Doch et besann sich die Minute darauf. Als falle ihn» das Sitzen schwer, erhob er sich, trat hinter seinen Stuhl, stützte sich mit beiden Händen auf dessen Lehne und schaute den Polizeirat dabei unausgesetzt sondierend halb von der Seite an. „Ich habe mir die Sache so gedacht. Die Papiere sind für mich wertvoll, sagen wir 10 000 oder auch 20 000 Mark — der Preis spielt keine Rolle, ich lasse in dieser Hinsicht gerne mit mit reden . . . Für die Herbeischaffung der bewußten Geschäftspapicre zahle ich gerne auch die höchste Belohnung . . . und die Ausführung des .Auftrages würde einer Person in geeigneter amtlicher Stellung Nicht schwer fallen ... cs hieße bei etwa zwei oder drei Männern höflich auf den Busch klopfen, unter gleichzeitigem Hinweis auf etwaige strafrechtliche Verwickelungen . . . mit einem Worte, der oder die Betreffenden müssen durch 'amtliche Autorität der betreffenden Mittelsperson ins Bockhorn gejagt werden. . . man muß ihnen zu verstehen geben, das; ich ohne Rücksicht auf die etwa mir persöulich drohenden Folgen im Falle einer Nichteinigung schonungslos den Staatsanwalt werde in Tätigkeit treten lassen . . . können Sie nun, mein lieber Herr Rat, die Sache nicht gewissermaßen als Privatmann in die Hand nehmen und--"
„Den Deubel werde ich, Herr!" brauste Hansemann auf, der den verwickelten Andeutungen des anderen mit inniger steigender Ungeduld gelauscht hatte. „Wie dürften Sie sich erdreisten, einem königlich preußischen Beamten mit derartigen Ungehörigkeiten zu kommen?" Er hatte seine Stimme bis zum Schreien erhoben, nun er aber das kläglich verdutzte Gesicht des anderen gewahrte, siegte auch schon wieder seine natürliche Gutmütigkeit und er brach kurz ab.
„Aber bester Herr Rat, ich kann in meinem Vorschlag nichts Ungehöriges entdecken!" meinte Selkenbach, zwischen Aergcr und Betroffenheit schwankend. „Es handelt sich nur um einen persönlichen, auch juristisch durchaus unanfechtbaren Dienst, den ich erbitten möchte und der" — \
„— der den Schurken, der eidvergessen genug wäre, ihn zu übernehmen, mit Fug und Recht ins Zuchthaus bringen würde!" donnerte der Rat, ihn fuchswild von neuem unterbrechend. „Sie übersehen nur eine Kleinigkeit . . meine Beamtenpflicht. . . doch davon wollen wir uns nicht weiter unterhalten, zumal meine Zeit gemessen ist."
Er trat zn seinem Schreibtisch und drückte auf den dort befindlichen elektrischen Klingelknopf. „Ich lasse Kommissar Thommen bitten," befahl er dem eintretenden Nuntius.
„Einen Augenblick, Herr Geheimrat," wendete er sich kühl an den mit seinem Aergcr noch immer Kämpfenden. „Doch ich sehe da einige der Unterschrift bedürfende Schriftstücke." Damit setzte er sich an Neu Schreibtisch und begann zu arbeiten. Er blickte auch kaum auf, als um weniges später ein hagerer, sich soldatisch stramm haltender Mann in schon vorgerückten Jahren, dessen verwittertes Gesicht mit dem derb vorspringenden Nasenerker und dein struppigen Bismarckbart darunter unschwer den altgedicnten preußischen Beamten erkennen ließ, den Raum betrat.
„Mein Vertreter, Kvmmissar Thonimcn — Geheimrat Selkenbach," stellte der Rat vor, ohne sich beim Unterschreiben stören zu lassen. „Falls der Herr Geheimrat eine Strafanzeige zu erstatten wünscht, so nehmen Sie diese zu Protokoll.
Gerecht fuhr Selkenbach auf. „Das liegt gar nicht in meiner Absicht," versetzte er nach Hnt und Handschuhe greifend. „Ich bedauere, zu ungelegener Zeit gekommen zu sein.
Kommissar Thommen, der sich nach eckiger Verbeugung bereits nach einem Nebentischraum verfügt und dort bereits Papier gerichtet hatte, schaute nun aus seinen wasserblauen Augen überrascht auf. Sein Vorgesetzter dagegen erhob sich unmutig von seinem Platz und ging dein sich kurzer Hand entfernen Wollenden nach. „Herr Geheimrat", versetzte er, nur gezwungen den gewohnten gleichmütigen Verkehrston beibchaltend, „ich muß Ihnen erklären, daß ich eigentlich verpflichtet bin, von Amtswegen einzuschreiten . . . schwerer Einbruchsdiebstahl zählt nicht zu den Alltagsvergehen und —" i:
Selkenbach blickte ihn hochmütig abweisend an. „Wer sagt Ihnen denn, daß bei mir eingebrochen worden ist?" fragte er frostig zurück. H
„Nun erlauben Sie einmal . . . Ihr ganzes Verhalten —" „Bitte, Sie empfingen mich sofort mit der Frage, ob in verwichener Nacht bei mir eingebrochen worden sei", siel ihm der Bankier wieder ins Wort. „Ich ließ diese Frage offen und eröffnete Ihnen, daß ich außer verschiedenen Schmucksachen gewisse Geschäftspapiere vermisse —"
„Nun, also —"
„Bitte, lassen Sie mich aussprechen. Ich sprach mit keinem .Wort von. einem Einbrüche. Möglicherweise sind die Schmuck
sachen nur verlegt ... die Papiere kann ich auf der Börse per-, loren haben..." u
Hansemann biß sich auf die Lippen; et war bleich vor Aerger in dem Bewußtsein, sich in den Augen des ihm so unsymphatischen ManueS eine Blöße gegeben zu haben. „Ich verstehe Ihre Handlungsweise nicht", erklärte er mit brüsker Offenheit „und nicht weniger verstehe ich Ihre Befürchtungen. Was kümmert die Behörde der Inhalt der Papiere? Sie werden hoffentlich nicht annehmen wollen, daß wir etwa Kapital aus Ihnen schlagen möchten — nun also!" fuhr er gemäßigter fort, als Selkenbach entschieden mit dem Kopf schüttelte. „Sollte der Einbrecher entdeckt und in seinem Besitze selche Papiere vergefunden werden, so wandern diese ohne weiteres in Ihren Verwahr zurück, sobald Sic sich als bereit gesetzmäßiger Besitzer ausgewiescn haben werden. Ob dazu eine amtliche Prüfung dieser Dokumente nötig ist, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis, da ich deren Beschaffenheit nicht kenne."
