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Julia Jmpertali erhob sich zwisck;en ihnen, die übrigens gleich der Bertha, Berrina's Tochter, nur ein dichterisches Gebilde ist. Während der ganzen Zeit ihrer Vereinigung waltete zwischen Fiesco und Leonore die herzliche Zuneigung und jene innige Hingabe, wie wir sie aus dem vierten Akt des Dramas kennen, dessen Schlußszene, wo Fiesco aus ihren Armen sich losreißend zu der Ausführung seines Anschlages eilt, der ihn sie als Herzogin wecken lassen soll, der Historie entlehnt ist? Ganz der Geschichte zuwider ist endlich das Ende der Gräfin, wie sie beim Sturmläuten der Kirchenglocken sich in Gianettino Do- rias Hut und Mantel birgt und von der Hand des eigenen Gemahls fällt.
Zur historischen Orientierung über die damaligen Verhältnisse in Genua sei folgendes bemerkt: Die Geschichte des von der Natur auf jede Weise reichbegabten Genna ist traurig. War es die Verschiedenheit der Stämme, die Liguriens Bevölkerung bildeten, war es, was eher anzunehmen/ der unversöhnliche Zwiespalt zwischen einer reichen Stadt und dem in den nahen Bergen nistenden Feudal, Tatsache ist, daß selbst in den glänzendesten Tagen Genuas Größe nie festbegründet!var, indem weder Volk noch Adel jemals zu einer gesicherten Machtentwickelung zu gelangen vermochten, Daher scheiterte die Republik im Streben nach der Herrschaft über das Mittelmeer, die i hr bestimmt schien. Sie.. besiegte die Nebenbuhlerschaft Pisas, aber sie zerschellte an der Macht des standhafteren, bon lebendigerem Nationalgefühl belebten Venedig. Zur See überwunden, in sich selbst verfallen, verfiel Genua bald dem Joche. der Franzosen, bald dem der mailändischen Herzoge. Und inmitten solcher Versunkenheit blieb noch immer Raum für den zerfleischenden Hader von Volk und Adel, von Guelfen und Gibellinen, von Adornen und Fregosen. Bei alledem war die innerliche Kraft noch nicht ganz erschöpft. Liqnoim erzeugte in jenen Tagen des Unheils die drei kräftigsten Naturen Italiens: Columbus, Julius II., Andrea Doria. Wenn Doria nicht gewesen, hätte Genua nur die Wahl gehabt zwischen spanischem und französischem Joch. Indem Doria Frankreich absagte und sich dem Kaiser befreundete, rettete er Genua vor dem Kaiser. Durch den Doria Ivar die Stadt, die sich in Julius freien Zeiten nicht frei zu halten vermocht hatte, in den Zeiten der Knechtschaft ein Bollwerk wider die Fremdherrschaft. Er gab der Stadt in ihrer Verfassung so viel Freiheit, als ihre eigenen, wie die allgemeinen Zustände zu geben erlaubten und diese Verfassung hat noch über drittehalb Jahrhunderte hinaus mit geringem Wechsel bestanden. Und Andrea begnügte sich mit dem Bürgertitel in entern Jahrhundert, welches falscher Größe so hastig nachrannte, während der Sieg ihm die Herrschaft zusprach und Karl V. gewiß einen Herzog von Genna lieber gesehen hätte, als eine genuesische Republik.
Ter genuesische Adel aber hatte andere Sonderinteressen als Karl- V. Adorni und Fregosi war der Name einer der vielen Parteizerwürfnisse. Beide ewig hadernde Familien waren ans der Stadt verbannt; wo aber einmal die tonat der Zwietracht ausgcstreut ist, fehlt es nie an Häuptern der Fraktionen. Die Fieschi hatten von alters Her auf anderer seile gestandetr als die Torias; dies spann sich fort, als die hauptsächlichste Macht des Staates m Andreas Händen lag. Gian Luigi, Fiescos Ahnen 'hatten durch Herrschaften außerhalb des Stadtgebietes, durch Reichtümer, durch nusgebreitete Klientel in Genna einen Rang eingenommen, der über die bürgerlichen Verhältnisse weit hinans- ging. Daß einer solchen Familie die Suprematie, welche die Doria seit 1528 in Genua ausübten, ein Dorn im Ange sein mußte, konnte nicht anders sein. Dennoch würde sie es dem achtzigjährigen Andreas wohl nach gesehen haben, zumal er von seiner Stellung mit großer Mäßigung Gebrauch machte, _ wenn nicht neben ihm sein Neffe Gianettino gestanden, der bestimmt schien, einst seine Stelle einzunehmen.
