Ausgabe 
11.1.1907
 
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zier hatte, hätte zu erzählen gewußt, daß im Verlauf der­selben Tressenbergs hochmütige Gleichgültigkeit sich in die mühsam beherrschte Erregung eines tief erschütterten Men­schen gewandelt hatte. Mer der Oberst war Junggeselle und vertraute es keiner mitfühlenden Frau an, die bereit gewesen wäre, daraufhin eine Lanze für den Angefein- oeten zu brechen, den ein längerer Urlaub vorläufig aus dem Bereich der scharfen Richterzungen entführte. @r reiste ab an demselben Morgen, als man die junge Selbstmörderin in grellem Kontrast zu ihrem blumenüberschütteten Sarge ohne Sang und Klang tut der Kirchhofsmauer einsenkte.

V.

Eine kalte Wintersonne strahlte, durch keilte modernen Stores behindert, in das große Speisezimmer des Loßwitzer Schlosses. Sie beleuchtete erbarmungslos jede schadhafte Stelle der mit stark nachgedunkelter Eichentäfelung verklei­deten Wände, in denen oer Holzwurm sein langsames Zer­störungswerk trieb unb zeigte an der gewölbten Decke ver­blichene, buntfarbige Malereien. Auf dem riesigen, glänzend gebahnten Elchenbüfett aber blitzte reiches Silbergeschirr, em geräumiger Kredenztisch trug die silberne Teemaschilte unter deren funkelndem Kessel ein blaues Flämmchen emporleckte. Der junge Diener in seiner einfachen, blauen Livree stand daneben und wartete, bis das Zischen des kochenden Wassers ihm das Signal zum Füllen der Tassen geben würde.

An dem schweren Eichentische, über dem von der Decke ein Kronleuchter aus Hirschgeweihen herabhing, hatte der alte Freiherr mit Frau und Tochter bereits Platz genommen. Es schien jedoch noch jemand zu fehlen, wenigstens wanderte des Freiherr« Blick unter gerunzelten Brauen öfter nach der Tür und Frau Hedwig spielte in nervöser Ungeduld mit einem silbernen Löffel. Marga starrte sehnsüchtig, die vollen Lippen leicht geöffnet, in die reifglitzernde Pracht der regungslos gegen den blauen Himmel sich abhebenden Parkbäume.

Da tönte endlich vom Flnr her lebhaftes Sprechen, das ungenierte Auflachcit einer kräftigen Männerstimme die Tür wurde sehr rasch geöffnet und die auf Weihnachtsurlaub aitwescnden Söhne betraten beide int Jagdanzuge das Zimmer.

Ah, Ihr seid schon wieder zur Stelle I* sagte der ältere unbefangen.Wir bitten um Entschuldigung, wir haben uns mit dem Oberinspektor aufgehalten, den ich einlud, sich unserer Jagdstreife anzuschließen und außerdem müssen wir denn wirklich so pünktlich sein? Es ist einem doch zu gönnen, mal eine kurze Zeit lang nicht so strenge nach der Uhr zu leben. Hier ist Essen doch kein Dienst, wie unser Sechsuhr­diner im Kasino. Ihr hättet immer ohne nns aufangen sollen."

Du weißt doch, Dietz, daß der Pater cs durchaus nicht liebt, ivcnn die Familie beim Essen nicht vollzählig versammelt ist!" warf" die Freifrau, leisen Tadel im Ton, ein. Dietrich wandte sich nach dem Bruder zurück.

Na, denn los mit der Familiensimpeleil" lachte er, nur diesem verständlich, und verdrehte resigniert die lustigen Augen. .

Dann begrüßte er den grämlichen Freiherrn mit kräftigem Handschlag, beugte sich über die Rechte der Mütter- und küßte die junge Schwester herzlich. Er hatte etwas so lärmendes, lebhaftes in seiner Art, sich zu geben, daß der jüngere Bruder neben ihm völlig in den Hintergrund trat. Man begrüßte ihn nur flüchtig und er setzle sich ruhig an die Seite der Schwester, während Dietrich sich mit dem Vorrecht des Ma- joratserb.cn und Lieblingssohnes neben deut alten Freiherr« niederließ.

Aeußerlich war er dessen verjüngtes Ebenbild, der echte Nachkomme der Tressenbergs, groß, breitschultrig gebaut, mit starken Gesichtszügen, lebhafte« Farben, leicht gelocktem blon­den Haar und lichtblauen Augen. Auch sonst war er ganz «ach dem Herzen des Vaters geraten. Soldat mit Leib und Seele, dabei doch das stark ausgeprägte Bewußtsein des künftigen Großgrundbesitzers zur Schau tragend, ein liebens­würdiger Gesellschafter Und allgemein beliebt, verstand er seinen Leichtsinn, einen Hauptzug seines Charakters, geschickt, besonders vor dem Vater zu verbergen. Zur Zeit saß er

auch wieder stark in der Klemme, aber da hatte ihn Joachim vorhin zufällig auf eilte famose Idee gebracht, die er sofort in die Tat nmsetzen wollte.