Immer stand er zuwartend, ohne von dem Geheimrat eine Antwort zu erhalten. Dieser verharrte vielmehr in augenscheinlich peinvoller Empfindung, unschlüssig, den grauen Seidenhut in seiner Hand betrachtend. Ein nervöses Zucken in den auf- einandergeprcßten Lippen und sein ruhelos das Zimmer durchwandernder Blick kündeten die hochgradige Erregung seines Innern.
Ein Pochen an der Tür lenkte die Aufmerksamkeit des Rats ab. Detektiv Walde» trat ius Zimmer; er schien in großer Eile und erregt. •
„Entschuldigen Sie mich wiederum kurze Zeit," wendete Hanse- manu sich an seinen Begleiter. „Kommissar Thommen unterrichten Sie freundlichst den .Herrn Geheimrat über den Geschäftsgang des einer Anzeige folgenden Strnfprozesscs.
Damit trat der Rat mit Walden in eine der tiefen Fensternischen des Gemaches. „Nun?" fragte er gedämpft mit. erwar- tungsvollem Blicke auf den Detektiv.
Flüsternd berichtete dieser, daß er den Provisor der As- kanischen Apotheke gesprochen habe. „Der Gehilfe, welcher in verwichener Nacht tätig war, tritt seinen Dienst erst heute abend um 8 Uhr wieder an. Ich habe ihn durch Vermittelung des Provisors für morgen vormittag 10 Uhr hierher bestellt. Immerhin hat mir der Provisor ziemlich erschöpfende Antwort geben können, zumal ihm die Verabfolgung der beträchtlichen Chloroformmenge durch den noch ziemlich jungen und unerfahrenen Gehilfen ausgefallen wart und er diesen bereits zur Rede gestellt hatte."
„Das Chloroform ist also dort verkauft worden?"
„Allerdings. Etwa um 3 Uhr früh."
„Berichten Sie,!" drängte Hansemann ungeduldig. „Der Käufer muß ein Rezept vorgezeigt haben, denn nur auf Grund eines solchen darf Chloroform verabfolgt werden."
„Nein, der Kunde rezeptierte selbst. Ich folge immer der Darstellung des ja nicht persönlich zugegen gewesenen Provisors. Er stellte sich dem aus dem Schlaf gekliugeltcn Gehilfen als Dr. Schmidt, praktischer Arzt vor —"
„Sammelname also!" brummte Hansemann trocken dazwischen.
„Er erklärte, in Charlottenburg, Kautstraße 127, zu wohnen und das Betäubungsmittel behufs Vornahme einer schleunigen Operation an einem in der Nachbarschaft der Apotheke wohnenden Patienten dringend zu benötigen. Da er die Verordnung regelrecht rezeptierte, trug der Gehilfe kein Bedenken, die von ihm geforderte Quantität zu verabfolgen. Zum Nachdenken blieb ihm ohnedies keine Zeit, da der angebliche Dr. Schmidt sich in großer Eile befand und erklärte, Leben und Tod hinge votr minutenlangem Verweilen ab. Er selbst sei erst aus einer Gesellschaft geholt worden, erklärte er ferner und wies zur Bestätigung auf seinen schwarzen Anzug. Darüber trug er einen braunen Hcrbst- paletot, sowie einen weichen, breitrandigen Filzhut, den er tief in die Stirn gedrückt hatte."
„Donnerwetter! nun wirds interessant!" knurrte der Rat wieder. „Besondere Kennzeichen: dichter, dunkler Schnurrbart, sowie fchuarrende, den Ausländer kennzeichnende Verhunzung unserer geliebten Muttersprache."
„Fehlgeraten," widersprach Walden. „Der Mann trug dunklen Vollbart und sprach ein durchaus einwandvolles Deutsch — wenigstens hat der Gehilfe dem Provisor keine derartige Wahrnehmung mitgeteilt. Er hatte auch eine Brille auf und soll überhaupt ganz und gar den unverdächtigen Eindruck eines zünftigen Aeskulc-pjüngers gemacht haben."
„So, das wird ja immer schöner! Hat der Gehilfe den vorschriftsmäßigen Eintrag gemacht? und stjmmte damit das Flaschenetikett überein?"
(Fortsetzung folgt.).


