Ausgabe 
11.9.1907
 
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durch, als sein Arbeitsfeld sich wieder weiter entfernte. Dort ist meine Sophia geboren. Ich lebte mit ihr mehrere Jahre in Pest und hatte meine Freude an dem sonnigen, lieblichen Kinde.

Sie war fast vier Jahre alt, als wir nach Dalmatien übersiedelten. In diesem österreichischen Schutzgebiete waren mehrere Forts und kleine Festungen, noch halb im Bau begriffen, von kaiserlichen Truppen besetzt. Es sollten auch wichtige Straßen ausgeführt werden. Mein Mann brachte uns direkt nach dem Süden des Landes, um einen Wohn­platz zu suchen. Wir blieben einige Zeit in dem schönen Ragusa mit seiner unvergleichlichen südländischen, oder richtiger gesagt, orientalischen Vegetation. Ich konnte nicht genug erstaimt über das wildwachsende Granaten- und Myrten-Gebüsch, über die Oleandergestrüppe, die sich an den Berghängen hinzvgen.

Es war in dieser Gegend damals schon viel größere Sicherheit als im Norden Dalmatiens, wo die militärische Besatzung noch nicht zur Unterdrückung des Räuber- unwesens genügte. Das lag teilweise darin, daß die Süd- dalmatiner ausschließlich Seeräuberei betrieben hatten, und diese auch fast mehr aus Abenteuerlust. Sie waren durch ihren Handel durchaus wohlhabend, dabei aber von einer Kühnheit und einem Wagemut, der sie immer wieder hin­austrieb zu tollsten Unternehmungen auch noch unter den Augen des Militärs, das die Küste und die vorgelager­ten Inseln besetzte, und auf dem Meere kreuzte. Dies Treiben hörte damals erst allmählich auf. Im Lande war man sicher, namentlich eine unbeschützte Frau hatte von den Eingeborenen nichts zu fürchten. Sie haben einen rechtschaffenen offenen Charakter, sehr im Gegensatz zu den nördlichen Morlaken.

In Cattaro lernte mein Mann einen tüchtigen, italie­nischen Arzt kennen, dessen Fürsorge er mich und die kleine Sophia übergab. Wir blieben bei ihm mehrere Monate, bis mein dort geborener Karl kräftig gedieh und mich nicht mehr ganz in Anspruch nahm, dann bezogen wir die von meinem Manne gekaufte Besitzung. Sie war verwil­dert wie ein Urwald, aber welch herrliche Wildnis! Der Wein rankte sich von einem Orangenbaum zum anderen, die goldenen Früchte hingen zwischen dunkelen Trauben, als müsse das so sein. Wilde Schlingpflanzen hatten die Oelbäume ganz überwuchert, verdeckten fast deren fahles Grün und zogen sich über den Boden hin, an Büschen und Baumstämmen schlangengleich sich windend. Es ist kaum glaublich, was dort aus einem Garten wird, der nur kurze Zeit ohne Pflege gelassen ist. Hier Ordnung zu schaffen war eine lohnende Arbeit, ein wahrer Genuß, diese üppige Wildheit zu bändigen. Es erstand ein herr­licher Obstgarten unter den schlichtenden Händen. Mein Mann war jedesmal entzückt, wenn er sein Paradies, wie er unser Heim nannte, wiedersah, und sich dort kurze Zeit von seiner anstrengenden Tätigkeit erholte.

Unsere Kinder wuchsen in wundervoller Freiheit heran. Mit gleicher Sicherheit bewegten sie sich bei der Arbeit im Garten, beim Klettern in den Bergen und im Leben auf dem Wasser. Und überall war Paolo, der Nachbarssohn, mit ihnen. Er war im Alter meiner Sophia, ein schöner, stolzer Knabe, von Gesichtsfarbe, Augen und Haar so dunkel, wie es seiner italienisch-dalmatinischen Herkunft entsprach. Die blonde Sophia, hell und sonnig heiter, wie er nie einen Menschen gesehen, konnte er von früher Kindheit an nur mit innigster Verehrung betrachten. Als sei sie ein höhe­res Wesen, so suchte er ihr zu dienen in einer ritterlichen Weise, die dem stattlichen Knaben gar wohl stand. Sie vergalt ihm mit herzlicher Anhänglichkeit. Der kleine Karl, den Paolo laufen und klettern gelehrt hatte, wurde früh dessen innig vertrauter Freund, da er sich geistig rasch entwickelte. Ihm wurde der große Knabe ein Lehrmeister in allen Uebungen, die dort dem tüchtigen Manne natur­gemäß sind, und ich konnte ihn auch bei gefährlichen Be­schäftigungen ohne Sorge der Obhut des ernsten Paolo überlassen. Bei dem Unterricht, den ich meinen Kindern