Giovani Luigi Fieschi war 1524 geboren und somit zur Zeit seiner Vermählung 20 Jahre alt. Schon mit 10 Jahren Hatte er den Vater, wenige Jahre später seine Mittler (Maria della Rovere) verloren und so wurde Luigi, zum Jüngling herangc- rcist, Familienoberhaupt. In dieser schwierigen Stellung legte er nun eine solche Verstandesschärfe und würdevolle Sicherheit in der Geschäftsführung an den Tag, daß er von ganz Genua angestaunt und angepriesen wurde. Von seinem fürstlichen Ein- kommcn machte er den schönsten, edelsten Gebrauch. Er war mit einer merkwürdigen Einsicht und Unverdrossenheit bestrebt, die bittere Notlage des Volkes, die durch die französische Besetzung ttnd die Pest entstanden, zu lindern. Neben seinen großen Geistes- gaben besaß..Fiesco eine so berückende Liebenswürdigkeit ttnd ritterliche Anmut der Erscheinung, daß ihm seine Zeitgenossen den Beinamen des genuesischen Alcibiades gaben. Ter großartige Stil, in dem Fiesco sein Hauswesen organisierte, die Fülle von kunstsinniger Pracht und der Festes schimmer, die in seinem Palast wogten, der feine Weltton, der dem jungen Ehepaar eigen war, klang mit mystischem Zauber bei ihren Zeitgenossen nach- nnd blickt auch in der Schillerschen Dichtung durch.
Ihrem Glücke die Krone aufzusetzen, schenkte Eleonore Cybo ihrem Gemahl einen Sohn, Paolo Emilio. Die Alten wissen viel von dem Neide der Götter zu erzählen, wie keinem Sterblichen des Lebens ungeteilte Freude zuteil wird und wie gar bald die rauhe Hand des unerbittlichen Fatums die junge Blüte mensch-
lichetr Glückes vernichtet. Mit Recht verlegt das moderne Drama das Schicksal in die eigene Brust des Menschen und läßt die Leidenschaften derselben das Verhängnis heraufoeschwören. Fiescos rastloser hochschwellender Ehrgeiz ließ ihn keine Ruhe sinden in dem Genuß stillumfriedeter Häuslichkeit, ja es war, als ob die vornehme Verivandtschaft, in die er durch die Heirat mit einer Cibö gekommen, nur uoch mehr aufgestachelt hätte, nach einem Fürstenhut zu streben. Dennoch wäre der Entschluß einer Nn- ternehntung wider die Doria wohl nicht in ihm gereift, hätte er nicht Aufmunterung bei den Widersachern der kaiserlichen Partei gefunden.
Die Geschichte der Verschwörung Gian Luigi Fiescos ist durch Geschichte und Poesie allgemein bekannt und sott Gleichzeitigen und Späteren zu oft und ausführlich erzählt worden, als daß es nötig wäre, hier dabei zu verweilen. Ter Plan Gian Luigi Fiescos hätte durch einen Handstrich für den Augenblick sehr wohl gelingen können, wäre er am> Leben geblieben. Aber er mußte Genua und die ganze politische Lage Italiens durchaus verkennen, wenn er sich auf dauernden Erfolg Hoffnung machte.
