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KeimaLÜVttst.
Man schreibt und spricht in der gegenwärtigen Zeit so viel von Heimatkünst. Die Schriftsteller, die dieses Thema mit Geschick behandeln, die lebensvolle, anschauliche, anheimelnde Bilder aus ihrer Heimat vor uns entrollen — Lei uns in Hessen sind das vornehmlich, außer dem leider so früh verstorbenen H o l z a m e r, Mfred Bock und Wilh. Karillon —, werden mit Vorliebe gelesen und sie verdanken ihre Erfolge zum Teil dem Heimwehgefühl, das uns alle von Zeit zu Zeit befällt, und das uns dann für stimmungsvolle Schilderungen aus der Heimat außerordentlich empfänglich macht.
Wenn wir von der Höhe unseres Lebens rückwärts schauen in die Tage unserer Kindheit und Jugend, so erscheint uns alles rosig verklärt und mit poetischem Zauber überhaucht. Selbst die Schmerzen und Sorgen der Kinder- jahre sind heute für uns eine Quelle süßer Erinnerungen, die ioir um nichts in der Welt in unserem Leben missen! möchten. Heinrich H a n s j a k o b, der treffliche Meister schwäb. Heimatkunst, schreibt am Schluß seiner Erinnerungen aus der Jugendzeit: „Alles, was eben in jener paradiesischen Zeit geschah, das Gute wie das Böse, alles, was man an Freude und Leid erlebt, bleibt im Alter noch vergoldet von der Morgensonne des Kiuderhimmels, und deshalb denk ich mit inniger Lust an die Jugendstreiche, aber auch — an die Jugendprügel."
Auch unsere Kinder werden einst in späteren Jahren mit ebenso inniger Lust ihrer Jugendzeit gedenken und der Heimat mit all den Lieben darin. Vater und Mutter, Geschwister und Gespielen, Vaterhaus und heimatliche Flur, alles, was heute das Paradies ihrer Kindheit ausmacht, es wird einst auch bei ihnen die schönste und liebste Lebenserinnerung sein.
Die Heimatkunst, die uns an anderen Menschen und Gegenden so sehr anspricht, wir haben sie um uns. Täglich, stündlich umwebt uns ihr holder Zauber. Das traute Heim, vom lauten Jubel unserer Kinder erfüllt, die wohlbekannten Straßen und Gassen der Stadt oder des heimatlichen Dörfleins, die Nachbarn und Freunde, Feld und Wald und Wiesengrün, Berge und Hügel und die Gewässer der hei- mischen Umgegend, die Flecken und Dörfer der Nachbarschaft mit ihren Bewohnern, die urwüchsigen Laute der heimatlichen Mundart, Sitten und Gebräuche des heimischen Vvlks- stammes, all das klingt und stimmt zusammen in herrlicher Harmonie und zeigt uns die Heimatkunst in ihrer schönsten, edelsten und unverfälschten Entfaltung.
Die richtige, natürliche Pflege der Heimatkunst ist für Unsere Kinder viel wertvoller und bereitet ihnen mehr Genuß und Vergnügen, als wenn sie, in frühreifem Dünkel erzogen, Freude und Zerstreuung, suchen müßten in den faden Unterhaltungen und dem gesellschaftlichen Zwang fo mancher moderner Abgeschmacktheiten, die man glaubt, schon dem Kinde von der frühesten Jugend an bieten zu müssen. Berthold Auerbach sagt irgendwo in seinen Volksbüchern: „Die Kinder bedürfen keines Vergnügens. Jung, gesund und sorglos sein, ist Vergnügen genug, und gerade das Bestreben der Eltern, den Kindern Unterhaltung zu bereiten, verwirrt den Kindessinn und lenkt ihn schon früh auf Zerstreuung, Amüsieren — wie man's nennt. Ich kenne Häuser, wo die Kinder am Sonntag fragen: Was fangen wir heute an? Das ist der Weg zur Verlebtheil, zum frühen, genußstumpfen Greisentum."
Jung, gesund und sorglos sollen unsere Kinder ihres Lebens sich freuen, ihrer Jugendglücks, der Paradiesesfreuden der Kindheit und Heimat. Heimatkunst sollen sie üben im wahren Sinne des Wortes, denn sie sind die genialsten H e i m a t k ü n st l e r.
Aus der Heimat kann das Kind alles machen. Wie der herrliche Heidebub Adalbert Stifters mit seiner Phantasie die einsame heimatliche §cibe bevölkerte und in seiner Armseligkeit und kindlich unschuldigen Anspruchslosigkeit in der stillen Bergheide glücklicher war als die Fürsten und Könige der Welt, so 'finden auch unsere Kinder in den heimatlichen Auen ihre reinsten und süßesten Freuden.
Gönnen wir ihnen diese köstlichen Genüsse einer unverdorbenen Heimatkünst und pflegen wir sie bei ihnen. Nicht sollen sie Sonntags, Feiertags, an Feiertagen gelangweilt und blasiert fragen: Was sangen wir heute an? Hinaus mit ihnen in die heimatlichen Fluren, dort sollen sie nach Herzenslust Heimatkünst treiben und sich Schätze süßer Jugenderinnerungen sammeln, die sie in späteren |
Jahren oftmals zurücktreiben — wenn auch nur im Geiste — an den Schauplatz ihres Kinderglücks, in die Werkstätte, die herrliche, weite, rhrer Heimatkünst. Daß sie mit Friedrich Hölderlin stets sehnsuchtsvoll der Heimat gedenken :
Du stiller Ort, in Träumen erschienst du fern Nach hoffnungslosem Tage dem Sehnenden! -
Und du, mein Haus, und ihr, Gespielen, Bäume des Hügels, ihr wohlbekannten!