erteilte, war der junge Freund stets zugegen, und bemüht? sich, es den beiden gleichzutun. Regelrechte Schulstunden hielten wir nur selten, unser ganzes Zusammenleben war ein Lehren und Lernen. Während der Arbeit erzählte ich irgend etwas Interessantes, worauf wir zufällig kamen, und später lasen wir dann, daran anknüpfend, in unseren Büchern. Auch fremde Sprachen lehrte ich die Kinder erst ziemlich gut sprechen, ehe wir deren Aufbau gründlicher studierten und einprägten. Es herrschte ein reges geisti­ges Leben in unserm kleinen Kreise, uns allen zur Freude. Wie glücklich war ich, meine beiden Kinder in so schöner Ent­wickelung begriffen zu sehen!

Stundenlang während der heißen Mittagszeit und wochenlang während des Winters waren die Studien unser ganzer Lebensinhalt. Wir lebten dann im Hause, oder richtiger gesagt, meist im Keller. Da hatten wir ein großes Zimmer, dessen Wände waren mit Oelfarbe gestrichen, der Boden mit Steinplatten belegt. Ein Tisch war dort, dar­über eine Hängelampe, und ringsum standen aus Rohr geflochtene Ruhebänke. Brannte draußen die Sonne in ihrer ungebändigten südländischen Glut, dann zogen wir dunkele Vorhänge vor die niederen Fenster, die unter der Decke des Zimmers angebracht waren, und, auf den Ruhe­bänken liegend, lasen und lernten wir in der herrlichen Kühle unter der Erde.

(Fortsebung folgt.)

§ur Psychologie des Rattern lums.*)

Eins der rneistumstrittenen Probleme stellt zurzeit die Psychologie des Bauerntums dar. Es ist gewiß ein dankens­wertes Unternehmen, das Wohl und Wehe dieser Berufs­klasse weiteren Kreisen zu Gemüte zu führen. Leider wird es aber fast ausnahmslos nur von Laien geübt, welche mehr oder weniger am Ziel vorbeischießen. Wenn man die Schilderungen von Bauern liest, so wird man immer zu dem Schlußfazit kommen, daß die Bauernseele ein un­definierbares Ding ist.

Nun, definierbar wäre sie schon, man müßte sie sich nur aus dem richtigen Milieu heraus entwickeln lassen und das ist nicht immer der Fall. Wenn man die Helden vieler Bauernromane der Gegenwart an sich vorüberziehen läßt, dann kann man sich nicht verhehlen, daß diese ver­blaßten Figuren weit eher von Originalen vor etwa 3040 Jahren entlehnt zu sein scheinen mochten. Es ist ein beliebter Trick, die bäuerlichen Leidenschaften in schauer­lichen Effekten ausklingen zu lassen. Dies mag früher an­gebracht gewesen sein. Heute liegt die Sache wesentlich anders. Das persönliche Moment tritt bei dem heutigen Dauer in dem Grade hinter das generelle zurück, als die

*) Der Heer Verfasser dieses Artikels hat seine Ausführungen mit einer Zuschrift an die Redaktion begleitet, die wir für so bemerkenswert halten, daß wir sie hier gleichfalls luiebergebeit wollen. Sie lautet:

Ihre in demFörderung des geistigen Lebens auf dem Lande" betitelten Artikel in Nr- 122 Ihrer gesch. Familienblätter gegebenen Anregungen kommen den Wünschen vieler Landleute entgegen- Freilich ist das Bildungsbedürfnis! auf dem Lande noch sehr gering und ein dahingehendes Unternehmen würde in Bezug auf seine Lebensfähigkeit noch sehr in Frage gestellt sein- Wir leben eben in einer Zeit der wirtschaftlichen Kümpfe und obwohl auch der Mann aus dem Volke unter Um­ständen sehr ästhetisch veranlagt sein kann, so wird es ihm doch herzlich schwer gemacht, sich aus dem Wirrwar der elementarsten vitalen Interessen zu einer höheren geistigen Stufe zu erheben- M- E. würde cS sich empfehlen, aus den Dörfern vorerst Umschau zu halten nach Leuten aus dem Volke, welche für Bildung sozu­sagen prädestiniert sind, etwa indem man einen Artikel über eine gewisse Sache oder ein Gedicht ein fordert und die Verfasser der bestbewerten Einsendungen zu einer Konferenz zusammenzieht, welche dann darüber zu beraten hätten, welcher Art die Bildungsmirtel sein müßten, die dem Bildungsgang der Landleute angemessen wären-"

Herr Mauk gibt tuns da eine sehr dankenswerte Anregung. Wir werden es uns angelegen sein lassen!, in diesem Sinne zu wirken! und werden uns bemühen, mit ein paar der tüchtigsten Land­männer unserer Verbreitungs-Kreises diesen Vorschlag zu be­raten- . D. Red.