Für die Familie des Fieschis war der Ausgang verhängnis'- voll genug. Fiescos Bruder Girolamo hatte die Stadt in Bewegung bringen sollen; da es nicht gelang, verließen er und Ottobuono Fiesco mit ihren Leuten die Stadt, um ihr Kastell Montvrio zu erreichen. Alle Parteigenossen schlossen sich ihnen an, mit Ausnahme eines der Hanptverschwvreuen, Giovän Batista Verrina. Dieser ging nicht „zum Andreas" sondern entkam -auf Gian Luigis Galeere wach Marseille. Man ließ den Fieschi annehmbare Bedingungen bieten; da sie die U-ebergabe verweigerten, wurde die Feste durch Spinola berannt ttnd mußte sich nach drei Monaten ergeben. Girolamo wie alle Verschworenen, deren man habhaft werden konnte, wurden enthauptet. Ottobuono war entkonkmen, fand aber später ein blutiges Ende. Der prächtige Palast der Fieschi bei der Jnviolata wurde dem Erdboden gleichgemacht, die Besitzungen im Gebiet der Republik eingezogen, die Familie bis zur fünften Generation aus Genna verbannt. Auch bet' Herzog von Parma Pier Luigi Farnese, vorher Fiescos Verbündeter, benutzte die gute Gelegenheit, die auf seinem Gebiet gelegenen Kastelle der Fieschi einzuziehen, und ebenso machte cs der kaiserliche Statthalter von Mailand Ferrante Gonzaga.
Tie Gräfin Leonore verließ Genua ttnb zog sich nach Pisa zu ihrem Vater zurück, spater heiratete sie in zweiter Ehe Giovan Luigi Vitelli, bekannt unter dem Namen Chiappino, der zu der Zahl der Condottieren (Führer von Soldtruppen) gehörte, in bereit Händen im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts das ganze Kriegswesen Italiens lag. Auch diesen zweiten Gatten sollte sie überleben. Er starb 1575 ebenfalls eines gewaltsamen! Todes. Eleonore starb im Kloster der Murats am 17. Februar 1594, 71 Jahre alt, ohne ihren Sohn Paolo Emilio Fiesco je wiedergesehen zu haben. Er lebte in Frankreich, wo seine Nachkommen noch im 17. Jahrhundert Vorkommen.
Tas Wappen der Fieschi von Lavagna zeigt einen schrag- rechts sechsmal von Silber und blau gestreiften Schild, das der Doria einen von Gold und Silber quer geteilten Schild mit einem schwarzen, rot bewehrten Adler.
Aus dsr Geschichte der ErseuLahnkatuftropheu.
Das letzte große englische Eisenbahnunglück bei Shrewsbury hat, wie die Untersuchungen nunmehr ergeben haben, seine Ursachen wahrscheinlich darin gehabt, daß der Führer die Herrschaft über die Maschine verlor. Tie Geschichte der Eisenbahnunsälle verzeichnet eine lange Reihe von Katastrophen, deren eigentliche Ursache niemals einwandfrei festgestellt werden konnte; oft in solchen Fällen bleibt keine andere Erklärung, als ein Versagen der Bremsvorrichtung. Die Ursachen sind, falls es sich nicht um einen Zusammenstoß, um falsche Weichenstellung oder um andere offenkundige Betriebsfehler handelt, in den meisten Fällen nachträglich schwer einwandfrei aufzuklären, denn fast immer fallen Maschinist und Heizer als erste Opfer. Das Pflichtbewußtsein der rauchgeschwärzten zwei Männer, die da vorn im Lokomotivhäuschen Tod und Leben von Hunderten in den Handelt halten, steigert sich oft zu einem Heldentum, das alle Bewunderung vevdient. Am 18. Juli 1898 — der englische Great Western Expreß braust in voller Fahrt zwischen Windsor nnd Paddington dahin — bricht plötzlich das Verbindungsrohr der Lokomotive. Verbrüht, von Dampf und Hitze verbrannt, harren die berden Maschinenmänner aus auf ihren Posten und ihrer todesverachtenden Energie gelingt es schließlich doch noch, den Zug zum Stehen zu bringen und eine Katastrophe zu verhindern. Dann fallen die beiden Braven erblindet und sterbend aus ihrem Gehättse aus die Strecke. Als int Jahre 1872 zwischen Fruro und St. Austell ein schwerer Güterzug „durchging", war ein Bremsendefekt die Ursache,