Wie lang ist's, o wie lang! Des Kindes Ruh' •
Ist hin, und hin ist Jugend und Lieb' und Glück, Doch du, mein Vaterland, du heilig- Duldendes, siehe, du bist geblieben! „
Kirr Wauern-Muftum.
Nachdruck verboten.
Wer jyit den vielen Tausenden von Reisenden, die alljährlich zur Sommerzeit .über München in die Berge fahren, kennt den uralten bayerischen Herzogssitz Dachau, der über den tiefgrnncn Wassern der malerischen Amper aus einem Moränenkegel sich nahe bei München erhebt, und vermöge seiner wundeivollen Lage weithin die Ebene beherrscht? In donnerndem Flug rast der Schnellzug an diesem Orte vorüber, Ivie an den vielen anderen köstlichen Siedlungen der alten Bayernherzöge, an Landshut, Freising, Rymphenburg, Schleißheim. Durch die gewaltige Entwickelung des modernen Verkehrs sind sie beiseite geschoben worden, und die Wandlung des Geschmacks, der den Alpen huldigt, hat das ihrige dazu beigetragen, jene prächtigen Orte der Ebene aus der Liste der Wanderziele des modernen Reisestroms zu streichen.
Und doch, wie schade! Gerade diese weite, schier unendliche Hochebene mit ihren weichen, rhythmischen Hügelzügen hat ihre ganz besonderen Reize, eine eigenartige Schönheit, die eben jetzt, wenn sie die Herbstsonne vergoldet, ein feinempfindendes! Auge wohl zu fesseln vermag. Nicht umsonst wimmelt cs irt und um Dachau un!d Schleißh-eim, die eine schnurgrade prächtige Allee miteinander verbindet, von Malern und Malerinnen, die in der modernen Münchener Landschaftsmalerei die Gegend wieder zu Ehre bringen, die die in der Ferne strebende Mitwelt beinahe vergessen hat. In der Tat: Die Münchener Landschaftsschule charakterisiert — mit wenigen Ausnahmen — die Dachauer Landschaft, die in hundert und aber hundert Motiven immer wicderkchrt und ebenso eigenartig und bodenständig erscheint wie die Worpsweder. Namen wie Ludwig Dill, Adolf Hölzel, Kellcr- Reutliugeu, Hajek sind die Gipfel dieser künstlerischen Produktion, in der ein Heer von jungen Schülern und Schülerinnen umi die Palme der Anerkennung ringt. Wohin man in der^Dachauer Gegend auch wandert: mag, überall stößt man auf Staffeleien und Malschirme, auf Hügeln und Hängen, am Fluß, im Moor, vor uraltem Baumschlag, in den Gehöften und Ortschaften — cs giebt keinen Platz, der nicht einen Maler oder eine Malerin hier anlockte, keinen, der nicht auf irgeud einer Leinwand schon
verewigt worden wäre.
Dachau selbst, ein ehemals bescheidener Bauernort, der nur durch sei machtvolles Herzogsschtoß eine charakteristische^ Note besaß, ist durch die malerische Mode unserer Tage vollständig umgewandelt worden. Hier kann man so recht den mächtigen Einfluß der „Kunststadt" München auf alle Verhältnisse des Lebens wahrnehHen. Uebcrall wohin man sieht Ateliers in den Häusern: neue Häuser ohne Ateliers entstehen überhaupt nicht in Dachau. In fast jedem Kramladen werden Malfarbeü und Malutensilien verkauft, und wie gewaltig der Verbrauch derselben sein muß, lassen einige Aufschriften an Häusern öexk muten, die da lauten: „Hier werden leere Z'.mctuben ange-
kauft". „ .
Dieses Malerlebcn in Dachau und ferner Umgebung zu beobachten, bietet also viele Reize. Neuerdings aber ist in Dachau ein Museum entstanden, das neben der berühmten prächtrgen Aussicht vom Schloßgarten — man blickt über ganz München weg von der Zugspitze bis zu den Salzburger Alpen! — seines glerchen nicht hat. Das Museum verdankt seine Existenz den Malern, die wie kaum ein anderer Gelegenheit haben, mit der emgesestenen Bevölkerung in engste Berührung zu kommen, ihre Stuben und Bodeuwinkel kennen zu lernen. Und da haben sre.denn wunderbare Sachen in Mengen gefunden. Truhen und schranke haben sich ihnen geöffnet, und die köstlichen, schätze der alten Dachauer Volkskunst kamen ans Tageslicht. Die Dachauer Bauerntrachten gehörten mit zu den reichsten der batzerlschen Trachten. Noch vor zehn Jahren konnte man besonders zu den wagen des bayrischen Nationalfestes des Oktoberfestes, m den Münchener Straßen Dachauer Bäuerinnen sehen ui ihrer originellen Tracht, mit den gewaltigen Faltenröcken, der schweren Pelzhaube nnd dem silbernen Geschnür auf dem feidenen Mieder. Heute sind sie ganz verschwunden. ,
Aber in dem Dachauer Museum findet man s:e wieder, und dank dem Verständnis der Maler und ihrer Liebe mr ixe fllte Volkskunst noch viel, viel mehr. Da sieht man em vollständiges alles Dachauer Bauernhaus in seiner charakteristischen Form,


