Areitag den 11. Januar
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Wenschenleöen, die lugen«
Roman von H. Ehrhardt, Verfasserin von „Mittellose Mädchen". Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Aus dem matt hängenden Tafelstranß stahl sich der süßliche, intensive Tust sterbender Tuberosen und mischte sich »mit dem aufdringlichen Parfüm, das den Kleidern der Ersten Liebhaberin, einer großen, stark geschminkten Blondine, entströmte.
Tressenbergs Nerven sogen all den Tust, die Schwüle tzierig in sich auf, wie ein betäubendes Opiat. Die krankhafte Liebessehnsucht seines Herzens wandelte sich in ein heißes Begehren nach dem jungen, blühenden Geschöpf, dessen gestammelte Liebesworte in fernen Ohren klangen. Er beugte ich plötzlich über das glühende Antlitz der Kleinen und wollte ie küssen. Da fuhr diese zurück.
„Nicht, nicht!" wehrte sie und in ihren leichtsinnigen Augen war auf einmal ein rätselhaft weicher Ausdruck. Er Musterte sie in spöttischem Erstaunen.
„Warum plötzlich so spröde, kleine Naive?"
„Ach, nicht hier vor den anderen!" flüsterte sie.
„Also bei mir?"
Sie nickte und die ganze zügellose Wildheit ihrer Natur lag in ihrem Blick. —--
Ein eigentümliches Verhältnis entspann sich zwischen dem jungen Offizier und der kleinen Schauspielerin. Sie hing an" ihm mit der ungestümen und zugleich demütigen Liebe eines treuen Hundes, es war das erste echte Gefühl, das dem lockeren Boden ihres heißen Herzens entsprossen war und wofür ihr zügelloses Temperament keine Grenzen kannte. Won seiner Seite war das Herz nur sehr gering beteiligt. Ihm war sie nicht mehr als ein Betäubungsmittel für sein unbefriedigtes Sehnen, eine flüchtige, einer momentanen Versuchung entsprungene Liebelei, deren Ende 'er mit Erleichterung nahen sah. Ihre wilde Leidenschaft wirkte schließlich direkt abstoßend aus ihn.
Im Theater spielte sie nur noch für ihn. Das ganze Publikum wußte natürlich um das Verhältnis, in dem sie zu ihm stand. Man steckte die Köpfe zusammen, flüsterte, sah nach ihm hin.
Er tat sehr gleichgültig. Nur, wenn er Isa Bauer heiter mit den Kameraden plaudern sah, preßten sich seine Lippen herb zusammen und das Herz brannte ihm vor Scham. Er hatte nie wieder seit jenem verhängnisvollen Abend den Mut gehabt, in ihre reinen Mädchenaugen zu blicken. Einmal, nach einem besonders auffallenden Liebesblick der kleinen Schauspielerin, wandte Isa den Kopf nach ihm und etwas wie Hochmut und Ekel zugleich überflog ihr anziehendes Gesicht. Ehe er grüßen konnte, hatte sie sich wieder weggewandt. Es war ihm, als habe er seinen guten Engel verlorem Er kam nachdem nie mehr, wenn die kleine Naive spielte, die geringe Macht, welche das Wech tu ihr über ihn besessen, war völlig geschwunden.
So nahte Weihnachten und der Abschied. Sie weinte herzbrechend, als sie zum letzten Male an seinem Halse hing, während er über die rührende Abschiedsszene spöttelte, welche sicher nicht die. erste in ihrem Leben war und nicht die letzte sein würde. Und doch mutete ihn ihr wilder Schmerz, der zügellos, wie alles an ihr hervorbrach, wohltuend an. Er hatte so wenig Liebe genossen in seinem Leben, daß er ein gewisses Glück empfand in dem Bewußtsein, daß er fähig war, ein solches Gefühl zu erwecken.
In zufriedener Stimmung begab er sich zur Ruhe.
Als er am nächsten Morgen, aus schwerem Schlafe aufwachend, in das verstörte Gesicht seines Burschen sah, erschrak er.
„Was gibts?" fragte er, von einer unheimlichen Ahnung gepackt.
Und stotternd und befangen berichtete der seinem Leutnant treu ergebene Mensch, daß die kleine Schauspielerin sich noch in der Nacht die Pulsadern ausgeschnitten habe und heute früh in ihrem Blute schwimmend, tot auf gefunden worden war. Ein Brief mit seiner Adresse, den man im selben Moment brachte, enthielt die Worte:
„Tn hast mich nicht länger in Deiner Nähe dulden wollen, weil Tu mich nicht geliebt hast, wie ich Dich Aber ich ziehe den Tod einem Leben ohne Dich vor."
Mit knirschenden Zähnen zerriß er das weiße Blatt. Mitleid und Zorn in seiner Brust vereinend, begab er sich nach der Kaserne.
Auf den Straßen folgte ihm wie ein Gespenst die sensationslüsterne Neugier; die ganze Stadt war ja bereits unterrichtet von dem unfaßlichen, entsetzlichen, daß die reizende, junge Naive, deren Anmut und temperamentvolles Spiel alle Herzen gewonnen, sich wegen des hochmütigen Leutnant von Tressenberg das Leben genommen hatte.
Tie Sympathien des Volkes und der Frauen waren natürlich auf ihrer Seite. Blumen häuften fid) um ihren schmucklosen Sarg, selbst vornehme Frauen verschmähten es nicht, an die Leiche der jungen Selbstmörderin zu treten. Und im Angesicht der bleichen Toten nannte man den Mann, den sie auf ihre Weise so heiß geliebt, einen gewissenlosen Verführer, ihren Mörder.
Die Herren, welche die Entstehung dieses unheilvollen Verhältnisses mit an gefeiten hatten, bedauerten ihn „auf ihre Art. Sehr viel übrig hatte keiner für ihn, sie wußten felbst nicht recht, warum eigentlich. Aber das war nun doch Pech.
Was in ihm vor ging, erfuhr niemand. . Er zeigte dasselbe kühle, verschlossene Gesicht wie stets und erwiderte auf die Frage eines vorlauten Kameraden, wie ihnr denn eigentlich zu Mute sei, mit den leichtherzigen Worten aus dem „goldenen Kreuz":
„Je nun, man trägt, was man nicht ändern kann." Nur der Regiments komm and eur Graf Strehlau, ein ebenfo strenger Vorgesetzter wie wohlwollender Mensch, der eine längere private Unterredung mit seinem jüngsten Offi-


