätze untersucht und die verschiedenen Er­kenntnisrichtungen als gleichberechtigt nebeneinander stehende und sich ergänzende Methoden einer Verdeutlichung des Bewußtseins­inhalts nachweist, löst er ihre Gegensätzlichkeit auf und gibt zu­gleich vom Standpunkte der modernen Auffassung eine Emführung in das Verständnis der philosophischen Probleme überhaupt,

Mantzlarer HanSfPrüche.

Gcsmnmelt von St. K.

Nehmt hin mit Weinen oder Lachen, Was Euch das Schicksal gönnt;

Kein König kann Euch glücklich machen, Wenn Ihr es selbst nicht könnt.

Wenn dich die Lästerzunge sticht, So laß dir dies zum Tröste sagen: Die schlechtsten Früchte sind es nicht, Woran die Wespen nagen.

*

Falschheit, Lügen und Betrügen Sind jetzt sehr gemein, Der hat sich in Acht zu nehmen, Wer nicht will betrogen sein.

Wenn dieses Haus so lange hält, Bis aller Haß und Neid zersästt, Bis böse Zungen nicht mehr sprechen, Dann wird es nimmermehr zerbrecheir.

Bilderrätsel.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Rechthaberei.

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Redaktion: P.1i tlko. -^Rotationsdruck und Verlag der B r ü h l 'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.