Nachdem Marga die gefüllten Tassen aus den Händen des Dieners jedem einzelnen zugereicht hatte und der junge Mensch aus einen Wink der Hausfrau verschwunden war, begann Dietz lebhaft:

Weißt du, Papa, da hab' ich mir gestern die Stute von der ,Dilletantin' stammend, angesehen ein superbes Vieh geworden, Temperament, Nasse drinn ich hoffe stark, daß du mir das Pferd noch als nachträgliches Weihnachts­geschenk spendieren wirst."

Joachim blickte aufhorcheud zu dem Sprecher hinüber und biß dann die Lippen zusammen.

Des Freiherrn Züge verfinsterten sich,

Wozu brauchst du schon wieder ein Pferd?" brummte er,hast du an vieren nicht schon mehr als genug?"

Tietz schlug die Augen anklagend gen Himmel.

Ja, wen« ich nur noch viere hätte!" sagte er leicht zögernd,ich hab' halt ein scheußliches Pech mit meinen Gäulen, was kann ich dafür? Der ,Othello' ist mir nach dem Manöver total nicdergebrochen und ich war froh, daß ich ihn vor sechs Wochen endlich, natürlich um ein Lumpengeld, los wurde."

Er dachte mit heimlichem Amüsement an die 2000 Mark, die er für den Rappen eingestrichen hatte. Gut, daß der Alte sich aus seinem Ban nicht herausrührte und es nicht durch einen Zufall erfahre« konnte. DieLenka" verkaufte er natürlich auch, sobald er einen Käufer für sie fand.

Die Nachricht von des Sohnes Pech beantwortete der Freiherr nur mit Stirnrunzeln und einem unverständlichen Gemurmel der Mißbilligung.

Also ich bekomme die ,Lenka', Vater?" fragte Dietz unverfroren und biß mit seinen gesunden weißen Zähnen in eine Schinkensemmel.

Nichts bekommst du!" warf der Freiherr unwirsch ein, könnt Ihr denn alle zusammen nichts anderes, als mir Geld aus der Tasche ziehen?"

9io, na, wer redet denn von Geld? Ich will ja nur ein Pferd".

Nur ein Pferd!"

Der Alte wollte tvütend auffahren, aber an Stelle dessen verzerrte sich sein Gesicht zu einem ungewollten Lächeln.

Die Freifrau benutzte diese Schwächeanwandlung.

Nun, so gib ihm doch das Pferd, Georg!" sagte sie mit einer Wärme im Ton, die zu wecken sich auch nur der älteste Sohn rühmen konnte.Die ,Lenka' wird doch nur von den Stalleute« geritten und frißt ganz unnötig viel Hafer."

Nun eben!" Dietrichs Mundwinkel umzuckte der Schalk, denke doch, Vater, wie viel Liter Hafer du täglich ersparst, wenn die ,Lenka' in meinem Stalle steht".

Ach, laß mich mit deine« faulen Witzen in Ruh!" warf der Alte wütend ein. Aber in seinem Gesicht las man, daß er schon halb besiegt war. Sie wußten es alle, Dietz hatte ein eigenes Talent, alles bei dem Vater zu erreichen. Er verdarb seine Sache nicht durch weiteres Bitten, er kam viel weiter, indem er gleichmütig und sehr liebenswürdig sagte:

Na, denn nicht es geht auch auf drei Beinen."

Dann bat er die Schwester noch um eine zweite Tasse Tee.

Joachim hatte den Nest seiner ersten stehen lassen. Er trug einen finsteren, verbitterten Ausdruck im Gelicht, den er beim Eintreten noch nicht gehabt. Die Schwester musterte ihn einmal fragend, ober als er keine Notiz davon nahm, widmete sie ihre Aufmerksamkeit dem älteren Bruder.

Aus eine Handbewegung der Freifrau hin erhoben sich die beiden Söhne bald darauf, Dietz sehr geräuschvoll, indem et sich mit feinen lebhaften Bewegungen der Schwester zu­wandte und sie gutmütig aus die Wange klopfte:

Siehst blaß aus, Kleine I" meinte er.Kommst sicher zu wenig an die Luft. Weißt du was? Setz dich dann aus