Ausgabe 
11.1.1907
 
Einzelbild herunterladen

23

den Schlitten und hole uns beim Tannenbruch ab, die Mutter hat sicher nichts dagegen."

Die Freifrau, des Sohnes Worte hörend, nickte gnädig Gewährung.

Mit freudig glänzenden Augen faßte Marga nach des Bruders Hand.

O, Dietz, ich danke dir!" sagte sie fast aufgeregt.

Na, keine Ursache."

Dietz bot dem Vater die Hand zum Abschied.

Adjes, Alterchen, hoffentlich hast du bis zu unserer Rückkehr ausgebrummt."

Und lachend folgte er dem vorangehenden Bruder.

Marga trat ans Fenster und sah den Brüdern nach, wie sie mit dein Oberinspektor über den Hof schritten.

Als sie hinter der großen Scheune verschwunden waren, verließ sie ihre» Platz und wollte soeben das Zimmer durch­schreiten, um der Mutter in die Wirtschaftsräume zu folgen, als der Diener eintrat und die verschlossene Posimappe vor den Freiherrn niederlegte. Dieser setzte seine Pfeife beiseite und öffnete die Mappe,

Tas junge Mädchen war zögernd stehen geblieben, um nach beut Inhalt zu spähen. Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht, der Freiherr schob ihr ein schmales, großes Kuvert hin und schüttelte mißbilligend den Kopf, als die Tochter mit einem Freudenlaut darauf zustürzte.

Sie hatte Hanna Kronaus große, moderne Schriftzüge erkannt.

Ihren Bries wie einen kostbaren Schatz ans Herz drückend, eilte sie aus dem Zimmer und flog nach ihrem Turmstübchen hinauf.

(Fortsetzung folgt.)

Einem neuen Sedan entgegen!"

Mit diesem Alarmruf hat kurz vor Weihnachten in Paris der Schwiegersohn Bonlangers, Major Driant, in einer Kampfschrift seine Landsleute aufgerüttelt und Aufsehen erregt. Schon jetzt liegt die autorisierte Uebersetzung dieses auch für uns Deutsche wertvollen Werkes vor, das im Verlag von Gerhard Stalling in Oldenburg erschien.

Das Buch ist mit einem Bilde des Kaisers bei der Manöver­kritik, im Umhang und mit dem Feldmarschallstab, geschmückt. Es bringt bedeutungsvolle Vergleiche unb Ausschlüsse über die Ver­hältnisse bei unseren westlichen Nachbarn und uns. In Paris hat dieser Warnungsruf trotz bitterer Wahrheiten einen bei­spiellosen Erfolg gehabt in den erstell 10 Tagen würben 20 000 Exemplare der Schrift verkauft, und es ist wahrschein­lich, daß auf Grund dieses Angriffs das Thema dort jetzt nicht mehr zur Ruhe kommen wird.

Major Driant will Frankreich davor behüten, zu gunsten englischer Interessen sich in einen Kampf mit Deutschland einzu- lasseu, der nach allem, was er von den beiderseitigen Armeen gesehen und kennen gelernt hat, für Frankreich verderblich fein muß.

Aber nicht hierin allein liegt der Wert des Buches für uns. Noch mehr interessiert uns die von Bewunderung getragene, warme Schilderung des Wirkens unseres Kaisers, sowie die Beurteilung des deutschen Heeres, das der Verfasser während der vorjährigell Kaisermanöver in Schlesien kennen zu lernen Gelegenheit hatte.

Der Verfasser deckt Frankreichs beginneilde Zerrüttung der Armee auf, und geht schonungslos mit dem General Andre und dem Ministerpräsidenten Clemeneeall ins Gericht.

Um einen Eindruck von dem Charakter dieses Buches zu geben, veröffentlichen wir hier mit Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung einen kurzen Abschnitt aus dem Schlußkapitel, wie folgt:

Und Ihr Franzosen, die Ihr Euch durch blendende Phrasen täuschen laßt, während man sich anderswo zu großen Taten rüstet, vergegenwärtigt Euch den großen Tag, der über das Schicksal Frankreichs entscheiden wird. Ich will ihn Euch schildern, die Ihr Euch auf jeden Fall die Ohren verstopfen wollt oder Euch kind­licher Weise einbildet, es werde ein unbekannter Schutzengel plötzlich austauchen, mit unserem obersten Führer im gewünschten Augenblick die erlösende Eingebung einzuflößen.

Es ist am sechsten oder siebenten Schlachttage. Von beiden

Seiten sind alle nur irgend verfügbaren Kräfte zum Entscheidungs­kampf herangeführt worden. Eine Million Menschen, 2000 Ge­schütze auf jeder Seite.

Aber auf französischer Seite haben schon zahlreiche Desertionen die Reihet: gelichtet; unheilverkündende Losungsworte raunt man sich in bei: dezimierten Regimentern zu. Mit Mißtrauen blicken unsere Soldaten in den zahllosen Lausgräben, in denen sie den letzten Ansturm des Gegners erwarten, aus ihre Generale, die unsicheren und finsteren Blicks an ihnen vorübergehen.

