Ausgabe 
11.9.1907
 
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Mittwoch den 11c September

1907

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SonnengkuL,

Bon B- Hoffman m (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Ich will mit meiner Erzählung am Anfang beginnen: Meine Familie ist preußischer Herkunft, doch zogen meine Eltern früh hierher nach Mitteldeutschland. Der Vater starb bald, ich kannte ihn kaum. Meine arme Mutter war fortwährend leidend, so daß ich mit ihr ganz zurück­gezogen und still lebte und sie öfters in Bäder begleitete. Bei einem solchen Aufenthalte in Marienbad lernte ich einen jungen österreichischen Ingenieur kennen und lieben, einen stattlichen, dunkelen Mann, und verlobte mich mit ihm. Das war bald nach dem Jahre 1866, und es machte sich zwischen meinen neuen Wiener Beziehungen und meinen norddeutschen Verwandten der Mangel an Sympathie noch sehr bemerkbar. Für mich war dies ein Grund zu großer Sorge, da uun meine Mutter nicht zu überreden war, Anschluß in ihrer Heimat zu suchen, und doch wußte ich, daß sie mich nicht begleiten könne. Mein Bräutigam hatte mir schon vor der Verlobung gesagt, er würde Wohl meistens in fernen Provinzen verwendet werden, da man für diesen Dienst die kräftigsten, Leute bevorzuge. So verbrachte ich meine Brautzeit in Sorge und in der Pflege der leidenden Mutter, die immer hinfälliger wurde. Die sonst so reiz­vollen Vorbereitungen für den zukünftigen Hausstand fielen für mich weg, da ich nicht wußte, wo und unter welchen Verhältnissen ich leben würde. Das waren trübe Jahre. Dann bat mein Bräutigam die Mutter um ihre Einwilligung zur Hochzeit, er habe Aussicht auf längere Verwendung in Ungarn, und die gute Mutter, die mich vor ihrem Tode in seiner Fürsorge sehen wollte, gab mich hin. Nur noch wenige Briefe von ihr erreichten mich im fernen Lande, dann kamen Berichte aus dem Krankenhause und bald die Nachricht von ihrem Hinscheiden. Mein Besitz in der Heimat wurde durch das Gericht feftgelegt, und damit war jede Fühlung für Deutschland für mich zu Ende. Aber ich war glücklich und entbehrte nichts in meiner jungen Ehe, obgleich wir in sehr ungewöhnlichen Verhältnissen lebten.

Nach der Hochzeit hatten wir rasch nach Süd-Ängarn reisen müssen. Ein dort tätiger junger Ingenieur war um feine Versetzung eingekommen, er war den Reibereien zwischen seinen Leuten und der Bevölkerung nicht gewachsen, sie arteten in wilde Kämpfe aus. Die heißblütigen aber- fleißigen Kroaten und Italiener, die an dem Bahnbau arbeiteten- und die ebenso heißblütigen Ungarn, die ein Herrenleben führten, selbst wenn sie keinen Kreuzer in der

Tasche und kein ganzes Kleidungsstück auf dem Leibe hatten, paßten zu schlecht zueinander.

In Pest besorgten wir das notwendige für unseren primitiven Haushalt, sowie Zelte für uns und für die Arbeiter. Damit wurde ein Leiterwagen beladen, wir stiegen aus und nun ging die flotte Fahrt hinaus in das unga­rische Tiefland. Einen ganzen Tag lang fuhren wir; am Abend war das Ziel erreicht. Dort fand mein Mann seinen Vorgänger, einen zarten Mann, in einem traurigen Zustand, durch alles erlebte heruntergebracht und krankhaft erregt, so daß er ihn gleich auf unfern eben abgepackten Wagen nötigte und ihn bis zur nächsten Tanja bringen ließ, einem einsamen Hof, an dem wir vorübergekommen waren. Dem Armen war Ruhe dringend nötig.

Am nächsten Morgen ließ mein Manu die Arbeiter vor dem Dorfe zusammentreten und ging dann nut jedem einzelnen, damit die Bezahlung und völlige Loslösung von den Dorfbewohnern in Frieden erledigt wurde. Das war eine Ueberraschung für die Ungarn, daß die seither so angenehme Unterhaltung ein Ende hatte. Doch den Arbeitern machte es Freude, nun mit aller Habe hinaus- zuziehen und entfernt vom Dorfe ein Zeltlager auf­zuschlagen. Sie kochten dort ihre Nahrung selbst in einem großen Kessel auf offenem Feuer. Mit einem Händler hatte mein Mann verabredet, daß er regelmäßig alles zur Verpflegung Nötige besorge. Der Mann war eigentlich Viehhändler, nahm aber den Nebenerwerb noch gern mit. Er reiste mit großen Schafherden nach Paris.

Es war eine merkwürdige Zeit, dies Leben fern von der zivilisierten Welt unter einer Horde halbwilder Süd­länder, und doch liegt über ihr in meiner Erinnerung eine wonnevolle Wärme und Glückseligkeit gebreitet. Dort, wo man kaum etwas anderes sieht als das unendlich weite Firmament in wunderbar wechselvoller Stimmung und Erscheinung, in einer Erhabenheit, die man hier nicht kennt, war ich ganz über mich selbst hinausgehoben und genoß ein friedevolles Glück, wie sonst niemals in meinem Leben. Daß ich mich weder vor der Einsamkeit fürchtete, noch vor den wilden Gesellen, das bewirkte bie Nähe meines Mannes; seine kraftvolle Sicherheit gab mir Ruhe und imponierte seinen Untergebenen, sie gehorchten ihm gern.

Mein Mann förderte zunächst die Bahnstrecke in der Richtung nach der Stadt zu, unser Zeltlager zog langsam nach. Als wir nach Monaten so weit vorgeschritten waren, daß die Burg von Ofen sichtbar wurde, brachte er mich nach Pest. Dort wohnte ich denn, und mein Mann be­suchte mich ost, und führte das auch mittels einer Draisine