Hat man diesen Soldaten nicht erzählt, daß sie wie 1870 verraten worden sind? Habet: tücht Zeitungen, die aus nner- klärliche Weise in die Biwaksplätze eingeschmuggelt wurden, ihnen mitgeteilt, daß die Revolution in Paris nach Willkür herrsche, daß sie in Brest, Lorient, Roubaix und Limoges gesiegt habe, daß sich die Landbevölkerung im hellste:: Aufruhr befinde?

Jedesmal, wenn eine Tragbahre mit einem röchelnden Ver­wundeten vorbeigetragen wird, blicken diese Menschen, betten man seit mehreren Jahren nur den Kultus des Wohllebens und det: Genuß des Augenblicks gepredigt hat, mit dem Zittern eines furchtsamen Tieres auf ihren Kameraden, dem sie vielleicht in jedem Augenblicke folgen können. Sie möchtet: diesen Laufgräben entfliehen, die ihnen vielleicht als gemeinsames Grab dienen werden.

Und da diese Truppen keine Ideale mehr besitzen, so sind sie nahe daran, zur Herde zu werden. Da kein Name in den Seele:: der Kämpfer lebt, der ihnen Vertrauen einflößen und sie in dieser höchsten Stunde begeistern könnte, so richten sich ihre Blicke hartnäckig nach rückwärts auf das rettende Tal. Dorthin wird man sich vielleicht drücken können, iveun der große Ansturm erfolgt.

Und die unruhigen Augen suchen sich gegenseitig, während dort drüben, aus den gegenüberliegenden fernen Hügeln der Kanonen­donner ohne Unterbrechung die Lust über ihren Häuptern erzittern macht.

Dort drüben weiß man zu befehlen; jedermann kennt ihn, den germanischen Cäsar; seit zwanzig Jahren hat er gelehrt, begeistert, und aus das, was not tut, unermüdlich hiugewiesen.

Seit 20 Jahren hat er zn seinen: Volke von dem Gott der Schlachte:: gesprochen, von den Pflichten des Soldaten, vom Heile des großen Deutschen Reiches.

Und fein souveräner Wille allein herrscht aus dem ungeheuren Schlachtfelde. Sein Wille treibt die Massen vorwärts, deren Bewegung man in den Taleinschnitten, bei: düsteren Wälder:: ahnt und die sich mit unbestimmtem fernen Geräusch zur Umzingelung zusammenschließen.

Er ist der Feldherr, der befehligt, ihm gehorcht man. Und hinter ihm steht das ganze arbeitsame Deutschland wie ein Mann, bereit zu neuen Anstrengungen, wenn er sie fordert. Bebels Sozialdemokraten liegen mit in den Reihen, bei: Finger am Abzug, und auch sie denken an nichts anderes als an das Heil des Vaterlandes. Die zehn Milliarden Kriegskontribution, die Frankreich wird zahlen müssen, werbe:: ihnen eine bessere Hülfe fein, als die sozialistischen Hirngespinste, mit denen sie sich noch am Tage vorher genährt haben. Und die ganze Anstrengung dieser Nation, für die der Krieg immer das oberste Handwerk war, richtet sich nur auf den Siegesgedanken des kommenden Tages.

Der Abend bricht über die beiden Armeen herein; die Lebens­mittel bleiben ans, es wird kalt; man muß wachen, den:: jetzt sind Nachtangriffe gang und gäbe .... Und die deutschen Korps setzen ihren Vormarsch auch in der Finsternis fort, die Einschließung z:: vollenden.

Der Tag dämmert, die Morgenröte des achten Tages steigt herauf. Die Erschlaffung hat ihren Höhepunkt erreicht, die Spann­kraft der Nerven ist erschöpft. Eine heroische Aufwallung sonder­gleichen, deren.unsere Väter noch fähig waren, wäre für den Augenblick nötig, der jetzt herannaht. Aber von solche:: Dingen lernt man heutzutage nichts mehr in den französischen Schulen.

Bleibt uns weg mit diesen sogenannten Helden von einst­mals, die sich für eine Lappalie abschlachten ließen! Wie albern!"

Das sagen heute Frankreichs Lehrer, die sich ihr Losungsivort in: Groß-Orient holen!

Und wenn dann der Kanonendonner von neuem erschallt/ diesmal in der rechten Flanke, und der Soldat sich umgangen, fühlt, dann läuft, von den Herveisten, die noch nicht geflohen sind, verbreitet, das verhängnisvolle Wort durch die Reiheu:

Rette sich wer kann!

Dann ist der Zusammenbruch da!

Und diesen wird kein Zola mehr beschreiben, da es nicht mehr nötig sein wird, das französische Volk des letzten Restes.